U. Lehmkuhl u. a. (Hrsg.): Amerika - Amerikas

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Titel
Amerika - Amerikas. Zur Geschichte eines Namens von 1507 bis zur Gegenwart


Herausgeber
Lehmkuhl, Ursula; Rinke, Stefan
Erschienen
Anzahl Seiten
S. 250
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Dorsch, Lehrstuhl für Lateinamerikanische und Südwesteuropäische Geschichte, Universitaet Erfurt

Die Wahl Barack Obamas löste in vielen Teilen der Welt eine neue Amerikabegeisterung aus. Der Begriff „Amerika“ scheint die historisch gewachsene Konnotation als Hoffnungsbegriff ein Stück weit zurückgewinnen zu können. Primäres Ziel des rezensierten Sammelbandes war die Auseinandersetzung mit dem Amerikabegriff 500 Jahre nach seiner Ersterwähnung in der Cosmographiae Introductio von Matthias Ringmann und der beigefügten, heute bekannteren Globussegmentkarte von Martin Waldseemüller. Freilich ist dies keine neuartige, aber doch immer wieder lohnende Zielsetzung, zumal wenn wie hier (zumindest partiell) neue Perspektiven aufgeworfen bzw. in zugespitzter Form präsentiert werden. Wissenschaftspolitisch begründet das Vorwort die Wiederaufnahme der Diskussionen im Umfeld des Jubiläumsjahres 1992 darüber hinaus mit dem Ziel, die neuen „kulturhistorischen Ansätze“ zu dokumentieren, die seitdem „die Geschichtsschreibung von innen heraus ... verändert“ (S. 8) haben. Dieses Ziel wird, um es vorwegzunehmen, nicht erreicht. Trotzdem – oder gerade deswegen? – erhält der Band einige lesenswerte Beiträge. Der Band ist das Ergebnis einer Ringvorlesung im Sommersemester 2007 an der FU Berlin, organisiert von Stefan Rinke und Ursula Lehmkuhl.

Stefan Rinke kontextualisiert und historisiert in einem einleitenden Aufsatz den Akt der Namensgebung durch die beiden erwähnten „Taufscheine“, wobei der Waldseemüller’schen Karte wohl immer noch zu viel Bedeutung zugemessen wird.[1] Er beschreibt konzise zentrale Entwicklungen, angefangen bei den Kosmographien des Mittelalters über die Wiederentdeckung antiken kartographischen Wissens und die Erweiterung geographischer Kenntnisse bis hin zu veränderten geo-politischen Konstellationen im 15. Jahrhundert, die Karten zu einem zentralen Machtinstrument werden ließen. Die Cosmographiae Introductio schreibt sich einerseits in diesen Kontext ein, weist aber damit, dass sie die neu entdeckten Gebiete im Westen als eigenständigen Erdteil ausweist und sie zudem als „America“ betitelt, darüber hinaus. Den Siegeszug dieses Namens schreibt Rinke der größeren Verbreitung der Berichte von Amerigo Vespucci im Vergleich zu denen von Christopher Kolumbus zu: Dieser hatte es geschafft, bildliche Vorstellungen der Neuen Welt (Kannibalismus, frivole Sexualpraktiken) zu evozieren. Auch wenn der Name lange nicht alternativlos blieb, setzte er sich, wie Rinke überzeugend schließt, durch, da er eine offensichtlich überzeugendere Interpretation dieses ungeheuerlich Neuen vorlegte.

Diese Interpretation stellt Hans-Joachim König in seinem Beitrag explizit anderen frühen Amerikabildern gegenüber, insbesondere denjenigen von Kolumbus. Er versteht Bilder als „unentbehrliche orientierende Hilfsmittel“ (S. 33), die das Verhältnis von eigen und fremd zu strukturieren helfen. In den ereignisgeschichtlich fundierten Ausführungen analysiert König das grundsätzlich positive, fast utopische Bild, das Kolumbus von der neuen Welt und seinen Bewohnern zeichnet, begründet nicht zuletzt mit der Interessenlage des Autors. Allerdings konnte sich diese Interpretation – ähnlich wie spätere von den indigenen Hochkulturen – in der entstehenden europäischen Öffentlichkeit nicht gegen das „reißerische Bild vom Menschenfresser“ (S. 56) von Vespucci behaupten, und das selbst in Gesellschaften, die wie die mitteleuropäischen keine Legitimation für bestimmte Handlungen aus diesen Bildern zogen. Die „sich im Unterschied manifestierende Inferiorität der amerikanischen Kulturen“ (S. 61) stand zur Legitimation der Europäisierung Amerikas bei der Bebilderung im Vordergrund.

