T. Kienlin: Frühes Metall im nordalpinen Raum

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Titel
Frühes Metall im nordalpinen Raum. Eine Untersuchung zu technologischen und kognitiven Aspekten früher Metallurgie anhand der Gefüge frühbronzezeitlicher Beile


Autor(en)
Kienlin, Tobias
Reihe
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie
Erschienen
Anzahl Seiten
XVIII, 800 S.
Preis
€145,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Huth, Institut für Archäologische Wissenschaften, Universität Freiburg

In der Erforschung der Bronzezeit spielen Metallanalysen eine zentrale Rolle. Die meisten einschlägigen Untersuchungen nehmen sich der Zusammensetzung kupferner und bronzener Objekte an und zielen auf die Herkunftsbestimmung der verwendeten Metalle. Tobias Kienlin hat nun einen anderen Weg eingeschlagen. Mittels metallographischer Analysen versucht er den Herstellungsprozess frühbronzezeitlicher Beile nördlich der Alpen zu rekonstruieren und auf diese Weise zu erfahren, welche Kupfersorten Verwendung fanden, ob man andere Metalle zulegierte, wie man dabei vorging und wie man die Beile schließlich durch Gießen und Schmieden verfertigte. In den Untersuchungszeitraum, die frühe Bronzezeit, fällt der Übergang von der Kupfer- zur Bronzemetallurgie, ein in der Urgeschichte der Alten Welt nicht nur epochaler, sondern vor allem auch irreversibler Vorgang. Kein Wunder also, dass diese Ereignisse oftmals im Sinne eines zwangsläufigen, unilinearen technischen Fortschritts begriffen wurden, eine modernistische Annahme, die den Blick auf die wirklichen Abläufe mehr verstellte als schärfte.

Kienlins Analysen eröffnen völlig neue Perspektiven in der Bewertung der historischen Vorgänge am Übergang zur Bronzemetallurgie. Darüber hinaus liefern sie grundlegende Daten zur sachgerechten Beurteilung der Funktion der Beile, deren auffälliges Überlieferungsbild (hauptsächlich Einzelfunde und Depots, kaum Grab- und praktisch keinerlei Siedlungsfunde) bislang zu allerlei Spekulationen über Wesen und Natur der frühbronzezeitlichen Metallurgie geführt hat, auch solchen, die entgegen der Fortschrittshypothese eine Metallgüterproduktion einzig und allein zu religiösen Zwecken für möglich hielten.

Das ursprünglich als Dissertation in Tübingen entstandene Buch ist klar gegliedert, logisch strukturiert und auffallend prägnant geschrieben. Zunächst werden Fragestellung und Methode präzisiert und der Datenbestand umrissen. Gegenstand der Untersuchung sind 160 Beile der frühen Bronzezeit, in etwa zu gleichen Teilen solche der Typen Salez, Neyruz, Langquaid sowie sächsische Randleistenbeile, die Kienlin allesamt selbst beprobt und metallographisch analysiert hat. Der kurze Abriss zur Chronologie dient nicht nur der Einführung in das Thema, er verdeutlicht auch, welche Grenzen den verschiedenen Untersuchungsmethoden gesetzt sind, zumal der antiquarisch-typologischen Analyse, etwa im Stile des gleichwohl verdienstvollen Unternehmens „Prähistorische Bronzefunde“.

Viel Raum nimmt die Beschreibung der metallographischen Verfahren ein, die für das weitere Verständnis des Textes natürlich unerlässlich sind. Tobias Kienlin versteht es in trefflicher Weise, manch spröden Sachverhalt in wohlgesetzten Worten auch dem weniger an technischen Genrefragen Interessierten näherzubringen. Erläutert werden die wichtigsten Gefügetypen, Verfahrensweisen der Kaltverformung und des Heißschmiedens, Prozesse der Rekristallisierung und der Homogenisierung und schließlich der Gesamtumformung. Auch Gebrauch und Nachschärfen hinterließen ihre Spuren im Gefüge. Eine detaillierte Darstellung der Grundlagen der metallographischen Untersuchung und der einschlägigen Methodik findet sich außerdem im Anhang im zweiten Band.

