R. Dauser u.a. (Hrsg.): Wissen im Netz

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Titel
Wissen im Netz. Botanik und Pflanzentransfer in europäischen Korrespondenznetzen des 18. Jahrhunderts


Herausgeber
Dauser, Regina; Hächler, Stefan; Kempe, Michael; Mauelshagen, Franz; Stuber, Martin
Reihe
Colloquia Augustana 24
Erschienen
Berlin 2008: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
427 S.
Preis
€ 59,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilman Moritz, Historisches Institut (Frühe Neuzeit), Universität Paderborn

Die Beschreibung sozialer Beziehungen zwischen Personen, Gruppen und Institutionen als Netzwerk ist in der Soziologie längst zum Paradigma geworden. Mit Verweis auf die Luhmannsche Systemtheorie werden gesellschaftliche Prozesse unter den Aspekten der Interaktion, des Austauschs und der Kooperation betrachtet, wobei die systemischen Bedingungen und Handlungen eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie die Akteure selbst. Auch die Geschichtswissenschaft hat sich diese Herangehensweise zu eigen gemacht und unterstützt damit die Abkehr von dirigistischen Modellen zugunsten der Betrachtung kommunikativer Vorgänge. Die Verwendung der Netzwerkmetaphorik ist dagegen relativ jung – und trägt für manche Historiker noch den Geruch des ‚Modeworts‘ an sich.[1]

Entsprechend bezeichnen die Herausgeber des hier anzuzeigenden Bandes, der Beiträge einer im September 2004 vom Augsburger Graduiertenkolleg „Wissensfelder der Neuzeit“ ausgerichteten Tagung versammelt, die präsentierte Forschung als Grundlagenarbeit. Die Aufarbeitung des gelehrten Austauschs von botanischem Material beziehungsweise botanischem Wissen im 18. Jahrhundert wird als Beitrag zu einer „vergleichende[n] Erforschung von Korrespondenznetzen“ verstanden, die im Ergebnis die „Bedeutung von Verflechtung für Wissensproduktion und -transfer sowie für die Funktionsweise von Korrespondenznetzen als Medien von Vergemeinschaftung und Gruppenbildung über geographische Grenzen hinweg“ bestimmen soll (S. 10). Mit kleinen Schritten will man sich also dem großen Ziel nähern, und so erscheint es durchaus plausibel, sich angesichts ausufernder Briefcorpora im 18. Jahrhundert einerseits und der zeitgleich zunehmenden Bedeutung der Naturwissenschaften andererseits auf den gelehrten botanischen Diskurs zu beschränken.

Weniger überzeugt aber bereits die Anordnung der Beiträge: Die Herausgeber verwenden die für Monographien geläufige Unterteilung in Prämissen („Wissenschaftshistorische Kontexte: Gelehrtenrepublik und Botanik im 18. Jahrhundert“), Einzeluntersuchungen („Fallstudien“) und abschließende ‚Vernetzung‘ („Netzwerke in der Analyse“). Die hierin angedeutete argumentative Stringenz ist von einem Tagungsband allerdings kaum zu leisten; und umso deutlicher tritt die mangelnde Verzahnung der Beiträge wie auch ihre schwankende Qualität hervor.

Beispielsweise machen die meisten Autoren vom Vokabular, das Emma C. Spary in ihrer theoriegesättigten Einführung in Form und Anwendung der Netzwerkanalyse (S. 47-64) erarbeitet, keinen Gebrauch. Es entsteht so der Eindruck, dass die „regen Diskussionen“, die noch im Tagungsbericht hervorgehoben werden, offensichtlich kaum befruchtend gewirkt haben.[2] Auch nach außen hin fehlen Anschlüsse: Untersuchungen, die sich teilweise mit denselben Quellenbeständen beschäftigen, etwa die kulturwissenschaftlich an den Akteuren orientierte Selbstzeugnisforschung, werden weitgehend ausgeblendet. Ebenso vermisst man direkte Verweise auf zugrunde gelegte Theorien: Staffan Müller-Wille spricht in seinem Beitrag von der „symbolische[n] Ökonomie“ (S. 87) botanischer Sammlungen, und Andreas Önnerfors bezeichnet botanischen Austausch als „kulturelles und soziales Kapital“ (S. 111); und gleich mehrere Aufsätze behandeln – ohne es freilich zu explizieren – die ‚diskursive Macht‘ Einzelner oder so genannter Zentren in der Generierung von ‚Wissen‘. Dass hier Konzepte Pierre Bourdieus, Michel Foucaults und – mittelbar – Peter Burkes rezipiert sind, offenbart allenfalls der Blick in die allgemeine Bibliographie am Ende des Bandes, auf die aber nirgends Bezug genommen wird. Vor diesem Hintergrund ist die häufige Selbstreferentialität der Beiträger besonders ärgerlich. Zum Beispiel finden sich bei Müller-Wille in 29 Anmerkungen sechsmal eigene Arbeiten zitiert. Der Anteil könnte deutlich geringer ausfallen, mag man auch in Rechnung stellen, dass hier Experten für die zum Teil eher unbekannten Korrespondenzcorpora ihre Forschungsergebnisse präsentieren.

