Geschichte des Spendens im 19./20. Jahrhundert

: Spenden und Sammeln. Der westdeutsche Spendenmarkt bis in die 1980er Jahre. Göttingen  2009. ISBN 978-3-8353-0538-0

Adam, Thomas; Lässig, Simone; Lingelbach, Gabriele (Hrsg.): Stifter, Spender und Mäzene. USA und Deutschland im historischen Vergleich. Stuttgart  2009. ISBN 978-3-515-09384-2

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Korinna Schönhärl, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Warum und unter welchen Umständen sind Menschen bereit, für eine „gute Sache“ zu spenden? Diese Frage beleuchten sowohl Gabriele Lingelbachs Trierer Habilitation als auch der Tagungsband, den sie zusammen mit Thomas Adam und Simone Lässig herausgegeben hat.

Mit der Untersuchung des westdeutschen Spendenmarktes vom Ende der 1940er- bis zum Beginn der 1980er-Jahre schließt Lingelbach eine Lücke in der bisherigen Philanthropieforschung. Denn während für das 19. Jahrhundert vor allem im Rahmen der Bürgertumsforschung einige Arbeiten über Stifter und ihre Motive vorliegen[1], ist für die frühe Bundesrepublik die Geschichte der Hilfsleistungen jenseits der sozialstaatlichen Sicherungssysteme kaum untersucht worden. Die Studie beschäftigt sich nicht mit der Verwendung der gesammelten Hilfsmittel, zum Beispiel für die „Dritte Welt“[2], sondern mit den Spendern und der Organisation des Spendenvorgangs.

Lingelbach versteht ihr Untersuchungsfeld im Sinne der Neuen Institutionenökonomik als „Spendenmarkt“, der nicht ausschließlich nach ökonomischen Kriterien funktioniere, sondern auch durch Traditionen, das kulturelle Erbe und sich wandelnde Präferenzen der Akteure bestimmt werde. Spenden definiert sie als eine freiwillige Gabe an Fremde, die das Eigentum des Spenders vermindern (S. 13). Die Entwicklung dieses Marktes teilt sie in drei Phasen ein. In der ersten von 1945 bis zum Beginn der 1960er-Jahre dominierten die Kontinuitäten zum Sammlungswesen der Vorkriegszeit: Zunächst einmal blieb das Spendensammelgesetz von 1934 bis 1966 in Kraft. Den oligopolen Markt dominierten zudem auch weiterhin die großen Wohlfahrtsverbände, die von staatlicher Seite privilegiert wurden. Der Spender hatte mithin kaum Wahlmöglichkeiten, wem er sein Geld anvertrauen wollte.

Ab dem Ende der 1950er-Jahre führten die Verwaltungspraxis, die Rechtsprechung und die neue, kritischere Medienberichterstattung jedoch zu einer Liberalisierung des Spendenmarktes, die sich schließlich auch in der Gesetzgebung niederschlug und den Übergang zu einer zweiten Phase markierte. Das nach Wegfall der Markzutrittsbarrieren einsetzende Auftauchen neuer Organisationen und die Diversifizierung der Spendenzwecke führten zu einer intensiveren Werbung und einem verstärkten Konkurrenzkampf um Medienpräsenz. In den Grenzen, die ideell ausgerichteten Organisationen gesetzt sind, hatte dies die Übernahme ökonomischer und medialer Logiken zur Folge: Oftmals konzentrierte man sich auf medienwirksame, emotionale Aktionen und beauftragte Professionelle mit der Werbung. Aber auch die Spender selbst entwickelten neue, kreative Formen des Sammelns (zum Beispiel den Verkauf der „längsten Blutwurst der Welt“, S. 390). Die Verbreiterung des nun nachfrageorientierten Marktes bei gleichzeitigem Wegfall der staatlichen Kontrolle führte jedoch andererseits zu Vertrauensverlust und Verunsicherung. Die Rolle der Marktaufsicht übernahmen zum einen die Medien, zum anderen externe Evaluierungsinstitutionen wie das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das auch ein Spendensiegel entwickelte. Die in den frühen 1970er-Jahren beginnende dritte Phase kann dann nicht mehr so überzeugend abgegrenzt werden wie die beiden vorigen. Viele Entwicklungen der „Scharnierzeit“ setzten sich fort, wurden nun aber von den beteiligten Akteuren kritischer hinterfragt.

