V. Prashad: The Darker Nations. A People’s History of the Third World

: The Darker Nations. A People's History of the Third World. New York  2007. ISBN 978-1-59558-342-0

: Institutions of the Global South. . New York  2008. ISBN 978-0-415-36591-8

Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Jürgen Dinkel, Historisches Seminar, Justus-Liebig-Universität Gießen

Die „Dritte Welt“[1] war nicht nur passives Objekt westlicher Politik, sondern sie propagierte im Prozess der Dekolonisation aktiv eigene Visionen einer gerechten nachkolonialen Weltordnung. Jenseits ihrer konkreten Realisierung haben die Versuche der Dritten Welt, sich zu organisieren und ihren Visionen Geltung zu verschaffen, ihre Spuren in der Geschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen.[2] Wie sich die Dritte Welt analytisch als Akteur fassen lässt, über welchen Zeitraum sinnvoll von der Dritten Welt als Akteur gesprochen werden kann und wie ihre Visionen genau aussahen, auf diese Fragen geben Vijay Prashad und Jacqueline Anne Braveboy-Wagner jeweils unterschiedliche, in jedem Fall aber erfrischende Antworten.

Die Dritte Welt war für Prashad „not a place. It was a project.“ (S. xv) Und das Ziel dieses Projektes war die Beseitigung des kolonialen Erbes und die Errichtung einer neuen Weltordnung basierend auf demokratischen und sozialistischen Werten. Aufgrund dieser Definition analysiert Prashad die Dritte Welt nicht als Raum, sondern als ein Netzwerk aus politischen Führern, Intellektuellen und Künstlern, die im Zeitraum zwischen den 1920er-Jahren und dem Ende der 1980er-Jahre gemeinsam versuchten, eine neue Weltordnung zu etablieren. Die Geschichte dieses Projektes beschreibt Prashad in drei Teilen.

Der erste Teil „Quest“ untersucht die Entstehung und die Verbreitung des Projektes zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren. Dabei dienen Prashad Konferenzen und andere Zusammenkünfte jeweils als Kristallisationspunkte, anhand derer er einerseits politische Strömungen innerhalb der Dritten Welt aufzeigt, von denen er aber auch Verbindungslinien zu übergeordneten Konflikten und Ereignissen der zeitgenössischen Kontexte zieht. Nach einem einleitenden Kapitel analysiert er auf diese Weise das Treffen der Liga gegen Imperialismus in Brüssel (1927), die afroasiatische Konferenz in Bandung (1955), die afroasiatische Frauenkonferenz in Kairo (1961), die in Buenos Aires geführten Verhandlungen über eine neue Weltwirtschaftsordnung, kulturelle Austauschprozesse während verschiedener Konferenzen, das erste Treffen der Bewegung Blockfreier Staaten in Belgrad (1961) und die Drei-Kontinenten-Konferenz in Havanna (1966).
Diese Treffen stellen für Prashad wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Entstehung der Dritten Welt dar. Denn während der Konferenzen kam es zu Vernetzungen verschiedener Akteure, zur Formulierung von Programmatiken und zur Verbreitung von deren demokratischen und sozialistischen Inhalten. Dies führte dazu, dass die Visionen der Dritten Welt bis Mitte der 1960er Jahre zur moralisch überlegenen Alternative gegenüber westlichen Ordnungsvorstellungen wurden, welche das internationale System bis dato dominiert hatten.

