S. Müller u.a. (Hrsg.): Kaiserreich

Cover
Titel
Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse.


Herausgeber
Müller, Sven O.; Torp, Cornelius
Erschienen
Göttingen 2009: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
461 S.
Preis
€ 59,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Winfrid Halder, Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus Deutsch-osteuropäisches Forum, Düsseldorf

Die Geschichte des deutschen Kaiserreichs seit 1871 hat schon bald nach dessen Zusammenbruch infolge der Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 die deutsche Geschichtswissenschaft intensiv beschäftigt. In der einschlägigen Forschungsliteratur, die schon längst nicht mehr überschaubar ist, sind indessen deutliche Konjunkturen erkennbar. Diese unterscheiden sich hinsichtlich der Schwerpunktsetzungen bei den anvisierten Themen, der methodischen Ansätze sowie der dominierenden Interpretationsmodelle. Dies ist zuletzt durch die instruktiven, umfassenden und differenzierten Forschungsüberblicke von Ewald Frie und Matthew Jefferies klar herausgestellt worden.[1] Der vorliegende Band dokumentiert, dass sich in jüngster Zeit eine neue Forschungskonjunktur entfaltet hat – und zwar eine, welche die in den späten 1960er- und erst recht den 1970er-Jahren begründete Hegemonie der „Sonderwegshistoriographie“ entschieden in Frage stellt. Oder besser: Eine Forschungskonjunktur, welche die stets umstrittene, gleichwohl längere Zeit vorherrschende These vom „deutschen Sonderweg“ aus der Perspektive aktueller Forschungsansätze einer umfassenden Prüfung unterwirft und sie überwiegend verwirft.

Neben der Einleitung, welche von den beiden Herausgebern stammt, versammelt der Band insgesamt 27 Einzelbeiträge, die hier in Anbetracht der gebotenen Beschränkung des Umfangs nur exemplarisch beleuchtet werden können. Sie stammen von einem internationalen Ensemble von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wobei ein Generationenquerschnitt erreicht wurde. Neben seit langem als Kaiserreich-Experten ausgewiesenen Autoren, wie Volker Berghahn oder Roger Chickering, haben Vertreterinnen und Vertreter der mittleren Generation Beiträge geliefert, darunter Manfred Hettling oder Helmut Walser Smith. Dazu kommt schließlich eine ganze Reihe von Angehörigen einer jüngeren Forschergeneration, für die die teils heftig geführte „Sonderwegs“-Debatte selbst schon wieder Geschichte ist. Ursprünglich handelte es sich bei den Beiträgen um Referate auf einer Konferenz im Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, die im Januar 2007 anlässlich des 75. Geburtstages Hans-Ulrich Wehlers stattgefunden hat.

Insofern ging es dort um eine Hommage an einen der Protagonisten der „Sonderwegshistoriographie“ schlechthin, denn Wehlers zuerst 1973 erschienener, schmaler Band „Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918“[2] hat gewiss die Qualität eines Schlüsseltextes gehabt. Es handelt sich freilich um eine kritische Würdigung der Wehlerschen Sichtweise, denn das Gesamtergebnis des vorliegenden Buches kann man wohl dahingehend zusammenfassen, dass der lange Zeit einflussreiche Kaiserreich-Band heute in der Hauptsache lediglich historiographiegeschichtliches Interesse auf sich zu ziehen vermag.

In der informativen Einleitung (S. 10-27) zeigen Cornelius Torp und Sven Oliver Müller zunächst, dass die „Sonderwegshistoriker“ immer schon Widerspruch erregten, und zwar nicht nur in der deutschen, sondern insbesondere auch in der britischen Geschichtswissenschaft. Der Aufstieg der „Sonderwegs“-Interpretation zur „Meistererzählung“ der Geschichte des Kaiserreichs wurde dadurch jedoch nur gebremst. Intention der hier versammelten Aufsätze ist es, die inzwischen durch neuartige Ansätze (nicht zuletzt kulturgeschichtlicher Art) und Methodenpluralität wiedererlangte Offenheit der historischen Debatte um den Charakter des Kaiserreichs und seinen Ort in der deutschen und internationalen Geschichte zu untermauern.

