Dzieje inteligencji polskiej do roku 1918

: Narodziny inteligencji (1750-1831). . Warszawa  2008. ISBN 978-83-754-3027-1

: Błędne koło, 1832-1864. . Warszawa  2008. ISBN 978-83-754-3027-1

: Inteligencja na rozdrożach, 1864-1918. . Warszawa  2008. ISBN 978-83-7543-027-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maciej Górny, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften

Es gibt Bücher, denen man schon gleich nach dem Erscheinen das Label „seit langem erwartet“, „mit Ungeduld erwartet“ etc. aufdrückt. Das dreibändige Werk „Die Geschichte der polnischen Intelligenz bis zum Jahre 1918“ gehört dazu und es steht zu erwarten, dass es sehr wahrscheinlich nicht nur den wissenschaftlichen sondern auch den öffentlichen Diskurs in Polen erheblich beeinflussen wird. Die Idee zu diesem Projekt entstand in den 1980er-Jahren in der Pracownia Dziejów Inteligencji (Forschungsstelle für die Geschichte der Intelligenz) am Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau (Instytut Historii im. Tadeusza Manteuffla PAN). Seine endgültige Gestalt verlieh ihm Jerzy Jedlicki gemeinsam mit zwei jüngeren Mitarbeitern der Forschungsstelle: Magdalena Micińska und Maciej Janowski. Bevor es soweit war, haben alle drei Autoren bereits einige bedeutende Monografien veröffentlicht, die sich in den weiteren Kontext der Erforschung der polnischen Intelligenz einordnen lassen.[1]

Die Struktur des Gesamtwerkes orientiert sich vor allem am chronologischen Verlauf. Die gemachten Zäsuren entsprechen denen der polnischen historiographischen Tradition: 1831 als das Jahr der Niederlage des Novemberaufstandes und des Beginns der so genannten Großen Emigration (Wielka Emigracja); 1864 als das Jahr der Niederlage des Januaraufstandes; 1918 als das Jahr, in dem ein unabhängiger polnischer Staat entstand. Jedes dieser Daten hat sowohl vom Standpunkt der traditionellen nationalen Erzählung wie auch in Anbetracht der jeweiligen Bedeutung für die Situation der gesellschaftlichen Gruppe der Intelligenz seine Berechtigung. Gleichzeitig wird hierdurch jedoch eine Abfolge von Niederlagen betont, die trotz allem zur Wiedererrichtung eines polnischen Nationalstaates führten. Dies birgt die Versuchung in sich, eine teleologische Erzählung eines ununterbrochenen und letztlich zum Sieg führenden Freiheitskampfes zu entwerfen. Ein zweites Problem ergibt sich bereits allein aus der Forschungsthematik, nämlich die Frage nach der geeigneten Methodologie: Sollte das Ziel einer Geschichte der polnischen Intelligenz eine soziologische Studie über eine gesellschaftliche Gruppe, eine Ansammlung von Biographien oder doch eher eine Geschichte der polnischen Auseinandersetzungen über die Rolle und die Position der Intelligenz sein? Im Vorwort bekennt sich Jerzy Jedlicki offen zu einem methodologischen Eklektizismus. Man kann „Die Geschichte der polnischen Intelligenz“ auch als ein literarisches Werk behandeln. Aus einer solchen Perspektive ist es schwer zu übersehen, dass die Autoren bewusst zum Teil bedeutende konzeptionelle und stilistische Unterschiede zwischen den einzelnen Bänden beibehalten haben.

Dem mit den historischen Diskursen Ostmitteleuropas nicht vertrauten Leser bedarf es an dieser Stelle einiger Erläuterungen zum Untersuchungsgegenstand des Werkes von Jedlicki, Micińska und Janowski. Der Begriff „Intelligenz“ („inteligencja“) hielt trotz seines hegelianischen Ursprungs nie endgültig Einzug in die deutsche Historiographie – sofern man von der Geschichtswissenschaft der DDR absieht. Ebenso wie andere Bezeichnungen für gesellschaftliche Gruppen ist auch dieser Terminus unscharf. Gegenwärtig verbindet man ihn vor allem mit der russischen Geschichte, obgleich der Begriff erst durch die polnische Vermittlung dorthin gelangte und sich dabei in den polnischen Realitäten ausgestaltete. Jedlicki fasst zur Orientierung den Begriff mit der absichtlich nicht weiter präzisierten Formel: „eine Gruppe von besser oder schlechter ausgebildeten Menschen verschiedener Stände und Berufe, die von ihrer eigenen Arbeit leben und sich in einer gewissen Pflicht gegenüber einer hundertfach größeren, imaginierten, nationalen Gemeinschaft sehen“ (Bd. 1, S. 10).