Bevor sich Kienlin den frühbronzezeitlichen Beilen zuwendet, erläutert er noch kurz die Verhältnisse bei den kupferzeitlichen Altheimer Beilen und kommt zu dem Ergebnis, dass diese durch wiederholtes Weichglühen und Schmieden gezielt gehärtet wurden. Obwohl die Fertigung unter kontrollierten Bedingungen erfolgte, war man nicht auf eine Optimierung der Resultate bedacht. Der versierte und an guten Ergebnissen orientierte Umgang mit Werkstoffen, hier Kupfer, ist sicherlich charakteristisch für das Handwerk in aliteralen Gesellschaften. Typisch ist aber auch, dass man nicht an die Grenzen des theoretisch Machbaren ging, gerade weil man eben nicht über theoretisches, sondern über Erfahrungswissen verfügte. Hypothesen zum technologischen Fortschritt, die sich nach den theoretisch gegebenen Möglichkeiten der Materialien richten, übersehen also einen wesentlichen Aspekt, nämlich die Bedingungen, unter denen Wissen in urgeschichtlicher Zeit entstanden ist.

Tobias Kienlins Analysen machen unsichtbare Dinge sichtbar. Sie stellen unser Verständnis frühbronzezeitlicher Technologie auf eine ganz neue Grundlage. Insbesondere eine unilineare Fortentwicklung der Metallurgie, eine ständige Verbesserung der Materialien (etwa durch Zulegierung vor Arsen und Zinn) und eine Optimierung der Herstellungsverfahren auf der Basis dieser Werkstoffe entsprechen eher modernistischen Vorstellungen technologischen Fortschritts als historischen Abläufen und Gegebenheiten. In einem weiteren Exkurs zur Chronologie der Beiltypen zeigt Tobias Kienlin, wie sehr solche Auffassungen auch die zeitliche Ordnung des Fundstoffes beeinflusst haben.

Die Metallurgie der frühen Bronzezeit entsteht nicht ex nihilo, sie baut auf einem umfangreichen Erfahrungswissen auf. Kontrollierte Herstellungsabläufe (Guss in geschlossener Form, mehrstufiges Ausschmieden durch wiederholtes Weichglühen und Kaltverformen) und beste Materialkenntnisse führten zu Produkten, deren Qualität (insbesondere nach Härte und Belastbarkeit) mit den herkömmlichen Steinbeilen standhalten konnte. Je nach Region und Zeit standen wohl unterschiedliche Metallsorten zur Verfügung. Davon abhängig entwickelten sich verschiedene Verfahrensweisen und Herstellungstechniken. Für die Salezbeile verwendete man ein an Nebenelementen reiches Kupfer, dessen Eigenschaften zinnlegiertem Metall keineswegs unterlegen waren. Offenbar unterschied man zwischen gutem Kupfer (mit Nebenelementen) und schlechtem Kupfer (ohne Nebenelemente), das sich nicht so gut aushärten ließ. Im Falle der Neyruzbeile versuchte man, das nebenelementarme Kupfer mit Zinn aufzulegieren und durch stärkeres Ausschmieden die Härte der Klingen zu erhöhen. Gerade umgekehrt verlief die Entwicklung bei den sächsischen Beilen. Hier führte die Verwendung von Fahlerz mit Nebenelementen lediglich zur zögerlichen Zulegierung von Zinn. Die Erfahrungen, die man mit dem Ausschmieden des Fahlerzes gemacht hatte, veranlassten die Handwerker dazu, die Bronzebeile nur soweit zu überarbeiten, bis man ein den anderen Beilen vergleichbares (und für angemessen gehaltenes) Resultat erreicht hatte. Erst mit den Langquaidbeilen setzt sich die regelhafte, wohldosierte und hochprozentige Legierung mit Zinn durch. Zu beobachten ist ferner eine gewisse Standardisierung der Verfertigungstechniken, erkennbar an der Überformungsrate und den erzielten Härtegraden. Für die gute Qualität der Langquaidbeile ist also nicht allein das Material verantwortlich. Vielmehr kommt es zur Angleichung bis dato regional unterschiedlicher Techniken und des damit verbundenen Wissens, sicherlich aber auch der Erwartungshaltung, die man an die Eigenschaften der Metallprodukte richtete. Auch die regel- und dauerhafte Verfügbarkeit von Zinn muss eine wichtige Rolle gespielt haben. In der Zusammenschau sind es also verschiedene, sich gegenseitig bedingende und verstärkende Faktoren, die zur wohlgemerkt allmählichen Durchsetzung von Zinnbronze beigetragen haben, eine Entwicklung, die zweifellos als technologischer Fortschritt zu bezeichnen ist. Indes ist davon auszugehen, dass über längere Zeiten hinweg verschiedene Kupfersorten nebeneinanderher Verwendung fanden, und dass für den Fortgang der technologischen Entwicklung grundsätzlich mehrere Optionen zur Verfügung standen, vor allem solange die Endprodukte den Ansprüchen genügten.

