J. Schmid: Radikaler Nationalismus

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Titel
Kampf um das Deutschtum. Radikaler Nationalismus in Österreich und dem Deutschen Reich 1890-1914


Autor(en)
Schmid, Julia
Erschienen
Frankfurt am Main 2009: Campus Verlag
Anzahl Seiten
406 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Meissner, Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg

Die im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereichs „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ entstandene Dissertation von Julia Schmid bietet einen Überblick über die diskursive Formierung und organisatorische Konsolidierung des deutschen Radikalnationalismus vor dem Ersten Weltkrieg. Von der gerade in den letzten Jahren nochmals sehr avancierten Nationalismusforschung, die sich entweder auf das Deutsche Reich[1] oder auf das Habsburgerreich[2] beschränkt, setzt sich die Studie durch einen beziehungs- und transfergeschichtlichen Ansatz ab, der die intensive gegenseitige Wahrnehmung ebenso wie die personellen und medialen Vernetzungen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn in den Mittelpunkt stellt. Mit den nationalistischen Aufwallungen der „Badeni-Krise“ von 1897 – ausgelöst durch die Einführung des Tschechischen als zweiter „äußerer Amtssprache“ in Böhmen – habe sich, so Schmids These, die Kommunikation so verdichtet, dass von einem grenzüberschreitenden deutschnationalen Milieu gesprochen werden könne (S. 15). Seither bildete die Berichterstattung über die Situation der Deutschen im Habsburgerreich einen festen Bestandteil der reichsdeutschen nationalistischen Publizistik, und Schmid zeigt eindrücklich, dass von nun an auch das Selbstbild nördlich der Alpen in hohem Maße durch die aus Österreich importierten Bedrohungsszenarien bestimmt wurde. Entsprechend fokussiert die Untersuchung auf die österreichisch-reichsdeutsche Transferrichtung, während die Minderheitenproblematiken im Deutschen Kaiserreich, insbesondere die Konflikte mit der polnischsprachigen Bevölkerung Preußens, am Rande bleiben.

Methodisch folgt Julia Schmid dem konstruktivistischen Ansatz der jüngeren Nationalismusforschung, die Nation bzw. Nationalität nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas mittels diskursiver und symbolischer Praktiken erst Hervorgebrachtes auffasst. Diesen Zugang setzt Schmid insofern konsequent um, als sie im Anschluss an die wegbereitenden Studien von Pieter M. Judson zur Produktion des Konstrukts „Sprachgrenze“ im Habsburgerreich[3] auch die Konflikterfahrungen, welche die Nationalisten in den gemischtsprachigen Gebieten des Habsburgerreichs vorzufinden meinten, als Resultate spezifischer Wahrnehmungs- und Deutungsprozesse begreift. Dies trägt auf adäquate Weise der Tatsache Rechnung, dass in den sprachlichen Mischzonen des Habsburgerreichs eine eindeutige nationale Selbstzuordnung im bi- oder multilingualen Alltag oftmals keine Relevanz hatte.

Eingehend beschreibt Schmid deshalb anhand der Publizistik radikalnationalistischer Organisationen, wie sich nationale Aktivisten abmühten, in den gemischtsprachigen Gebieten nationales Bewusstsein überhaupt erst zu schaffen und die örtliche Bevölkerung zu einem Alltagshandeln gemäß nationalistischer Prinzipien zu mobilisieren. Im Zentrum stehen dabei die Periodika der österreichischen „Schutzvereine“ (in erster Linie der Deutsche Schulverein, die Südmark, der Deutsche Böhmerwaldbund sowie der Tiroler Volksbund) und der deutschnationalen Parteien, für das Deutsche Reich die Publizistik des Alldeutschen Verbandes und des Allgemeinen Deutschen Schulvereins (1908 in Verein für das Deutschtum im Ausland umbenannt). Die Ausdifferenzierung dieses Organisationsnetzwerkes, das allein in Österreich um 1914 mehr als eine halbe Million Mitglieder mobilisieren konnte, zeichnet Schmid zunächst detailliert nach. Die historische und soziale Kontextualisierung bringt sie zu dem beachtenswerten Schluss, es habe sich bei den österreichischen „Schutzvereinen“ nicht primär um Selbsthilfeorganisationen von Betroffenen gehandelt. Vielmehr sei das Gros der Mitglieder im urbanen gebildeten Bürgertum des „Hinterlandes“, also im geschlossenen deutschen Sprachgebiet zu verorten. Dieses habe sich seit der politischen Wende von 1879, als die politische Vorherrschaft des Liberalismus in Cisleithanien ihr Ende fand, in der politischen und sozialen Defensive befunden. Die Besorgnis um die angeblich gefährdeten Deutschen an der „Sprachgrenze“ sei, so Schmids These, eine Projektion der eigenen Verunsicherung gewesen (S. 103). An die Peripherie seien diese Deutungsmuster dann oftmals durch soziale Aufsteiger in den neuen Dienstleistungsbereichen getragen worden, für die das Engagement in nationalistischen Vereinen eine Chance darstellte, Zugehörigkeit zu den lokalen Honoratioren zu erlangen (S. 89). Diese sozialgeschichtliche Einordnung ist für Österreich überzeugend. Inwieweit diese Motivationslage für den Radikalnationalismus im Deutschen Reich zutrifft, wäre einer eingehenderen Erörterung wert.

