D. Hüser u.a. (Hrsg.): Sport-Arenen – Sport-Kulturen – Sport-Welten

Cover
Titel
Sport-Arenen – Sport-Kulturen – Sport-Welten / Arènes du sport – Cultures du sport – Mondes du sport. Deutsch-französisch-europäische Perspektiven im ‚langen‘ 20. Jahrhundert / Perspectives franco-allemandes et européennes dans le ‘long’ XXe siècle


Herausgeber
Hüser, Dietmar; Dietschy, Paul; Didion, Philipp
Reihe
Vice versa. Deutsch-französische Kulturstudien (7)
Erschienen
Stuttgart 2022: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
499 S.
Preis
€ 82,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Scholl, Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim

Als in der Corona-Pandemie die ersten Fußballspiele und andere Sportveranstaltungen in nahezu menschenleeren Stadien ausgetragen wurden, stellte sich wohl bei vielen Zuschauer:innen am Bildschirm ein befremdliches Gefühl ein. Zwar ließen sich aufgrund der fehlenden Geräuschkulisse nun interessante Einblicke in die Kommunikation zwischen Betreuer:innen, Spieler:innen und Schiedsrichter:innen gewinnen. Doch ohne Fangesänge, Choreografien, Trommeln, Applaus und Pfiffe fehlte es an der gewohnten Stadionatmosphäre. Daran konnten die rasch überall aufgestellten Zuschauerattrappen nicht viel ändern. Sportbegegnungen – vor allem Fußballspiele – waren dann auch unter den ersten Veranstaltungen, bei denen wieder größere Mengen an Zuschauer:innen zugelassen wurden. Ob man diesen Umstand beklagt oder begrüßt hat: Die Behandlung von Stadien und die Diskussion hierüber während der Pandemie hat die gesellschaftliche Bedeutung dieser Orte erneut eindrücklich vor Augen geführt.

Dass Stadien mehr sind als reine Austragungsorte für sportliche Wettbewerbe, haben Vertreter:innen der Sozial- und Geisteswissenschaften bereits verschiedentlich herausgestellt. Per Leo hat sie zu den prägenden „Orten der Moderne“ gezählt, Markus Schroer hat sie aus raumsoziologischer Perspektive beleuchtet, und zuletzt hat Hans Ulrich Gumbrecht das Zusammenkommen der „Massen“ im Stadion als „Ritual von Intensität“ charakterisiert.[1] Innerhalb der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft hat Noyan Dinçkal, der im hier besprochenen Sammelband ebenfalls mit einem Beitrag vertreten ist, durch seine Habilitationsschrift entscheidend dazu beigetragen, raum-, körper- und wissensgeschichtliche Perspektiven auf Sportbauten zu etablieren.[2] Mit Daphné Bolz und Robert W. Lewis konnten zwei weitere Autor:innen für den vorliegenden Band gewonnen werden, die mit einschlägigen Publikationen zur Geschichte von Stadien hervorgetreten sind.[3]

„Sport-Arenen – Sport-Kulturen – Sport-Welten“ schließt an diese Forschungen an, wenn in der Einleitung festgestellt wird, dass Stadien „emblematische Orte und lebensweltliche Bezugspunkte für Individuen wie gedachte Gemeinschaften aller Art“ sind (S. 10). Die insgesamt 21 Beiträge des Bandes, der aus einer deutsch-französischen Tagung hervorgegangen ist, sind in französischer, deutscher und einmal in englischer Sprache verfasst. Vorangestellt sind Zusammenfassungen in der jeweils anderen Sprache. Da es den Rahmen sprengen würde, alle Beiträge einzeln zu besprechen, sollen im Folgenden lediglich einige Schlaglichter geworfen werden.

Zu Beginn verdeutlicht das Herausgebertrio das Potenzial einer Stadiongeschichte, indem es vielfältige Anschlussmöglichkeiten an übergreifende historiografische Fragen nennt. So wird zum Beispiel auf die Ambivalenz von Sport-Arenen hingewiesen, die gemeinhin für Völkerverständigung und sportlich-fairen Wettbewerb stehen, aber immer auch Räume von Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung waren und sind, in denen geregelt, geordnet, diszipliniert und kontrolliert wird, es aber gleichermaßen zu Kontrollverlust, Normenbruch und Regelverstößen kommt. Den Titel des Sammelbandes aufgreifend erläutern die Herausgeber außerdem, dass sich Sport-Arenen als verschränkt mit lokal, regional und national geprägten Sport-Kulturen sowie international dimensionierten Sport-Welten begreifen lassen – als „Erlebnisorte“, „die Erregungsgemeinschaften entstehen lassen“ (S. 18). Besondere Erwähnung findet ein programmatischer Aufsatz, den der französische Soziologe Alain Ehrenberg bereits 1980 publiziert hat; er beschrieb Sportstätten als Orte „des Mobilisierens, des Kontrollierens und des Ausformens von Massen“ (S. 23).[4] Auf Ehrenbergs Spuren wollen die Herausgeber mit ihrem Band ausdrücklich wandeln (S. 29).

