L. Heretz: Russia on the Eve of Modernity

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Titel
Russia on the Eve of Modernity. Popular Religion and Traditional Culture Under the Last Tsars


Autor(en)
Heretz, Leonid
Reihe
New Studies in European History
Erschienen
Anzahl Seiten
278 S.
Preis
£ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Herzberg, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Rückständigkeit oder Eigenzeit? Der wissenschaftliche Umgang mit der russischen Geschichte war immer auch ein Versuch, die russische Langsamkeit auf dem Weg in die Moderne zu verstehen. Das ist auch das Ziel der neuen Studie von Leonid Heretz, Professor für Geschichte am Bridgewater State College in Massachusetts. Doch anstatt vermeintlich verzögerte Modernisierungsprozesse nachzuzeichnen, nimmt er den umgekehrten Weg und dabei die den Neuerungen ausweichende Beharrlichkeit in den Blick. Er wendet sich nicht den modernisierenden Eliten und ihrer Ausstrahlungskraft zu, sondern stellt mit den Bauern die größte Bevölkerungsgruppe des Zarenreichs und ihre traditionelle Weltanschauung in das Zentrum seiner Arbeit.

Seine aus zwei Teilen bestehende Studie eröffnet Heretz mit einer eingängigen These: Religiosität sei der Schlüssel, die russische Affinität zum Althergebrachten zu erfassen. Im ersten Teil der Arbeit unternimmt er den Versuch, die Wurzeln und Medien der traditionellen Weltanschauung freizulegen. Dabei wendet sich Heretz im ersten Kapitel explizit gegen ideengeschichtliche Bewertungen: Weder die materialistische Vorstellung, die in der Religiosität der Bauern das Erfüllen leerer Rituale vermutete, noch die mit den russischen Rechten assoziierte Bewertung der Bauern als bis in die letzte Faser hinein orthodox und fromm, sei angemessen, um die Anhänglichkeit an das Altväterische zu erfassen. Gleichfalls problematisch sei es, bäuerliche Frömmigkeitspraktiken an der offiziellen Lehre und Liturgie der orthodoxen Kirche auszurichten und alles, was davon abweiche, als Reste heidnischer Rituale anzusehen und sie unter dem Begriff des Doppelglaubens (‚dwojewerie’) zu subsumieren. Diese Bewertung offenbare mehr das verweltlichte Selbstverständnis der Wissenschaftler und ihre Entfremdung von der eigenen Volkskultur, als die Bedeutung, die diese Praktiken für die Bauern gehabt hätten. Auch mit Apokryphen und Zukunftsschau hätten sich die Bauern in ihrer Lebenswelt als Christen verortet. Als Eckpfeiler ihrer Weltanschauung arbeitet Heretz ein besonderes Verständnis von Kausalität heraus. Die Kategorien, mit denen die Bauern Ereignisse bewerteten, seien streng dualistisch gewesen: Auf der einen Seite stand die Autorität Gottes und die Herrschaft des Guten, auf der anderen Seite offenbarte sich die Wirkmächtigkeit Satans, des Urhebers des Bösen. Diesem Kräftespiel ausgesetzt, hätten die Bauern anders als die aufgeklärten Eliten ihr eigenes Leben als kaum zu beeinflussendes Schicksal verstanden.

Das zweite und dritte Kapitel wendet sich den Altgläubigen und den Sektierern zu. In ihnen sieht Heretz die traditionelle Weltanschauung verdichtet. Wie kein anderes Ereignis offenbare das Schisma zwischen der Orthodoxie und den Altgläubigen im 17. Jahrhundert die Furcht vor Veränderung. Indem Heretz einen sehr instruktiven Überblick über die einzelnen Strömungen innerhalb der Altgläubigen gibt, gelingt es ihm, jene Logiken zu veranschaulichen, die diese dazu brachten, in Reformen das Wirken des Antichristen zu sehen. Auch in der Verneinung der Welt durch die Sektierer sind für Heretz generelle Tendenzen der russischen Kultur verwirklicht. In radikaler Form offenbare sich bei den beispielhaft vorgestellten Skopzen, die der Körperlichkeit durch Fasten und Kastration zu entfliehen suchten, ein ganz ähnliches tiefes Misstrauen gegenüber der materiellen, sichtbaren Welt und dem Zeitenlauf.

Im vierten Kapitel versucht Heretz, das bisher gezeichnete, statische Bild aufzubrechen und Bewegung und Wandel in den Blick zu bekommen. Er wendet sich den eschatologischen Vorstellungen in der russischen Kultur zu, die seiner Ansicht nach auf der christlichen Lehre vom Jüngsten Gericht fußten. Sie wurden in Russland vor allem über Apokryphen, Legenden und Kettenbriefe verbreitet. Diese Textgattungen vermittelten jene konservativen Vorstellungen und Sprachregelungen, mit denen die Bauern den Wissenschaften, neuen Technologien oder auch dem Bau der Eisenbahn begegneten. Heretz sieht allein Abwehr in dem Verhalten der Bauern. Die Eisenbahn galt ihnen als Teufelszeug. Wissenschaftliche Erklärungen, zum Beispiel für Kometen, deuteten sie sofort in den Gegensatz von Gut und Böse um. Für solche Ereignisse stand ihnen allein das Vokabular von Apokalypse und Jüngstem Gericht zur Verfügung. Dieser einseitige Befund, der nicht einmal in den Fußnoten kontroverse Forschungsergebnisse reflektiert, ist geeignet, sowohl Laien als auch Kenner bäuerlicher Lebenswelten in Russland zu erstaunen.

