M. Lemke (Hrsg.): Konfrontation und Wettbewerb

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Titel
Konfrontation und Wettbewerb. Wissenschaft, Technik und Kultur im geteilten Berliner Alltag (1948-1968)


Herausgeber
Lemke, Michael
Erschienen
Berlin 2008: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
360 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Georg Golz, Bonn

Die „Normalität des Kalten Krieges“ ist verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen und publizistischen Aufmerksamkeit gerückt. Das ist begrüßenswert, sollten sich doch Einzelaspekte des Systemwettstreits nach dessen Ende sine ira et studio anhand von gut zugänglichen Quellen bearbeiten lassen – zumindest, was diejenigen östlicher Provenienz betrifft. Zudem gilt der historische Vergleich kaum mehr als vermintes Gelände wie noch unmittelbar nach 1990. Es muss nicht unablässig der (selbstverständliche) Unterschied von Demokratie und Diktatur betont werden.

In der geteilten Stadt Berlin spiegelte sich die deutsch-deutsche Nachkriegsgesellschaft „en miniature“, wie Burghard Ciesla in seinem brillanten Beitrag über „Konkurrierende Stadttechnik im Kalten Krieg“ resümiert (S. 134), wobei der Beginn des Mauerbaus 1961 in jeder Hinsicht eine Zäsur darstellte. Die Verflechtungs- und Teilungsgeschichte der Hauptstadt lässt sich mit den Kategorien Konfrontation und Wettbewerb gut erfassen, wie dieser Sammelband belegt. Dabei war der Senat, wie Michael Lemke eingangs hervorhebt, vor allem an der Aufrechterhaltung von „Gemeinsamkeiten“ interessiert, während die SED bzw. die Regierung der DDR „nicht zuletzt aus irrational zugespitzten Sicherheitsgründen“ Gemeinsamkeiten schrittweise abzubauen versuchte (S. 11).

Es ist faszinierend zu verfolgen, wie sich die Akteure auf beiden Seiten trotz aller politischen und ideologischen Zwänge pragmatisch miteinander arrangierten und zugleich voneinander abgrenzten. In 15 illustrierten Einzelbeiträgen aus Wissenschaft, Technik, Kultur und Alltag wird den Ausprägungen der Systemkonkurrenz nachgespürt. Die Beiträge beruhen zumeist auf Vorträgen, die anlässlich des Anfang 2006 vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam ausgerichteten Workshops „Berlin-Brandenburg im Kalten Krieg“ gehalten wurden. Sie sollen die Frage klären, inwiefern die geteilte Region als Brennpunkt des Ost-West-Konfliktes diesen „‘vor Ort‘ konkret mitbestimmte“ (S. 10). Das ist eine sehr lockere inhaltliche Klammer.

Das (allzu) knappe, indes vorzügliche Vorwort von Michael Lemke problematisiert – warum nur in einer Fußnote? – den zentralen Begriff des „Schaufensters“, den die Machthabenden in beiden Teilen der Stadt für ihr Herrschaftsgebiet in Anspruch nahmen.[1] Vor allem in der Zeit vor 1961 waren die sozialen Interaktionen in Berlin „noch von relativer Systemdurchlässigkeit“ (S. 7) des Stadtgebietes und seines Umlandes gekennzeichnet. Die Kategorien der „Systemkonkurrenz“, Teilung und Verflechtung, werden gleichwohl nur angerissen. Gleichwohl lassen sich dem „beiderseitigen Suchen nach optimalen Sachlösungen“ (S. 10) anhand der vorgeführten Beispiele Erkenntnisse und vielfältige Anregungen zu integralen Fragestellungen entnehmen.

