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Titel
Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962): Band III: NS-Zeit


Autor(en)
Becker, Frank
Erschienen
Anzahl Seiten
340 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nils Havemann, Mainz

Carl Diem war einer der bedeutendsten deutschen Sportwissenschaftler und Sportfunktionäre des 20. Jahrhunderts. 1882 in Würzburg geboren, setzte er sich als Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen im Kaiserreich für die nationale Förderung des deutschen Sports ein. In der Weimarer Republik gelang es ihm als Mitbegründer der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, den Sport als akademische Disziplin zu etablieren. Im „Dritten Reich“ prägte er als Generalsekretär des Organisationskomitees wesentlich die Veranstaltungskonzeption und die Inszenierung der Olympischen Spiele von Berlin. Nach dem Krieg wurde er Rektor der von ihm gegründeten Sporthochschule in Köln und genoss in der Bundesrepublik Deutschland bis zu seinem Tod im Jahre 1962 höchstes Ansehen, das unter anderem in zahlreichen Ehrungen und Ordensverleihungen zum Ausdruck kam.

Bereits diese Daten lassen erahnen, warum Diems Leben und Werk nun schon seit Jahrzehnten in der Sportwissenschaft Anlässe für heftige Auseinandersetzungen geben – scheint es sich doch um eine „typisch deutsche Karriere“ zu handeln, wie sie für viele Eliten der Bundesrepublik Deutschland kennzeichnend war. Vor allem Diems Wirken im „Dritten Reich“ löste heftige Debatten aus. Befeuert durch eine eher journalistisch angelegte Biographie, wurde gegen ihn der Vorwurf erhoben, dem NS-Regime intellektuell und propagandistisch zugearbeitet sowie am 18. März 1945 vor der letzten Schlacht um Berlin in einer Rede Hunderte von Hitlerjungen zum Opfertod angehalten zu haben.[1] Nach zum Teil hässlichen Diskussionen über diese Anschuldigungen beschlossen 2004 die Sporthochschule Köln, der Deutsche Olympische Sportbund und die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, ein Forschungsprojekt zu finanzieren. In diesem Rahmen unterzog sich Frank Becker von der Universität Münster der schwierigen Aufgabe, eine umfangreiche Biographie über Diem zu schreiben.

Im Frühjahr 2009 erschien zunächst Band III des auf vier Teilbände angelegten Werks. Warum sich der Autor, der Verlag oder die Finanziers des Projekts dafür entschieden, die Veröffentlichung der umfangreichen Biographie mit dem Band über Diems Wirken im „Dritten Reich“ beginnen zu lassen, wird nicht erläutert. Beckers Vorwort legt die Vermutung nahe, dass insbesondere der ständige Streit um Straßen, Plätze und Schulen, die in einigen Gemeinden nach Diem benannt wurden, zur Publikation des brisantesten Teils dieses Werks drängte. Der Autor erwähnt die regelmäßige „Auseinandersetzung mit öffentlichen Anfragen, mit dem Problem eines adäquaten geschichtspolitischen Umgangs mit Diems Namen und Erbe“ (S. 7). Becker ist sich der besonderen Problematik bewusst, die aus dem öffentlichen Interesse an seinem Werk erwächst – warteten doch in den vergangenen Jahren mit streitsüchtiger Ungeduld sowohl Ankläger als auch Verteidiger auf diese Biographie, um daraus neue Argumente für ihre jeweilige Position ziehen zu können. Der Autor macht schon zu Beginn des Bandes deutlich, sich von keiner Seite einspannen lassen zu wollen. Vielmehr ist ihm daran gelegen, die oft polemische Auseinandersetzung durch ein quellennahes Urteil – „differenziert und ausgewogen“ (S. 7) – zu überwinden.