Im zweiten Teil „Pitfalls“ untersucht Prashad innerstaatliche Entscheidungen, welche in den 1970er-Jahren die Verwirklichung einer gerechten Weltordnung im Sinne der Dritten Welt verhinderten. Anhand von sechs Fallbeispielen verdeutlicht er dabei folgende Faktoren:
(1.) Die meisten Befreiungsbewegungen schafften es nach der politischen Unabhängigkeit nicht, ein demokratisches System aufzubauen (2.) Statt dessen setzte sich unter der herrschenden Elite die Einsicht durch, dass die notwendige Säkularisierung und Modernisierung der Gesellschaft am besten von einem autoritären Staat durchgeführt werden könne. (3.) Dieser wiederum habe dabei aufgrund eines technologischen Machbarkeitsglaubens keine Rücksichten auf gewachsene gesellschaftliche Strukturen und die Natur genommen und dadurch menschliche sowie ökologische Katastrophen mit langfristigen Folgen verursacht. (4.) Oppositionelle Bewegungen, vor allem Kommunisten, wurden verfolgt, womit eine zentrale Triebkraft des Dritte-Welt-Projektes ausgebremst und ein wichtiges Gegengewicht zu den Nationalbewegungen ausgeschaltet wurde. Anstatt zu sozialen Reformen ist es deshalb zur Bereicherung der Elite gekommen. (5.) Die wenigen verbliebenen Ressourcen sind von dieser zudem sinnlos in Grenzziehungskriegen verbraucht worden. (6.) Die Unfähigkeit einzelner Staaten, sich auf eine gemeinsame Rohstoffpolitik zu einigen, verhinderte zudem höhere Staatseinnahmen.
Aufgrund dieses Verhaltens versäumten es die Führer der Dritten Welt, sich durch eine gerechte Herrschaftsausübung zu legitimieren. Es entstanden fragile Staaten ohne gesellschaftliche Legitimation, deren Souveränitätsanspruch nur noch mit Gewalt durchgesetzt werden konnte – die entstehenden Militärdiktaturen, so Prashad, waren der sichtbare Ausdruck dieses Prozesses.

Im letzten Teil seines Buches „Assassinations“ beschreibt Prashad die fehlgeschlagene Kooperation zwischen einzelnen Staaten in den 1980er-Jahren, welche zum Scheitern des Projektes beitrugen. Anhand einer Analyse des siebten Treffens der Blockfreienbewegung in Delhi im Jahr 1983, den Auswirkungen der Schuldenkrise und den Folgen des „Asian way of capitalism“ kommt Prashad zu dem Ergebnis, dass die Staaten der Dritten Welt in den 1970er-Jahren eine Transformationsphase durchliefen, in deren Verlauf neue Eliten entstanden. Diese zerstörten anschließend aus persönlichem oder nationalem Eigeninteresse nicht nur die Solidarität untereinander, sondern provozierten auch die Handlungsunfähigkeit der Dritte-Welt-Institutionen. Um sich an der Macht zu halten, förderten die Führer der Dritten Welt des Weiteren in ihren Staaten einen kulturellen Nationalismus und nahmen wachsende Spannungen zwischen ihren Staaten und innerhalb ihrer Gesellschaften in Kauf. Diese Maßnahmen leisteten militärischen Konflikten Vorschub, welche die behauptete moralische Überlegenheit des Projektes gegenüber westlichen Ordnungs¬vorstellungen endgültig diskreditierte und zur Auflösung des Dritte-Welt-Projektes führte. Deren Geschichte lässt sich in den Worten von Julius Nyerere in fünf Worten zusammenfassen: „growth and hope – then disillusionment.“(S. 276)

Prashads Buch hinterlässt einen stilistisch und argumentativ durchweg positiven Eindruck, der durch ein 64 Seiten langes überwiegend gedruckte Quellen und Sekundärliteratur aufweisendes Endnotenverzeichnis eindrucksvoll unterstrichen wird. Die konsequent beibehaltene Binnenperspektive der Dritten Welt führt zu einer ungewöhnlichen, aber enorm erkenntnisreichen Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Klarheit und Überzeugungskraft von Prashads These beruht allerdings zum Teil auf unnötigen Vereinfachungen.
Während Prashad die Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten innerhalb der Dritten Welt betont, werden Brüche und Konflikte zunächst kaum thematisiert. Die Akteure selbst sahen sich jedoch, wie Prashad im Widerspruch zu seinem analytischen Zugriff schreibt, keineswegs als eine Einheit Dritte Welt, sondern als Nationalstaaten oder Mitglieder einer konkreten Institution.(S. 13) Die aus diesem Selbstverständnis resultierenden Macht- und Deutungskämpfe zwischen einzelnen Staaten und ihr Pendeln zwischen dem Engagement für nationale und/oder gemeinsame Interessen waren von Anfang an ein wichtiges Charakteristikum der Dritten Welt.
Die Prämisse, dass das Dritte Welt Projekt die weltweite Etablierung demokratischer und sozialistischer Strukturen zum Ziel hatte, ist nicht immer überzeugend. Das äußerst facettenreiche Panorama der Dritten Welt, das Prashad in seinem Buch entwirft, wird durch diese Annahme unnötig in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit eingeschränkt, da nationalistische oder autoritäre Handlungsmotive dadurch per Definition als Bestandteil der Dritten Welt ausgegrenzt werden.

