Cover
Titel
Haunted City. Nuremberg and the Nazi Past


Autor(en)
Gregor, Neil
Erschienen
New Haven, London, Yale 2008: Yale University Press
Anzahl Seiten
390 S.
Preis
€ 38,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Kratz, Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts

Das Thema „Die Deutschen und die NS-Vergangenheit“ stellt einen der am umfassendsten erforschten Aspekte der deutschen Nachkriegsgeschichte dar. So sehr ihm jedoch auf überregionaler Ebene nachgegangen worden ist, so wenige Untersuchungen existieren für den lokalen Bereich. Erst in den letzten zwei Jahren sind die ersten beiden lokalgeschichtlichen Darstellungen erschienen[1], zuletzt die zu besprechende Studie von Neil Gregor über „Nuremberg and the Nazi-Past“. Um es vorwegzunehmen: Das Buch des britischen Historikers überzeugt auf der ganzen Linie. Es gerät nicht in die Gefahr, in eine reine Stadtgeschichte ohne jegliche Bedeutung für die allgemeine Forschung abzugleiten. Dabei stützt sich Gregor auf eine dichte Quellenüberlieferung, so dass er Rückgriffe auf überregionale Entwicklungen nicht als heuristische Lückenfüller nutzen muss.

Wie jede Lokalstudie steht auch diese im Spannungsverhältnis zwischen lokaler Besonderheit einerseits und Konkretisierung allgemeiner historischer Prozesse andererseits. Gregor löst dieses Spannungsverhältnis nicht auf, sondern er versucht, die spezifische Qualität der Nürnberger Erinnerungskultur zu beschreiben und sie zugleich in Beziehung zur allgemeinen Entwicklung zu setzen. Lokalstudien erlauben einen tieferen Blick auf historische Phänomene – beispielsweise indem Entwicklungen in der Langzeitperspektive untersucht oder Prozesse besonders detailliert beschreiben werden. Der Autor der vorliegenden Studie hat sich für letzteres entschieden: Er untersucht die lokale Erinnerungskultur mit all ihren Facetten und unterschiedlichen Akteuren vom Kriegsende bis ins Jahr 1968.

Das Buch ist in zwei zeitliche Blöcke geteilt (1945 bis Ende der 1950er-Jahre und 1958-1968), die sich wiederum aus je zwei Großkapiteln zusammensetzen. Im ersten Abschnitt untersucht Gregor die konkurrierenden Erinnerungsgemeinschaften der 1950er-Jahre: Vertriebene und Evakuierte, „Heimkehrer“ und Hinterbliebene, „Entnazifizierungsopfer“ und Opfer des Nationalsozialismus deuteten die NS-Zeit aufgrund ihrer spezifischen Erfahrungen höchst unterschiedlich und stellten divergierende Ansprüche an die lokale Erinnerungskultur. Mit der Gegenüberstellung der großen Anzahl deutscher Kriegsopfer und der geringen Anzahl NS-Verfolgter versucht der Autor jedoch nicht, den moralischen Anspruch auf Wiedergutmachung der einstigen NS-Verfolgten zu schmälern, sondern gibt nüchtern eine Beschreibung der sozialen Nachkriegsrealität, in der die meisten Deutschen eben auch Opfer von Zerstörung und Gewalterfahrung waren.

Im zweiten Kapitel zeigt der Autor, wie sich in dieser heterogenen Stadtgesellschaft mit ihren ganz unterschiedlichen Kriegserfahrungen eine dominierende Sicht auf die jüngste Vergangenheit durchsetzte. Zur bestimmenden Perspektive wurde es, sich als Opfer von Nationalsozialismus und Krieg zu betrachten und die vielfältige Teilhabe am System des Terrors und Massenmords zu beschweigen. Auf einer allgemeinen Ebene ist dies ähnlich bereits von Robert Moeller beschrieben worden.[2] Die These ist also nicht neu, die Studie zeigt jedoch, weshalb sich gerade diese Sicht auf das „Dritte Reich“ durchsetzen konnte. Bislang wurde in diesem Zusammenhang vor allem auf die Konstellation des Kalten Krieges und die zahlreichen personellen und institutionellen NS-Kontinuitäten verwiesen. Gregor kann nun mit seiner sozial- und erfahrungsgeschichtlichen Fundierung der städtischen Erinnerungskultur zeigen, dass dabei nicht zuletzt auch die realen Gewalterfahrungen von Bedeutung waren. Die städtischen Eliten mussten zudem eine Vergangenheitsdeutung finden, die einen Konsens in einer tief gespaltenen Bevölkerung zu erzielen vermochte und an vorausgegangene Formen der öffentlichen Trauer anknüpfen konnte.