Der Eindruck einer gewissen Unbedarftheit wird noch verstärkt durch die ausführlichen Quellenzitate, die eben nicht nur die Fallstudien auszeichnen und teilweise von einem bemerkenswerten Positivismus zeugen. So verdienstvoll diese Referate im Einzelnen auch sein mögen – sie erschließen immerhin durchaus reizvolle Korrespondenzen wie die Albrechts von Haller (Beitrag von Stefan Hächler, S. 201-218) oder die seines weit weniger bekannten Botanikerkollegens Friedrich Casimir Medicus (Beitrag von Ilona Knoll, S. 219-228): Dass eben nicht nur singuläre, sondern vielfältige Interessen Inhalt und Umfang der Korrespondenzen bestimmten; dass es neben Zentren (Forscherpersönlichkeiten und Institutionen) auch Peripherien gab; dass Forscher verschiedenste Verbindungen für sich nutzbar zu machen wussten – all das sind keine Einsichten, die sich erst über die Netzwerkbegrifflichkeit erschließen lassen. Im Ergebnis hätte man doch manchen Autoren mehr Mut gewünscht, über den engeren Kontext ihrer Forschung beziehungsweise der Wissenschaftsgeschichte auszugreifen und so zu pointierter Thesenbildung zu gelangen.

Dies versäumt nämlich auch der abschließende dritte Teilbereich. Anstatt sich an einer Synthese zu versuchen, versammeln die Herausgeber hier Beiträge, die sie augenscheinlich an anderer Stelle nicht unterzubringen wussten. Unterstellt man keine tiefere Absicht, bleibt dennoch unverständlich, warum die methodenkritischen Anmerkungen von Wolfgang E. J. Weber (zu Chancen der Netzwerkanalyse im allgemeinen historischen Forschungskontext) und von Michael Kempe (zur Bedeutung von Leerstellen in Korrespondenznetzen) an diese Stelle verbannt sind. Dadurch verfehlen sie ihre möglicherweise korrigierende oder sogar relativierende Wirkung fast völlig. Sie erscheinen neben zwei Beiträgen, die bereits abgeschlossene Netzwerkanalysen am Beispiel städtischer Eliten des 16. Jahrhunderts vorstellen. Der so konstruierte Vergleich über räumliche, thematische und vor allem zeitliche Grenzen hinweg mag methodisch zulässig sein, bedürfte aber einer Erläuterung. Darauf verzichten die Herausgeber und beschließen den Band mit einem Aufsatz zu Möglichkeiten der grafischen Darstellung von Netzwerken, der allerdings nicht dem Tagungskontext entstammt.

Am Ende des Bandes bleibt es offensichtlich dem Leser überlassen, die losen Fäden der Beiträge zu einem Netz zu verknüpfen. Dies imitiert hervorragend die Atmosphäre am Ende einer Tagung, doch für die Dokumentation der Ergebnisse ist das entschieden zu wenig. Die opulente Ausstattung des Bandes mit zahlreichen Abbildungen, aufwändigen Grafiken, einem Personenregister und der erwähnten ausführlichen Bibliographie verspricht mehr.

Die Fülle der Informationen aber, die hier versammelt sind, bleibt ‚roh‘. Man fragt sich unwillkürlich, welchen Erkenntniswert, welche Innovation die Arbeit mit dem Netzwerkbegriff gegenüber den bereits gebräuchlichen Kommunikationsmodellen bietet. Wenn die Netzwerkanalyse ihre Aufgabe in der Überprüfung und Bestätigung alter Gewissheiten sieht, erfüllt sie diese Aufgabe aufs Beste.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Reinhard, Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie, München 2004, S. 272: „Wer mitreden will, muß heute bei jeder Gelegenheit von Netzwerken reden.“
[2] Vgl. <http://www.uni-augsburg.de/institute/iek/html/gk_rueck_wissenbotanik01.html> (14.12.2009).

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06.01.2010
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