Die Autoren bemühen sich, eine präzisere Definition des Terminus zu vermeiden. In einem gewissen Sinne sollen schließlich die drei Bände selbst eine kontextbezogene Definition sein. Deshalb wird auch versucht, eine Präzisierung und Beschreibung des Begriffs Intelligenz durch eine Gegenüberstellung mit anderen Termini zu erreichen, die in allen drei Bänden wiederholt auftauchen. So unterscheidet sich die Intelligenz z. B. von der Bezeichnung Bildungsbürgertum durch den jeweiligen Kontext, in dem diese Begriffe funktionieren. Dabei drängt sich aber die Frage auf, ob dieser Unterschied durch die Epochen hindurch unverändert blieb? Maciej Janowski stellt die These auf, dass die polnische Intelligenz bis zur Niederlage des Januaraufstandes (1831) am besten gerade mit Hilfe des „deutschen“ Modells beschrieben werden kann. Mit dem endgültigen und offiziellen Verlust jeglicher staatlicher Eigenständigkeit hat die Entwicklung dann jedoch ihre Richtung verändert.

Jedlicki beobachtet, dass die rückständigen, armen, abhängigen und autoritär regierten Länder den Hintergrund bildeten, vor dem schon allein die Tatsache, über Bildung zu verfügen und von geistiger Arbeit leben zu können, für die Herausbildung einer eigenen Gruppe ausreichte, die sich von den anderen bis dahin existierenden unterschied. Im polnischen Fall verlor die Intelligenz nach dem Jahre 1831 in der großen Mehrheit die grundlegenden Mittel, die sie zu einem Bildungsbürgertum gemacht hätten: den eigenen Staat, der ihnen Anstellung in der Verwaltung geben würde, sowie die autonomen, in der einheimischen Sprache ausbildenden Universitäten. Auf der anderen Seite wurde die Intelligenz (auch die polnische) jedoch durch einen der Intelligenz entsprechenden Lebensstil geschaffen, der vor allem in den Städten anzutreffen war. Janowski zeigt die Orte auf, an denen sich die neue gesellschaftliche Schicht herauskristallisierte: Bibliotheken, Buchhandlungen, Theater, Salons, Ämter und Cafés und schließlich auch die Universität.

Nicht alle Kristallisationspunkte verschwanden gleichzeitig mit dem Verlust der Eigenstaatlichkeit, anstelle einiger von ihnen bildeten sich aber auch neue Plattformen für Begegnungen und für die Schaffung eines Selbstbewusstseins der Intelligenz heraus, wie zum Beispiel Zeitschriftenredaktionen, private Korrespondenz und auch patriotische Verschwörungen. Magdalena Micińska skizziert ausgezeichnet die Art und Weise, in der die polnische Intelligenz im späten 19. Jahrhundert funktionierte und in immer stärkerem Maße nicht nur durch ein gemeinsames Ethos verbunden war, sondern auch durch zunehmend engere freundschaftliche und familiäre Verbindungen. Das Fehlen eines eigenen Staates verursachte eine Spannung zwischen den Bestrebungen hin zu einer nationalen Selbstbestimmung und einem Modernisierungsprogramm. In diesen Widerspruch war besonders die Intelligenz des russischen Teilungsgebietes verwickelt und gerade dieser war der Grund für den Ausbruch der nächsten Aufstände. Gleichzeitig erneuerte sich dort, wo die Gegebenheiten es zuließen, innerhalb der Intelligenz eine stärker „westliche“ Struktur. Hierfür ist die bürgerliche Gesellschaft des autonomen Galiziens im Habsburgerstaat ein Beispiel. Die Einstellung der Autoren gegenüber dieser Gruppe, die näher an das deutsche Modell heranreicht, ist ambivalent. Einerseits bildete sie den Ausgangspunkt, in gewisser Weise eine Norm, von der sich Polen in Folge des schrittweisen Verlusts der politischen Eigenständigkeit immer weiter entfernte. Andererseits ist die Intelligenz ohne eigenen Staat, die am Staat vorbei, ja oft sogar gegen ihn agiert, ein wichtiger Teil der Selbstdefinition einer gesellschaftlichen Schicht, der nicht nur die Helden der drei Bücher angehören, sondern auch deren Autoren zuzurechnen sind. Im letzten Teil der Trilogie beschreibt Magdalena Micińska die Unterschiede zwischen der ungewöhnlich aktiven, ehrenamtlich engagierten und rebellischen Intelligenz des russischen Teilungsgebiets sowie der Intelligenz im autonomen Galizien, die stark hierarchisch organisiert, im überwiegenden Teil konservativ und abhängig von staatlicher Beschäftigung war. Zwar nimmt die Autorin hier keine unmittelbaren Wertungen vor, aber der Leser wird eher keine Zweifel haben, welche dieser Gruppen sich einer größeren Anerkennung durch die Autorin erfreut.