Lingelbach beleuchtet die drei Phasen jeweils aus der Sicht der beteiligten Akteure: der Spender, der spendensammelnden Organisationen, der staatlichen und kirchlichen Instanzen, der Medien und ab den 1960er-Jahren auch der Evaluierungsinstitutionen. Diese Gliederung erlaubt eine genaue Analyse des vielfältigen Quellenmaterials, das hier großteils zum ersten Mal ausgewertet wurde, sowie eine überzeugende Darstellung der Präferenzen und Motive der Akteure. Besonders eindrucksvoll gelingt die Analyse der Sammlungsplakate von Caritas, Deutschem Roten Kreuz, Misereor und Brot für die Welt, die im Anhang neben umfangreichem statistischem Material sinnvollerweise farbig abgedruckt sind. Allerdings führt die akteurszentrierte Gliederung auch zu zahlreichen Wiederholungen, wenn bestimmte Aspekte (etwa die Konzentration der Spendensammlungen auf Kinder- und Katastrophenhilfe ab Ende der 1960er-Jahre) jeweils aus der Perspektive der verschiedenen Akteure thematisiert werden. Durch den Versuch, die Akteure zu typologisieren, bleiben zudem die Einzelpersonen oft blass: Zitate lassen zwar gelegentlich den einzelnen Spender, Beamten oder Spendensammler hervortreten, aber die exemplarische Darstellung von Personen hätte insgesamt ein lebendigeres Bild ergeben.

Der Tagungsband „Stifter, Spender und Mäzene. USA und Deutschland im historischen Vergleich“ erfüllt diesen Wunsch mit einem Panorama von Situationen des Spendens und Stiftens aus Deutschland und den USA im 19. und 20. Jahrhundert, das Ergebnisse der amerikanischen Philanthropiegeschichtsforschung einbezieht. Dabei wird nicht nur nach der Legitimation der Organisationen und dem Verhältnis zwischen staatlicher und privater Finanzierung gefragt; es interessieren auch die Motive der Spender und die Möglichkeit der Transferierbarkeit philanthropischer Konzepte von einem Kulturraum in den anderen. Die Herausgeber setzen sich dezidiert von älteren Konzepten in der Tradition Tocquevilles ab, welche die Unterschiede zwischen den USA (wo Philanthropie vor allem Vereinsaufgabe gewesen sei) und Deutschland (wo Stiften Zusammenarbeit mit dem Staat erfordert habe) betonten. Stattdessen gehen sie von der Vergleichbarkeit und gegenseitigen Einflussnahme der „Elemente einer transatlantischen bürgerlichen Kultur“ (S. 9) im Bereich des Stiftungswesens aus, womit ihr Thema weit über sich hinausweist: „Das Beispiel ‚Philanthropie‘ ist besonders gut geeignet, die These von der grundlegenden Differenz zwischen der deutschen und der amerikanischen Gesellschaft auf den Prüfstand zu stellen.“ (S. 10)

Die „transatlantischen Austauschprozesse“ stehen im ersten Teil des Bandes im Vordergrund. Kathleen McCarthy stellt beim Vergleich der Rolle von „Frauen im Spannungsfeld von Religion, Philanthropie und Öffentlichkeit, 1790–1860“ fest, dass zwar die Organisationsformen der Frauenvereine von Europa nach Amerika transferiert wurden, die Kooperation mit staatlichen Stellen aber viel seltener blieb als in Frankreich oder Deutschland. Hier wie dort jedoch hing ihre Etablierung gleichermaßen von der religiösen Unterstützung, dem rechtlichen Rahmen und der gesellschaftlichen Wertschätzung ihrer Tätigkeit ab. Thomas Adam kommt bei der Untersuchung von „Philanthropie und Wohnungsreform in der transatlantischen Welt, 1840 –1914“ zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Modelle marktorientierter Philanthropie basierten in beiden Kulturkreisen auf der Idee, „private Wohltätigkeit mit Marktmechanismen […] zu verbinden“ (S. 45). Dieses gemeinsame Konzept, das durch begrenztes Gewinnstreben die Schaffung günstigen Wohnraums für Arbeiterfamilien zum Ziel hatte, wurde von London nach Deutschland und später in die USA transferiert, dabei aber jeweils den nationalen Vorstellungen und Gegebenheiten angepasst. Der Aufsatz besticht durch seine genaue Untersuchung der Motive der vermittelnden Persönlichkeiten aus der Leisure Class einerseits und der Aktionäre andererseits.

