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Titel
Migration und Integration. Eine widersprüchliche Geschichte


Autor(en)
Weigl, Andreas
Reihe
Österreich - Zweite Republik. Befund, Kritik, Perspektive, Bd. 20
Erschienen
Wien 2009: StudienVerlag
Anzahl Seiten
120 S.
Preis
€ 9.90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Laila Hadj-Abdou, European University Institute, Florenz

Bereits 2004 bemängelte der österreichische Sozialhistoriker Michael John in einer Publikation der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Fehlen von durch Historiker/innen verfassten Überblicks- und Grundlagenarbeiten im Feld der neueren Migrationsgeschichte und forderte eine entsprechende Aufarbeitung. Fünf Jahre später ist Andreas Weigl, Stadthistoriker und Leiter der Gruppe „Städteatlanten“ im Wiener Stadt- und Landesarchiv, dieser Forderung nachgekommen. In dem Band „Migration und Integration“ bemüht sich der Autor einen komprimierten Überblick der österreichischen Migrationsgeschichte in der gesamten Zweiten Republik zu leisten. Der Band zielt darauf ab, Kontinuitäten der österreichischen Migrationsgeschichte sichtbar zu machen.

Zunächst liefert Weigl einen Überblick über Wanderungsbewegungen nach Österreich, und folgert daraus, dass Österreich in der 2. Republik ein Einwanderungsland war und ist. Das folgende Kapitel der Zwangswanderungen setzt sich mit aufgrund von Flucht und Vertreibung bedingter Einwanderung auseinander und legt einen Schwerpunkt auf die Rolle Österreichs als Transitland. Danach beschreibt der Autor die infolge von Gastarbeit, Familiennachzug und neuer Arbeitsmigration fortwährende Entwicklung Österreichs als Einwanderungsland. Im zweiten Teil setzt sich der Autor mit dem Thema „Integration“ auseinander: Ein erstes Unterkapitel beschäftigt sich mit den gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen und den dominanten Akteuren der Migrationssteuerung, in einem zweiten Unterkapitel beschreibt Weigl die Situation von zugewanderten Gruppen am Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich und deren räumliche Integration. Ein drittes Unterkapitel stellt schließlich eine Auseinandersetzung mit der österreichischen Haltung zu Einwanderung dar, die, so Weigl, von Ambivalenz – Großzügigkeit in Einzelfällen, Abschottung in der Gesamttendenz – gekennzeichneten sei. In einer abschließenden Bilanz weist der Autor einerseits auf eine kulturelle Homogenisierung als Folge des österreichischen Staatswerdungsprozesses hin, welche Zugewanderten Assimilation abverlangt und eine Migrationspolitik bedingt, die auf einem Primat der Abwehr basiert. Zugleich aber habe sich die österreichische Flüchtlingspolitik, so Weigl, durch große Liberalität ausgezeichnet; dass dies nach dem Ausbau der ,Festung Europa‘ nur mehr in geringerem Maß zutreffe, könne nur bedingt der österreichischen Politik vorgeworfen werden, resümiert der Autor.

In der eingangs erwähnten Publikation Michael Johns bemängelt dieser vor allem die Tatsache, dass Migrationsgeschichte bislang häufig von Nicht-Historiker/innen und mitunter recht oberflächlich geschrieben wurde. Der vorliegende, von einem Historiker verfasste Band kann eine teilweise oberflächlich anmutende Betrachtung jedoch ebenso wenig vermeiden. Dies ist vor allem darauf zurück zu führen, dass eine fundierte analytische Aufarbeitung der gesamten Migrations- und Integrationsgeschichte der 2. Republik auf 100 Seiten schlichtweg nicht zu leisten ist. Als Einstieg in die Thematik ist das Buch jedoch durchaus anzuraten. Es ist einfach und flüssig geschrieben und dadurch größtenteils leicht zu lesen. Im Anhang befindet sich eine Zeittafel, und die verwendete Literatur gibt einen guten Überblick über die Migrationsforschung in Österreich. Insgesamt präsentiert sich das Buch damit als durchaus lesenswerte deskriptive Darstellung von Daten und Zusammenfassung von relevanter Literatur zur Thematik. Während in einem ersten Teil der Fokus auf einem demografischen Überblick liegt, gewinnt der Band vor allem in der zweiten, der Thematik der Integration gewidmeten Hälfte zunehmend auch an analytischer Substanz.

Zudem spricht Weigl einige bemerkenswerte Aspekte an, die einer weiteren eingehenden Beschäftigung wert wären. So charakterisiert er etwa die österreichische Emigration nach Übersee seit den 1970er-Jahren als transnationales Phänomen (S. 21). Dies stellt in Anbetracht der Debatten um transnationale Migration einen interessanten Punkt dar, der einen Vergleich mit gegenwärtigen Erscheinungsformen von Migration lohnen würde. Höchst interessant ist auch Weigls Infragestellung der These „verdrängter Ethnizität“ als Begründung für „Xenophobie“ in Österreich (S. 49).