Diese innovative Perspektive auf die ersten 15 Jahre nach dem Kriegsende bildet das Kernstück der Studie. In den beiden anschließenden Kapiteln beschreibt Gregor, wie seit Ende der 1950er-Jahre die Dominanz des deutschen Opfernarrativs allmählich aufgebrochen wurde, während gleichwohl nach wie vor Kontinuitäten der Schuldabwehr bestanden. Die Entwicklung einer „counter-memory“ (S. 235) beschreibt er am Beispiel von Ausstellungen über die Judenverfolgung und kritischen Diskussionsveranstaltungen in der Stadt sowie anhand der Berichterstattung über die großen NS-Prozesse in der Lokalpresse. Besondere Bedeutung erlangten dabei seinerzeit jüngere sozialdemokratische Politiker wie Hermann Glaser (Jahrgang 1928), ohne den, so hat man den Eindruck, die NS-Verbrechensgeschichte in Nürnberg damals wohl nicht in diesem Ausmaß zur Sprache gekommen wäre. Der Wandel stieß aber gerade in den Städten an seine Grenzen, so Gregors zweite grundlegende These. So beleuchtet er, wie auch in den 1960er-Jahren nicht nur ehemalige Soldaten, Vertriebenenverbände und Neonazis nach wie vor Strategien der Apologie verfolgten, sondern trotz allen Aufbruchs auch in dieser Phase die städtischen Eliten die Stadt und ihre Bewohner vor allem als Opfer des Bombenkriegs und des Nationalsozialismus betrachteten. „It was here that the key unpalatable truth – that ordinary, local people in ordinary, local communities had participated in the machinery of persecution and murder – was most challenging“ (S. 378).

Leider fragt Gregor in seiner fundierten Untersuchung nur am Rande nach dem Verhältnis von allgemeiner und lokaler Entwicklung. Es wird nicht deutlich, welche Aspekte der beschriebenen Entwicklung typisch für Nürnberg sind, und welche eher einen exemplarischen Charakter für Westdeutschland besitzen. Es ist anzunehmen, dass der Fall Nürnberg wegen der herausgehobenen Stellung als „Stadt der Parteitage“ im Nationalsozialismus sehr spezifisch gelagert ist, da die lokalen Akteure ein gesteigertes Interesse daran hatten, nach 1945 einen Gegensatz zwischen dem nationalsozialistischen System und der Nürnberger Bevölkerung zu betonen. Darüber hinaus vernachlässigt die Studie trotz der Breite ihrer Darstellung den politisch-justitiellen Umgang, der nur im Rahmen der lokalen Entnazifizierung und der Presseberichterstattung zu den großen NS-Prozessen der 1960er-Jahre angeschnitten wird. Die Analyse der lokalen Strafverfolgung von NS-Tätern – zwischen 1945 und 1950 fanden in Nürnberg allein 30 Prozesse wegen der Verbrechen in der „Kristallnacht“ statt – und der Wiedergutmachung bleiben weitgehend unberücksichtigt. Diese wenigen Mankos schmälern jedoch in keiner Weise den Verdienst der Studie: Gregor nimmt die bisherige Kritik an den unzähligen Gedächtnisgeschichten ernst, die wiederholt eine sozialgeschichtliche Rahmung von öffentlichen Erinnerungen eingefordert hat.[3] Vergangenheitserzählungen entstehen nicht im gesellschaftlichen Vakuum, sondern entwickeln sich in konkreten Räumen, die von Menschen bevölkert sind, die ganz bestimmte Erfahrungen gemacht haben und höchst unterschiedliche Interessen vertreten. Es ist die sozial- und erfahrungsgeschichtliche Erdung der kulturwissenschaftlichen Erinnerungsforschung, die Gregors Arbeit auszeichnet und lesenswert für all jene macht, die sich für die Funktionsweise von Erinnerungskulturen interessieren.

Anmerkungen:
[1] Malte Thiessen, Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegende 1943 bis 2005, München 2007; vgl. die Rezension von Thomas Widera, in: H-Soz-u-Kult, 03.03.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-174> (19.06.2009).
[2] Robert G. Moeller, War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley u.a. 2001.
[3] Iwona Irwin-Zarecka, Frames of Remembrance. The Dynamics of Collective Memory, New Brunswick 1994; Alon Confino, Collective Memory and Cultural History: Problems of Method, in: American Historical Review 102 (1997), S. 1386-1403, hier S. 1398.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.06.2009
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