Die analytische Flughöhe der Einleitung wird indes nicht von allen Beiträgen erreicht, vor allem, weil nur selten explizit auf eine der Perspektiven aus dem Prolog Bezug genommen wird. Insbesondere Aspekte der Disziplinierung und Regulierung von „Massen“, der Gewalt, aber auch des Emotionsmanagements tauchen in den Texten selbst als Untersuchungsgegenstände fast gar nicht mehr auf – der Beitrag von Dinçkal bildet hier eine Ausnahme. Das schmälert nicht die Qualität der Aufsätze im Einzelnen, aber eine stärkere Verzahnung mit den Analysekategorien aus der Einleitung wäre insgesamt wünschenswert gewesen, auch weil den sechs Teilen (Stadien & Inszenierung, Stadien & Räume, Stadien & Urbanität, Stadien & Emotionen, Stadien & Frauen, Stadien & Architektur) keine eigenen Einleitungen vorangestellt sind.

Beim Großteil der Texte in der ersten Hälfte des Bandes handelt es sich eher um „Biographien“ einzelner oder mehrerer Stadien, wie Ulrich Pfeil es treffend in seinem Beitrag zum Walter-Ulbricht-Stadion in Ost-Berlin nennt (S. 87): Dargelegt werden in den meisten Fällen die Entstehungsgeschichte, Spezifika und Veränderungen in Nutzung und Architektur sowie prägende Ereignisse, die in den Stadien stattfanden. Interessant wird es vor allem dort, wo mitunter konfliktreiche Konstellationen verschiedener kommunaler, sportlicher und politischer Akteure in den Blick geraten, so etwa in den Beiträgen von Xavier Breuil zum Brüsseler Heysel-Stadion, von Laurent Bocquillon zum Stade-Vélodrome in Marseille oder von Philippe Vonnard und Grégory Quin zu „La Pontaise“ in Lausanne.

Dass Stadien oftmals als Stätten (national-)politischer Inszenierung dienten, wird ebenfalls in mehreren Beiträgen deutlich. Ansbert Baumann beschreibt das Stuttgarter Neckarstadion (eingeweiht unter dem Namen „Adolf-Hitler-Kampfbahn“), wo im Juli 1933 das Deutsche Turnfest ausgerichtet wurde und welches dann als Vorbild für den Bau des Berliner Olympiastadions fungierte, als „Inszenierungsort im Wandel der Zeit“. Julian Rieck untersucht den Neubau des 1947 eingeweihten Stadions von Real Madrid im Rahmen der faschistischen Zentralisierung. Als Symbol einer modernen urbanen Gesellschaft diente das Estadio Santiago Bernabéu der faschistischen Einheitspartei Spaniens 1953 als Bühne des ersten und einzigen nationalen Kongresses.

Die zweite Hälfte des Bandes ist von der Herangehensweise und Thematik der einzelnen Beiträge her etwas heterogener gestaltet, was erneut die Vielfalt potenzieller Perspektivierungen von Sport-Arenen belegt. Hier finden sich zum Beispiel eine Analyse der Stadionszenen des französischen Kultfilms „Coup de tête“ (1979), eine Exploration der Zugangsschwierigkeiten zu Fußballplätzen für Frauen sowie eine Auslotung der Möglichkeiten (und vor allem Grenzen), Methoden des digitalen Text Mining auf ein Korpus von Stadionrezensionen aus Bau- und Architekturzeitschriften anzuwenden. In manchen Fällen geht der engere Fokus auf Stadien bzw. Sportstätten etwas verloren, so in den Beiträgen von Saskia Lennartz und Laurence Prudhomme. Zwar zeigen sie eindrücklich, dass Stadien und Sportstätten (zumindest im Fußball) männlich dominierte Orte waren (und oft noch sind). Die aufgeworfene Frage, welches Verhältnis Frauen zum Stadion pflegten, wird jedoch über weite Strecken von einer allgemeineren historischen Darstellung des Frauenfußballs überlagert.