Wie versuchten nun die Radikalnationalisten, den Bewohnern der „Sprachgrenze“ die eigene „gefühlte Bedrohung“ (S. 102) zu plausibilisieren, sie von der Notwendigkeit einer nationalen Selbstzuordnung zum Deutschtum zu überzeugen, aber auch die Deutschen im „Hinterland“, das Deutsche Reich eingeschlossen, zur finanziellen und praktischen Unterstützung zu mobilisieren? Julia Schmid erläutert dies anhand dreier Gebiete, nämlich den verschiedenen Praxisfeldern der „Schutzvereinsarbeit“, den deutschnationalen Geschichtskonstruktionen sowie der Deutung der zeitgenössischen Nationalitätenkonflikte im Habsburgerreich. Deutlich werden dabei vier Aspekte:

Erstens die Vielfalt der Engagementformen, welche die nationalistischen Vereine entwickelten: Sie reichten von der Errichtung deutschsprachiger Minderheitenschulen, die ursprünglich im Vordergrund stand, über die Gründung von Sparvereinen und Genossenschaften bis hin zur Stellenvermittlung, zum Aufbau von touristischer Infrastruktur oder zum Ankauf von Immobilien für Deutsche. Nationsbildungsprozesse basierten, wie Schmid anschaulich zeigt, nicht nur auf diskursiver Konstruktion und symbolischer Kommunikation, sondern die nationale Selbstzuordnung konnte auch viel mit recht konkreten Interessenlagen zu tun haben.

Zweitens arbeitet Schmid prägnant die Argumentationsfiguren heraus, welche die Radikalnationalisten nutzten, um ihre Forderungen zu legitimieren. Insbesondere das Konzept des deutschen „Nationalbesitzstandes“, den es zu verteidigen galt, war geeignet, die unterschiedlichsten wahrgenommenen Verluste, sei es die alleinige deutsche Amtssprache, sei es „deutscher“ Grundbesitz, zu einer einheitlichen Erfahrung der Gefährdung zu integrieren. Hinzu trat eine Nationalisierung des Territoriums, mit der sich die Nationalisten über die faktischen Mischungsverhältnisse bei den Bewohnern hinwegsetzten. Dem Anspruch auf „deutschen Boden“ dienten, wie Schmid ausführt, der Verweis auf die Kultivierung des Landes durch Deutsche, auf die Siedlungsgeschichte, die Behauptung, die jeweilige Landschaft sei „typisch“ deutsch, eine einheitliche Farbgebung auf Kartenwerken oder auch die symbolische Markierung des Territoriums durch Feiern, rituelle Aufmärsche und Denkmalsetzungen.

