A. Steinbrecher (Hrsg.): „Die Natur ist überall bey uns“

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Titel
„Die Natur ist überall bey uns“. Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit


Herausgeber
Steinbrecher, Aline; Ruppel, Sophie
Erschienen
Zürich 2009: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
196 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Knoll, Neuere Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Die Geschichte von Natur und Mensch in der Frühen Neuzeit ist, wie von den Herausgeberinnen des Sammelbandes konzediert, ein großes Thema. Sophie Ruppel und Aline Steinbrecher sind Realistinnen genug um nicht mehr zu versprechen, als mit den Beiträgen des Bandes einen „mosaikartigen Blick“ (S. 18) auf dieses werfen zu wollen. Anliegen der Beiträge des Bandes sei es, sich mit dem vielschichtigen Wandel im Verhältnis zwischen Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit alltagsgeschichtlich gewendet auseinanderzusetzen: „Allerdings nicht indem sie [i.e. die Beiträge, M.K.] lediglich den Blick auf die Vorreiter dieses Wandels richten, sondern indem sie die alltäglich erlebte Natur, wie sie der Bevölkerung begegnet und wie sie im lebensweltlichen Umfeld gedeutet, gebraucht und in vielfältiger Weise genutzt wird, thematisieren.“ (S. 10) So viel vorneweg: es kommen durchaus in erheblichem Umfang die „Vorreiter des Wandels“ zu Wort. Und selbst in den Beiträgen der beiden Herausgeberinnen, die den Weg von Tieren und Pflanzen in die Wohnstuben des 18. und 19. Jahrhunderts beschreiben, begegnet der diskutierte Prozess primär als bürgerliches Projekt, dessen quellenmäßige Fassbarkeit man Angehörigen von Eliten im Allgemeinen, wissenschaftlicher und künstlerischer Eliten im Besonderen zu danken hat.

Wenngleich man also den alltagsgeschichtlichen Anspruch des Bandes relativieren muss, liegt seine entscheidende Stärke darin, dass er sich einer gleichermaßen umwelt- wie kulturhistorisch inspirierten Perspektive verpflichtet weiß. Die Beiträge lassen sich grob drei thematischen Gruppen zuordnen. Die erste Gruppe nimmt das Mensch-Tier-Verhältnis in den Blick. Paul Münch, einer der Pioniere der kulturgeschichtlichen Erforschung des Mensch-Tier-Verhältnisses in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft [1], erschließt das Thema mit einem Überblicksaufsatz. Er gründet seine Diskussion konkurrierender bzw. einander überlagernder frühneuzeitlicher Vorstellungen von der menschlichen Überlegenheit, Verwandtschaft, Distanz und Nähe zum Tier in einer ideengeschichtlichen Tour d’horizon, die von der aristotelischen Seelenlehre über den Anthropozentrismus der Stoa und der monotheistischen Weltreligionen bis zur cartesischen Automatentheorie – und der zeitgenössischen Kritik an dieser – reicht. Angesichts der auch von Münch als Belege des Verwandtschaftsgedankens zwischen Tier und Mensch ins Feld geführten spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Tierprozesse erscheint ein Hinweis auf den jüngsten quellenkritischen Zwischenruf Eva Schumanns angezeigt.[2] Münch exemplifiziert anhand des Mensch-Tier-Verhältnisses, was die übrigen Beiträge für die Naturwahrnehmung im Allgemeinen bestätigen, nämlich die kaum zu überschätzende Bedeutung des wissenschaftsgeschichtlichen Wandels der Frühen Neuzeit als wesentlichen Einflussfaktors. Die Diskussion um die Relativität der Artgrenzen wurde von neuen anatomischen Erkenntnissen aus der Sektion toter Primaten ähnlich befeuert wie von Carl von Linnés klassifikatorischem System und den späteren evolutionistischen Konzepten Lamarcks, Darwins, Haeckels und anderer. Das nicht nur theoretische, sondern auch emotionale und damit einhergehende räumliche Zusammenrücken von Mensch und Tier studiert Aline Steinbrecher am Beispiel der Hundehaltung des 18. und 19. Jahrhunderts und deren Repräsentation in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur. Steinbrecher zeichnet das Bild eines Wandels vom Elitenphänomen zur kulturellen Praktik breiter Schichten und verweist auf das bereits von Keith Thomas thematisierte Paradox einer individualisierenden Wertschätzung des Haustieres und dessen Aufnahme in die menschliche Wohnung bei gleichzeitiger Distanzierung in der Nutztierhaltung. Letztere beschäftigte und beschäftigt den Menschen nicht nur als ethisches, sondern auch als medizinisches Problem. Carsten Stühring untersucht die Wahrnehmung von und den Umgang mit Rinderseuchen im Kurbayern des späten 18. Jahrhunderts. Er identifiziert dabei Tiermediziner als wichtige neue Akteursgruppe, die dafür verantwortlich zeichnete, dass religiös-theologischen Seuchendeutungen immer weniger Einfluss auf die staatliche Seuchenpolitik zukam. Der Aufsatz Sebastian Botts zur Politisierung der Wahrnehmung des Bartgeiers in der Schweiz macht besonders deutlich wie sehr sich das Thema menschlicher Naturwahrnehmung im Zwischenbereich von Symbolischem und Materialem bewegt.