Die einzelnen Beiträge sind in vier Themenblöcken zusammengefasst: „Das Kaiserreich in der deutschen Geschichte“, „Gesellschaft, Politik und Kultur“ (mit neun Aufsätzen der umfangreichste Abschnitt), „Krieg und Gewalt“ sowie „Das Kaiserreich in der Welt“.

Reizvoll macht den Band nicht zuletzt der Umstand, dass die einzelnen Aufsätze teilweise umfassendere Interpretationsansätze in den Blick nehmen und diskutieren oder aber anhand enger gefasster, erst in jüngerer Zeit intensiver beackerter oder methodisch anders beleuchteter Forschungsfelder die Tragfähigkeit der „Sonderwegs“-These prüfen. Helmut Walser Smith etwa geht in grundsätzlicher Form davon aus, dass der Sonderweg „abhanden gekommen“ sei (S. 35) und fragt danach, wie dies zustande gekommen ist (Jenseits der Sonderwegs-Debatte, S. 31-50). Shulamit Volkov setzt sich einmal mehr mit dem Spannungsfeld von Modernismus und Antimodernismus auseinander (Nochmals zum Antimodernismus im Kaiserreich, S. 66-76). James Retallack (Obrigkeitsstaat und politischer Massenmarkt, S. 121-135) fragt, ob der Begriff des „Obrigkeitsstaates“ auf das Kaiserreich noch anwendbar ist, wenn man die Existenz und Wirkung des pluralistisch verfassten „politischen Massenmarktes“ in Rechnung stellt. Gerade hier zeigt sich im Übrigen, dass auch die ältere Kaiserreich-Forschung noch immer befruchtend wirken kann, denn letzterer Begriff wurde vor mittlerweile mehr als vierzig Jahren von Hans Rosenberg in die Debatte eingebracht[3] – und damit von einem wichtigen Vorläufer der „Sonderwegshistoriographie“. Thematisch verwandt ist der Beitrag Frank Böschs, der die Wirkung (politischer) Skandale hinterfragt, welche nur in Anbetracht der gigantischen Ausweitung des Pressesektors im späten Kaiserreich möglich war und deren wichtigsten Effekt er in einer Teil-Delegitimierung der politischen Führung des Kaiserreichs lange vor dem Ersten Weltkrieg sieht. In einigen Beiträgen wird gezielt versucht, die der „Sonderwegshistoriographie“ nicht selten vorgeworfene einseitige Fixierung auf die Entwicklungen in Deutschland zu korrigieren und Vergleichsperspektiven auf ihren Erkenntniswert zu prüfen. Ute Planert kommt so zu dem bemerkenswerten Befund, dass das Kaiserreich in der Frage der Erweiterung von Frauenrechten weiter ging als die Dritte Republik in Frankreich (Wie reformfähig war das Kaiserreich? Ein westeuropäischer Vergleich aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive, S. 165-184). Auch Olaf Blaschke vermag zu zeigen, dass vermeintlich sichere Zäsuren in der Geschichte des Kaiserreichs durch eine vergleichende Perspektive infrage gestellt werden. Denn die landläufige chronologische Einordnung des „Kulturkampfs“ in die Kanzlerschaft Bismarcks relativiert sich stark, wenn man in Betracht zieht, dass Staat und Kirche eine Konfliktära durchliefen, deren Beginn lange vor 1871 anzusetzen ist, die keineswegs Ende der 1880er-Jahre zum Abschluss kam, sondern vielmehr bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus andauerte, und die von vornherein eben keine deutsche Sonderentwicklung darstellte (Das Deutsche Kaiserreich im Zeitalter der Kulturkämpfe, S. 185-202).

