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Titel
Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen


Autor(en)
Machtan, Lothar
Erschienen
Anzahl Seiten
427 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Buchner, Katholische Nachrichten-Agentur München

Der höchste, hohe und der etwas tiefere Adel erfreuen sich nicht nur in Klatschspalten von Gesellschaftskolumnisten, hurtig geschriebenen Büchern sowie im Unterschichtenfernsehen großer Beliebtheit, sondern stoßen zunehmend auch auf wissenschaftliches Interesse, seitdem sich mit der Ablösung des sozial- durch den kulturgeschichtlichen Mainstream die Frage nach vermeintlichen Eliten aus ihrem Nischendasein lösen konnte. Historiker sind sich einig, dass der deutsche Adel im 19. und 20. Jahrhundert einen Spiegel der politischen, sozialen und kulturellen Entwicklung des Landes bildet. Die Forschung über die sogenannten Blaublütigen hat sich in den vergangenen Jahren erheblich intensiviert.[1] Lothar Machtan, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bremen, der sich in den vergangenen Jahren mit teils auch kontrovers aufgenommenen Veröffentlichungen einen Namen in Wissenschaft und Öffentlichkeit gemacht hat [2], nimmt diesen Trend in seinem neuen Buch „Die Abdankung“ auf und beschreibt virtuos den Abschied von Deutschlands gekrönten Häuptern aus der Geschichte, der sich nach der Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg und der daraus folgenden Revolution vom November 1918 abrupt und unwiderruflich vollzog.

Machtan beginnt seine Beschreibung mit einer „Republikanischen Vorrede“. Darin konstatiert er eine „fast lautlose Implosion“ (S. 15) des monarchischen Systems, die Deutschland einen „wahren Dynastenfriedhof“ (ebd.) hinterlassen habe. Der Historiker will ungeniert durch die Fenster blicken, die die Quellen auf die monarchische Realität des frühen 20. Jahrhunderts werfen. Er spricht von einem Herrschaftsmodell, das „ein einziges Macht- und Geistesvakuum war“ und fragt: „Warum sollte das Land sich noch Herrscher leisten, die ihre herausgehobene Existenz auf Kosten der Wahrheit und der Zukunft fristeten?“ (S. 19) Im ersten von drei Kapiteln wird das Schicksal der deutschen Monarchie vor dem und im Ersten Weltkrieg geschildert. Den Einstieg bilden die Festlichkeiten zum 25-jährigen Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II. ein Jahr vor Beginn des Krieges. Im Folgenden beschreibt Machtan unter dem Stichwort „Aus dem Innenleben deutscher Herrscherhäuser“ die Kabale um die Beendigung der Regentschaft für den geisteskranken bayerischen König Otto mit der Thronbesteigung durch dessen Vetter Ludwig III., in der er zu Recht eine „Aushebelung des monarchischen Prinzips“ (S. 42) sieht. Auch die fast zeitgleich erfolgte Rückkehr der Welfen auf den Braunschweiger Herzogsthron sowie die Querelen im Hause Oldenburg, wo sich Großherzog Friedrich August von seiner offenbar ehebrüchigen Frau Elisabeth scheiden ließ, betrachtet der Wissenschaftler als Ausweis des Niedergangs der Monarchie. Sein „Inspektionsbericht zur Funktionsfähigkeit des deutschen Monarchie-Modells“ fällt folglich verheerend aus.

Sodann schildert Machtan den „Verfall monarchischer Prinzipien“ nach 1914. Unter den deutschen Fürsten war der Darstellung zufolge zwischen Friedensfühlern, Annexionsgelüsten und einer entschiedenen Bereicherungspolitik alles vertreten, was im Reich an mentalen Einstellungen zu Tage trat. Der Streit um die Kriegsziele trieb der Beschreibung zufolge einen Keil zwischen die Regenten, der dynastische Groll habe sich schließlich „zu einem veritablen moralischen Koalitionskrieg unter Deutschlands Souveränen“ ausgewachsen (S. 86). Auch der militärische Beitrag der regierenden Fürsten findet bei Machtan kaum Anerkennung. Sie werden überwiegend als „Schlachtenbummler“ und „Kriegstouristen“ tituliert, Ausnahmen seien lediglich Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg und Fürst Adolf zu Schaumburg-Lippe gewesen. Hingegen weiß der Autor über die militärischen Leistungen der Hohenzollern kaum Gutes zu berichten. Den „fürstlichen Blutzoll“ schätzt er gering ein, selbst die beiden Toten der Hohenzollern, aus Nebenlinien stammend, hätten sich „letztlich zu nicht viel mehr als einer punktuellen Retusche eines insgesamt doch eher peinlichen Erscheinungsbildes“ (S. 105) geeignet, das der deutsche Herrscherstand in feldgrauer Uniform abgegeben habe. Die Verheißung von Bismarcks Reichsgründung, „wonach die als Staatsoberhäupter inthronisierten Fürsten zugleich Deutschlands geborene politische und militärische Führer sein sollten“, sei „zur weltfremden Ideologie erstarrt“ (S. 129), so das Fazit des Autors.