Der zweite Teil des Bandes wendet sich dem Verhältnis zwischen „Politik, Stiftungen und Öffentlichkeit“ zu und schlägt den Bogen bis zur Gegenwart. Peter Dobkin Hall setzt sich in seinem Aufsatz „Philanthropie, Wohlfahrtsstaat und die Transformation der öffentlichen Institutionen in den USA, 1945–2000“ mit der These auseinander, der Staat habe durch eine aktive Sozialpolitik die Betätigungsfelder für private Philanthropie zunehmend eingeengt. Hall betont dagegen die Verknüpfung der beiden Sphären (wobei er, im Gegensatz zu den meisten anderen Beiträgern, die Rolle der Steuergesetzgebung sehr hoch einschätzt, S. 71). Den Akteuren wurde laut Hall auf Grund ihres mangelnden theoretischen Verständnisses und fehlender statistischer Daten allerdings nicht bewusst, dass die Ausdehnung der Staatsaktivitäten und das Wachsen des Non-Profit-Sektors sich gegenseitig bedingen, so dass sie das Ende des öffentlichen Lebens beklagten, wo sich lediglich die Vorstellungen vom Gemeinwohl wandelten. Diese These ist gewagt, und auch Sprünge in der Chronologie erschweren es, sie nachzuvollziehen. Rupert Graf Strachwitz stellt unter dem Titel „Von Abbe bis Mohn – Stiftungen in Deutschland im 20. Jahrhundert“ verschiedene Stiftungstypen und die Entwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen des Stiftungswesens vor. Er unterscheidet in seinem recht deskriptiven Aufsatz zwischen einem liberalen und einem korporatistischen Sektor, dem insbesondere die im sozialen Bereich tätigen Stiftungen zugeordnet werden.

Der Stiftungstätigkeit städtischer Eliten widmet sich der dritte Abschnitt. Francie Ostrowers Untersuchung „Philanthropische Aktivitäten New Yorker Eliten in den 1980er Jahren“ fußt auf Zeitzeugeninterviews. Philanthropie erscheint hier als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer eng vernetzten Elite, deren Angehörige sich durchaus verpflichtet fühlen, ihr Glück durch das Teilen mit anderen zu legitimieren. Bei ihrer stichhaltigen Analyse weiterer Stiftermotive, etwa im Zusammenhang mit der Identitätsbildung, kommt Ostrower zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie Adam im ersten Teil des Bandes. Michael Werner betont bei seiner Untersuchung von „Hamburgs Stiftungskultur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ ebenfalls die Bedeutung von Netzwerken des Stiftens, die Generationen übergreifen können. Das Stiften gebe Gelegenheit, „wirtschaftlichen Erfolg, bürgerliche Verantwortung und kulturelle Kompetenz zu demonstrieren“ (S. 171).

„Kulturförderung zwischen privaten und staatlichen Interessen“ thematisieren die Beiträge des vierten Teils. Unter dem Titel „‚Vorsicht Kulturdarwinismus‘. Die Grenzen des amerikanischen Systems der Kulturförderung, 1990–2006“ legt Kevin V. Mulcahy dar, dass auf US-Bundesebene zwar immer weniger Geld für Kultur ausgegeben werde, im einzelstaatlichen und kommunalen Bereich jedoch zunehmend mehr. Zudem wurden Gestaltungskompetenzen an private Einrichtungen delegiert, was zu einem pluralistischen System geführt habe. Einleuchtend ist die These, dass die großzügige öffentliche Förderung von Sportereignissen mit der Überrepräsentation von Männern in öffentlichen Ämtern zusammenhänge, die diese Veranstaltungen viel öfter besuchten als solche der darstellenden Künste, die eher von Frauen frequentiert würden (S. 213). Stephen Pielhoff arbeitet bei seinem Vergleich „Mäzenatentum, Stadt und Musikkultur im 19. und 20. Jahrhundert. Studien zur Musikförderung in Dortmund, Münster und Wuppertal“ Rahmenbedingungen für ein funktionierendes städtisches Mäzenatentum heraus und beschäftigt sich auch mit dem „mäzenatischen Scheitern“ (S. 250). Seine Ausführungen eröffnen eine historische Perspektive auf die langfristigen Ursachen der aktuellen Wuppertaler Kunstmisere.

