A. Juen: Die häusliche Ordnung schulischer Pädagogik

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Title
Die häusliche Ordnung schulischer Pädagogik. Zur Praxis der Hauswarte und Hausmütter an den Zürcher Lehrer:innenseminaren, 1900–1950


Author(s)
Juen, Adrian
Published
Zürich 2022: Chronos
Extent
260 S.
Price
€ 38,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Lukas Boser, Pädagogische Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz

Die vorliegende Dissertation von Adrian Juen zur Praxis der Hauswarte und Hausmütter an Zürcher Lehrer:innenbildungsstätten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verortet sich im weiten Feld der Neuen Kulturgeschichte respektive der new cultural history, die in den letzten Jahrzehnten auch in der Bildungsgeschichte einen festen Platz gefunden hat.1 Die Neue Kulturgeschichte postuliert kein klar umrissenes Forschungsprogramm, vielmehr werden unter diesem Label verschiedene Forschungsansätze und Forschungsarbeiten zusammengefasst. Was viele dieser Arbeiten eint, ist ein semiotisches Kulturverständnis, das nicht zuletzt auf die Arbeiten von Clifford Geertz zurückgeht und dessen sich auch Juen bedient. In diesem Sinne, so schreibt Juen, wird Kultur in der vorliegenden Arbeit „als Beziehungsnetz oder Bedeutungsstruktur von Praktiken, Wissen, Gedanken und Gefühlen in einer Gesellschaft“ verstanden (S. 64).

Gestützt auf Überlegungen von Böhme, Hummerich und Kramer (2015), Helsper (2008) und Kluchert (2009) zum Konzept der Schulkultur 2 untersucht Juen in seiner Arbeit den Zusammenhang von Schulkulturen und einem Teil jener Personen, die für Schaffung und Aufrechterhaltung dieser Kulturen mitverantwortlich seien. Sein besonderes Augenmerk richtet Juen dabei auf Hauswarte und sogenannte Hausmütter.

In Ergänzung zum Konzept der Schulkultur bedient sich Juen auch der Konzepte der landscape und des hidden curriculum, um Schulen als kulturell bedingte und gleichzeitig Kultur vermittelnde Institutionen zu verstehen. Landscape ermöglicht ihm, Schulen als Orte „physische[r] und soziale[r] Gegebenheiten zugleich“ zu erfassen (S. 72), und das hidden curriculum dient ihm dazu, das (pädagogische) Wirken von Hauswarten, Hausmüttern und der durch sie geschaffenen respektive der von ihnen verantworteten räumlichen Ordnung zu analysieren und zu diskutieren. Weitere zentrale Analysekategorien, deren sich Juen bedient, sind Wissen und Praktiken. Diese tauchen etwa in der Formulierung der Forschungsfragen prominent auf. „Die vorliegende Dissertation fragt danach“, so schreibt Juen in der Einleitung, „welche Praktiken und welches Wissen im veranschlagten Rahmen rund um die Hauswarte formiert, etabliert oder auch delegitimiert wurde“ (S. 13). Und weiter erklärt er: „Die grundlegenden Fragestellungen dieser Studie lauten […]: Erstens, inwiefern wurden Hauswarte durch ihre Praktiken am Seminar konstruiert und welches Wissen war damit verbunden? Zweitens, inwiefern prägten Hauswarte die Seminare und inwiefern wurden sie ihrerseits von diesen geprägt?“ (S. 14).

Neben den bisher erwähnten Konzepten finden sich in Juens Arbeit auch Hinweise auf weitere, für die Neue Kulturgeschichte typische Untersuchungsgegenstände wie etwa Gerüche, Geräusche und die agency von Objekten. Wer erinnert sich nicht an den Geruch frisch gebohnerter Holz- oder Linoleumböden, an den Geruch von Turnhallen oder an den Geruch schlechtgelüfteter Schulzimmer. Ähnlich ist es mit den Geräuschen, wie etwa dem Rasseln des Schlüsselbundes, den der Hauswart mit sich trägt, dem Klingeln der Schulglocke und dem Lärm der Schulkinder. Besonders hervorzuheben sind schließlich auch Juens Erläuterungen zum Telefon, welches zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Schulen Einzug hielt und damit die Hauswarte und Hausmütter zu „Scharnieren zwischen Innen und Aussen“ und zu „Drehscheiben des fluiden (tagesaktuellen) örtlichen Wissens“ machte, was ihnen zusätzliche „Relevanz verlieh“ (S. 120). Mit diesen Themen stellt Juen geschickt eine Verbindung zwischen den Erfahrungen der Leser:innen und seinem Untersuchungsgegenstand her und macht damit die Bedeutsamkeit seiner Arbeit über das rein geschichtswissenschaftliche Interesse hinaus deutlich. Die (schulische) Kultur, in die das Leben und das Wirken von Hauswarten und Hausmüttern eingebettet ist, und die durch dieses Leben und Wirken aufrechterhalten und immer wieder neu geschaffen wird, ist nicht nur vom Historiker rekonstruierte Vergangenheit, sondern bis heute wichtiger Teil von Schule und Unterricht.

