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Titel
Walther Rathenau. Portrait einer Epoche


Autor(en)
Gall, Lothar
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilman Koops, Bundesarchiv / Universität Koblenz-Landau

Als Repräsentanten seiner Epoche will Lothar Gall in seiner jüngsten Studie Walther Rathenau (1867-1922) dem Leser vorstellen; er unterscheidet sich damit von umfangreichen Rathenau-Biographien, wie sie zuletzt Christian Schölzel vorgelegt hat.[1] Die Epoche umfasst die Lebenszeit Walther Rathenaus, vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zu seiner Ermordung in den frühen Jahren der Weimarer Republik.

In den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs entfaltete sich eine bürgerliche Bewegung, die, unzufrieden mit dem Status quo des Kaiserreichs, in Politik und Gesellschaft, Künsten und Wissenschaften und nicht zuletzt in der Gestaltung des Alltags nach neuen Formen und Wegen suchte. Seit der Jahrhundertwende baute Rathenau ein Netzwerk zu den Vertretern der künstlerischen und literarischen Moderne auf, das sich aus seinem umfangreichen Briefwechsel erschließt: mit Edvard Munch und Max Klinger, mit Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Max Reinhardt und Maximilian Harden, Peter Behrens und vielen anderen, die in dem mehr als 120 Seiten umfassenden Personenverzeichnis der Briefausgabe genannt sind.[2] Lothar Gall gelingt es vorzüglich, einen Eindruck von dieser Aufbruchstimmung in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts zu vermitteln[3], den man in der neueren historischen Literatur selten findet.[4]

Rathenau beteiligte sich mit Aufsätzen, die in Hardens Zeitschrift „Die Zukunft“ erschienen, an der Zeitkritik. Als Intellektueller und politisch-philosophischer Schriftsteller wollte Walther aus dem Schatten seines Vaters Emil Rathenau, des Gründers des Elektrokonzerns AEG, heraustreten. Dies gelang ihm ebenso wenig, wie er die Rolle des Außenseiters abstreifen konnte: Künstler sahen in ihm den dilettierenden großbürgerlichen Industriellen und Bankier, sein jüdisches Deutschtum evozierte den Hass der Antisemiten, mit seinen Reformvorstellungen über Staat, Gesellschaft und Wirtschaft stieß er bei den herrschenden Eliten auf deutliche Ablehnung, ob es um die „Mechanisierung der Welt“, einen starken Staat über den Parteien und Klassen oder die „Gemeinwirtschaft“ ging.

Eine zweite Möglichkeit für Walther Rathenau, sich eine vom Vater unabhängige, eigene Existenz aufzubauen, war der Weg in die Politik. Doch dies gelang ihm erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, nachdem 1906 die von ihm betriebene Berufung zum Staatssekretär des neu geschaffenen Reichskolonialamts erfolglos geblieben war: Auf seinen Vorschlag wurde zur Sicherung und Beschaffung von Rohstoffen die Kriegsrohstoffabteilung errichtet, deren Leitung Rathenau übernahm. Rathenau begann diese Tätigkeit mit fünf Mitarbeitern, am Ende des Krieges zählte diese Abteilung über 2.500 Beschäftigte. Aber bereits zum 1. April 1915 schied er aus dem Amt aus, weil zahlreiche persönliche Anfeindungen ihn belasteten.

Erst das Ende des Krieges und die Revolution von 1918/19 eröffneten für Rathenau neue Chancen des politischen Engagements. Im April 1920 wurde er in die Zweite Sozialisierungskommission berufen, in der er in Konflikte mit seinem früheren engen Mitarbeiter Wichard v. Moellendorff und dem Industriellen Hugo Stinnes geriet und mit seinen Vorstellungen nicht durchdrang.

1921 übertrug ihm Reichskanzler Josef Wirth das Reichsministerium für Wiederaufbau. Rathenau suchte die Reparationsfrage zu entpolitisieren und mit dem Wiederaufbau der zerstörten französischen Kriegsgebiete das Verhältnis zu Frankreich zu entspannen, aber er scheiterte an der Intransigenz der französischen Regierung. Als Außenminister ist sein Name mit dem Vertrag von Rapallo zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion verbunden, obwohl die Verhandlungen von Wirth eingeleitet worden waren und Rathenau sie nur mit Bedenken unterstützte. Gleichwohl fiel er als Vertreter „jüdisch-bolschewistischer Interessen“ am 24. Juni 1922 einem Attentat rechtsradikaler Täter zum Opfer.

War Walther Rathenau nun wirklich repräsentativ als „Portrait einer Epoche“? Lothar Gall porträtiert ihn vielmehr als einen Außenseiter in seiner Zeit. Sein eigentlicher Lebensinhalt war die Flucht aus dem Schatten seines Vaters, ihm fehlte letztlich „ein übergreifendes, Richtung gebendes, seine Kräfte konzentrierendes und leitendes Lebensziel“ (S. 258). So hat ihn Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in der Figur des Dr. Paul Arnheim geschildert – wie die Hauptfigur Ulrich gleichfalls ein „Mann ohne Eigenschaften“.

Ob Walther Rathenau, der vielseitig begabte Außenseiter, wirklich die Symbolfigur und der Spiegel seiner Epoche gewesen ist, bleibt deshalb nach der Lektüre ungewiss. Was bleibt, ist Lothar Galls brillante Darstellung der Epoche und der Biographie Walther Rathenaus.

Anmerkungen:
[1] Christian Schölzel, Walther Rathenau. Eine Biographie, Paderborn 2006.
[2] Alexander Jaser / Clemens Picht / Ernst Schulin (Hrsg.), Walther Rathenau. Briefe. 2 Bände (Walther Rathenau-Gesamtausgabe Band V), Düsseldorf 2006.
[3] Allerdings erwähnt Gall die Schattenseite vieler Reformbewegungen, die völkische Komponente, nicht, obwohl Rathenau mit dem völkischen Schriftsteller Hermann Burte und dem „germanisch-gläubigen“ Wilhelm Schwaner korrespondierte. Vgl. Gregor Hufenreuter und Christoph Knüppel (Hrsg.), Wilhelm Schwaner / Walther Rathenau. Eine Freundschaft im Widerspruch. Der Briefwechsel 1913-1922, Berlin 2008; Schwaner war einer der wenigen Briefpartner, mit denen Rathenau sich duzte – ein anderer war Gerhart Hauptmann. Zur Problematik völkischer Reforminitiativen: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, München 1999.
[4] Am ehesten findet sich eine vergleichbare Darstellung, wenn auch nicht so prägnant, bei Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Band 1: Arbeitswelt und Bürgergeist, 3. Aufl., München 1993.