Wie die beiden vorherigen Beiträge geht auch derjenige von Dagmar Bechtloff zunächst auf den antik-mittelalterlich-frühneuzeitlichen Kontext der Waldseemüllerkarte ein. Sie konstatiert dann viele Parallelen der amerikanischen Kartenproduktion, insbesondere zu derjenigen des neu-spanischen Universalgelehrten Carlos de Sigüenza y Góngora im 17. Jahrhundert, beispielsweise bezüglich des Interesses an einer Zeit-Raum-Verortung und dem Weiterbestehen legendärer Facetten. Die Konstruktion einer Americanidad macht sie hingegen als „neue[n] Aspekt“ der „Diskussion um Zeit und Raum“ (S. 82) aus. Ihre Hauptthese – „die europäische Weltsicht änderte sich durch die Entdeckungen in der westlichen Hemisphäre nicht“ (S. 84) – begründet sie (wenig überzeugend) damit, dass viele Traditionen auch nach 1492 weiterlebten.

In seinem zweiten Beitrag geht Rinke auf die Ausdifferenzierung des Amerikabildes im Zeitalter der atlantischen Revolutionen ein und damit auf die Frage, warum seit Mitte des 19. Jahrhunderts die USA mit dem positiven Amerikabegriff der Hoffnung, „Lateinamerika“ aber mit Stillstand etc. gleichgesetzt waren. Gegenüber der Verwissenschaftlichung alter Stereotypen, namentlich durch Buffon, de Pauw und Robertson sowie später durch Herder, Kant und Hegel, konstatiert er noch ähnliche, „patriotische“ Reaktionen in den Amerikas. Mit ihrer Unabhängigkeit setzten die USA dann Standards, die in der gesamten (atlantischen) Welt als zukunftsweisend verstanden wurden. Einen wichtigen Beitrag, so Rinke, leistete hierzu die weite Verbreitung US-amerikanischer Publizistik (Paine, Jefferson). Zu betonen wäre allerdings daneben noch stärker, dass die USA anders als die jungen Staaten im Süden zu Beginn ihrer Unabhängigkeit ein deutlich förderlicheres internationales Handelsumfeld genossen, das ihre wirtschaftliche Prosperität – und damit politische Stabilität – grundlegte.

Winfried Fluck verdeutlicht in seinem Beitrag das in der Exzeptionalismusidee angelegte „utopische Versprechen 'Amerikas'“. Er stellt dabei auf die mit der amerikanischen Natur ab dem 18. Jahrhundert verbundenen Paradiesvorstellungen ab sowie vor allem auf die mehr als 100 utopischen Kommunen zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Etwas überraschend fällt dann das Fazit aus, dass es beim utopischen Versprechen Amerikas gar nicht um die in diesen Beispielen vorrangig behandelten Möglichkeiten eines kommunitären Neuanfangs ging, sondern vielmehr um das von Tocqueville prominent gemachte Versprechen „individueller Selbstentfaltung“ (S. 128f.).

Ursula Prutsch zeichnet die inneramerikanischen Beziehungen zwischen mexikanisch-amerikanischem Krieg (1846-1848) und Weltwirtschaftskrise nach. Die Zeit ist geprägt durch ein intensives Vordringen der USA gen Süden und durch Selbstverständigungsversuche. Letztere oszillierten, so Prutsch, zwischen panlateinischen, an Frankreich orientierten Tendenzen und panamerikanischen (und anti-europäischen), meist von den USA angeführten Bestrebungen, bei denen jene häufig von Brasilien unterstützt wurden. Ein analytischer Mehrwert wird weder daraus gezogen noch aus der durchaus aussagekräftigen These, dass die lateinamerikanischen Eliten – hier wie in vielen anderen Beiträgen handelt es sich meist stillschweigend um Elitenstudien – betonen, dass die Indigenen schuld an ihrem (vermeintlichen) Rückstand haben.

Norbert Finzsch stellt die Bedeutung von Du Bois' Werk für das, was Afroamerikaner im 19. und 20. Jahrhundert als Amerika verstanden, in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Im Unterschied zu den meisten anderen Beiträgen verwendet er für das Anwachsen des Black nationalism mit einer immer stärkeren Betonung gemeinsamer afrikanischer Wurzeln (Ethiopianism, Exodusbewegung, Garveyism bzw. bis zu einem gewissen Grad die Harlem Renaissance) auch Texte jenseits der Höhenkammliteratur. Bei Du Bois konstatiert Finzsch hingegen einen Bewusstseinswandel vom „Afroamerikaner, mit einem gespaltenen, entfremdeten Bewusstsein ... zu einem Verfechter antirassistischer Positionen“ (S. 168), nationale Tendenzen negierend – welche Bedeutung das für die African Americans hatte, bleibt dann jedoch offen.