Becker gelingt dies in den sechs Kapiteln der Studie, die sich mit Diems Leben in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen, auf vorbildliche Weise. Sine ira et studio und durchweg unparteiisch bleibt Becker über das gesamte Buch der richtigen Entscheidung treu, nämlich weder in einen anklägerischen noch apologetischen Ton zu verfallen – wohl wissend, dass sich diese in der allgemeinen Geschichtsschreibung weitgehend zur Selbstverständlichkeit gewordene Haltung noch nicht bei allen Sporthistorikern durchgesetzt hat. Das stets um Ausgewogenheit ringende Urteil ist auch deshalb angebracht, weil Diems Biographie im Nationalsozialismus nicht für ein klares Raster, für simple Etikettierungen wie „anständig“ oder „unanständig“ taugt, mit denen beispielsweise der Sportpädagoge Lorenz Peiffer und der Sportpublizist Dietrich Schulze-Marmeling jüngst in anachronistischer Form das Wirken von Sportfunktionären im „Dritten Reich“ versahen.[2] Denn auf fast allen Seiten dieser Biographie kommt in deutlichen Farben und Nuancierungen die Ambivalenz zum Vorschein, die Diems Haltung zur nationalsozialistischen Ideologie und zum verbrecherischen NS-Regime kennzeichnet.

Um diese Ambivalenz erkennen zu können, distanziert sich Becker von der gerade in der Sportgeschichtsschreibung häufig anzutreffenden Vorstellung, wonach es eine natürliche Affinität zwischen Nationalsozialismus und Nationalkonservativismus gegeben habe, dessen breitem Spektrum Diem angehörte. Diems Nähe und Distanz zum NS-Regime ergaben sich demnach weniger aus Ähnlichkeiten in den politischen Positionen, die es durchaus gab, sondern vielmehr aus den „sich immer wieder wandelnden Situationen, Positionsbestimmungen und Interessenlagen“ (S. 14). So wird gleich im ersten Kapitel über den Kampf um die Neuordnung der deutschen Sportverwaltung im Frühjahr 1933 das ständige Lavieren zwischen den alten Verbandsstrukturen und den neuen Machthabern deutlich. Auf der einen Seite war Diem heftigen publizistischen Angriffen der nationalsozialistischen Presse ausgesetzt, die in ihm einen Repräsentanten des verhassten bürgerlichen Sports erblickte und ihm vorwarf, während der Weimarer Zeit linke und republikanische Kräfte einseitig gefördert zu haben. Auf der anderen Seite beeilte sich Diem, Loyalitätsbekundungen gegenüber dem NS-Regime abzugeben, um die Zerschlagung der alten Sportverbände zu verhindern.

Dass für diese Form der Anpassung, der Unterwerfung, der gelegentlichen Renitenz und schließlich auch der aktiven Mitwirkung an der Sportpolitik des NS-Regimes der Begriff des Opportunismus zu kurz greift, führt Becker in den folgenden Kapiteln immer wieder vor Augen. Diems zutiefst nationales Bewusstsein und seine bereits in der Weimarer Zeit geäußerten Vorstellungen von einer straff zentralisierten Organisation des deutschen Sports, der sich in seinen Augen durch weltanschauliche Kämpfe zersplittert hatte, verbanden sich mit karrieristischen Hintergedanken zu einer vielschichtigen Motivlage, die ihn dazu bewegte, an der „Gleichschaltung“ der Verbände und der Einführung des „Führerprinzips“ im deutschen Sport mitzuarbeiten. Auch wenn sich seine Hoffnung, von Hitler zum Reichssportführer ernannt zu werden, nicht erfüllte, durfte er als Cheforganisator den Olympischen Spielen von 1936 sein Gepräge geben. Die viel diskutierte Frage nach der propagandistischen Funktion der Wettkämpfe für den NS-Staat beantwortet Becker mit einem klaren „sowohl-als-auch“: Auf der einen Seite musste im Vorfeld davon ausgegangen werden, dass das Spektakel für die Machthaber einen großen Imagegewinn bringen würde; auf der anderen Seite war die Bewertung der Spiele im Ausland in hohem Maße abhängig von der jeweiligen politischen Haltung und stand „offensichtlich schon fest, bevor die Wettkämpfe in Deutschland überhaupt begonnen hatten“ (S. 145). Letzteres entsprach ohnehin dem vieldeutigen Erscheinungsbild der Spiele, das je nach Blickwinkel des Beobachters entweder als „faschistisch“ oder als „olympisch“ wahrgenommen werden konnte (S. 125).