Als besonders ertragreich bei der Infragestellung der These vom deutschen Sonderweg erweist sich die neuere vergleichende Gewaltforschung. So zeigt Jürgen Zimmerer in einleuchtender Weise, dass „Vernichtungskriege“ gegen vermeintlich „Minderrassige“ im Kontext kolonialer Konflikte bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg geführt wurden – und zwar nicht nur von deutscher Seite. Die späteren Massenmordaktionen im Zuge des Zweiten Weltkrieges auf dem östlichen Kriegsschauplatz als einen ins Gigantische erweiterten „Kolonialkrieg“ zu sehen, erscheint als überlegenswerter Interpretationsansatz, der bislang vernachlässigten Kontinuitätslinien folgt (Kein Sonderweg im „Rassenkrieg“. Der Genozid an den Herero und Nama 1904-08 zwischen deutschen Kontinuitäten und der Globalgeschichte der Massengewalt, S. 323-340).

Im letzten Block der Beiträge spielen die transnationalen Verflechtungen des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle. Unter anderem verweist Thomas Mergel in seinen Darlegungen zum Thema „Das Kaiserreich als Migrationsgesellschaft“ (S. 374-391) nicht allein auf die Bedeutung der gewaltigen Binnenwanderungsströme, sondern auch auf die hohe Zahl der Auswanderer, die im Austausch mit ihrer Heimat blieben. Viele von ihnen sind sogar in einer späteren Lebensphase zurückgekehrt – und haben natürlich zugleich ihre anderwärts (insbesondere in den USA) erworbenen kulturellen und politischen Erfahrungen mitgebracht. Der Transfer in die Neue Welt war also alles andere als eine Einbahnstraße, die Rückwirkungen auf die deutsche Gesellschaft sind lange zu wenig beachtet worden. Den Konsequenzen der „Globalisierung“ gehen schließlich auch die Beiträge von Sebastian Conrad (Globalisierungseffekte: Mobilität und Nation im Kaiserreich, S. 406-421), Cornelius Torp (Erste Globalisierung und deutscher Protektionismus, S. 422-440) und Volker Berghahn (Deutsche Industrie und amerikanische Geschäftswelt, 1900-1914, S. 441-453) nach. Nur in den beiden letzten Beiträgen spielen mithin ökonomische beziehungsweise wirtschaftspolitische Fragen eine größere Rolle. Hinsichtlich des Aufsatzes von Berghahn ist allerdings zu bemerken, dass er sich vor allem mit der Interaktion zwischen amerikanischen und deutschen Wirtschaftseliten beschäftigt, nicht etwa mit den wirtschaftlichen Austauschverhältnissen im engeren Sinne. So erhellend die hier zu Wort kommende jüngste Kaiserreichforschung in vieler Beziehung auch ist, so mag doch die Bemerkung erlaubt sein, dass sie den so unvergleichlich geschichtsmächtigen Industrialisierungsvorgang hauptsächlich in seinen gesellschaftlichen und kulturellen Folgewirkungen – und nicht „an sich“ – in den Blick nimmt.

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich insgesamt um eine überaus anregende, multiperspektivische Lektüre. Er beweist, dass selbst so intensiv erforschte Gegenstände wie die Geschichte des deutschen Kaiserreichs mit innovativen Ansätzen betrachtet noch immer Überraschungen bereithalten, und dass vermeintlich „sichere“ Sichtweisen grundlegend erschüttert werden können. Er dokumentiert den langen Abschied vom „deutschen Sonderweg“ – ohne indessen eine alternative Gesamtsicht anzubieten. Den beiden Herausgebern ist zuzustimmen, wenn sie schon zu Beginn feststellen: „Die Zukunft der historischen Beschäftigung mit der Epoche des Kaiserreichs erscheint heute offener denn je.“ (S. 27) Alle Interessierten dürfen also auf die weitere Forschung gespannt sein.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Ewald Frie, Das Deutsche Kaiserreich (Kontroversen in der Geschichte), Darmstadt 2004 sowie Matthew Jefferies, Contesting the German Empire (Contesting the Past), Oxford 2008.
[2] Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1973 [die siebte und bislang letzte Auflage ist 1994 erschienen].
[3] Vgl. Hans Rosenberg, Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, Berlin 1967.