Cover
Titel
Der Mensch in der Neuzeit. Alltag – Körper – Emotionen. Festschrift für Eva Labouvie zum 65. Geburtstag


Herausgeber
Fabian, Stefanie; Fingerhut-Säck, Mareike
Erschienen
Köln 2022: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
324 S., 7 SW-Abb.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Eitler, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Der vorliegende Sammelband würdigt die ebenso umfangreiche wie vielfältige Forschungsleistung von Eva Labouvie. Zu ihrem 65. Geburtstag versammelt die Festschrift insgesamt 16 Beiträge von häufig langjährigen Weggefährt:innen vor allem, aber nicht allein aus der deutschsprachigen Frühneuzeitforschung. Sie eröffnet dabei einen guten Überblick über die teilweise sehr eng verschränkten Arbeitsschwerpunkte von Eva Labouvie insbesondere zur deutschen und europäischen Geschichte des 17. bis 19. Jahrhunderts – von der Geschlechtergeschichte bis zur Stadtgeschichte, in der Kulturgeschichte im Allgemeinen wie auch in der Medizingeschichte im Besonderen, von der Geschichte des Hexenglaubens bis zur Geschichte der Geburtshilfe. Die Beiträge verteilen sich dabei auf drei Abschnitte, die jeweils den Alltag, den Körper und die Emotionen ins Zentrum rücken. Nicht alle Beiträge können im Folgenden gleichermaßen besprochen werden.

Nach einer kurzen Einführung von Mareike Fingerhut-Säck sowie Stefanie Fabian und einem informativen Grußwort von Eva Brinkschulte widmen sich zunächst sechs Beiträge in ganz unterschiedlicher Perspektive der Alltagsgeschichte insbesondere des 18. Jahrhunderts, mit Abstechern allerdings bis ins 20. Jahrhundert hinein. In seiner großen Themenbreite scheint mir dieser Abschnitt die vielfältigen Forschungsinteressen von Eva Labouvie besonders gut widerzuspiegeln. In diesem Rahmen beschäftigt sich etwa Marita Metz-Becker mit der Schriftstellerin und Übersetzerin Sophie Mereau gegen Ende des 18. Jahrhunderts, sowohl mit ihrem unglücklichen Eheleben wie auch mit ihrer schwierigen Berufsarbeit – unter Männern. Mathias Tullner setzt sich mit dem Politiker und Funktionär Philipp Daub gegen Mitte des 20. Jahrhunderts auseinander, vor allem mit dessen Bedeutung als Oberbürgermeister von Magdeburg. Hervorheben möchte ich jedoch die ebenso interessanten wie unterhaltsamen Beiträge von Gisela Mettele zur oftmals vernachlässigten Geschichte von Frauen in der Seefahrt und von Norbert Schindler zur Bedeutung von Frauen in der Geschichte der Wilderei. Beide Beiträge veranschaulichen sehr gut, wie viel es noch zu entdecken gibt – jenseits bereits deutlich besser erschlossener Pfade. Darüber hinaus ist vor allem der Beitrag von Kerstin Wolff zu schwer erschließbaren Alltagspraktiken sowie Alltagsproblemen im Zusammenhang mit einer hoch umstrittenen und fast gescheiterten Bürgermeisterwahl zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr lesenswert.

Im zweiten Abschnitt widmen sich vier Beiträge der Körpergeschichte zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert – von konfligierenden, medizinischen und religiösen Deutungsmustern im Umgang mit öffentlichen Leichensektionen, die Heiner Lück in den Blick nimmt, bis zur sich wandelnden Sinneserfahrung und hier vor allem der Bedeutung des Hörens im Zweiten Weltkrieg, mit der sich Silke Satjukow und Rainer Gries beschäftigen. Ihre Überzeugungskraft ziehen die Beiträge dieses Abschnitts dabei nicht aus uferlosen Reflexionen, denen innerhalb der Körpergeschichte nicht selten große Bedeutung zukommt, sondern aus empirischen Beobachtungen und in Auseinandersetzung mit vielleicht manchmal eher randständig erscheinenden Quellenbeständen. So rekonstruiert etwa Jürgen Schlumbohm folgenschwere Veränderungen in der Geburtshilfe im 18. sowie 19. Jahrhundert und die Rolle der Hände der Ärzte sehr überzeugend ausgehend vom Porträt eines zeitgenössisch wichtigen Gynäkologen. Heuristisch ausgreifendere, theoretischere Überlegungen zur Standardisierung von Körperbeschreibungen und Stigmatisierung von Körpermerkmalen entwickelt lediglich Gerd Schwerhoff in seinem sehr interessanten Beitrag zur konkreten Erfassung und Ausgrenzung von Minderheiten am Beispiel von sogenannten „Gaunerlisten“ im 18. Jahrhundert.

Der letzte Abschnitt schließlich ist der Geschichte der Gefühle zwischen dem 9. und 18. Jahrhundert vorbehalten – Emotionen allerdings spielen in den vier Beiträgen zu diesem Abschnitt meinem Eindruck nach insgesamt eher eine beiläufige Rolle. Lediglich der Beitrag von Nicole Grochowina zur Begriffsgeschichte und verschränkenden Semantikanalyse von Gewitterfurcht und Gottesfurcht im 18. Jahrhundert beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Emotionen und hier vor allem mit deren Kommunikation. Die anderen Beiträge dieses Abschnitts – etwa von Maren Lorenz zur vorherrschenden Misogynie an deutschen Universitäten des 18. Jahrhunderts und der vermeintlichen Konkurrenz durch vereinzelte Akademikerinnen oder von Claudia Opitz-Belakhal zum Engagement von Germaine de Stael für ihre während der Französischen Revolution schließlich hingerichtete Königin – streifen die Geschichte der Gefühle allenfalls ganz am Rande. Neuere und viel besprochene Vorschläge zur Historisierung von Emotionen als Praktiken finden darüber hinaus keinerlei Beachtung. In dieser Hinsicht vermag der letzte Abschnitt dieser Festschrift nur bedingt zu überzeugen. Er wird den wichtigen Entwicklungen im Bereich der Geschichte der Gefühle nicht gerecht – eine Festschrift allerdings muss dies vielleicht auch gar nicht leisten, denn sie verfolgt letztlich einen ganz anderen Zweck.

In diesem Sinne bietet der vorliegende Sammelband einen sehr gelungenen Einblick in die überaus vielfältigen Interessen und die produktive Arbeit von Eva Labouvie – und auf diesem Weg auch in die deutschsprachige Frühneuzeitforschung insgesamt. Lediglich der Themenbereich der Religionsgeschichte erfährt hierbei im Rückblick etwas zu wenig Aufmerksamkeit. Eine umfassende Bibliographie der zahlreichen Studien von Eva Labouvie rundet die Festschrift hilfreich ab.

Redaktion
Veröffentlicht am
Beiträger
Redaktionell betreut durch