F. Bösch u.a. (Hrsg.): Kirchen – Medien – Öffentlichkeit

Cover
Titel
Kirchen – Medien – Öffentlichkeit. Transformationen kirchlicher Selbst- und Fremddeutungen seit 1945


Herausgeber
Bösch, Frank; Hölscher, Lucian
Reihe
Geschichte der Religion in der Neuzeit 2
Erschienen
Göttingen 2009: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
266 S., 3 Abb.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Greschat, Münster

Der Band versammelt neben der ausführlichen Einführung der Herausgeber acht Beiträge zur Bedeutung der Medien im Kontext der religiösen Veränderungen seit den 1950er-Jahren, vor allem in der Bundesrepublik. Die Untersuchungen sind das Ergebnis einer Tagung, die im Rahmen des Bochumer DFG-Projekts „Transformation der Religion in der Moderne“ im April 2008 stattfand.[1] Eine zentrale Aussage der Herausgeber lautet, dass die Medien nicht nur eine bedeutende Wirkung auf die Vorstellungen von Christentum und Kirche in der breiten Öffentlichkeit ausübten, sondern dass dieser Einfluss sogar noch wuchs, als die Mitgliedschaft in den Kirchen bereits zurückging (S. 16, S. 21). Doch für welchen Zeitraum gilt diese Aussage? Spätestens seit den 1990er-Jahren ist ein beträchtliches Desinteresse in den Zeitungen und insbesondere den Fernsehprogrammen an kirchlichen Themen zu beobachten. Handelte es sich in der hier behandelten Zeit also lediglich um begrenzte Nachwirkungen, bevor der Reiz des Sujets erlosch?

Jene Transformationsprozesse werden unter drei Gesichtspunkten behandelt. Zuerst richtet sich das Augenmerk auf „Mediale Interaktionen von Kirche und Welt“ (S. 31-86). Nicolai Hannig beschreibt eindrücklich und überzeugend die Entwicklung der öffentlichen Berichterstattung über Theologie und Kirche von einer „religiösen Bestätigungspublizistik“ hin zum Interesse an einer zunehmend kritischen Aufklärung, insbesondere über die biblischen Grundlagen (S. 33-65). Uta Andrea Balbier schildert die Relevanz der Medien bei der Ausbildung einer neuartigen religiösen Gemeinschaft in den USA jenseits kirchlicher Bindungen, die entscheidend durch die Predigten Billy Grahams ausgelöst wurde (S. 66-86). Der kritische Unterton in der Schilderung des Zusammenhangs von Erbauung, mittelständisch-nationalem Selbstbewusstsein und Konsum ist wohl doch eher westeuropäischer Kulturkritik geschuldet als dem amerikanischen Selbstverständnis, wonach Konsum mit Eigenverantwortung, persönlicher Entscheidung und insofern demokratischem Bewusstsein zusammengehört.

Unter dem zweiten Gesichtspunkt, „Visuelle Entwürfe von Kirche und Religion“ (S. 87-173), skizziert Benjamin Städter die veränderte Darstellung von Priestern und Pfarrern im Film (S. 89-114): Repräsentierten sie in den 1950er-Jahren vor allem in der Gestalt des Priesters die Transzendenz in den tradierten Formen, in der Messe etwa oder bei der Austeilung anderer Sakramente, standen in den 1960er-Jahren selbstkritische Individuen im Vordergrund, zweifelnde Pfarrer oder am Zölibat verzweifelnde Priester. Jürgen Kniep beleuchtet die kirchliche Filmzensur in derselben Zeit (S. 115-143). Zunächst wollten die Vertreter beider Kirchen als Gewissen der Gesellschaft wirken und ein Bollwerk gegen Unmoral und Unsittlichkeit bilden. Das gelang teilweise, bis hin zu den Protesten gegen „Die Sünderin“ (1951) – obwohl diese Aufregung keineswegs so spontan war, wie man anzunehmen pflegt. Bei Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ (1964) gingen die Auffassungen der kirchlichen Filmbeauftragten einerseits und diejenigen der kirchenleitenden Persönlichkeiten andererseits jedoch in bezeichnender Weise auseinander. Erstere lobten die künstlerische Leistung, während die Kirchenleitungen Obszönitäten geißelten. Reinhold Zwick schließlich (sein Biogramm fehlt im Anhang) weist auf, dass die großen Erfolge der Bibelfilme zwischen 1956 und 1961 plötzlich abbrachen. Religiöse Bezüge kamen durchaus vielfältig in vielen Filmen vor, allerdings in anderen Gattungen, wie zum Beispiel im zum Kultfilm gewordenen „Easy Rider“. Dabei wurden jedoch nicht mehr die traditionellen christlichen Aussagen transportiert, sondern Mischungen aus recht verschiedenen religiösen Elementen. Man mag darin einen Ausdruck religiöser Verunsicherung finden.