Wiewohl der Band insgesamt durchaus empfehlenswert ist und dazu anregt sich dem Thema weitergehend zu widmen, weist er doch auch einige problematische Aspekte auf: Der Autor verabsäumt es, der Leserschaft mögliche Potentiale der Geschichtswissenschaft für die Migrationswissenschaft, abseits einer bloß deskriptiv-zusammenfassenden Darstellung, näher zu bringen, wie etwa die kritische Hinterfragung von dominanten Narrativen. Er übernimmt fallweise vorherrschende Narrative ohne diese einer genaueren historischen Auseinandersetzung zu unterziehen: So reproduziert er etwa unhinterfragt das unter Historiker/innen mittlerweile nicht unumstrittene Bild der „österreichischen Hilfsbereitschaft“ im Zug des Ungarnaufstandes 1956 (S. 49, S. 60). Vor allem aber fehlt eine kritischen Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Integration“; eher unreflektiert werden Begriffe wie jenen der „Mehrheitsbevölkerung“ (zum Beispiel S. 74) verwendet, dem eine unzulässige Vorstellung von homogener Mehrheits- und Migrationsgesellschaft zugrunde liegt, auch verwendet der Autor höchst umstrittene Begriffe wie „Parallelgesellschaften“ (zum Beispiel S. 65), ohne weiter auf deren Hintergründe einzugehen. Zudem neigt er teilweise auch dazu, Beschreibungen von Migrationsprozessen zu verwenden, die implizit ein Szenario der Bedrohung entwerfen: So finden sich Begriffe und Redewendungen wie „dramatischer Anstieg“ (S. 56), „Zustrom und Anschwellen“ (S. 25).

Zuweilen verfällt der Autor auch in einen Argumentationsstils, der nationale Grenzziehungen nicht hinterfragt sondern fortschreibt. Die Ablehnung von deutschsprachigen Flüchtlingen begründet er etwa wie folgt: „Sie zehrten einen nicht unerheblichen Teil der Hilfsgüter auf und belasteten das österreichische Budget auch direkt“ (S. 59). Die Zunahme diskriminierender Erfahrungen von Zugewanderten setzt Weigl in direkte Relation zur Zunahme des Anteils der „ausländischen“ Bevölkerung (S. 91). Dies scheint insofern problematisch, als die Verantwortlichkeit für die Diskriminierung damit implizit auf die Diskriminierten projiziert wird. Mit dem Argument, die Abkehr von der Liberalität in der Asylpolitik sei durch die europäische Integration bedingt (S. 60), enthebt Weigl zudem die österreichische Politik ihrer Verantwortung für gegenwärtige Entwicklungen, in dem er das Schlagwort von der „Festung Europas“ verwendet und den Historiker Ernst Bruckmüller zustimmend mit den Worten zitiert: „Wenn überall in Europa die Zugbrücken hinauf gezogen werden, kann auch die Brücke Österreich nicht offen bleiben“ (S. 96). Dies verkennt wohl die Rolle, die Österreich als Akteur im europäischen Integrationsprozess einnehmen kann bzw. im Hinblick auf eine Forcierung von Restriktion im Migrations- und Asylbereich auch eingenommen hat. Zudem bedient es die Logik, dass politisches Handeln wider den Zeitgeist nicht möglich wäre. Und nicht zuletzt wird damit auch der relativ weite Spielraum unterschätzt, über den Nationalstaaten in diesen Bereichen der Politik nach wie vor verfügen.

Insgesamt oszilliert der Band also zwischen einer Kritik exklusiver österreichischer Migrations- und Integrationspolitiken und dem Versuch der Darstellung Österreichs als liberal. Natürlich kann durchaus argumentiert werden, dass die österreichische Migrationspolitik auch liberale Elemente aufweist, und zweifelsohne bedarf es dabei einer differenzierten Betrachtung, tendenziell mangelt es dem vorliegenden Band aber an einer durchgehenden und schlüssigen Untermauerung dieser Sichtweise. So charakterisiert Weigl etwa die österreichische Einbürgerungspraxis bis in die späten 1990er-Jahre hinein als liberal (S. 53), zieht jedoch als Beleg für diese Behauptung lediglich einen Vergleich zu Deutschland und der Schweiz heran (ebd.), also zwei Staaten, die im westeuropäischen Vergleich lange Zeit die restriktivsten Staatsbürgerschaftsregelungen überhaupt aufwiesen. Ähnlich verkürzt ist auch die Behauptung, dass die österreichischen Gewerkschaften mittlerweile einen „erheblichen politischen Schwenk“ im Hinblick auf das „Inländerprimat“ vollzogen hätten (S.99).

Schließlich hat der Autor eine besondere Präferenz für Wörter wie „freilich“ (zum Beispiel S. 53, S. 63, S. 91) und „wohl“ (zum Beispiel S. 65, S. 91), sowie auch für Redewendungen wie „nicht weiter überraschend“ (S. 68). Dies wirkt zuweilen etwas irritierend, wenn man von einem Wissenschaftsverständnis ausgeht, dass darauf abzielt, Annahmen empirisch zu begründen und herkömmliche Deutungen zu hinterfragen.

Abschließend ist aber festzuhalten, dass der vorliegende Band, ungeachtet der beschriebenen Schwachstellen, ohne Zweifel eine lesenswertes Kompendium darstellt, wenngleich er ein historisches Grundlagenwerk zur neueren österreichischen Migrationsgeschichte nicht ersetzen kann: Dieses gilt es erst noch zu schreiben.

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Veröffentlicht am
20.10.2009
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