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Titel
Stadt-Geschichten. Deutschland, Europa und die USA seit 1800


Autor(en)
Lenger, Friedrich
Erschienen
Frankfurt am Main 2009: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
333 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heinz Reif, Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin

Vor drei Jahrzehnten war die historische Stadt- und Urbanisierungsforschung zum 19. und 20. Jahrhundert noch eine klassische Sektorwissenschaft, universitär wenig verankert, nur von einigen Wissenschaftlern betrieben und von denjenigen Historikern, die die Agenda der Zunft bestimmten, eher geachtet als beachtet. Die breite Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die sie heute genießt, ist ihr nicht, wie in anderen Fällen, von außen zugewachsen, als Folge einer der vielen Aufmerksamkeitskonjunkturen; obwohl die Tatsache, dass inzwischen weltweit die meisten Menschen in Städten leben und jenseits der westlichen Welt Aufsehen erregende, beunruhigende (Mega-)Stadtentwicklungen ablaufen, auf die zukünftig wohl noch wachsende Relevanz der Beschäftigung mit Urbanisierungsprozessen verweist. In seinem Kern beruht das neue Ansehen der deutschen historischen Stadtforschung aber, trotz ihres nicht zu übersehenden, noch immer bestehenden Rückstands gegenüber der britischen, französischen und nordamerikanischen Forschung, auf kontinuierlicher, intensiver wissenschaftlicher Arbeit, konkret: auf national wie international vernetzter und gezielt die Fächergrenzen überschreitender Zusammenarbeit einer Gruppe von Historikerinnen und Historikern, die, zumal in den letzten Jahren, schnell gewachsen ist. Den dynamisierenden Impulsen, die zunächst eher von den verflüssigten Rändern der Zunft ausgingen, hat aber von Anfang an eine Bewegung gleichsam zugearbeitet, die aus dem Kern der Geschichtswissenschaft heraus wirkte: Historiker, die innerhalb der dominierenden allgemeingeschichtlichen Forschungsparadigmen – Industrialisierungs-, Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte, Bürgertums-, Umwelt- und schließlich auch Kolonialisierungsgeschichte – arbeiteten, entdeckten, nicht selten aus der Erkenntnis der Grenzen hier synthetisierter Generalisierungen heraus, die Stadt in ihrer doppelten Qualität: als Bühne und Akteurin, als Ort, an dem die zu erforschenden tief greifenden Wandlungsprozesse real wurden, und als Labor, in welchem Erfahrungen zu Wissen und Wissen zu Orientierungsmustern, Handlungsstrategien und kultureller Praxis verarbeitet wurden.

