V. Veltzke (Hrsg.): Ferdinand von Schill

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Titel
Für die Freiheit - Gegen Napoleon. Ferdinand von Schill, Preußen und die deutsche Nation


Herausgeber
Veltzke, Veit
Erschienen
Köln 2009: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
VIII, 440 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Blasius, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

200 Jahre ist es her, dass der preußische Husarenmajor Ferdinand von Schill (1776-1809), inspiriert durch Aufstandsbewegungen in Spanien und Tirol, an der Spitze seiner Freikorpskämpfer den Versuch unternahm, das von Napoleon im Frieden zu Tilsit (1807) zerlegte Preußen der Herrschaft des französischen Eroberers zu entwinden. Schill begann Ende April 1809 seinen Freischärler-Feldzug, drang in das mit Napoleon verbündete Sachsen ein, lieferte sich im Königreich Westfalen mit französisch-westfälischen Truppen verlustreiche Kämpfe, hielt aber an dem Plan fest, nach Stralsund an die Küste zu ziehen. Dort wurde der Aufstand Ende Mai von holländisch-dänischen Truppen niedergeschlagen; Schill selbst verlor bei diesen Kämpfen am 31. Mai 1809 das Leben; bestattet wurde er in Stralsund, sein Kopf abgetrennt und als Trophäe an den König von Westfalen, einen Bruder Napoleons, geschickt. Seine Offiziere bekamen die Rache Napoleons zu spüren. Ein Kriegsgericht in der französischen Festungsstadt Wesel verurteilte elf von ihnen zum Tode. Die Hinrichtung erfolgte auf Wunsch der Offiziere ohne Augenbinde. Einer von ihnen, so die „vaterländische Überlieferung“, habe sich nach den Schüssen noch aufrichten können und dem französischen Erschießungskommando zugerufen: „Zielt besser auf das preußische Herz“. Diese Szene wurde um 1900 in einem Ölgemälde festgehalten, das auch im vorliegenden Band dokumentiert ist (S. 243).

Das von Veit Veltzke herausgegebene Werk mit 23 Beiträgen kann als Summe heutigen Wissens über Schill und sein „Unternehmen“ gelten. Darüber hinaus verbindet es dokumentarische Genauigkeit mit historiographischem Anspruch. Besonders hervorzuheben ist die Arbeit der Bildredaktion, die Geschichte in Porträts, Nachzeichnungen von Ereignissen und Fotos anschaulich macht. Der vorliegende Band ist auch als Begleitbuch zu einer Schill-Ausstellung gedacht, die das Preußen-Museum Nordrhein-Westfalen ab September 2009 in Wesel zeigt. Der Ausstellungstitel, identisch mit dem des Bandes, verweist auf die lange Tradition von Schill-Feiern. Diese wird unter dem Gliederungspunkt „Nachwirkungen“ behandelt. Hier lässt sich eine Schleife vom Vormärz bis zum Mythos von Partisanen im 20. Jahrhundert ziehen („Von Schill zu Che“, Martin Rink). Worin bestand – diese Leitfrage schneiden alle Beiträge des Bandes an – „der Reiz, den diese historische Figur auf Zeitgenossen und Nachfahren ausübte?“ (S. 10). Schill war eine Art Gegentyp zum preußischen Offizier, der in einem streng regulierten Militärsystem zu agieren gewohnt war. Er verkörperte mit seinem weitgehend autonom entworfenen Aufstandsplan etwas „Neues“. Sein „Mythos“ bildete sich im Kontext einer spezifischen Epochenlage, die im Zeichen eines romantisch wabernden Nationalgefühls stand. Als Preußen am Boden lag, gingen Bürgertum und Monarchie aufeinander zu. Veränderungen in der Machtbalance wurden erwogen, ein Abschmelzen monarchischer Souveränität zugunsten bürgerlicher Ansprüche schien denkbar. Olaf Jessen schreibt: „Einer wie Schill passte daher bestens in die sich wandelnde Epoche, in die Zeit der Frühromantik und der Wertekrisen. Er war ein adeliger Offizier des Königs, galt aber als volksnah ohne eine Spur von Standesstolz.“(S. 41) So sei Schill schon zu Lebzeiten in mythische Gefilde entschwebt. Dass Schill kein „Meteorit“ war, sondern in seinem Handeln Teil eines weit verzweigten Netzwerkes innerhalb der preußischen Militär- und Staatsbürokratie, arbeitet detailliert der Beitrag Veit Veltzkes heraus.

Der Band porträtiert Schill als Epochengestalt. Das ist sein Verdienst. Auf gelegentliche euphorische Zuspitzungen hätte verzichtet werden können. Die Titelformulierung etwa erinnert an die Weseler Schillfestspiele des Sommers 1934. Überwiegend mit Laien aus Wesel besetzt, wurde das Stück „Schill. Ein Spiel von Deutschlands Freiheitskampf“ aufgeführt und dem nationalsozialistisch geprägten Zeitgeist mit den Worten eines „jungen Menschen“ gehuldigt: „Und Schills Geist weht als Fahne über uns allen. Nicht zagen, nicht klagen, nein vorwärts, zu Deutschlands Freiheit und Ehre.“ (S. 416)