Der dritte Gesichtspunkt ist weniger präzise überschrieben mit „Semantiken kirchlicher Medien und Öffentlichkeiten“ (S. 175-263). Sven-Daniel Gettys zeigt am Gegenüber der „Lutherischen Monatshefte“ und der „Evangelischen Kommentare“ im Protestantismus sowie von „Concilium“ und „Communio“ im Katholizismus, welche tiefgreifenden Unterschiede zwischen beiden Konfessionen im Blick auf das Verständnis der „Volkskirche“ bzw. der „Kirche als Volk Gottes“ bestanden (S. 177-215). So aufschlussreich dieser Beitrag ist: Hier handelt es sich nicht um ein Spezifikum der Medien in den 1960er-Jahren. Denn publizistische Organe, in denen theologische und kirchenpolitische Auseinandersetzungen stattfanden, hatten damals bereits eine lange Tradition. Anhand von semantischen Veränderungen in den Verlautbarungen der Evangelischen und Katholischen Akademien in der Bundesrepublik legt Thomas Mittmann aufschlussreich den Wandel des kirchlichen Selbstverständnisses dar (S. 216-246): Mission wird zum Dialog, Diakonie zur Ermöglichung eines Ortes der Begegnung. Susanne Böhm schließlich umreißt die Veränderungen im Verständnis der Evangelischen Akademien in der DDR (S. 247-263). Aufgrund der politischen Gegebenheiten war deren Tätigkeit auf den binnenkirchlichen Raum begrenzt. Dort reflektierte und diskutierte man die theologische und kirchenpolitische Entwicklung im Land. Insofern boten diese Akademien ein wichtiges Forum sowohl für Informationen als auch für die intellektuelle und emotionale Stabilisierung des eigenen kirchlichen Selbstverständnisses.

Überblickt man diese acht Beiträge, so wird deutlich, dass sie trotz der Unterschiede im Einzelnen exakt die allgemeine politische, geistige und eben auch theologische Situation jener Zeit spiegeln, das heißt die Entwicklung von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren. Der Blick auf die Medien verleiht diesem Prozess Farbe und vermittelt Anschaulichkeit. Dass die Bebilderung in einem Band mit diesem Thema derart bescheiden ausfällt, bleibt indes bedauerlich. Zu fragen ist schließlich vor allem, ob und inwiefern jene Massenmedien Wirkungen ausgeübt haben. Dass es der Fall war, wird man kaum bestreiten können oder wollen. Doch diese Feststellung führt zu der weitergehenden Frage, ob die Medien vorhandene Trends in der Gesellschaft nur verdeutlichten oder eher selbst hervorriefen. Wen beeinflussten sie – Kirchenleitungen oder/und Gemeinden, Priester und/oder Pfarrer? Oder ging es dabei um vage Impressionen, die sie der Gesellschaft vermittelten? Es leuchtet ein, dass sich solche Fragen nicht leicht beantworten lassen. Doch darüber müsste wohl sorgfältig nachgedacht werden. Denn allein die Tatsache, dass die Medien verschiedene Positionen vertraten, bestimmte Vorstellungen verbreiteten und entsprechende Bilder entwarfen, sagt nur recht begrenzt etwas über die Wirkungen aus. Hier müssten also weiterführende Untersuchungen ansetzen.

Anmerkung:
[1] Siehe den Tagungsbericht von Andreas Henkelmann, in: H-Soz-u-Kult, 15.05.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2105> (25.11.2009).