Eine andere Deutung dieser Widersprüche schlägt die Politik¬wissenschaftlerin Jacqueline Anne Braveboy-Wagner vor. Diese hat sich bereits durch mehrere Studien zum globalen Süden, wie sie ihren Untersuchungsgegenstand nennt, als Expertin auf diesem Gebiet ausgewiesen.[3] Ihr neuestes Buch ist Teil der von Thomas G. Weiss herausgegeben Reihe „Global Institutions“ und beruht nicht auf neuen Forschungen, sondern fasst die Ergebnisse ihrer früheren Studien zusammen. Ihr Ziel ist es, dem Leser einen zusammenfassenden Überblick über die Geschichte, Struktur und Aktivitäten von zentralen Institutionen des globalen Südens zu verschaffen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Staaten des Südens in den 1970er-Jahren deutlich häufiger als entwickelte Länder Mitglied in internationalen oder regionalen Organisationen waren, fragt Braveboy-Wagner danach, was sich die beteiligten Staaten von der Gründung verschiedener Organisationen und dem Engagement in diesen versprochen hätten.
Zur Beantwortung dieser Frage analysiert sie in den ersten drei Kapiteln auf globaler Ebene die Bewegung Blockfreier Staaten, die Gruppe der 77 und die Organisation Erdölfördernder Staaten, in den nächsten drei Kapiteln auf regionaler Ebene Visionen des Pan-Amerikanismus, des Pan-Afrikanismus und des Pan-Arabismus/Pan-Islamismus und schließlich in den letzten drei Kapiteln auf lokaler Ebene Zusammenschlüsse in Lateinamerika, der Karibik, Afrika und Asien. Jede Institution wird dabei unter drei Fragestellungen analysiert: Wie verlief die institutionelle Entwicklung? Was waren die Ziele der Institution und inwiefern wurden die Ziele erreicht?

Mit dieser Herangehensweise kommt sie zu dem Ergebnis, dass im Untersuchungszeitraum – zwischen den 1940er-Jahren und heute – für die Staaten des globalen Südens vier Faktoren ausschlaggebend waren, sich in internationalen Institutionen zu organisieren: (1.) der Wunsch nach einer vertieften technischen Zusammenarbeit. (2.) eine größere außen¬politische Flexibilität. (3.) der Schutz vor dem Einfluss anderer (insbesondere von westlichen Mächten kontrollierten) Institutionen und (4.) vor allem die Gewährleistung des nationalen Sicherheitsbedürfnisses.
Für Braveboy-Wagner stellen die verschiedenen internationalen Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Dritten Welt entstanden sind, somit vor allem den Versuch dar, durch eine aktive Politik die neu erlangte Souveränität auf politischem, wirtschaftlichem und militärischem Gebiet abzusichern.

Die Staaten des globalen Südens wählten in den 1950er-Jahren zur Absicherung ihrer Souveränität regionale Zusammenschlüsse, während sie zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren auf global ausgerichtete Organisationen vertrauten. In den 1980er-Jahren blockierten innere Meinungsverschiedenheiten die Handlungsfähigkeit global ausgerichteter Institutionen, wodurch diese an Bedeutung verloren. Eine Zäsur in der institutionellen Landschaft des globalen Südens und in der thematischen Zielsetzung der Institutionen markiert nach Braveboy-Wagner aber erst das Ende des Kalten Krieges. Seit den 1990er-Jahren lässt sich ein Miteinander älterer und neuer Organisationen beobachten. Organisationen wie die Blockfreienbewegung oder die Gruppe der 77 bestehen weiter, büßen aber sukzessive an Einfluss ein. Hingegen erleben regionale und lokale Institutionen einen Aufschwung, werden wieder aktiver oder gründen sich neu.
Es darf nach Braveboy-Wagner allerdings nicht vergessen werden, dass seit den 1940er-Jahren alle Varianten des lokalen, regionalen und globalen institutionellen Engagements nebeneinander existierten und nur der Grad variierte, mit dem sich die einzelnen Staaten für eine Option der Kooperation einsetzten. Grundsätzlich erfüllten die Institutionen des Südens ihre zentrale Funktion und stillten das Sicherheitsbedürfnis der Mitgliedsstaaten in einer sich wandelnden Welt.