Plastisch treten drittens die Wahrnehmungsverzerrungen und Radikalisierungsdynamiken im deutschen Nationalismus hervor: Einerseits imaginierten die Radikalnationalisten die Vorgänge an der „Sprachgrenze“ in der Semantik des Krieges als Teil eines systematischen, von Hass getriebenen Kampfes der Nachbarvölker gegen das deutsche Volk. Dabei gewann, aufgeladen durch die Deutungskategorien des Sozialdarwinismus und die Lehre Friedrich Ratzels vom Kampf um Lebensraum, noch das kleinste Zugeständnis an die Nichtdeutschen den Status einer existenziellen Bedrohung. Andererseits ist den von Schmid untersuchten Periodika deutlich anzumerken, dass der totalisierende Anspruch der Nationalisten sowohl an die eigenen Organisationen als auch an die Bewohner der „Sprachgrenze“, die alle Lebensbereiche auf die Erfordernisse des Nationalitätenkampfs ausrichten sollten, äußerst frustrationsträchtig war. Dies resultierte in der öffentlichen Exponierung von „Verrätern“, in Boykottaufrufen, in der Abkehr von den eigenen Abgeordneten, in der Lahmlegung der politischen Institutionen durch Obstruktion und schließlich auch in der Legitimation gewaltsamer „Selbsthilfe“. Um 1900 wurden auch die ersten Vorschläge zu Bevölkerungstransfers als endgültige Lösungen der Nationalitätenproblematik ventiliert. Je weniger sich die Realität den Forderungen fügen wollte, desto stärker wurde der erwartete europäische Krieg zur ersehnten Totallösung.

Viertens wird in Schmids Untersuchung ersichtlich, dass die nationalistische Selbstmobilisierung zunehmend auch die Loyalität zum Staat betraf. Grundsätzlich hatte das „Volk“ einen höheren Stellenwert als der Staat. Zwar betont Schmid, dass nach der Jahrhundertwende – mit Ausnahme der Anhänger Georg von Schönerers – kein Deutschnationaler in Österreich die Existenz des Habsburgerreiches ernsthaft in Frage stellte (S. 287). Dennoch glaubten die Radikalnationalisten, dass sie die Notwehr auch zum Handeln gegen die jeweiligen Regierungen und die staatlichen Organe überhaupt ermächtige.

In diesem Konzept der „nationalen Selbsthilfe“, notfalls auch gegen den Staat, ist eine der zentralen Kontinuitätslinien zum Radikalnationalismus der Zwischenkriegszeit zu sehen, ebenso wie in der Nationalisierung von Territorien als „Volks- und Kulturboden“, in den sozialdarwinistischen Lebensraum-Forderungen und in den imaginierten Bevölkerungsverschiebungen. Es wäre sicherlich lohnend gewesen, wenn Julia Schmid die Diskussion solcher Kontinuitäten über die Zäsur von 1918 hinweg mit in ihre Darstellung einbezogen hätte. Überdies wäre ein Ausblick aufschlussreich gewesen, inwiefern die Deutungsmuster des Radikalnationalismus über das Spektrum der von Schmid ausgewählten Organisationen und Presseorgane hinaus diffundierten. Innerhalb der Begrenzungen ihrer Themenstellung gelingt Julia Schmid jedoch eine differenzierte Synthese zur organisatorischen und diskursiven Entwicklung des Radikalnationalismus, seiner Mitgliederstruktur, seiner Radikalisierungsdynamik und insbesondere auch zum Transfer von konstruierten Erfahrungen, die eigentlich an den österreichischen „Sprachgrenzen“ verortet waren, in die Selbstwahrnehmung der Nationalisten im Deutschen Reich.

Anmerkungen:
[1] Zu den nationalistischen Agitationsverbänden vgl. Peter Walkenhorst, Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914, Göttingen 2007; Rainer Hering, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003. Nach wie vor einschlägig: Roger Chickering, We men who feel most German. A cultural study of the Pan-German League, 1886-1914, Boston 1984.
[2] Zu den Nationsbildungsprozessen im Habsburgerreich sind besonders beachtenswert: Pieter M. Judson, Guardians of the nation. Activists on the language frontiers of imperial Austria, Cambridge 2006; Jeremy King, Budweisers into Czechs and Germans. A local history of Bohemian politics, 1848-1948, Princeton 2002; Tara Zahra, Kidnapped souls. National indifference and the battle for children in the Bohemian Lands, 1900-1948, Ithaca 2008; Helmut Rumpler / Peter Urbanitsch (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. 8: Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, 2 Teilbände., Wien 2006.
[3] Judson, Guardians.