„Das deutsche Kaisertum am Ende“ ist das zweite Kapitel überschrieben. Nach einem Exkurs über die Kaisergattin Auguste Viktoria schildert Machtan eingehend den außen- und innenpolitischen Zusammenbruch des Jahres 1918. Daran konnten auch die zaghaften Versuche einer Parlamentarisierung unter monarchischen Vorzeichen im Reich und in einzelnen Ländern nichts mehr ändern. Der Kaiser selbst galt schon vor dem Krieg als überfordert und nervenschwach, nachdem er lange Jahre ein zwar bisweilen tollpatschig agierender, doch insgesamt charismatischer Herrscher mit großen Sympathien im Volk war – zudem ein Inbegriff der neuen deutschen Stärke, an dessen Wesen die Welt genesen sollte.[3] Der parlamentarischen Volte just zu dem Zeitpunkt, als der Krieg als verloren erachtet werden musste, fehlte die Glaubwürdigkeit, zumal Wilhelm II. die Ambivalenz von Fürstensouveränität und Demokratie in keiner Weise zu lösen vermochte, indem er die vermeintliche Machtteilung in einen obrigkeitlichen Herrschaftsakt kleidete: „Ich will, dass in dieser Schicksalsstunde Deutschlands das deutsche Volk mehr als bisher an der Bestimmung der Geschicke des Vaterlandes mitwirkt.“ (zit. S. 162) Kein gutes Haar lässt der Autor am kaiserlichen Zivilkabinettschef Friedrich von Berg, den er als intriganten Ultrakonservativen schildert. Auf ebenso wenig Gnade darf Prinz Max von Baden hoffen, der Anfang Oktober 1918 ins Reichskanzleramt gelangte und als Liquidator der deutschen Monarchie in die Geschichtsbücher einging. Machtans Hauptvorwurf lautet, Max habe letztlich die Demokratisierung des Reiches verhindern wollen.

Am Ende des zweiten Kapitels wird exkursorisch die Frage aufgeworfen, wie republikanisch die deutsche Linke gegen Ende des Ersten Weltkrieges eigentlich gewesen sei. Am Beispiel von Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann versucht Machtan zu verdeutlichen, dass es auch in der Sozialdemokratie Aspirationen gab, das deutsche Kaisertum – freilich unter der Voraussetzung einer vollständigen Parlamentarisierung – beizubehalten. Noch wenige Tage vor der Revolution hatte das Parteiorgan „Vorwärts“ geschrieben, die Sozialdemokratie habe wenig Neigung, „sich in einer jungen Republik vielleicht dreißig Jahre lang mit royalistischen Don Quichotes herumschlagen zu müssen und dadurch notwendige, innere Entwicklungen gestört zu sehen“ (zit. S. 230). Das war ein wahrhaft prophetischer Satz, und es ist unbestritten, dass es auch in der Sozialdemokratie, die zur „Staatspartei der Republik“ (Gustav Radbruch) werden sollte [4], Persönlichkeiten wie etwa Conrad Haenisch und andere gab, die noch lange nach 1918 der Monarchie nachtrauerten. Aus den deutschen Sozialisten des letzten Kriegsjahres pauschal „Republikaner wider Willen“ zu machen, wie es Machtan tut (S. 234), ist allerdings nur eine bemühte Variation des Vorwurfs gegen den Weimarer Staat, er sei eine „Republik ohne Republikaner“ gewesen.