Die definitorischen Überlegungen in der polnischen Historiographie werden schon seit langem von der Frage nach der gesellschaftlichen und kulturellen Genese der Intelligenz begleitet. Im Großen und Ganzen hat sich im polnischen öffentlichen Diskurs die These von Józef Chałasiński durchgesetzt (in einer entsprechend vereinfachten Form), der in der Intelligenz eine Fortführung der adligen Tradition sah und die enge Verwandtschaft dieser beiden Gruppen unterstrich. Die Autoren der „Geschichte der polnischen Intelligenz“ polemisieren an vielen Stellen gegen diese These, manchmal gewollt provokativ. Janowski unterstreicht die oft unterschätzte Rolle der Geistlichen und ehemaligen Geistlichen (aus dem aufgehobenen Jesuitenorden) als gesellschaftliche Basis der sich entwickelnden Intelligenz der polnischen Aufklärung und stellt ironisierend der adligen Genese der polnischen Intelligenz deren „Jesuiten-Piaristen-Genese“ gegenüber (Bd. 1, S. 57). Alle Autoren unterstreichen die Beteiligung von Personen aus den unteren Gesellschaftsschichten, von Ausländern, Protestanten sowie von assimilierten Juden. Gleichzeitig machen sie auf die Unklarheiten der statistischen Kategorien des 18. und 19. Jahrhunderts und die Unschärfe bei der Grenzziehung zwischen den Ständen aufmerksam, die sich nicht unreflektiert mit in der heutigen Historiographie verwendeten Begriffen fassen lassen. Der Entstehungsprozess einer neuen gesellschaftlichen Schicht auf den Fundamenten der oben genannten Gruppen beruhte unter anderem darauf, dass ihre Vertreter die Möglichkeit einer Karriere in den staatlichen Einrichtungen erhielten. Dementsprechend folgt die Besonderheit der polnischen Situation aus der Tatsache, dass diese Chance als Ergebnis der Teilungen eingeschränkt wurde und in Folge der gescheiterten Aufstände beinahe völlig verschwand. Durch die neuen gesellschaftlichen Bedingungen veränderte sich die Zusammensetzung der Intelligenz. Die Autoren der „Geschichte der polnischen Intelligenz“ weisen dabei auf die „Reversibilität“ des Status des Intellektuellen hin, besonders während des Herausbildungsprozesses dieser neuen Schicht. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kehrten einige Angehörige der polnischen Intelligenz adliger Abstammung auf Grund der fehlenden Möglichkeiten, eine Verwaltungs- oder Wissenschaftskarriere fortzusetzen, einfach auf ihre Familiengüter zurück. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Intelligenz unter dem Einfluss solcher Bewegungen in der Teilungszeit in einem geringeren Maße „adelig“ war. Nach dem Scheitern des Novemberaufstands (1831) wurde – laut Janowski – der Zustrom von Angehörigen der unteren Gesellschaftsschichten in die Intelligenz dadurch erschwert, dass das staatliche Mäzenatentum wegfiel und die Position der polnischen Aristokratie geschwächt wurde. Die Intelligenz näherte sich somit einer Gutsbesitzer-Schicht an. Gleichzeitig begann sich die Intelligenz bereits in der Zeit zwischen den Aufständen (1831-1863) selbst zu reproduzieren, wodurch die Zugehörigkeit zur Intelligenz in gewisser Weise erblich wurde.

