A. Shepard u.a. (Hrsg.): Gender and Change

Cover
Titel
Gender and Change. Agency, Chronology and Periodisation


Herausgeber
Shepard, Alexandra; Walker, Garthine
Reihe
Gender and History Special Issues
Erschienen
Malden u.a. 2009: Wiley-Blackwell
Anzahl Seiten
294 S.
Preis
£19.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bea Lundt, Institut für Geschichte und ihre Didaktik, Universität Flensburg

Die gesellschaftlichen Ordnungsmodelle in der globalisierten Welt befinden sich in einem rasanten Wandel. Geschlecht ist eine zentrale Differenzkategorie und historische Geschlechterforschung daher in besonderer Weise geeignet, die aktuellen Entwicklungen in ihrer Genese zu erforschen und einzuordnen. Welchen Stand hat die Frauen- und Geschlechtergeschichte im englischsprachigen Raum erreicht? Der vorliegende Band entstand aus einer Tagung angesichts des zwanzigjährigen Bestehens der Fachzeitschrift „Gender & History“. Er repräsentiert das beeindruckend ausgereifte Niveau einer professionellen Forschung über Gender als historischer Kategorie. Alle zwölf Beitragenden, darunter zwei Männer, sind durch zahlreiche Publikationen zum Thema ausgewiesen und können aus langjähriger Erfahrung schöpfen.

Die Frage nach „Change“ steht im Mittelpunkt der Publikation. Es gilt, das Verhältnis von Struktur und agency, dem aktiven Handeln von Menschen im Rahmen einer langen Entwicklungsphase, zu klären und etwaige Zäsuren zu markieren, so erläutern die Herausgeberinnen Alexandra Shepard und Garthine Walker in ihrer Einleitung. Als Nährboden für die Anfänge wird die sozialhistorisch orientierte feministische Bewegung der 1960er-Jahre in den USA genannt; 1987 wurde die ‚International Federation for Research in Women’s History’ (IFRWH) gegründet.[1]

Die Zuspitzung der damaligen Fragestellung auf die Unterdrückung von Frauen wird inzwischen kritisiert, denn die Behauptung einer vollständig misogynen Historie habe Frauen in eine passive Opferrolle gedrängt. Auch andere Ausgangsvoraussetzungen wurden inzwischen differenziert oder fallengelassen, wie die Beiträge zeigen. Diese sind in chronologischer Folge geordnet: Lynda L. Coon geht von einem Fortwirken antiker Askesemodelle im frühen Mittelalter aus. Aus der Dominanz klerikal geprägter Quellen scheinen sich Oppositionen zwischen Klerikern und Laien zu ergeben, wobei Frauen weitgehend marginalisiert werden. Mithilfe der „spatial theory“ aber können vielfältige Körpertechniken sichtbar gemacht werden, mit denen Frauen sich rituell in den sakralen Raum einschrieben. Am Beispiel von Architekturplänen für das Kloster St. Gallen konstatiert sie eine „civilization of spectacle“(S. 32) mit zahlreichen Angeboten für beide Geschlechter. Mit der Korrektur von Bildern über die Vormoderne beschäftigen sich auch drei weitere Beiträge: Durch die Entwicklung der Medizin sahen viele Frauen in den 1960er-Jahren die weibliche Selbstbestimmung über die reproduktiven Funktionen ihres Körpers gefährdet. Daraus entstand der Mythos von einem „golden age“ weiblicher Omnipotenz über Körper und Fortpflanzung im Mittelalter, so erläutert Monica H. Green. Eine der damaligen Thesen lautete, die Hexenverfolgung habe dazu gedient, die Kontrolle „weiser Frauen“ über Fortpflanzung und weibliche Gesundheit zu beenden. Zu ganz anderen Ergebnissen kam aber die Forschung über Geburt und Verhütung in Mittelalter und Früher Neuzeit, die hier zusammengefasst wird. Ein ähnliches Vorurteil existiert über weibliche Arbeit, die erst durch die „commercial revolution“ zwischen 1200 und 1700 in Männerhand gefallen sei, wodurch Frauen aus ihren Berufen ganz in das Haus verdrängt worden seien. Martha Howell ordnet stattdessen ökonomische Prozesse in langfristige Entwicklungen ein und zeigt, unter Rückgriff auf eine wegweisende These von Heide Wunder, die herausragende Rolle des gemeinsam wirtschaftenden Paares in der Vormoderne auf.

In einem bahnbrechenden Essay hatte Joan Kelly 1977 gefragt „Did women have a Renaissance?“, und damit den entscheidenden Anstoß für die Diskussion darüber gegeben, ob die Epochenkonstruktionen sich einseitig an männlich geprägten Phänomenen orientierten. „Do women Need the Renaissance?“ spezifiziert jetzt Merry E. Wiesner-Hanks. Nein, so ihr Ergebnis, denn ‚Renaissance’ „carries intellectual baggage“ (S. 114); der Begriff „Frühe Neuzeit“ dagegen sei offen für Wandlungsprozesse, an denen alle Bevölkerungsgruppen Anteil hatten. Durch kulturwissenschaftliche Forschung sei die Sicht nicht mehr allein auf die Elite und den männlich kodierten Prozess der Nationalstaatsentwicklung begrenzt.