Friedrich Lenger (Gießen), dessen auf die Stadt bezogene Aufsätze im hier vorliegenden Band versammelt vorliegen, steht exemplarisch für die oben skizzierte historische Stadtforschung in aufsteigender Linie. Abgedruckt – und in fünf Kapiteln zusammengefasst – werden 13 Aufsätze des Autors aus den Jahren 1986 bis 2008, die – mit Ausnahme zweier Vortragsmanuskripte – alle schon, zum großen Teil in bekannten und weit verbreiteten Zeitschriften wie Sammelbänden erschienen sind. Man mag Zweifel haben, ob dieser Publikationstypus, dieses Lenger reloaded, hinreichenden wissenschaftlichen Mehrwert erbringt. Die Risiken und Nachteile – nicht nur die damit unvermeidbar einhergehenden Wiederholungen von Informationen und Argumenten – liegen auf der Hand und sind hier nicht weiter zu erörtern. Auch verspricht der Titel des Buches, trotz der ironischen Distanzierung durch einen Plural und seiner spielerischen grafischen Gestaltung, dem Leser letztlich wohl etwas zuviel. Dennoch sei die Lektüre dieses Buches allen, welche historische Stadtforschung betreiben oder deren Arbeit kennen lernen wollen, mit Nachdruck empfohlen, vor allem aus drei Gründen: Zum einen lassen sich die Aufsätze des Autors als Geschichte der modernen deutschen historischen Stadtforschung lesen, denn kaum ein anderer hat zu deren zentralen Schwerpunkten im zeitlichen Wandel und in einer fortschreitend weiter ausgreifenden räumlichen Perspektive (Deutschland, Gesamteuropa, Nordamerika) so umfassend und so kompetent geforscht sowie kritisch Stellung genommen wie dieser Autor. Zum anderen verfügt Lenger über die Fähigkeit, konzise und im besten Sinne des Wortes aufschlussreiche Forschungsberichte zu schreiben, die bisher Geleistetes aufzeigen und zugleich zu weiterer Forschung anregen. Fast alle Aufsätze lassen sich, jenseits der vom Autor präsentierten Ergebnisse seiner Forschung zu einzelnen Städten und Städtegruppen, als solche Anregungen lesen. Beeindruckend ist die Fähigkeit des Autors zur Bewältigung größter Mengen auch fremdsprachiger Literatur, noch beeindruckender seine Fähigkeit zur Identifizierung und scharfsinnigen Kritik forschungsleitender analytischer Begriffe und Konzepte in der von ihm ausgewerteten Literatur. Und schließlich zielen Lengers Publikationen durchweg darauf, historische Stadtforschung mit den Fragestellungen und Forschungsrichtungen der allgemeinen Geschichtswissenschaft zu verknüpfen und sie so aus ihrer Verengung zu befreien. Dies ist den Stadthistorikern – wie dieser Sammelband, als Rückblick gelesen, beweist – für das 19. Jahrhundert vorzüglich gelungen. Für das 20. und 21. Jahrhundert, für deren Städtebildungsprozesse sich weder typenbildende Einflussfaktoren noch dominierende Entwicklungsmuster, die dem Industrialisierungsparadigma des 19. Jahrhunderts analog wären, identifizieren lassen, harrt dieses Bemühen dagegen noch des Erfolges. Doch ist die Arbeit an Prozesstypologien und analytischen Konzepten, die diesen Entwicklungen angemessen sind – dies zeigt überzeugend der zweite Teil des Buches, der eine ideen- und kontroversenreiche Suchbewegung dokumentiert – schon in vollem Gange.

Die unter dem Titel „Bevölkerung und Wirtschaft“ zusammengefassten Aufsätze untersuchen, von den Theorieansätzen Sombarts ausgehend, die Zusammenhänge zwischen Industrialisierung und Stadtentwicklung. Der Autor zeigt hier mit Studien zu Wuppertal und Erlangen die von der Stadtforschung zum Ruhrgebiet ausgehende, recht einseitige Prägung unseres gegenwärtigen Bildes „der Industriestadt“ auf. Je nach Industrialisierungstypus kreierte aber, wie er zeigt, der Industrialisierungsprozess Siedlungstypen sehr unterschiedlicher Qualität. Die horizontal und vertikal integrierte, extrem beschleunigt wachsende Schwerindustrie produzierte ganz andere Siedlungsstrukturen und Muster der Stadtentwicklung als zum Beispiel das von Lenger als Kontrastbeispiel vorgestellte Erlangen, dessen Wirtschaftsstruktur von einer Vielzahl agglomerierter Klein- und Mittelbetriebe unterschiedlicher Produktionsrichtung geprägt wurde. Hier hatte man mehr Zeit, eigene Entwicklungsziele zu erarbeiten; hier gab es deshalb auch kaum „defizitäre Urbanisierung“. Vorzüglich ist auch in diesem Fall die kritische Auseinandersetzung Lengers mit den normativ aufgeladenen und dringend weiterer Präzisierung bedürfenden Kategorien der Urbanität und der Urbanisierung.