Im Beitrag von Jürgen Buchenau geht es um den Bedeutungswandel des Amerikabegriffs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und damit zunächst nochmals (siehe oben) um den US-Versuch der Ausbildung eines „New Empire“ und um spanischamerikanische Gegenprojekte. Danach beschreibt er das Umdenken der USA unter der wachsenden Bedrohung europäischer und asiatischer Faschismen, welche über Good Neighbor Policy hin zur Ausbildung einer amerikanischen Friedenshemisphäre und 1948 zur Gründung der Organization of American States (OAS) führte. Im Kalten Krieg verlor dieses Konzept jedoch schnell an Bedeutung.

Marianne Braig fragt in ihrem Beitrag danach, wo Mexiko politisch, kulturell, geographisch in Amerika liegt und geht auf die verschiedenartigen Grenzen und Grenzräume zu den USA ein. Diese werden nach Braig spätestens seit der Unabhängigkeit 1821 zum wichtiger werdenden Referenzort der Verortung Mexikos. Im Fokus des Aufsatzes steht dabei die zunehmende wirtschafts- und militärpolitische Integration nach „Nordamerika“ (NAFTA, Mexiko als Grenzraum gegen den Süden etc.) am Ende des 20. Jahrhunderts, die quasi als Beiprodukt auf verschiedene Weise zu einer „Transnationalisierung der sozialen Welt“ (Ludger Pries) führte. Die hier am Schluss unter den Aspekten Migration, Evangelikale und Produktpiraterie eingenommene Alltagsperspektive kommt in den anderen Beiträgen des Sammelbandes (leider) zu kurz, und gibt hier einen Einblick in die „neue[n] mentale[n] Landkarten“ (S. 203).

Aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive knüpft Anja Bradau an die Untersuchung von Grenzräumen an und legt den Fokus zunächst auf den karibischen Raum. Dessen „Laborcharakter“ (208) begründet sie gekonnt mit dem Hinweis auf unterschiedliche literarische Figuren, die hier entstanden (The Other America, Macondo bzw. McOndo). Den mexikanisch-US-amerikanischen Grenzraum skizziert sie hingegen mit Canclini als „Labor der Postmoderne“ (S. 218), in dem sich Grenzen aller Art auflösen und neu konfigurieren – der modernistisch wirkende Hinweis auf „Hybrid- und Transamerika“ (S. 225) wäre dann nicht mehr notwendig gewesen.

Auf eine solche, in letzter Zeit wieder verstärkt betonte und politisierte Grenze weist Ingrid Kummels abschließend hin, indem sie Amerikabilder und Raumkonzepte von Indigenen analysiert. Sie betont deren oft „partikulare Geschichten“ (S. 229) auch nach Ankunft der Europäer. Überzeugend exemplifiziert sie das an der den meso-amerikanischen Kosmogrammen eigenen engen Verknüpfung von Raum und Zeit und mit der heute von indianistischen Gruppen kontinentweit verwendeten Denkfigur des (panamesischen) Abya Yala als Alternative zu „Amerika“. Der europäische Versuch, alternative Wissenssysteme zu kontrollieren bzw. zu kolonialisieren, lässt sich nach Kummels nicht – wie häufig wegen fehlender Perspektivwechsel angenommen – als vollständig erfolgreich charakterisieren.

Abschließend bleibt eine lesenswerte Ansammlung gut argumentierter und geschriebener Aufsätze zu konstatieren – freilich mit den üblichen (wenn auch relativ wenigen) Ausreißern nach unten sowie einigen, für eine Ringvorlesung nicht überraschenden thematischen Überschneidungen (und mit einer nicht ganz einheitlichen Redaktion). Zu fragen ist allerdings, warum es der Legitimation über die eingangs zitierten, aber nicht weiter explizierten, Neuerungen versprechenden „kulturhistorischen Ansätze“ bedarf, die in den Texten nur am Rande eine Rolle spielen. Reicht das gute („alte“) wissenschaftliche Diskutieren nicht mehr?

Anmerkung:
[1] Zur Bedeutung von Waldseemüller vgl. bspw. Horst Pietschmann, Bemerkungen zur „Jubiläumshistoriographie“ am Beispiel „500 Jahre Martin Waldseemüller und der Name Amerika“, in: Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas 44 (2007), S. 367-389, hier vor allem 377ff.

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15.06.2009
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