Schon früh auch wies die Geschlechterforschung rein binäre Konzepte zur Kennzeichnung moderner Lebenswelten zurück: Jeanne Boydston wendet sich seit 1990 gegen die Ideologie von den getrennten Lebenswelten in der Neuzeit in einen ‚öffentlichen’, von Männern belebten sowie einen ‚privaten’, weiblichen Raum. Bei den westafrikanischen Yoruba, so argumentiert sie hier, habe es eine vielfältige soziale Differenzierung gegeben, wobei Seniorität wichtiger sei als Geschlecht. Sie plädiert daher dafür, die Ergebnisse der westlich geprägten Forschung nicht voreilig zu universalisieren. Für einen kritischen Umgang mit verbreiteten Theoriekonzepten wirbt auch Drohr Wahrman: im Mittelpunkt ihrer Überlegungen über den Zusammenhang von Sexualität und Moderne steht die einflussreiche These von Thomas Laqueur, es habe in der Vormoderne kein Zwei-Geschlechter-Modell gegeben. Sie vermisst in seinen Studien die Ebene aktueller sexueller Körperlichkeit; ähnlich überkonstruiert seien auch die neurohistorischen Forschungen. Auch das Paradigma von dem Gegensatz zwischen einem dominanten Kolonialherrn und den ihm subordinierten Kolonisierten ist aus der Sicht der Genderforschung problematisch: Padma Anagol zeigt am Beispiel Indiens. dass „in terms of nation, nationalism or imperialism“ (S. 214) die Aktivitäten der Frauen im 19. Jahrhundert unterschätzt werden. Eine Periodisierung, die in der Entstehung eines Nationalbewusstseins innerhalb einer Unabhängigkeitsbewegung die entscheidende epochale Leistung sehe, lehnt sie daher ab.

Mikroanalysen können helfen, Metanarrative zu dekonstruieren, so Lynn Abrahams. In Interviews erzählten Frauen, ihr Leben sei bestimmt durch Umwelt und Wetter sowie die Verfügbarkeit medizinischer oder technischer Hilfen wie einer Nähmaschine. Entsprechend fordert Abrahams, Belege für Fortschritt und Modernität nicht ausschließlich in Schriftquellen über politische Phänomene zu erwarten. Einen anderen Weg, um die Persistenz wiederkehrender Paradigmen über den Ort von Frauen innerhalb von Theoriemodellen zu erklären, wählt Kevin Passmore: bei den vielen Untersuchungen über faschistische Bewegungen seien Frauen immer wieder als passiver Teil einer verführten Masse gesehen worden. Kritisch geht er den „Vätern“ einer geschlechterpolarisierenden politischen Religiosität nach, von Le Bons Verständnis der Massenpsychologie über Emile Durkheim, Max Weber, Sigmund Freud bis zu Talcott Parsons. Auch die aktuellen Forschungen seien geprägt durch diese Denker aus dem späten 19. Jahrhundert.

Ein sprühendes Bekenntnis Judith M. Bennetts zu der Unverzichtbarkeit einer Betrachtung von Geschichte im Modus der langen Dauer für ein angemessenes Verständnis der Geschlechterprobleme der Gegenwart steht am Schluss: Sie diagnostiziert zunächst ein zunehmend mangelndes Interesse an weiter zurückliegenden Zeiten innerhalb der feministischen Forschung. Als Grund nennt sie die Entmythifizierung der Vormoderne, die als Hort konträrer Wunschbilder fungiert habe: sie stand für ein „goldenes Zeitalter“ umfassender Gleichheit sowie zugleich für die abschreckende Vision von einer Epoche ohne Kindheit und Liebe. Es gelte, die Gemeinsamkeiten mit den Menschen der Vormoderne zurück zu gewinnen und damit zugleich eine neue Orientierung in der Zeitdimension vorzunehmen.

Die Ergebnisse der Detailanalysen sind nicht eigentlich neu, aber darum geht es in diesem Buch auch nicht: vielmehr fassen hier die führenden Spezialistinnen und Spezialisten im Rückblick entscheidende Debatten zusammen, die in den letzten beiden Jahrzehnten die historische Geschlechterforschung und ihre Rezeption geprägt haben. Sie erklären diese in ihrer Entwicklung, dokumentieren und belegen sie ausführlich. Zwar wird deutschsprachige Fachliteratur so gut wie gar nicht genannt. Doch stellen die Beiträge eine breite Rezeption europäischer Denkmodelle und Traditionen unter Beweis. Ganz offensichtlich wird der Anfangsmythos, eine einheitliche feministische Bewegung in Amerika habe die Frauenforschung eingefordert und diese sei von dort nach Europa geschwappt, den vielfältig verschlungenen Wegen diesseits und jenseits des Atlantiks nicht gerecht. Indem dieses Buch sich selbstkritisch zu Kinderkrankheiten und Fehlentwicklungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte bekennt, wirkt es weiterer Mythenbildung entgegen.

Anmerkung:
[1] Die deutsche Sektion im IFRWH, der ‚Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung“ (AKHFG) wurde 1990 gegründet, seit 2008 ist er ein eingetragener Verein: <http://www.akgeschlechtergeschichte.de/> (05.02.2010).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.02.2010
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