Während der Berlin-Blockade 1948/49 und erst recht nach dem Mauerbau stand das Verkehrswesen in der Stadt im Zentrum der Aufmerksamkeit. Erst 1957 war es der DDR gelungen, die Schienenstrecke um die „Insel“ West-Berlin herum zu schließen. Der S-Bahn-Betrieb in West-Berlin stand bis in die 1980er-Jahre hinein unter der Ägide des Ostens, was zum Boykott und zur Verwahrlosung dieses wichtigen Verkehrsmittels führte, wie Burghard Ciesla ausführt – in einer Zeit, als die Stadtplaner im Westen auf die autogerechte Stadt setzten. „Katastrophale Zustände und bizarre Arbeitsbedingungen“ (S. 131) waren dem Image der SED im Westen keinesfalls förderlich, doch es fehlten der politische Wille und letztlich schlicht die Mittel, daran etwas zu ändern. Der Senat hingegen musste rasch erkennen, dass ein Schüren des Volkszorns gegen die Repräsentanz der „Spalter“ wenig hilfreich war. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt sah sich nach Beginn des Mauerbaus dazu veranlasst, die Bevölkerung dazu aufzurufen, S-Bahn-Züge und Eisenbahnanlagen nicht zu zerstören – man wollte keinen Vorwand zu Gegenmaßnahmen bieten. Ciesla beschreibt eindrucksvoll, wie sich beide Seiten bei der Aushandlung der Passierscheinabkommen und fortan immer wieder auf eine „salvatorische Klausel“ einigten: „Zuerst wird erklärt, dass man anderer Auffassung ist, und dann wird die Angelegenheit im Sinne einer erfolgreichen Lösung, so gut es geht, geklärt.“ (S. 130)

Die asymmetrische Parallelentwicklung war stets präsent. So führte etwa die Einführung von Stereoprogrammen im SFB zu verstärkten Anstrengungen des ostdeutschen Rundfunks, dem es gelang, auch im Westteil Berlins Hörer anzusprechen (Christian Könne, S. 160). Dagegen musste Ost-Berlin den Kampf an der „Konsumfront“ verlieren; alle Anstrengungen, sich mit Sonderprogrammen, einer bevorzugten Versorgung der Hauptstadt und Repressionen gegen den Intersektorenhandel der Attraktivität West-Berlins zu erwehren, konnten den eklatanten Unterschied in den Lebensverhältnissen nicht verringern (Anna Kaminsky, S. 369). Beim Wohnungsbau entschloss sich Ost-Berlin gar erst 30 Jahre nach Kriegsende zu Neubauvierteln am Stadtrand (Marzahn, später Hellersdorf), während im Westen bereits in den 1950er-Jahren mit ERP-Mitteln und durch den Bund gefördert Trabantenstädte entstanden waren, die die Wohnungsnot linderten. Zu jener Zeit setzte die SED vor allem auf Prestigeobjekte wie die Stalinallee und den Ausbau der Schwerindustrie (Wolfgang Ribbe, S. 179). Einem „Teilbereich des Kalten Kriegs“ widmet sich Karin Zachmann mit einem originellen Thema: der Küche in Privathaushalten. „Zukunftsvisionen“ (S. 204) prallten aufeinander: hier die hoch technisierte, die Kernfamilie durch Tischmahlzeiten konstituierende und geräumige West-Küche, dort die uniformer ausgestattete Ost-Küche, welche die Befreiung der Frau von der Hausarbeit erleichtern und ihre Berufstätigkeit fördern sollte. Die voranschreitende Technisierung der Küchen ist, so zeigt Zachmann auf, ohne die Systemkonkurrenz im Kalten Krieg kaum zu verstehen.

Der kulturellen Systemkonkurrenz widmet sich auch Michael Lemke mit einer „unerhörten Begebenheit“, dem „Fall“ Walter Felsenstein. Der staatsloyale Intendant der Komischen Oper in Ost-Berlin hielt 1957/1958 trotz Entlassungsforderungen der SED an seinen West-Berliner Mitarbeitern fest. Die Partei gab schließlich nach, um den renommierten Künstler zu halten; Felsensteins Beharren konterkarierte die führende Rolle der Partei und führte zu Auseinandersetzungen im Politbüro. Verblüffende Gemeinsamkeiten beim Umgang mit aufbegehrenden Jugendlichen verortet Heiner Stahl: „Jugendliche Subkulturen hinterließen in Berlin ihre fettigen Fingerabdrücke auf den Schaufenstern der Systemkonkurrenz, drückten die Muster ihrer Schuhsohlen in die akkurat gepflegten Parkanlagen sozialistischer und freiheitlich demokratischer Selbstvergewisserung.“ (S. 250) Die neue Musik der 1960er-Jahre verwies auf einen „Soundplan“, so Stahl, der „nicht mehr ‚deutsch‘“ war und der „ähnliche Melodien mit unterschiedlichen Aufladungen“ enthielt (ebd.).