Der Aufbau von Juens Buch ist folgender. Im ersten Kapitel legt er seine Fragestellungen und das Forschungsinteresse dar, umschreibt den Forschungsgegenstand, definiert zentrale Begriffe, resümiert den aktuellen Forschungsstand und diskutiert die Quellenlage. Dabei gesteht er ein, dass Primärquellen zu Hauswarten und Haumüttern nicht in großer Menge vorhanden sind. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die Kommunikation, die zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs nötig war, größtenteils mündlich verlief. Worauf Juen sich stützt, sind Berichte von Vorgesetzten, Schriftstücke der Hauswarte selbst (z. B. Briefe, Materialbestellungen), Nachrufe, Rechnungen und gelegentliche Quellen, die im Zusammenhang mit Stellenausschreibungen und Bewerbungen erhalten sind. Ebenfalls Teil des ersten Kapitels ist ein Exkurs zu „archetypischen Erzählungen in Literatur und Populärkultur“, in welchen eine fiktive Persona des Hauswarts konzipiert wird. Juen legitimiert diesen Exkurs mit Überlegungen dazu, dass fiktive und historische Narrative oft gar nicht so weit auseinander liegen und dass sich Fakten und Fiktion gegenseitig „durchdringen“ (S. 16). Das Bild von Hauswarten und Hausmüttern, das in der Gesellschaft im 20. und 21. Jahrhundert vorherrscht, ist, so Juen, demnach nicht nur durch persönliche Erfahrungen in der Schule geprägt, sondern auch durch die Literatur, den Film und das Fernsehen.

Im zweiten Kapitel erläutert Juen die theoretische Rahmung und Verortung seiner Arbeit. Auf diesen knapp zwanzig Seiten wird ersichtlich, dass Juen sich nicht mit kulturgeschichtlichen Theorien und den entsprechenden Methoden auseinandersetzt, weil dies in der historischen Bildungsforschung gerade angesagt ist, sondern weil er eine konkrete Fragestellung bearbeitet, die sich mittels des Theoriegerüsts und der Methoden der Neuen Kulturgeschichte adäquat beantworten lässt.

In den Kapiteln drei, vier und fünf rekonstruiert Juen Praktiken und Wissen von Hauswarten und Hausmüttern unter drei verschiedenen Aspekten. Den ersten dieser Aspekte nennt Juen „Hausarbeiten“, wozu er die Reinigung der Schulen, den Unterhalt technischer Gerätschaften wie Heizung und Beleuchtung sowie das Öffnen und Schließen der Gebäulichkeiten zählt. Diese Arbeiten waren unerlässlich für die Schulen, was den Hauswarten und Hausmüttern Wertschätzung einbrachte. Gleichzeitig jedoch waren sie, weil viele dieser Tätigkeiten im Verborgenen oder nach Schulschluss stattfanden, immer auch „Argwohn“ ausgesetzt (S. 111). Der zweite Aspekt, mit dem sich Juen beschäftigt, umfasst Tätigkeiten, die den Unterricht und das Leben in der Schule unterstützen, wie Hilfsarbeiten im Labor, die Begleitung von Exkursionen, Verpflegung, Pflege, Gartenarbeit, Aufsicht und Sicherheit. Der dritte Aspekt befasst sich mit den Beziehungen von Hauswarten und Hausmüttern zu den Direktoren der Schulen, zum Lehrkörper und zu den Schüler:innen.

