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Titel
"Germanen" aus Sicht der Archäologie. Neue Thesen zu einem alten Thema


Autor(en)
Steuer, Heiko
Reihe
Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (125)
Erschienen
Berlin 2021: de Gruyter
Anzahl Seiten
Teil 1: XVII, 701 S.; Teil 2: XI S., S. 704-1625
Preis
€ 205,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Berggötz, Staatsbibliothek zu Berlin

Der renommierte Archäologe Heiko Steuer (geboren 1939), früherer Lehrstuhlinhaber an der Universität Freiburg und vom achten bis zum 35. und letzten Band Mitherausgeber des für die Germanenforschung grundlegenden Reallexikons der Germanischen Altertumskunde, legt hier sein Alterswerk vor, ein wahres opus summum, das als 125. Band in der Reihe der Ergänzungsbände zum Reallexikon erschienen ist.[1] Die Arbeit ist in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung für die Germanenforschung. Die erste ist rein formaler Natur: Das Werk zählt 1625 Seiten; davon umfasst das Literaturverzeichnis allein 194 Seiten. Bei diesem Umfang bleibt nicht aus, dass sich das Werk über weite Strecken als bibliographie raisonnée liest. Leider hat der Verlag das Lektorat etwas vernachlässigt, so dass die Zahl der orthographischen Versehen nicht unerheblich ist. Dies macht sich bei dem eigentlich flüssig geschriebenen Text mitunter störend bemerkbar.

Gewichtiger ist die zweite Herausforderung: Steuer will eine Kulturgeschichte Mittel- und teilweise Nordeuropas vom Auftauchen der Römer in diesem Raum bis in die frühe Merowingerzeit schreiben. Und dabei will er ganz vom archäologischen Befund ausgehen und auf die schriftlichen Quellen der Antike verzichten (S. 156). Diese zieht er allenfalls zusätzlich und insgesamt äußerst sparsam heran. Er stellt damit die Germanenforschung quasi vom Kopf auf die Füße, denn diese hat die archäologischen Quellen bislang nur ergänzend und bekräftigend zu den nicht gerade wenigen antiken Textnachweisen und Inschriften herangezogen. Dabei ist schon lange bekannt und unbestritten, dass die schriftlichen Zeugnisse nur eine Außensicht sein können, die auf Grund ihrer zahlreichen Barbarentopoi obendrein tendenziöse Züge aufweist.

In einem ersten Teil legt Steuer umfassend seine Methode dar. Die Germanen erscheinen in der schriftlichen Überlieferung als Kriegerverbände – durchaus auch mit Frauen und Kindern im Tross. Ihre kurzfristigen Wanderungen sind allerdings archäologisch nicht fassbar, da eine Verknüpfung von geschichtlichen Ereignissen mit archäologischen Funden und Befunden methodisch nicht möglich ist. Jedoch sind die zahlreichen Opferniederlegungen der erbeuteten Heeresausrüstungen in Seen und Mooren, die sich freilich keinen konkreten Kriegen zuordnen lassen, im Ostseeraum und in Jütland von etwa 350 v.Chr. bis um 525 n.Chr. die aussagekräftigsten Quellen, die heute der Archäologie zur Verfügung stehen.

Steuer lehnt, wie bereits mehrfach von ihm dargelegt, die ethnische Interpretation archäologischer Kulturen nachhaltig ab, ja sieht diese auf der Basis von Keramikformen und Fibeltypen konstruierten Kulturen einem unterschwellig fortdauernden ethnisch geprägten Denken entsprungen. Er sieht darin vielmehr den Ausfluss von Kommunikationsnetzen. So versucht er es zu vermeiden, von „den Germanen“ zu sprechen. Steuer benutzt eher den ethnographischen Begriff ohne Artikel, auch in Anführungszeichen, spricht ganz neutral von der Bevölkerung Mitteleuropas oder weicht auf das geographische Germanien aus. Prägnant fasst er seine Methode in vier Thesen (S. 142), vier Problemfeldern (S. 148f.) und zehn Themenkreisen (S. 150f.) zusammen.

Im umfangreichen Hauptteil „Fakten – die archäologischen Quellen“ breitet er auf dem aktuellen Stand der Forschung den Stoff in opulenter Fülle aus. Auf dem begrenzten Raum einer Besprechung ist es gar nicht möglich, die Gesamtzahl der behandelten Inhalte auch nur annähernd zu erfassen. Dieser Fülle wegen kann das Werk geradezu als Fortführung und Ergänzung der archäologischen Artikel des Reallexikons angesehen werden, dessen erster Band bereits 1973 und dessen letzter Band 2007 erschien. Die neuen und neu bearbeiteten Lemmata in der elektronischen Germanischen Altertumskunde online erfassen den Gang der Forschung dagegen nur punktuell.