Nachdem deutsch-deutsche Autorenkontakte nach dem Mauerbau auf einen Tiefpunkt gesunken waren, kam es 1964 zu einem Neuanfang. Daniel Schwane erinnert an die „Siegmunds Hofer Gespräche“, kulturpolitisch-literarische Dialoge, die im Studentenwohnheim „Siegmunds Hof“ im Bezirk Tiergarten mit Ostautoren stattfanden. Der Deutsche Schriftstellerverband der DDR und die Kulturabteilung des ZK der SED hatten ein Interesse daran, „linientreue“ Ost-Autoren im Westen zu präsentieren und Einfluss auf die kritische Literatenszene nicht nur im Umfeld der „Gruppe 47“ nehmen zu können. Dabei bestand die DDR darauf, die korrekte Staatsbezeichnung zu verwenden – Ausdruck der geradezu neurotisch verfolgten Anerkennungspolitik Ost-Berlins.

Der lesenswerte Beitrag von Igor J. Polianski zeigt, wie die Sowjetische Militäradministration vergeblich versuchte, im Wissenschaftsbereich die „Lehre von der höheren Nerventätigkeit“ des sowjetischen Physiologen Iwan Pawlow gegen die dominierende Psychoanalyse Sigmund Freuds durchzusetzen. Diskussionswürdig ist seine These, nach der die Vorstellung vom Sozialismus als „Jungbrunnen“ eines „Neuen Menschen“, der die Vergangenheit vergessen macht, „deutliche Spuren in der ostdeutschen Sinnwelt“ (S. 25) hinterlassen habe. Peter Th. Walter geht der Frage nach, warum in West-Berlin erst 1987 eine Akademie der Wissenschaften gegründet wurde; Tobias Schulz diskutiert, welche Auswirkung die Berufung zweier konkurrierender Institutionen, der Humboldt-Universität Unter den Linden und der Freien Universität, auf die Traditionsline der „Friedrich-Wilhelms-Universität“ beim 150-jährigen Gründungsjubiläum im Jahre 1960 spielte.

Frank Roggenbuch befasst sich mit dem Eisenbahnerstreik der West-Berliner Unabhängigen Gewerkschaftsorganisation (UGO) Ende der 1940er-Jahre, bei dem es um eine ungeklärte Lohnfrage im Kontext des Lohnausgleichsverfahrens für Grenzgänger ging. Mit den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin 1973 in der Systemkonkurrenz beschäftigt sich Denise Wesenberg, mit den geteilten Berliner und Brandenburger Kirchgemeinden Christian Halbrock. Melanie Arndt schildert ein vergessenes Kapitel der frühen Zweistaatlichkeit, die vom Senat und den USA finanzierte Medikamenten- und Krankenhilfe West-Berlins für die Bewohner Ost-Berlins und der Region. Dabei sollte alles getan werden, die Hilfe für Patienten aus dem Osten zu gewährleisten, ohne, so ein vertraulicher Bericht aus der Senatsverwaltung für Arbeit und Sozialwesen, „den Sog nach West-Berlin allzu sehr zu verstärken“ (S. 55). Die praktische Ausführung übernahm ein „Zentralausschuss für die Verteilung von Liebesgaben“ (S. 56).

Leider weist auch dieser Sammelband ein Manko auf, das er mit vielen Bänden seiner Art teilt: Die Ergebnisse der Einzelstudien werden nicht recht zu einer Synthese zusammengeführt. Die Einzelbeiträge sind von unterschiedlicher Qualität und Diktion. Besonders hervorzuheben sind die instruktiven Texte von Igor F. Polianski und Heiner Stahl, öffnen sie doch ihren jeweiligen Gegenstandsbereich und ermutigen zu „gesamtdeutschen“ Forschungsfragen, etwa nach den Mentalitätsbeständen von Ost- und Westdeutschen oder nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Generationen in beiden Teilen Deutschlands.

Anmerkung:
[1] Vgl. auch den ebenfalls von Michael Lemke herausgegebenen Vorläuferband: Schaufenster der Systemkonkurrenz. Die Region Berlin-Brandenburg im Kalten Krieg, Köln 2006.

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22.10.2009
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