Die Ergebnisse der metallographischen und handwerkstechnischen Untersuchungen (die auch noch durch Experimente zu den Gebrauchseigenschaften der Beile ergänzt werden) haben gewichtige Folgen für die historische Bewertung der Frühbronzezeit. Tobias Kienlin diskutiert in nobler und fairer Weise geläufige Vorstellungen zur Funktion der Beile. Eine Verwendung als Barren oder Geld verwirft er mit guten Gründen. Auch eine Herstellung von Beilen allein zum Zwecke einer religiös motivierten Deponierung erscheint ihm nicht plausibel. Die Beile hält er vornehmlich für Werkzeug, schließt aber eine fallweise Benutzung als Waffe nicht aus. Auch sei damit zu rechnen, dass Metall einen symbolischen Wert für den Besitzer darstellen und Beile deshalb noch andere Bedeutungen erlangen konnte.

Tobias Kienlin entwirft das Bild einer sich langsam wandelnden Technologie, die auf Erfahrungswissen aufbaut und sich aus unterschiedlichen, ineinandergreifenden Gründen wandelt, nicht aber zwangsläufig und als Folge der Überlegenheit neuer Materialien oder gar weil man mit den tradierten Verfahrensweisen unzureichende Ergebnisse erzielt hätte. Wieder einmal zeigt sich, dass Not nicht die Mutter der Erfindung ist. Tobias Kienlins Bild der frühbronzezeitlichen Metallurgie entspricht auch den aus der Ethnologie gewonnenen Erkenntnissen über die Faktoren technischen Wandels und die Tradierung von Wissen in aliteralen Gesellschaften. Indes basieren seine Einsichten auf archäologisch gewonnenen Daten, was bedeutet, dass er einen eigenständigen, mit den Methoden seiner Wissenschaft hervorgebrachten Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Frage geleistet und nicht nur die Theorie einer anderen Wissenschaft auf die prähistorische Archäologie übertragen hat.

Tobias Kienlins kluge Untersuchung trägt entscheidend zum rechten Verständnis frühbronzezeitlicher Kulturverhältnisse bei, sie klärt die Dinge sachgerecht und verzichtet wohlweislich auf hypothetische Rekonstruktionen der Gesellschaftsverhältnisse. Der technologische Wandel der frühen Bronzezeit wird ganz und gar aus dem archäologischen Befund heraus erklärt. Die Entwicklungen zu Beginn der Bronzezeit waren fraglos folgenreich, sie waren aber gleichzeitig unspektakulär. So ist es wohl auch an der Zeit, den lieb gewonnenen Eliten der Bronzezeit, ohne die angeblich nichts gegangen sein soll, zum Abschied leise Servus zu sagen. Tobias Kienlin hat mit seinem formidablen Buch der Erforschung der Bronzezeit richtungweisende Impulse gegeben.

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Veröffentlicht am
22.10.2009
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