Ausgehend von zahlreichen mittlerweile umfassend ausgegrabenen Siedlungen kommt Steuer zu dem Schluss, dass Germanien durchaus dicht besiedelt war und dass ein gut ausgebautes Wegenetz bestand, dass es in den Dörfern zentrale Gebäude für kulturelle Zwecke sowie richtige Tempelbauten gab und dass während des gesamten Zeitraums das Wohn-Stall-Haus aus Holz und Lehm genutzt wurde, in dem Mensch und Tier unter einem Dach lebten. An diesem hielt man auch im römischen Herrschaftsbereich – etwa bei den Batavern – fest. Ergänzt sei hier, dass Tacitus (Germ. 46,1) die Art des Hausbaus (domicilia) als eines der Kriterien benennt, um die Germanizität der Bastarnen zu erweisen – neben Sprache (sermo), Lebensweise (cultus) und Siedlungsart (sedes).

Der römische Einfluss scheint Steuer in der Forschung deutlich überschätzt, denn römische Importgüter spielten im Alltagsleben und Totenbrauchtum nur eine untergeordnete, ergänzende Rolle. In der Landwirtschaft blieb man bei seinen herkömmlichen Methoden in der Viehzucht und beim Saatgut. Überhaupt glaubt Steuer eine geradezu bewusste Verweigerungshaltung gegen Romanisierung zu erkennen. Explizit betont er, „Hauptanliegen“ seines Buches sei, die Eigenständigkeit Germaniens zu beschreiben, die trotz der engen Nachbarschaft zum römischen Imperium bestand: Seine Bewohner blieben über Jahrhunderte bei ihrer traditionellen Lebensweise, insbesondere im Hausbau und den Grabsitten (S. 598 mit explizitem Verweis auf weitere Stellen im Buch).

Ausführlich behandelt er die Runenschrift. Statt einer Übernahme der lateinischen Schrift kam es zu einer eigenständigen Schriftschöpfung in Germanien, die von allen germanischen Bevölkerungsgruppen in Mittel- und Nordeuropa übernommen worden ist. In ähnlicher Weise sieht Steuer in den auf römischen Grundlagen aufbauenden, aber mit eigenem „Stilempfinden“ weiterentwickelten Kunststilen der Völkerwanderungszeit und der Merowingerzeit (Tierstil I und II) ein den ganzen germanischen Raum verbindendes Element.

Die Synthese seiner Darstellung nimmt Steuer dann im dritten Teil „Konsequenzen“ vor. Zusammenfassend legt er zehn Vorurteile über Germanien vor (S. 1273–1275) und stellt zehn Gründe für ein überregionales Gemeinschaftsbewusstsein auf, das ja gemeinhin in Abrede gestellt wird (S. 1275–1278). Darin besteht die dritte und größte Herausforderung, die das Buch an uns richtet. Dafür sollen zwei Zitate sprechen: Steuer konstatiert, „… dass es auch Gemeinsamkeiten im gesamten Germanien gab, was berechtigt von Germanen zu sprechen“ (S. 1273). Zudem habe „die Realität der häufigen Anwesenheit von zahlreichen ‚Germanen‘ in der römischen Welt den Leuten aus den Gebieten östlich des Rheins […] ein Bewusstsein geschaffen, dass sich diese Gruppen selbst als ‚Germanen‘ gefühlt haben“ (S. 1277f.).

Das Buch endet eher essayistisch mit Bezügen zwischen antiken Germanen und der Gegenwart – auch so aktuellen wie den Migrationsströmen nach Europa – sowie der Germanenrezeption. Die genannten Herausforderungen scheint mir der Autor gerade wegen des gewaltigen Umfangs gut gemeistert zu haben. Sehr klar tritt die Differenz der germanischen zur antiken Welt zu Tage. Weniger deutlich wird allerdings, worin sich Germanen von benachbarten Völkerschaften wie Kelten, Sarmaten, Finnen oder auch Slawen unterscheiden. Es bleibt das Paradoxon, dass Steuer die ethnische Interpretation nachdrücklich ablehnt, dann aber aus archäologischen Quellen heraus Germanen „wiederauferstehen“ lässt. Dafür sieht er als eines der konstitutiven Elemente sogar die gemeinsame Sprache an (S. 1275). Wohl durchdrungen von Altersskepsis lässt der Autor mehrfach durchblicken, dass wissenschaftliche Erkenntnisse „gefangen in der eigenen Zeit“ (S. 1301) sind und damit neue Vorurteile produziert werden. Insbesondere Kartenbilder geben nur den aktuellen Forschungsstand wieder und sind damit rein archäologische Konstruktionen.

Anmerkung:
[1] Eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte des Inhalts findet sich in seinem Aufsatz im Begleitband zu der 2020/21 in Berlin und Bonn gezeigten Ausstellung „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“: Heiko Steuer, Zehn Vorurteile antiker und moderner Historiker. Über die Verhältnisse in „Germanien“ in den ersten Jahrhunderten um und nach Christi Geburt, in: Gabriele Uelsberg / Matthias Wemhoff (Hrsg.), Germanen: eine archäologische Bestandsaufnahme, Darmstadt 2020, S. 43–65.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.08.2022
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