Das sechste Kapitel ist schließlich einer Synthese der Arbeit gewidmet. Darin zeigt Juen noch einmal die eigenartige Doppelrolle, die Hauswarte und Hausmütter in den Schulen innehatten, auf. Weder zum Lehrkörper noch zu den Schüler:innen gehörend, waren sie in gewisser Weise Außenseiter:innen im pädagogischen Betrieb. Wenn man jedoch die Seminare „physisch fasst“, wie Juen dies tut, dann „waren die Hauswarte und Hausmütter mitnichten Außenseiter:innen, sondern vielmehr Insider:innen“ (S. 222), und als solche erfüllten sie vielfältige unterstützende, aber auch genuin pädagogische Funktionen. Ihre Position zwischen Lehrkörper und Schüler:innen und ihr „Insider-Wissen“ (ebd.) machten sie zudem zu geschätzten Ansprechpersonen für die Schüler:innen. In seinem Schlusskapitel zeigt Juen noch einmal deutlich auf, dass eine kulturhistorische Herangehensweise die traditionelle, stark ideengeschichtlich geprägte Schulgeschichtsschreibung sinnvoll ergänzen kann, indem Schule und Unterricht als Teile eines komplexen kulturellen Systems verstanden werden, in welchem neben den Lehrkräften und den Schüler:innen auch andere Akteur:innen wie Hauswarte und Hausmütter, aber auch Räume, Objekte, Wissensbestände und Praktiken von Bedeutung und wirksam sind. Schulische Pädagogik, so macht Juen klar, hat immer auch „eine häusliche Dimension“ (S. 224). „Häuslich“ betrifft in diesem Zusammenhang sowohl die Schulhäuser als auch die soziale Ordnung und die verschiedenen gesellschaftlichen Rollen, die innerhalb dieser Häuser anzutreffen sind. Für diese „häusliche Dimension“ der Schule spielen nun Hauswarte und Hausmütter (und man könnte hier ergänzen auch Köch:innen, Gärtner:innen, Hausbedienstete, Hilfsarbeiter:innen etc.) eine wichtige Rolle.

Juens Argumentation ist schlüssig und die Erkenntnisse, die er aus seinem Quellenstudium schöpft, sind gut nachvollziehbar. Gelegentlich wird aber auch ersichtlich, dass Juen mit einem Problem kämpft, das in der neueren Kulturgeschichte nicht selten zu Tage tritt. Dieses besteht darin, dass informelle Praktiken, praktisches Wissen, alltägliche Gegenstände und Handlungen nur selten Spuren hinterlassen, die die Zeit überdauern. Tatsächlich ist es so, dass Juen, wie bereits angesprochen, mit einem beschränkten Quellenkorpus arbeiten muss. Das führt dazu, dass er immer wieder auf dieselben Episoden aus Leben und Arbeit von einigen wenigen Hauswarten verweist. Das wiederkehrende Beleuchten und Analysieren dieser einzelnen Episoden trägt im besten Fall zu jener dichten Beschreibung bei, die Juen in seinen methodologischen Ausführungen verspricht. Gelegentlich wirkt die wiederholte Interpretation ein und derselben Geschichte aber auch etwas redundant.

Ungeachtet dieser Kritik ist Juens Studie alles in allem sehr informativ und lesenswert, nicht zuletzt deshalb, weil er darin aufzeigt, wie die in der (deutschsprachigen) neueren Kulturgeschichte gerne verwendete Konzepte der Praktiken 3 und des Wissens 4 sinnvoll miteinander kombiniert werden können. Für die historische Bildungsforschung ist die Arbeit von Juen deshalb von großem Mehrwert, weil sie die thematische Fokussierung auf das, was in den Schulen geschah (z. B. im mit Blick auf Curricula, Lehrbücher und Unterrichtspraktiken), ausweitet auf weitere historische Praktiken und Wissensbestände, die Unterricht und Schule ermöglichten und unterstützten.

Anmerkungen:
1 Lynn Fendler, New Cultural Histories, in: Tanya Fitzgerald (Hrsg.), Handbook of Historical Studies in Education, Singapore 2020, S. 85–101.
2 Jeanette Böhme/Merle Hummrich/Rolf-Torsten Kramer (Hrsg.), Schulkultur. Theoriebildung im Diskurs, Wiesbaden 2015; Werner Helsper, Schulkulturen. Die Schule als symbolische Sinnordnung, in: Zeitschrift für Pädagogik 54/1 (2008), S. 63–80; Gerhard Kluchert, Schulkultur(en) in historischer Perspektive. Einführung in das Thema, in: Zeitschrift für Pädagogik 55/3 (2009), S. 326–333.
3 Vgl. Kathrin Berdelmann/Bettina Fritzsche/Kerstin Rabenstein/Joachim Scholz (Hrsg.), Transformationen von Schule, Unterricht und Profession. Erträge praxistheoretischer Forschung, Wiesbaden 2019; Andreas Hoffmann-Ocon, Andrea De Vincenti und Norbert Grube (Hrsg.), Praxeologie in der Historischen Bildungsforschung. Möglichkeiten und Grenzen eines Forschungsansatzes, Bielefeld 2020.
4 Vgl. Peter Burke, What Is the History of Knowledge? Cambridge 2016; Johan Östling
und David Larsson Heidenblad, The History of Knowledge, Cambridge 2023.

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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