Hervorzuheben sind die Beiträge der Mitherausgeber Philipp Didion und Dietmar Hüser. Didion unternimmt einen emotionsgeschichtlichen Vergleich zweier deutscher und zweier französischer Stadien. Auch wenn die empirische Analyse gegenüber dem Aufzeigen theoretischer Anknüpfungspunkte (Emotionsgeschichte, Raumforschung, Erinnerungsgeschichte) etwas zurücktritt, handelt es sich doch um einen der wenigen Beiträge, die an verschiedene Analysekategorien der Einleitung anschließen. Hüser untersucht das Berner Wankdorf-Stadion, sportliche Heimat der Young Boys Bern, in dem die westdeutsche Nationalmannschaft 1954 Fußballweltmeister wurde, als pluralen Erinnerungsort. An dessen Konstruktion im Laufe der Zeit waren nicht nur Akteure aus Deutschland beteiligt, sondern ebenso aus Bern und der Schweiz sowie aus Ungarn.

Insgesamt handelt es sich bei „Sport-Arenen – Sport-Kulturen – Sport-Welten“ um einen facettenreichen Band, der interessante Einzelstudien versammelt und vielfältige Möglichkeiten historischer Stadionforschung präsentiert. Zur besseren Einordnung der einzelnen Beiträge in die verschiedenen Perspektiven, auch zum Aufzeigen von Verbindungslinien, gemeinsamen Problemen, Vergleichsmöglichkeiten etc., wären Teileinleitungen oder ein eigenes Teilkapitel in der Gesamteinleitung wünschenswert gewesen. Ebenso fehlt es an einem übergreifenden Periodisierungsangebot. Dabei zeichnet sich die Möglichkeit hierfür durchaus ab, wenn viele Beiträge eine Hochphase des Stadionbaus in den 1920er-Jahren ausmachen, oftmals verknüpft mit volksgesundheitlichen Motiven, aber auch kommunalen oder nationalen Prestigegründen, dann eine Phase der Rekonstruktion und des Ausbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, die in einer nochmals gesteigerten Kommerzialisierungsphase mündete. Schließlich fällt auf, dass die Perspektive der Besucher:innen von Sport-Arenen, der Zuschauer:innen, der Fans, aber auch der dort Arbeitenden, fast gänzlich ausgeklammert bleibt. Dies hängt stark mit den verwendeten Quellen zusammen: Nahezu alle Beiträge nutzen ausgiebig Printmedien sowie Kommunal- und Verbandsarchive. Ego-Dokumente werden hingegen so gut wie gar nicht einbezogen. Auch wenn sich die Quellenlage hier wahrscheinlich weitaus schwieriger gestaltet, wäre es doch gerade für emotionsgeschichtliche Fragen geboten, diese stärker zu berücksichtigen.

Die genannten Kritikpunkte sollen die Qualität und den Facettenreichtum des Bandes nicht überdecken. Sie unterstreichen vielmehr, dass das Vorhaben einer Stadiongeschichte, wie sie insbesondere in der Einleitung skizziert wird, äußerst ertragreich erscheint. Die kritischen Diskussionen über die menschenrechtlichen Bedingungen des Stadionbaus anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Katar belegen erneut, dass Sport-Arenen mehr sind als Arenen des Sports.

Anmerkungen:
[1] Per Leo, Das Stadion, in: Alexa Geisthövel / Habbo Knoch (Hrsg.), Orte der Moderne. Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005, S. 151–160; Markus Schroer, Vom „Bolzplatz“ zum „Fußballtempel“. Was sagt die Architektur der neuen Fußballstadien über die Gesellschaft der Gegenwart aus?, in: Gabriele Klein / Michael Meuser (Hrsg.), Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs, Bielefeld 2008, S. 155–173; ders., Räume der Gesellschaft. Soziologische Studien, Wiesbaden 2019, S. 217–243; Hans Ulrich Gumbrecht, Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität, Frankfurt am Main 2020.
[2] Noyan Dinçkal, Sportlandschaften. Sport, Raum und (Massen-)Kultur in Deutschland (1880–1930), Göttingen 2013.
[3] Daphné Bolz, Les arènes totalitaires. Hitler, Mussolini et les jeux du stade, Paris 2008; Robert W. Lewis, The Stadium Century. Sport, Spectatorship and Mass Society in Modern France, Manchester 2017.
[4] Alain Ehrenberg, Aimez-vous les stades? Architecture de masse et de mobilisation, in: Recherches 43 (1980), S. 25–55.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.12.2022
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