J. O'Donnell: The Ruin of the Roman Empire

Cover
Titel
The Ruin of the Roman Empire. A New History


Autor(en)
O'Donnell, James Joseph
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 436 S.
Preis
$ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kai Grundmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Selten enthüllt ein Werk seinen Charakter in den ersten Minuten des Lesens so klar wie James O’Donnells „Ruin of the Roman Empire“. Auf dem Cover prangen die Worte „The Emperor who brought it down, the Barbarians who could have saved it“, und die ersten Zeilen des Vorworts versetzen einen nicht etwa in die Antike, sondern vielmehr in den aktuellen Krieg am Persischen Golf. O’Donnell gehört zu den Autoritäten auf dem Gebiet der Spätantike, und diesmal widmet er sich einem wahren Evergreen der Geschichtsforschung, dem Untergang Roms. Wie schon das Cover verrät, sind für ihn die ‚Barbaren‘ diejenigen, die Rom hätten retten können, und der Kaiser war derjenige, der es endgültig zerstörte. Dies ist eine sehr überspitzte Formulierung, und es dürfte ziemlich klar sein, wogegen sie sich richtet: Bryan Ward-Perkins’ und Peter Heathers jüngere Abhandlungen zum Fall Roms. Sie konzentrierten sich, teils mit einiger Polemik, auf die gewaltsame Natur des Untergangs und monierten, dass viele moderne Autoren die ‚barbarische‘ Aggression sowie ihre Folgen verharmlosen.[1] Genauso überspitzt wie diese augenzwinkernde Referenz setzt O’Donnell seinen Ruin fort.

Das erste Drittel des Buches behandelt die potentiellen Retter, die Ostgoten Theoderichs des Großen und ihr Reich in Italien. So markiere nicht das Jahr 476 den Untergang Roms, sondern erst die Zerschlagung des Ostgotenreiches durch Justinian. Die Goten nämlich versuchten das Römische Reich fortleben zu lassen; so ließen sie etwa zivile Verwaltungsstrukturen in italischen Händen, sie selbst waren zudem gründlich romanisiert. So weit, so unspektakulär – nichts davon ist überraschend oder grundlegend neu, teilweise ist es längst Handbuchwissen.[2] Bemerkenswert ist allenfalls noch die Konsequenz, mit der O’Donnell die Romanisierung der Goten betont. Theoderichs Leben erscheint als die Karriere eines römischen Offiziers mit römischer Sozialisierung in römischen Diensten. Auch Theoderichs Heer wird als ein römisches charakterisiert. Doch geht dies in einigen Punkten zu weit: Eine distinkt gotische Identität der Einwanderer wird von O’Donnell überhaupt nicht wahrgenommen; stellenweise macht der Text den Eindruck, als verschließe er geradezu die Augen vor dem wenigen ‚Gotischen‘ im Reich Theoderichs. Dass etwa Theoderichs Grabmal keinerlei ‚barbarische‘ Einflüsse erkennen lasse und als völlig römisch zu gelten habe (S. 130), verträgt sich nicht mit der Einzigartigkeit dieses Monumentes in architektonischer Hinsicht, die sehr wohl auf einen gotischen Baumeister zurückgehen könnte.[3]

Sind die römischen Goten die Helden bei O’Donnell, ist der im zweiten Abschnitt vorgestellte Kaiser Justinian ihr Antagonist. Auch hier erfährt der Leser nichts grundlegend neues, auch hier ist die Stärke des Werks seine Konsequenz, Justinian als negativen Gegenpol zur positiven Entwicklung im gotischen Italien zu zeichnen. Wo Theoderich den Westen zu neuer ökonomischer und kultureller Blüte führte, endete das Ostreich dank Justinian im finanziellen Bankrott, militärisch völlig ermattet, religiös gespalten. Spätestens in diesem Abschnitt stört die häufige Bezugnahme auf aktuelle Politik oder Zeitgeschichte. Dabei ist es nicht einmal die klare politische Verortung des Autors, die als eher unpassend erscheint; vielmehr erschließt sich der Sinn einiger Bezüge einfach nicht: Für den Mitteleuropäer ohne nähere Kenntnisse zur amerikanischen Zeitgeschichte jedenfalls ist die Charakterisierung von Theodoras Wirken als „Nancy Reagan with a lurid past“ (S. 178) wenig hilfreich. Manchmal sind diese Bezüge auch dermaßen oberflächlich, dass sie die Wissenschaftlichkeit des Werks beträchtlich in Frage stellen.[4] Sie sollen provozieren; doch wer ist das Ziel der Provokation, Republikaner oder Zeithistoriker? Der letzte Abschnitt beschreibt die Trümmer der Gotenkriege und Papst Gregors erfolgreiche Politik. Hier kann O’Donnell eine Stärke voll ausspielen, die auch schon früher zu Tage tritt: Vielleicht nicht an jeder Stelle wissenschaftlich unangreifbar, schafft er es doch immer wieder, komplexe Sachverhältnisse einfach und verständlich zu schildern.