Die im Kapitel „Politik und Verwaltung“ versammelten Aufsätze dokumentieren eine entscheidende Wende der modernen Stadtgeschichtsforschung. An die Stelle des traditionellen Selbstverwaltungsparadigmas mit seiner normativ schlagseitigen Botschaft von den großen Taten einer dem Allgemeinwohl verpflichteten städtischen Leistungsverwaltung rückte die differenzierte Analyse der städtischen „Daseinsvorsorge“ als Instrument und Praxis bürgerlicher Herrschaft. Die Anregungen hierzu ergaben sich aus seinerzeit stark kontrovers diskutierten allgemeingeschichtlichen Forschungsrichtungen, insbesondere aus den Fragen nach den Ursachen für den Aufstieg des Liberalismus und dessen früher Blockade sowie nach den konstitutiven Wurzeln und der sozialen wie kulturellen Einheit des modernen Bürgertums in Deutschland. Zu diesen Fragen konnte Stadtforschung Wesentliches beitragen, war doch die Gestaltung und Leitung der Stadt das primäre Handlungsfeld des Bürgers. Lenger betont – den Einfluss der Haus- und Grundbesitzer stark relativierend – die funktionale wie soziale Elitenbildung aus städtischem Wirtschaftsbürgertum und professioneller höherer städtischer Beamtenschaft, welche, abgesichert durch ein bis 1914 nur wenig gemildertes plutokratisches Wahlrecht und in relativ freier Entscheidung, eine offensive Sozialreform auf den Weg brachte. Er akzentuiert als ihre wichtigste Leistung, dass sie letztlich sogar – paradoxerweise bei stark bleibender nationalliberaler Skepsis gegenüber staatlichen Interventionen auf kommunaler Ebene – eine in weiten Bereichen kommunalisierte städtische Infrastruktur durchsetzte, von der, wenn auch in Grenzen, die gesamte Bevölkerung der Stadt profitierte und die dem aufkommenden Sozialstaat wichtige Impulse lieferte. Nachfolgende Forschungen haben hierzu viel Neues erarbeitet, den Befund aber im Wesentlichen bestätigt. Neben dem Stadtpatriotismus, den Lenger hier als wichtigstes Motiv hervorhebt, bleiben allerdings weitere Antriebskräfte zu Unrecht unterbelichtet, insbesondere das Bemühen der Städte um Selbstbehauptung in der zunehmend auch öffentlich diskutierten Städtekonkurrenz, aber auch der von den überlokalen Regierungsinstanzen ausgehende Reformdruck sowie die neue betriebliche Sozialpolitik von Managern und Eigentümerunternehmern, die früh über den Arbeitsplatz hinaus dachten und die Rekreation der Arbeitskraft jenseits der Arbeit in ihr Programm aufnahmen.

Vermittelt die Lektüre der bisher besprochenen Aufsätze dem Leser gleichsam einen Rückblick auf die bisher von der Stadtgeschichtsforschung erarbeiteten und gesicherten Erträge, so kehrt sich das Leseerlebnis bei der nun zu besprechenden Aufsatzfolge ins gerade Gegenteil. Nun dominieren offene Gedankenführung, explorierendes Denken sowie Lust an der kritischen Aushebelung gewohnter Deutungsmuster und etablierter, vor allem soziologischer Forschungsansätze; denn nun geht es um die „Probleme des 20. und 21. Jahrhunderts“, um Stadtentwicklungen, die von den Historikern noch kaum erforscht wurden und für die weder das Industrialisierungs- noch das Sozialstaats- noch das Bürgertumsparadigma tragfähige analytische Perspektiven anbietet.

Der Weg zur Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts ist für den Historiker mit vielen Steinen gepflastert: Gewohnte räumliche Ordnungen sind in Fluss geraten und ins Globale gerückt. Die städtebildenden Faktoren haben sich vervielfacht, die von ihnen in Gang gesetzten Prozesse sind noch kaum analysiert. Und schließlich wird das Forschungsfeld zur Zeit noch ganz überwiegend von gegenwartsfixiert und anwendungsbezogen arbeitenden Fachdisziplinen dominiert: von Stadtsoziologen, Stadtplanern, Architekturhistorikern, Stadtgeographen und Stadtethnographen. Deren schnell wechselnde Fragestellungen, analytische Zugriffe und Begriffskonstruktionen – Lenger spricht hier von disziplinärer „Engführung“ – scheinen aber nur wenig hilfreich zu sein, wenn es um die Erforschung der Geschichte der Städte geht. Sie liefern dem Historiker zwar eine Fülle von Anregungen zur Erschließung einzelner Forschungsfelder und zur Verfertigung von Monographien sektoralen Zuschnitts; auch identifizieren sie wichtige Problemlagen unserer jüngsten Vergangenheit, unserer Gegenwart und Zukunft, aber, und hier ist Friedrich Lenger uneingeschränkt zuzustimmen: die „von der Geschichtswissenschaft zu erwartende Einordnung aktueller Problemlagen in längerfristig verlaufende Entwicklungsprozesse gelingt zurzeit kaum“ (S. 252).