Der schale Beigeschmack, den ein weder sozial, geographisch noch nach Geschlecht differenziertes Kollektivsubjekt ‚der Bauern’ erzeugt, bleibt auch im zweiten Teil der Studie bestehen. Er wird dadurch verstärkt, dass in Heretz Narrativ alle Neuerungen von Akteuren mit Namen getragen werden, während die bäuerliche Beharrungskraft anonym bleibt.

Der zweite Teil des Buches widmet sich fünf historischen Ereignissen und ihrer Deutung durch die Bauern. In der bäuerlichen Reaktion auf das tödliche Attentat auf Alexander II. 1881 sieht Heretz ein Beispiel der Zarengläubigkeit. Die Bauern identifizierten den Zaren mit der göttlichen Ordnung und sahen in der Bombe, die auf den Zaren geworfen wurde, einen Angriff des Bösen auf das Gute. In der Deutung des Attentats offenbare sich nach Heretz die Kluft zwischen den Bildungseliten und den Bauern. Während erstere in den Terroristen einen neuen Faktor in der russischen Geschichte ausmachten, erkannten die Bauern darin alte Feinde.

Desweiteren wendet sich Heretz den bäuerlichen Interpretationen des Russisch-Japanischen Krieges sowie der Revolution von 1905 zu. Auch an diesen Ereignissen versucht er, die Beharrlichkeit traditioneller Ansichten in Zeiten der Veränderung aufzuzeigen. Erstmalig räumt er dem beschleunigten historischen Wandel, den das ausgehende Zarenreich an der Jahrhundertwende erfasst hatte, einen sichtbaren Platz ein: Die herrschenden Eliten hatten nun ihre moralische Basis verloren, das ‚einfache’ Volk erkannte die eigene Würde und auch Bauernsöhne lehnten sich gegen die Vorstellungen der Väter auf.

Im abschließenden Kapitel deutet Heretz den Ersten Weltkrieg als das Ereignis, das die Bauern am intensivsten in Kontakt mit der Außenwelt brachte. Es hätte die traditionellen Vorstellungen nachhaltig unter Druck gesetzt. Beeindruckend gelingt es ihm, die Interaktionen zwischen den traditionellen Vorstellungen, wie sie zum Beispiel in der Legende vom Weißen Reiter zum Ausdruck kommen, und jenen Massenmedien nachzuzeichnen, die die moderne Welt repräsentieren. Frühere Orientierungspunkte – wie das Bild vom guten Zaren – gingen in den Kriegsjahren verloren. Gewalt, wie sie die Revolution, den Bürgerkrieg und den Stalinismus kennzeichnen sollten, lernten die Bauern in diesen Jahren. Heretz beschließt seine Studie, indem er Überreste quasi-religiöser, traditioneller Elemente bei den sich als modern gerierenden Bolschewiken beleuchtet. Auch sie schieden scharf zwischen Freund und Feind und identifizierten sich mit dem Guten, das Fremde und Neue mit dem Bösen.

Die Studie von Heretz überzeugt in vielen Punkten. Sie beeindruckt durch ihre gut strukturierte Darstellungsweise sowie durch ihre These, dass sich die populäre Kultur des Zarenreiches nur mit Blick auf Religiosität und Frömmigkeit verstehen lässt. Eindrucksvoll extrahiert Heretz die Essenz traditionalistischer Vorstellungen bei Altgläubigen und Sektierern. Darüber hinaus bezieht Heretz gewinnbringend bisher vernachlässigte folkloristische Texte wie die Apokryphen und Legenden ein. Bemerkenswert ist, wie sensibel und prägnant Heretz historiografische Tendenzen darstellt und sich in ihnen verortet. Es erstaunt daher, dass er die epistemologischen Probleme, die seine Quellenbasis mit sich bringt, nicht reflektiert. Heretz bezieht sich vor allem auf publiziertes Material, welches er in den vorrevolutionären ‚dicken Journalen’ und historischen Zeitschriften fand. Die Orte, an denen Bauern sprechen konnten, sowie die Publikationsinteressen, die für bestimmte Bauernbilder standen, bezieht er in seine Interpretationen nicht mit ein.

Zudem hat Heretz' Anliegen, mit seiner Studie ein Korrektiv zu der auf Wandel und Revolution fixierten Historiografie zu bieten, ihren Preis. Seine Darstellung vertieft den Graben zwischen den Eliten und den Bauern. Die Konzentration auf punktuelle Ereignisse blendet Berührungspunkte zwischen ihnen aus, wie sie durch allmähliche Prozesse wie Urbanisierung und Alphabetisierung entstanden sind. Soziale Mobilität, die sich an manchem Lebensweg vom altgläubigen Bauern zum Besitzer moderner Fabriken veranschaulichen lässt, hat bei Heretz keinen Platz. Das Bild, das er von den traditionalistischen Vorstellungen der Bauern entwirft, vernachlässigt nicht nur die globalen Bezüge, in denen Russland stand, sondern bleibt in gewisser Weise akteurslos. Sein Ansatz ist gut geeignet, bäuerliche Passivität zu verstehen. Doch damit lässt sich nicht erklären, warum Bauern Verantwortung für ihr Leben übernahmen, sich im Semstwo und in der Dorfgemeinschaft engagierten, auf Wanderarbeit gingen, mit der Eisenbahn fuhren oder Petitionen, Leserbriefe und Tagebücher schrieben.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.03.2009
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