Überhaupt ist das schriftstellerische Talent seines Autors das größte Plus des Werks, das zu lesen ein Hochgenuss ist. Es kann als ein Musterbeispiel literarisch gelungener und doch weitgehend wissenschaftlicher Prosa gelten. Die andere große Stärke des Bandes aber ist aber zugleich seine größte Schwäche: Sicher mag die Konsequenz der Darstellung für Leser nützlich sein, die noch an der Idee hängen, die Goten wären Bärenfell tragende Analphabeten und Justinian der edle Reichserneuerer. O’Donnell spielt geschickt mit Stereotypen von ‚Barbaren‘ und ‚Römern‘, wenn er es etwa für schwierig hält, Flavius Aetius nicht einen Barbaren zu nennen (S. 90) – ausgerechnet den Heermeister, der als „letzter Römer“ galt und oft noch gilt [5] – wohingegen er Theoderich so römisch wie nur möglich portraitiert.

Doch gerade sein zu einseitiges Gotenbild erweist sich als hinderlich. Wird Theoderichs Leistung wirklich nur als das friedliche Zusammenleben von Römern „of many different kinds“ begriffen (S. 127), gibt man eine Chance aus der Hand, das überaus schnelle Auseinanderbrechen des multiethnischen Gotenreiches differenzierter zu begründen, bei dem unterschiedliche Ethnizität und Identität eben doch eine Rolle gespielt haben könnten. Rechtlich gesehen gab es ohnehin schon immer die klare Trennung von Italern und Germanen, doch leider lässt O’Donnell juristische Aspekte völlig außen vor.[6] Dabei geht Vitiges’ Königswahl durch die Volksversammlung auf eine rein germanische Rechtstradition des Heerkönigtums zurück. Ohne dieses Ereignis als einen Beweis für germanische Freiheitsliebe zu mystifizieren, ist die Schilderhebung inter procintuales gladios eben Sitte der gotischen Vorväter und bildet eine dem römischen Recht unbekannte Herrschaftsgrundlage.[7] Was überhaupt eine legitime von einer illegitimen Herrschaft unterscheidet, definiert O’Donnell nicht. Dieser Verzicht irritiert nicht zuletzt, da seine eigene These vom Fortbestand des nunmehr transformierten Westreichs juristisch durchaus bestärkt werden könnte. Hier hätte schon die Lektüre von Felix Dahns „Königen der Germanen“ III und IV geholfen, statt nur seinen berühmtesten Roman als Beispiel für die ideologisch motivierte Konstruktion einer gotischen Identität und ihre Überhöhung heranzuziehen (S. 123f.) – dies übrigens zu Unrecht.[8]

Damit steht Dahn allerdings nur in einer Reihe anderer Wissenschaftler, deren Werke für O’Donnell nützlich gewesen wären und doch nicht herangezogen wurden, obwohl er sie fraglos kennt: Gideon Maiers Versuch einer Verfassung des Gotenreichs auf prosopographischer Basis hätte trotz einiger diskussionswürdiger Standpunkte rechtshistorisch gesehen einiges an Differenzierung ermöglicht. Die Studien Massimiliano Vitiellos zur Nachahmung römischer Herrschaft durch die Gotenkönige hätten zur Klärung beitragen können, inwieweit dies nur aufgesetzt war und ob die Italer dies glaubten – was O’Donnell relativ kritiklos annimmt.[9] Mischa Meiers mentalitätsgeschichtlicher Ansatz für Justinian gehört zu den wenigen nicht-englischsprachigen Werken, die O’Donnell zitiert (S. 286), allerdings vielleicht nicht ganz im Sinne des Autors.[10]

Trotz solcher Monita ist das Buch eine kraftvolle kulturgeschichtliche Argumentation für eine Kontinuitätsthese. Ob das reicht, Skeptiker zu bekehren, steht auf einem anderen Blatt. O’Donnell bietet aber einen im angelsächsischen Diskurs verhafteten, eloquenten und provokanten Konter gegen Heather und Ward-Perkins für ein breiteres Publikum. Die Bezüge auf das 20. und 21. Jahrhundert wirken in dieser Hinsicht unterstützend und machen einen Gutteil der Provokation, aber auch der Eloquenz aus. O’Donnell ist zuzustimmen, wenn er schreibt, dass es eine Aufgabe der Historiker ist, Lernen aus der Geschichte zu ermöglichen. Ein Werk, das sich für sein Wirken aber zu sehr auf politische Botschaften verlässt, kann jedoch schnell überholt sein, sobald diese Botschaften ihre Aktualität verlieren.[11] O’Donnells „Ruin of the Roman Empire“ und seiner wenig versteckten Abrechnung mit der Bush-Regierung droht im Laufe der Obama-Amtszeit dasselbe Schicksal.