Eine Untersuchung der Genealogie dieser gesellschaftlichen Schicht im 18. und 19. Jahrhundert ist natürlich zu Spekulationen verurteilt und man kann nur mit Näherungswerten arbeiten. Bei der Untersuchung des Anteils des Adels an der Intelligenz kann man sich nicht auf „harte“ statistische Daten stützen. Mit einer deutlich höheren Treffsicherheit lässt sich jedoch die Ausformung eines Selbstbewusstseins dieser neuen Schicht beschreiben, für deren Emanzipation viele Belege angeführt werden: einerseits vom Volk (und das obwohl sich die Mitglieder der Intelligenz immer wieder an das Volk wandten und ihre Hoffnung darauf setzten, dass es dem Volk gelingen würde, die Unabhängigkeit zurückzuerlangen), andererseits gegenüber dem Adel und der Aristokratie. Die letztgenannte Abgrenzung ist insofern von Bedeutung, als sich die Selbstdefinition der neuen Schicht – wie Jedlicki, Micińska und Janowski aufzeigen – in deutlicher Opposition zur bis dahin privilegierten Klasse herausbildete. Die Historiker beantworten nicht voreilig die Frage der Genealogie der polnischen Intelligenz, hingegen zeigen sie ausdrücklich, dass das Ethos der Intelligenz von demjenigen des Adels nicht nur abwich, sondern ihm in vielen Momenten geradezu entgegengesetzt war.

Die Bedeutung der Intelligenz in der Geschichte Polens war deutlich größer als ihr prozentualer Anteil an der Gesellschaft, der in dem von der Trilogie behandelten Zeitraum eher im Promille- als im Prozentbereich lag. Diese kleine Gruppe war dennoch Träger und Mitbegründer des polnischen Nationalbewusstseins und des gesamten in Polen auszumachenden politischen Spektrums. Im 19. Jahrhundert vermischen sich oftmals die Geschichte der Intelligenz und die Geschichte Polens; nicht selten sind sie auch einfach identisch, da eben diese gesellschaftliche Schicht der Produzent und Träger der nationalen Idee war. Diese Tatsache verleiht der „Geschichte der polnischen Intelligenz“ zweifellos Bedeutung und erklärt zumindest teilweise das außergewöhnlich starke mediale Echo auf drei Bücher, die lediglich in der homöopathischen Auflage von 500 Exemplaren erschienen sind.[2]

Tatsächlich erlaubt es die Lektüre der Trilogie nicht nur, die Genese und die Entwicklung einer der polnischen Gesellschaftsschichten nachzuverfolgen, sondern das Werk illustriert auch einige über Polen hinaus verbreitete Phänomene, teilweise gesamteuropäischer, teilweise spezifisch ostmitteleuropäischer Dimension. In beinahe jedem Fall präsentieren die Autoren dabei originelle Thesen, die sich von den herkömmlichen Urteilen absetzen. Ein großes Thema, das sich durch die Seiten der Bände hindurch zieht, sind Modernisierungsprozesse. Die Art und Weise, wie diese Frage behandelt wird, scheint einer besonderen Beachtung wert. Bereits im ersten Band unterstreicht Janowski die Kluft zwischen den westeuropäischen Ideen der Aufklärung, die in Polen kommentiert und rezipiert wurden, und den durch die Angehörigen der polnischen Intelligenz gemachten Erfahrungen der Rückständigkeit. So schreibt er, dass Locke und Voltaire zwar selbstverständlich gelesen wurden, dass aber die praktischen Lösungsansätze in Bezug auf die Fragen der Modernisierung aus anderen Gegenden importiert wurden. Für Polen waren die Monarchien der Habsburger und Hohenzollern die Quelle und die Inspiration für solche Lösungsansätze, da sie über ein Erfahrungskapital verfügten, das gut auf die örtlichen Bedingungen in Polen angewendet werden konnte. Janowski macht auf die gemäßigten und nichtrevolutionären Mittel aufmerksam, mit denen die polnischen Aufklärer ein im Grunde genommen radikales Ziel zu erreichen hofften: die Schaffung eines modernen europäischen Staates. Dasselbe Motiv taucht auch im nächsten Band auf, in dem Jerzy Jedlicki die Repressionsmaßnahmen der Teilungsmächte und die politisch motivierte Emigration unter dem Blickwinkel der verlorenen Chancen für eine zivilisatorische Entwicklung des Landes betrachtet. Im letzten Band untersucht Magdalena Micińska die „eigentliche“ Moderne, die mit dem Terminus „modernizm“ (Modernismus) bezeichnet wird. Wie im Band zur polnischen Aufklärung stehen auch hier wieder die Spezifika der Rezeption und Übernahme aus dem Westen im Zentrum des Interesses der Autorin. Dabei wird noch einmal unterstrichen, dass die intellektuelle Nachahmung nie ein passiver Prozess ist, sondern dass die Ideen bei ihrer Wanderung Entwicklungen in verschiedene, von den Ideengebern nicht vorhersehbare Richtungen durchlaufen.