In jedem Falle weigerte sich Diem beharrlich, seine eigene Rolle in der Sportpolitik und sein Verhältnis zum NS-Regime selbstkritisch zu reflektieren. Dieser Befund ist umso irritierender, als Diem – wie Becker überzeugend darstellt – spätestens seit der Reichspogromnacht von 1938 den verbrecherischen Charakter des Regimes erkannte. Auch hier ist Ambivalenz das Signum seiner Haltung: Auf der einen Seite fiel Diem mit Äußerungen auf, die antisemitische Klischees bedienten, auf der anderen Seite wetterte er in seinen privaten Aufzeichnungen häufig gegen das Regime und half Menschen, die wegen der Rassenpolitik der Diktatur in Bedrängnis gerieten.

Da Beckers Studie ebenso detailliert wie urteilsfreudig ist, kann es nicht ausbleiben, dass man dem Autor bisweilen auch widersprechen und in einen fruchtbaren Disput eintreten möchte. So bleibt Becker bei dem Bemühen, zu erfassen, warum sich Diem dem NS-Regime nicht stärker zu entziehen versuchte, gelegentlich zu früh bei der patriotischen Gesinnung stehen. Ob dieses geläufige Erklärungsmuster letztlich genügt, um beispielsweise verstehbar zu machen, warum Diem im Zweiten Weltkrieg im Zuge der angestrebten „Überleitung“ der Macht im IOC in „deutsche Hand“ zwei jüdischen Sportfunktionären in Frankreich wissentlich großer Gefahr aussetzte, bleibt zweifelhaft. Dieses Verhalten als „angepasst“ (S. 215) zu bezeichnen, scheint, auch wenn der Kontext dieses Vorgangs nicht vollständig rekonstruiert werden kann, diskussionswürdig zu sein.

Deutlich fällt Beckers Urteil über jene bereits erwähnte Rede vom März 1945 aus, mit der Diem zum Opfertod aufrief: „Diem hat sich in einen Schuldzusammenhang verstricken lassen, er hat mitgewirkt an der Einschwörung von jugendlichen Soldaten auf den so genannten ‚Endkampf’ um die Reichshauptstadt“ (S. 300). In diesem Zusammenhang möchte der Autor auch keinen „Befehlsnotstand“ geltend machen, der von Diems Verteidigern gelegentlich ins Feld geführt wurde. Vielmehr lässt sich Becker auf eine interessante Spekulation ein: Entgegen dem Versuch einiger Sporthistoriker, in der Rede ein Zeichen für Diems ideologische Identifikation mit dem NS-Regime zu erblicken,[3] vermutet er darin eher ein Symptom kollektiver Weltuntergangsstimmung, von der sich auch Diem erfassen ließ und die ihn dazu brachte, im Tod durch den Kampf eine ehrenvollere Option zu erblicken als im Tod durch Hunger, Bombeneinwirkung oder Liquidierung.

Auch wenn Becker gelegentlich auf das Mittel der Spekulation zurückgreifen muss: Insgesamt rekonstruiert er auf umfangreicher Quellenbasis ebenso detailliert wie überzeugend Diems Ansichten, Gemütslagen und Handlungsspielräume während der gesamten NS-Zeit. Mit Band 3 der Biographie liegt ein Werk vor, das für das Verständnis der Geschichte des Sports im Nationalsozialismus unverzichtbar ist. Dass damit aber die Diskussionen um die Person und das Erbe Diems verstummen werden, glaubt auch Becker nicht. Treffender als der Autor in seiner abschließenden Stellungnahme kann man Hintergrund und Charakter dieser Debatten kaum formulieren: „Die Gestaltung des öffentlichen Gedenkens an Personen oder Geschehnisse ist Sache der Geschichtspolitik. Geschichtspolitik ist etwas anderes als Geschichtswissenschaft“ (S. 339).

Anmerkungen:
[1] Achim Laude / Wolfgang Bausch, Der Sport-Führer. Die Legende um Carl Diem. Göttingen 2000.
[2] Vgl. Lorenz Peiffer / Dietrich Schulze-Marmeling, Vorwort, in: dies. (Hrsg.), Hakenkreuz und rundes Leder. Fußball im Nationalsozialismus. Göttingen 2008, S. 13.
[3] Hubert Dwertmann, Die Rolle Carl Diems im nationalsozialistischen Regime, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 11, 1997, S. 7–47.

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Veröffentlicht am
25.09.2009
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