Als Konzept, das eine solche Einordnung noch am ehesten zu leisten in der Lage ist, wählt der Autor schließlich das vorwiegend von Stadtsoziologen entwickelte, wegen seiner politischen Implikation – der Verteidigung des Sozialstaats gegen neoliberale Zumutungen – stark mit normativen Zuschreibungen belastete Konzept der europäischen Stadt, und bürdet sich damit eine Überlast an Klärungsbedarf auf. Die vier Aufsätze des Kapitels IV sind unter dieser Perspektive zu lesen. Es handelt sich um Vorüberlegungen zu einer Geschichte der europäischen Stadt; und da dieses Forschungsfeld derzeit noch viel Wildwuchs aufweist, macht sich Lenger, und hier ist er in seinem Element, erst einmal ans Roden und Jäten. Zunächst überprüft er die wertenden Vorannahmen des Konstrukts „europäische Stadt“, die Tragfähigkeit ihrer Besonderheit deklarierenden Kategorien (Kernwachstum, Planung usw.) und die Qualität ihres typologisierten Gegenbilds, der „amerikanischen Stadt“, das entwickelt wurde, um im Vergleich die europäischen Spezifika schärfer zu konturieren. Dies führt dann zu der Einsicht, dass zentrale, diesen Konstrukten inhärente Begriffe (Europa, Stadt, Land, Metropole usw.) neu ausgelotet und dass in diesem deutsch-amerikanischen Vergleich identifizierte, als gemeinsam, in der Tendenz sogar universal deklarierte Prozesse städtischer Raumbildung (Suburbanisierung) empirisch wieder verflüssigt werden müssen. Und dies mündet dann schließlich in eine scharfe Kritik an dem stadtsoziologischen Konzept der europäischen Stadt, dem Lenger funktionale wie normative Überfrachtung, ubiquitäre Oppositionen und sterile binäre Kodierungen vorwirft, welche letztlich in eine dem Konstrukt immanente Krisendiagnostik mündeten: die Stadt als friedliche Insel, deren Urbanität ständig durch externe, mehr oder weniger gewaltsame Prozesse gefährdet sei.