Modernisierung und Rückständigkeit stecken den Rahmen der Ideen und Erscheinungen ab, die das Funktionieren der Intelligenz in jedem der untersuchten Zeiträume beeinflussten. Im zweiten und dritten Band wird die Assimilierung der Juden zu einem solchen Thema und darauf folgend dann der sich verstärkende Antisemitismus. Jedlicki unterstreicht die moralische Zweideutigkeit der galizischen Politik, in der die theoretischen Losungen von Freiheit und Demokratie von einer praktischen Distanz und Abneigung gegenüber Juden begleitet wurden. Der endgültige Misserfolg der Idee der Assimilierung und der Beginn des „modernen“ Antisemitismus werden dann im dritten Band behandelt.

In diesen weitgefassten Rahmen lassen sich ebenfalls die gesellschaftlichen Phänomene einordnen, die sich nach dem Misserfolg des Aufstandes von 1830-1831 bei der Betrachtung der polnischen Intelligenz ausmachen lassen. Jedlicki spricht von einer Verlangsamung des Professionalisierungsprozesses innerhalb der polnischen Intelligenz. Einerseits versetzten die Repressionsmaßnahmen der Teilungsmächte dem polnischen Schulwesen einen empfindlichen Stoß. Im Abschnitt über die Schließung der Universitäten, und besonders der medizinischen Fakultäten, schreckt der Autor nicht davor zurück, auch von dem Skandal zu sprechen, dass das russische Teilungsgebiet mehrere Jahrzehnte der Möglichkeit beraubt war, Mediziner auszubilden. Andererseits trugen die politischen Repressionen wie auch die fehlenden Chancen auf eine Karriere im Land selbst zu einer Emigration gerade der talentierten und gut ausgebildeten Personen bei. Ein Teil von ihnen, besonders die Vertreter technischer und naturwissenschaftlicher Berufe, assimilierte sich in den Aufnahmeländern. Das Verhalten einiger von ihnen gab dabei Anlass zu lebhaften Diskussionen über die Grenzen der Loyalität gegenüber einem Land, das einerseits der Möglichkeiten einer staatlichen Förderung der Wissenschaft beraubt war, aber andererseits fortwährend neue Mitglieder der Intelligenz hervorbrachte, die keine Aussicht auf eine wissenschaftliche oder eine Verwaltungskarriere hatten. Diese „Überproduktion an Intelligenz“ war übrigens auch über den im Werk behandelten Zeitraum hinaus eine regionale Eigenheit.

Die Autoren haben in den wichtigsten Fragen einen gemeinsamen Standpunkt herausgearbeitet, wie zum Beispiel bei der Problematik der verwendeten Begriffe, in der Frage der Rückständigkeit und Modernisierung wie auch in Bezug auf die Spannungen zwischen dem Programm eines gemäßigten zivilisatorischen Fortschritts und dem nationalen Irredentismus. Die Trilogie erzählt ohne Zweifel eine gemeinsame Geschichte. Auch bei technischen und formalen Fragen haben die Autoren sich abgestimmt. So stehen zum Beispiel längere Quellenzitate in vom Fließtext abgesetzten Kästen und im Text werden immer wieder typische Biographien von Angehörigen der Intelligenz vorgestellt, anhand derer Phänomene aufgezeigt werden, die die ganze Gesellschaftsschicht betreffen. Dennoch bedeutet dies nicht, dass es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Bänden gibt. Im Gegenteil, sowohl der Schreibstil als auch die Struktur der Erzählung ändert sich mit dem jeweiligen Autor. In Bezug auf Letzteres ähneln sich die Bände eins und drei. Dem allgemeinen chronologischen Verlauf wurde ein Raster von Fragen beigefügt, so dass die Erzählung nicht linear verläuft, sondern vor dem Hintergrund der Ereignisgeschichte entlang der Charakterisierungen gesellschaftlicher Phänomene und Ideen gleichsam „mäandert“. Im Vergleich dazu ist der zweite Band aus der Feder von Jerzy Jedlicki traditioneller. Der Autor führt den Leser im Rhythmus der Abfolge von Erhebungen und Repressionen ohne längere Zwischenstopps von der „Großen Emigration“ bis zur Niederlage des Januaraufstandes.