Anmerkungen:
[1] Peter Heather, The fall of the Roman Empire, London 2006; Bryan Ward-Perkins, The fall of Rome and the end of civilization, Oxford 2006. Vgl. die Rezensionen zu beiden Werken von James O’Donnell in: Bryn Mawr Classical Review 2005.07.69, <http://bmcr.brynmawr.edu/2005/2005-07-69.html> (02.06.2009) und Udo Hartmann in: H-Soz-u-Kult, 09.07.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-022> (02.06.2009).
[2] Vgl. Mark Humphries, Italy, A.D. 425–600, in: Cambridge Ancient History, Bd. 14: Late Antiquity. Empire and Successors, Cambridge 2000, S. 550f.
[3] Für Joseph Alchermes gilt das Mausoleum als „distinctly un-roman“, Art and Architecture in the Age of Justinian, in: Michael Maas (Hrsg.), The Cambridge Companion to the Age of Justinian, Cambridge 2005, S. 368.
[4] Die Vergleiche Justinians mit Stalin und Milosević (S. 224) oder die Bezeichnung seiner Berater als Neocons (S. 216) wirken deplatziert, die Umschreibung der fränkischen Kultur als Tex-Mex (S. 307) einfach nichtssagend, die Seitenhiebe auf intelligent design (S. 11) und mangelnde exit-strategy (S. 237) überflüssig. Die Liste ließe sich fortsetzen; obwohl diese Beispiele zum Schmunzeln anregen, sind sie wissenschaftlich gesehen wertlos bis gefährlich.
[5] vgl. Prok. bell. 3,3,15
[6] Dass Rechtsgeschichte für O’Donnell kaum eine Rolle spielt, zeigt seine List of Roman Emperors (S. 396f.) schmerzhaft deutlich. Er führt dort Theoderich und Odovaker ebenso wie Honorius unterschiedslos als „reigning in the west“ auf.
[7] Vgl. Cass. var. 10,31,1. Freilich gab es auch im Römischen Reich Erhebungen von Herrschern durch das Heer, doch die lange Liste der so an die Macht gekommenen Kaiser darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass sie sich schleunigst um eine Legitimierung (in der Regel durch den Senat) bemühten. Im Gegensatz dazu bildete bei den Goten das Heerkönigtum für sich genommen eine legale Basis zur Herrschaftsausübung, vgl. Herwig Wolfram, Gotische Studien. Volk und Herrschaft im Frühen Mittelalter, München 2005, S. 17–21; Gideon Maier, Amtsträger und Herrscher in der Romania Gothica, Stuttgart 2005, S. 75.
[8] Die Bezeichnung als „racist nonsense“ würde selbst von Vertretern der These, Dahns „Kampf um Rom“ verbreite völkisches Gedankengut, nicht mehr gutgeheißen, vgl. Kurt Frech, Felix Dahn, in: Uwe Puschner u.a. (Hrsg.), Handbuch zur Völkischen Bewegung 1871–1918, München 1996, S. 696. Heutzutage gibt es erhebliche Zweifel an Dahns völkischer Gesinnung, vgl. Jan Ph. Reemtsma, Untergang, in: Rechtsgeschichte 5 (2004), S. 79–106; Arnold Esch, Ein Kampf um Rom, in: Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, S. 27–40. Nebenbei sei noch eine Ironie angemerkt: So weit entfernt voneinander sind die Protagonisten im Kampf um Rom von denen im „Ruin of the Roman Empire“ gar nicht. Hier wie dort finden wir den unfähigen, aber zerstörerischen Bösewicht Justinian im Kampf gegen die edlen Goten, die auch bei Dahn beträchtliche Romanisierung aufweisen (besonders Totila als „Held und Künstler zugleich, der in seiner Person Hellenengeist und Germanentum auf das schönste vereint hat“, so Paul Sommer, Erläuterungen zu Felix Dahns Ein Kampf um Rom, Leipzig 1906, S. 104f.).
[9] Maier, Amtsträger; Massimiliano Vitiello, Momenti di Roma ostrogota: aduentus, feste, politica, Stuttgart 2005; Il principe, il filosofo, il guerriero, Stuttgart 2006.
[10] Meiers Argumentation für eine Endzeitstimmung während Justinians Regierung beinhaltet z.B. die Annahme, das Westreich sei für die Zeitgenossen mit dem Ende des westlichen Kaisertums untergegangen (Das andere Zeitalter Justinians, Göttingen 2003, S. 71), was mit O’Donnells Ansatz per se inkompatibel ist. Dieser zieht Meier ohnehin nicht zur tieferen Diskussion, sondern zur allgemeinen Feststellung der negativen Wahrnehmung Justinians durch die Zeitgenossen im Gegensatz zu dessen Selbstdarstellung heran. Im Großen und Ganzen ist das nicht falsch, lässt aber viel von Meiers Facettenreichtum vermissen.
[11] Bekanntermaßen erging es Droysens monumentaler Geschichte der Preußischen Politik so, die zunächst eine überaus positive Resonanz erfuhr, aber schon von Droysens Schülern nachhaltig beiseite geschafft wurde, vgl. Wilfried Nippel, Johann Gustav Droysen, München 2008, S. 301–309.

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09.06.2009
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