Der fünfte und letzte Teil wendet sich der „privaten Entwicklungshilfe“ zu. Corinna R. Unger vertritt in „Investieren in die Moderne. Amerikanische Stiftungen in der Dritten Welt seit 1945“ die These, dass im Angesicht des Kalten Krieges die sozialwissenschaftliche Modernisierungstheorie die Legitimationsgrundlage für private Initiativen im staatlich dominierten Aktionsraum abgegeben habe. Am Beispiel der Rockefeller Foundation, der Ford Foundation sowie der Carnegie Corporation zeigt sie, dass gerade die angestrebte Unabhängigkeit der Organisationen – auch von ihren Geldgebern aus der Wirtschaft – ihnen einen Vorteil bei der Vertretung US-amerikanischer Interessen in den Entwicklungsländern bot.

Annett Heinl und Gabriele Lingelbach geben einen Überblick über die „spendenfinanzierte private Entwicklungshilfe in der Bundesrepublik Deutschland“ und konzentrieren sich dabei auf kirchliche Entwicklungshilfeorganisationen. Diese konnten auf ihre traditionelle Missionsinfrastruktur zurückgreifen und deshalb auch staatliche Gelder akquirieren. Die Kirche in den Empfängerländern wurde als Ergebnis der Lernprozesse in dieser „Erfolgsgeschichte“ (S. 312) immer stärker eingebunden. Schließlich zeigt Gregory R. Witkowski in „‚Unser Tisch ist besser gedeckt‘. Ostdeutsche Philanthropie und Wohltätigkeit, 1959–1989“, dass trotz der Auflösung vieler philanthropischer Gesellschaften in den 1950er-Jahren auch in der DDR Spenden gesammelt wurden. Das SED-Regime nutzte die „sozialistische Solidarität“ (S. 322) mit den Entwicklungsländern propagandistisch, ohne die Kontrolle über die Vergabe aus der Hand zu geben, und kooperierte in diesem Rahmen auch mit der Kirche. Die gemeinsamen Fragestellungen des Bandes binden die sehr unterschiedlichen Beiträge zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen, das durch die vielen vergleichenden Fallstudien Farbe gewinnt.

Warum sind Menschen bereit, für gute Zwecke zu spenden? Die Monographie und der Sammelband geben auf diese Frage für verschiedene Räume und Zeiträume facettenreiche Antworten, indem sie die große Bandbreite möglicher Motive aufzeigen: von christlicher Nächstenliebe bis zum Erwerb sozialen Kapitals, von der Vermeidung gesellschaftlicher Ächtung bis zur Beruhigung des schlechten Gewissens und dem Wunsch, den eigenen Reichtum zu teilen. Die beiden Bücher erweitern unser Wissen über die Geschichte der Philanthropie entscheidend.

Anmerkungen:
[1] Manuel Frey, Macht und Moral des Schenkens. Staat und bürgerliche Mäzene vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin 1999; Thomas W. Gaehtgens / Martin Schieder (Hrsg.), Mäzenatisches Handeln. Studien zur Kultur des Bürgersinns in der Gesellschaft, Berlin 1998.
[2] Bastian Hein, Die Westdeutschen und die Dritte Welt. Entwicklungspolitik und Entwicklungsdienste zwischen Reform und Revolte 1959–1974, München 2006; Archiv für Sozialgeschichte 48 (2008): Dekolonisation. Prozesse und Verflechtungen (1945–1990); Hubertus Büschel / Daniel Speich (Hrsg.), Entwicklungswelten. Globalgeschichte der Entwicklungszusammenarbeit, Frankfurt am Main 2009.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.09.2010
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