Die Bedeutung des Werkes von Janowski, Jedlicki und Micińska weist über die polnische Historiographie im Besonderen und den polnischen historischen Diskurs im Allgemeinen hinaus. Denn neben seiner Bedeutung für die polnischen wissenschaftlichen und ideologischen Auseinandersetzungen ist es auch ein wichtiger Beitrag zur Geschichte Ostmitteleuropas. Es lohnt sich hier noch einmal zu unterstreichen, dass im Ursprung der polnischen Synthese der Geschichte der Intelligenz die bewusste und kritische Anstrengung einer vergleichenden Analyse der europäischen Forschung zu verwandten Phänomenen lag.

Am Rande sollte noch erwähnt werden, dass die dreibändige „Geschichte der polnischen Intelligenz“ nicht nur ein wissenschaftliches und intellektuelles Ereignis darstellt, sondern auch eine interessante Tatsache auf dem Gebiet der Geschichte der Wissenschaft verkörpert. Denn dieses Werk ist ein wirklich seltenes Beispiel für die völlige und gelungene Realisierung einer Aufgabe, mit der man eine akademische Forschungsstelle beauftragt hat. Entsprechend der Annahmen, die den marxistischen Schöpfern einer neuen Ordnung in den historischen Wissenschaften Ostmitteleuropas (einschließlich der DDR) vorschwebten, hat der kleine Kreis von Mitgliedern der Forschungsstelle für die Geschichte der Intelligenz durch seine eigenen Forschungsarbeiten die Grundlagen erarbeitet, auf die sich nun die Synthese der Geschichte einer ganzen Gesellschaftsschicht stützt. Schon allein die einfache Tatsache, dass es gelungen ist, die ganzen Jahre hindurch die Kontinuität und innere Logik der Arbeit zu wahren, verdient höchsten Respekt.

Bei allen Einwänden, die vielleicht der Stil, die Argumentation oder die Konstruktion der einzelnen Bände hervorrufen, kann man die „Geschichte der polnischen Intelligenz“ dennoch mutig mit einem Terminus bezeichnen, für den es im Polnischen keine richtige Entsprechung gibt: Jerzy Jedlicki, Magdalena Micińska und Maciej Janowski ist es gelungen, ein Standardwerk zu schaffen.[3]

Anmerkungen:
[1] Jerzy Jedlicki, Jakiej cywilizacji Polacy potrzebują. Studia z dziejów idei i wyobraźni XIX wieku, Warszawa 1988; idem, A suburb of Europe. Nineteenth-century Polish approaches to Western civilization, Budapest 1999; Magdalena Micińska, Między królem Duchem a mieszczaninem. Obraz bohatera narodowego w piśmiennictwie polskim przełomu XIX i XX wieku (1890-1914), Wrocław 1995; eadem, Zdrada, córka nocy. Pojęcie zdrady narodowej w świadomości Polaków w latach 1861-1914, Warszawa 1998; Maciej Janowski, Inteligencja wobec wyzwań nowoczesności. Dylematy ideowe polskiej demokracji liberalnej w Galicji w latach 1889-1914, Warszawa 1996; idem, Polska myśl liberalna do 1918 roku, Kraków 1998; idem, Polish liberal thought before 1918, Budapest 2004.
[2] Nach der offiziellen Präsentation des Werkes im Dezember 2008 druckte die größte polnische meinungsbildende Tageszeitung, die „Gazeta Wyborcza”, eine Reihe von Interviews mit den Autoren der drei Bände. Die katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ widmete dem Werk sogar eine Sondernummer. Darüber hinaus erschienen viele in der Regel positive Rezensionen, unter anderem in der Wochenzeitschrift „Polityka“.
[3] Eine stark erweiterte Version dieser von Corinna Felsch übersetzten Besprechung wird demnächst in Band 2 von „Historie“, Jahrbuch des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, erscheinen.

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23.06.2009
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