Im abschließenden dritten Kapitel beschreibt der Bremer Historiker unter dem Leitwort „Umsturz-Szenarien“ den Zusammenbruch der Monarchien in Deutschland. Kompakt und kompetent schildet er etwa den Abschied der Wittelsbacher aus Bayern und konstatiert dabei das überall im Reich feststellbare „eklatante Machtvakuum, in das die Revolutionäre hatten vorstoßen können“ (S. 253). Im Zusammenhang mit dem Ende der Hohenzollern in Preußen sticht die in Teilen amüsante Beschreibung der geheimen Bahnfahrt Auguste Viktorias zu ihrem nach Holland geflüchteten Gatten Wilhelm am 27. November 1918 heraus. Der vom Rat der Volksbeauftragten als Aufpasser mitgeschickte Sozialdemokrat Hermann Molkenbuhr erzählte der Kaiserfrau ungerührt, dass er in der Zeit der Sozialistengesetze selbst das Land hatte verlassen müssen – am Ende erhielt er als Belohnung für seine Dienste ein kleines Schmuckstück von Auguste Viktoria. Das Buch schließt mit der Beschreibung der Entkrönung in den Königreichen Sachsen und Württemberg, den fünf Großherzogtümern sowie den weiteren deutschen Kleinstaaten. Sprichwörtlich geworden ist die Sentenz des gewesenen sächsischen Königs Friedrich August III., wohl am 12. November 1918: „So, so – na da macht euern Dreck alleene!“ (S. 311)

Das Buch von Lothar Machtan beschreibt seinen Gegenstand in umfassender Weise und wirft eine Reihe zentraler Fragestellungen auf, ohne sie allerdings hinreichend beantworten zu können. Vermisst wird unter anderem eine Problematisierung des Monarchieproblems in Deutschland vor 1914. „Die Abdankung“ spannt einen zu kleinen Bogen – es wäre im Jahr 1848 oder noch früher zu beginnen, um wirksam erklären zu können, warum der Herrschaftsmechanismus bis zum Ende des Ersten Weltkrieges überhaupt funktionierte und danach in sich zusammenbrach. Dabei müsste man auch zwischen dem relativ jungen Kaisertum und den jahrhundertealten Monarchien in den Einzelstaaten differenzieren und nicht zuletzt auch den Aufstieg des integralen Nationalismus thematisieren. Den Untergang der Monarchie versucht der Bremer Professor einseitig durch die Unfähigkeit der Regenten zu erklären. Der Wissenschaftler gibt sich betont monarchiekritisch, attestiert den Regenten „Bereicherungspolitik“ (S. 85), tituliert sie als „lebende Zinnsoldaten“ (S. 94), als eine Ansammlung mediokrer Herrscher, als „Staatsschauspieler“ (S. 71), deren Hauptgeschäft es gewesen sei, „die Menschen blendend zu unterhalten“ (S. 78). Wilhelm II. bezeichnet er unter anderem als „gemeingefährlichen Wirrkopf“ (S. 218). Auf das Gebiet der Spekulation begibt sich Machtan bei der Schilderung eines vermeintlichen Auftrags, den der bayerische König Ludwig III. dem designierten Reichskanzler Hertling 1917 mit ins Amt gegeben haben soll und bei einem angeblichen „Geheimpakt“ zwischen Max von Baden und Friedrich Ebert Anfang Oktober 1918. Zuweilen herrscht ein unangenehmer Schnodderton vor, der sich dem schillernden Charakter der zu beschreibenden Protagonisten nähert. Trotz dieser Einwände stellt „Die Abdankung“ einen wichtigen Forschungsbeitrag dar und ist unverzichtbar für jene, die sich für das abrupte Ende der Monarchie in Deutschland vor 90 Jahren interessieren.

Anmerkungen:
[1] Siehe Silke Marburg / Josef Matzerath (Hrsg.), Der Schritt in die Moderne. Sächsischer Adel zwischen 1763 und 1918, Köln 2001; Eckart Conze / Monika Wienfort (Hrsg.), Adel und Moderne. Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2004; Karina Urbach (Hrsg.), European Aristocracies and the Radical Right, 1918-1939, Oxford 2007. Als kompaktes und instruktives Nachschlagewerk: Eckart Conze (Hrsg.), Kleines Lexikon des deutschen Adels. Titel, Throne, Traditionen, München 2005. Zum Forschungsstand Stephan Malinowski, Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat, Berlin 2003, S. 20-28.
[2] Lothar Machtan, Bismarck und der deutsche National-Mythos, Bremen 1994; ders., Hitlers Geheimnis. Das Doppelleben eines Diktators, Berlin 2001; ders., Der Kaisersohn bei Hitler, Hamburg 2006.
[3] Vgl. Ulrich Sieg, Wilhelm II. – ein „leutseliger Charismatiker“, in: Frank Möller (Hrsg.), Charismatische Führer der deutschen Nation, München 2004, S. 85-108.
[4] Vgl. Nadine Rossol, Weltkrieg und Verfassung als Gründungserzählungen der Republik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 50-51 (2008), S. 13-18.

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06.03.2009
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