Aufgrund dieser Anpassungsfähigkeit der Länder des globalen Südens hält es Braveboy-Wagner weiterhin für sinnvoll, den globalen Süden als Akteur ernst zu nehmen. Im Gegensatz zu Prashads Studie existiert für sie der „Bandung-Spirit“ im globalen Süden weiter: „It has simply evolved into new forms, particularly regional forms.“ (S. 216)

Die Studie von Braveboy-Wagner ist ambivalenter zu bewerten als Prashads Monographie. Das Hauptziel des Buches, einen kompakten Überblick über die Institutionen des globalen Südens zu liefern, hat Braveboy-Wagner erreicht. Von ihr werden zudem auch kleinere und weniger bekannte Institutionen berücksichtigt, andeutungsweise voneinander abgegrenzt und charakterisiert. Dies macht ihr Buch auch für Historiker, die einen Einstieg in diese Thematik suchen, zu einer wertvollen Hilfe.
Der kompakte, viele Institutionen skizzierende Überblick geht allerdings auf Kosten der analytischen Tiefe. Die Ziele einer Institution sind bei Braveboy-Wagner immer schriftlich fixierte Programmatiken und diese dienen auch als Maßstab zur Beurteilung, ob eine Institution ihre Ziele erreicht habe. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ist diese Herangehensweise oftmals nicht befriedigend. Da der Leser nur spärlich über die Aushandlungsprozesse der Programmatiken, über die beteiligten Personen und die jeweiligen zeitgenössischen Rahmenbedingungen informiert wird, scheint die Geschichte der Institutionen bei Braveboy-Wagner in einem fast ahistorischen Raum stattzufinden.
Ein zweiter problematischer Punkt ist die Materialgrundlage: Zwar sind die Verweise auf weiterführende Literatur, vor allem die zahlreich aufgelisteten Internetlinks zu einzelnen Institutionen, positiv hervorzuheben. Hingegen fällt auf, dass beispielsweise bei den Angaben zur Blockfreienbewegung die zentrale mehrbändige Quellenedition „The Third World without Superpowers“ und auch neuere Studien zur Bewegung nicht genannt werden.[4]

Beide Bücher vertreten die These, dass die Dritte Welt als ein durch gemeinsame Ideen, Personen und Institutionen verbundener Akteur interpretiert werden sollte, der eigene Ideale und Ziele verfolgte.
Prashad und Braveboy-Wagner stecken mit ihren unterschiedlichen Ansätzen einen breiten Rahmen ab, der zukünftigen Studien zur Dritten Welt eine gute Orientierung bieten kann. Während Prashad die Dritte Welt als Netzwerk versteht und die Macht der Ideale sowie das Ziel, eine neue Welt zu errichten, als ihre Triebkraft identifiziert, wählt Braveboy-Wagner einen institutionsgeschichtlichen Zugriff und betont den Wunsch der Dritte-Welt Staaten nach der Absicherung ihrer nationalen Souveränität. Dieses Pendeln einzelner Staaten und Organisationen der Dritten Welt zwischen der Schaffung von Neuem und dem Absichern von Erreichtem beziehungsweise zwischen dem Engagement in internationalen Institutionen und dem Rückzug auf nationale Interessen gilt es weiter in ihren zeitlichen und räumlichen Verlauf zu untersuchen. Braveboy-Wagner und vor allem Prashad haben mit ihren Büchern hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Anmerkungen:
[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden „Dritte Welt“ ohne Anführungszeichen geschrieben.
[2] Mark T. Berger, After the Third World? History, destiny and the fate of Third Worldism, in: Third World Quarterly 25 (2004) 1, S. 9-39.
[3] Jacqueline Anne Braveboy-Wagner (Hrsg.), The Foreign Policies of the Global South. Rethinking Conceptual Frameworks, Boulder, Colorado 2003.
[4] Odette Jankowitsch, Karl P. Sauvant, The Third World without Superpowers. The Collected Documents of the Non-Aligned Countries, Bd. 1, New York 1978. Vgl. Literaturhinweise bei Prashad, Nations. Abraham, Itty: From Bandung to NAM: Non-alignment and Indian Foreign Policy, 1947-65, in: Commenwealth&Comparative Politics, 64 (2008) 2, S. 195-219.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.05.2009
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/