Aber wenn das stadtsoziologische Konzept der europäischen Stadt keinen geeigneten Analyserahmen für eine Geschichte der Stadt im 20. und 21. Jahrhundert bietet, wo setzt man dann an? Lenger gewinnt, trotz der von ihm betriebenen kritischen Verflüssigung dieses Konstrukts, die Überzeugung, dass mit diesem, richtig angewandt, letztlich doch hinreichend europäische Eigenart erfasst werden könne, das der Typus der europäischen Stadt, richtig verstanden und bestimmt, auch auf längere Sicht weder in der amerikanischen Stadt noch in der globalisierten Megastadt des 21. Jahrhunderts aufgehen werde. Statt der noch fehlenden Alternative bietet er, dem Charakter seiner Texte als Vorüberlegungen gemäß, schließlich einige wichtige Bausteine künftiger Forschung zur Geschichte der europäischen Stadt an: Zunächst fordert er den Verzicht auf die am 19. Jahrhundert, aus dem damals offensichtlich engen Zusammenhang von Industrialisierung und Städtebildung entwickelte Vorstellung, es stehe auch hinter der Städtebildung des 20. Jahrhunderts möglicherweise ein einziger, dominierender, säkularer Wandlungsprozess (dies explizit gegen Saskia Sassens Konstrukt der „global city“). Das Signum der Stadtentwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts bleibe – ganz analog zu den Individualisierungsprozessen, die in allen Teilen der westlichen Gesellschaften ablaufen – die prinzipielle Variabilität des Städtebildungsprozesses. Lenger macht dies plausibel mit einer Belegsammlung zum Zusammenhang von Stadt und Gewalt, die er selbst, zu Recht, ausufernd nennt. Dann zeigt er auf, dass die Städte in Europa, trotz der im 20. Jahrhundert zentralstaatlich durchgesetzten starken Einschränkung ihrer politischen Handlungsspielräume, gleichwohl wichtige Akteure – und nicht nur Opfer – in den übergreifenden Wandlungsprozessen waren, die Europa in dieser Zeit geprägt haben. Städte repräsentieren nicht nur Gesellschaft; im ambivalenten Prozess der Moderne sind sie auch dynamisierte Gesellschaft, die nach Lösungen sucht, Scheitern nicht ausgeschlossen. An die Stelle des einen großen Wandlungsprozesses setzt Lenger für das 20. und 21. Jahrhundert – zunächst einmal – drei analytische Beobachtungsfelder, die vermutlich ergiebig sind: „suburban sprawl“, „Heterogenität und Migration“, „städtischer Raum und Öffentlichkeit“. Und schließlich sieht er in der Ausweitung des auch den Stadthistorikern empfohlenen Blicks auf die nichtwestlichen Weltregionen, im dortigen Aufkommen völlig neuer Kontrasttypen zur europäischen Stadt, in der Ausstrahlungskraft, die die europäischen Städte auf die Megastädte ausüben, aber auch im Einzug megastädtischer Elemente in einige europäische Großstädte wie Rom und Madrid („wilde Suburbanisierung“), also in der neuen Komplexität und Gegenläufigkeit der Urbanisierungsprozesse, auch neue Chancen, zu präziseren Vergleichen, differenzierteren Typologisierungen und vertieften Einsichten zum relativ dauerhaft Eigenen der europäischen Stadt vorzudringen.

Der Leser wird neben den hier akzentuierten klaren konzeptuellen Überlegungen und positiven Erträgen dieses Bandes auch auf zahlreiche Widersprüche treffen; er wird die Kritik an den Vertretern des stadtsoziologischen Konstrukts der europäischen Stadt, wie der Rezensent, bisweilen als etwas überzogen und einseitig empfinden; entwickelten diese Stadtsoziologen und Stadtplaner doch unter anderem auch den zivilgesellschaftlich fundierten Ansatz des „right to the city“, der fast nahtlos in den Öffentlichkeitsschwerpunkt Lengers einzuordnen wäre. Und wenn man den Bogen bemerkt, den er um das meines Erachtens schon sehr breit entwickelte analytische Konzept der postfordistischen Stadt macht, obwohl dieses Konzept nicht nur die stadtsoziologisch beklagte soziale Polarisierung, sondern auch und gerade die neue Standortlogik der Städte in einer neuen Periode kapitalistischer Arbeitsteilung akzentuiert, kommt doch die Sorge auf, dass Lengers Soziologenschelte für die Stadthistoriker eventuell auch eine Kostenseite haben könnte; denn noch kommen die wichtigsten Verlaufsvorstellungen, mit denen wir gegenwärtig, durchaus mit Erfolg, arbeiten – Transformation der Städte, Medialisierung von Stadt und Land, Globalisierung, Deindustrialisierung, Suburbanisierung, postfordistischer Wandel usw. – aus den sozialwissenschaftlichen Fachdisziplinen.

Wichtiger aber als alle diese Einwände ist aus der Perspektive des gegenwärtigen Stands historischer Stadtforschung, dass Lengers Buch der Disziplin für das 19. Jahrhundert ein Mut machendes Zeugnis ausstellt und ihr zugleich mit seiner Agenda zur historischen europäischen Stadt eine neue Herausforderung aufzeigt.