Das Ringen religiös-theologischer mit außertheologischen Attribuierungen in der Naturwahrnehmung prägte die Kultur-, Umwelt- und Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit. Zwangsläufig zieht sich dieser Aspekt wie ein roter Faden durch die Beiträge des Bandes und markiert dessen zweiten thematischen Schwerpunkt. Auch dieser Komplex wird durch einen allgemeinen thematischen Aufriss eingeleitet. Kaspar von Greyerz verdeutlicht die Ambivalenz der Prozesse zwischen der Aufwertung der wissenschaftlichen curiositas, unter anderem im Kontext des physikotheologischen Erkenntnisoptimismus (dazu auch Simona Bosca Leonis Beitrag über Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733)), neuplatonisch-hermetischen Strömungen und dem Konflikt um die Harmonisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mit der biblischen Heilsgeschichte. Bezugnehmend auf Mathias Pohling weist von Greyerz darauf hin, dass das Agieren der römischen Kurie im Falle Galileo Galileis eine Haltung der Skepsis und tendenziellen Ablehnung gegenüber der autonomen Wissenschaft exemplifizierte, die durchaus auch bei Repräsentanten des lutherischen oder des reformierten Protestantismus anzutreffen gewesen sei. Jan-Friedrich Missfelder, der sich mit der Wahrnehmung und Erklärung von Gewitterdonner im 18. Jahrhundert auseinandersetzt, kann durch eine geschickte Auswahl von Beispielen die Parallelität aufgeklärt-physikotheologischer Umdeutungen von Gewittern in protestantischen und katholischen Kontexten verdeutlichen. Dagegen fungiert in Athanasius Kirchers (1602-1680) Pestschrift, so der Eindruck Tina Asmussens, das Argumentieren mit der innovativen mikroskopischen Empirie eher als rhetorisches Mittel, das der Autorisierung der emblematischen jesuitischen Weltsicht dient.

Eine dritte Gruppe von Beiträgen reflektiert methodische Optionen des forschenden Zugangs zum frühneuzeitlichen Mensch-Natur-Verhältnis. Aus einer umwelthistorischen Perspektive heraus und am Beispiel der Donau stellt Martin Schmid das stark von der Praxeologie Theodore Schatzkis [3] beeinflusste Konzept der „sozionaturalen Schauplätze“ vor. Umweltgeschichte kann demnach als der historische Wandel von sozionaturalen Schauplätzen konzipiert und studiert werden, die ihrerseits als Verknüpfungen menschlicher Praktiken und materieller Arrangements zu denken sind. Dieses praxistheoretische Konzept ermöglicht die Überwindung eines dichotomischen Verständnisses vom Verhältnis zwischen Natur / Umwelt und Kultur / Gesellschaft. Ursula Schlude zeichnet nicht nur ein überraschendes Bild von der aktiven Rolle der Kurfürstin Anna von Sachsen (1532-1585) in der Bewirtschaftung der kurfürstlichen Domänen und als Initiatorin empirischer und experimenteller Agrarforschung avant la lettre. Sie legt auch ein methodisch instruktives Konzept vor, um der Medialität der unterschiedlichen von ihr ausgewerteten Quellentypen gerecht zu werden. Sie diagnostiziert einen „ganz spezifischen Aggregatszustand des Agrarwissens, der zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit oszilliert“ (S. 99) und weist die Quellen verschiedenen Textmodi zu, deren je unterschiedliche mediale Qualität sich zwischen den Extremen öffentlich / schriftlich / gedruckt / wirtschaftlich begrenzt relevant auf der einen und intern / geheim / handschriftlich / mündlich / empirisch / experimentell / wirtschaftlich relevant auf der anderen Seite bewegt.

Der angestrebte mosaikartige Blick des Sammelbandes hat ein erfreulich schillerndes und dabei kohärentes Mosaik generiert. Einzig dessen Zementbett, die Einleitung, gibt zu leiser Kritik Anlass. Hier mag Zeitdruck im Redaktionsprozess zu mancher Flüchtigkeit geführt haben, sei es in der Bildlichkeit der Sprache: Es ist kein spezifischer Ausweis der Direktheit frühneuzeitlicher Naturerfahrung, dass Hagel die Kirschernte zerschlägt (S. 9), Hagel ist auch heute noch zu derlei in der Lage. Sei es im Formalen, etwa bei unvollständigen (S. 12, Anm. 10; S. 13, Anm. 15) oder arg allgemeinen Belegen (S. 12, Anm. 7; S. 16, Anm. 18). Auch erscheint das Referat des Forschungsstandes etwas eklektizistisch. Es wird mit der Begriffsgeschichte des Naturbegriffs argumentiert, einschlägige Forschungen zur Frühen Neuzeit werden aber nicht einbezogen.[4] Die – beileibe nicht falsche! – Diagnose erheblicher Forschungslücken zur Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit sollte doch das Vorhandene ausgewogener würdigen. Clarence Glackens ideengeschichtliches Standardwerk zur westlichen Naturwahrnehmung wird missverständlich auf den angloamerikanischen Raum festgelegt (S. 12), die globalgeschichtliche Perspektive eines John Richards ausgespart.[5] Bezogen auf „alltägliche Erfahrungen der Menschen mit oder in der Natur“ seien bislang nur Einzelaspekte untersucht worden, zum Beispiel „das Thema der Holzknappheit im späten 18. Jahrhundert“ (S. 13). Diese Verengung erscheint problematisch. Im Gefolge der mentalitätsgeschichtlichen Studie Joachim Allmanns hat das facettenreiche Thema menschlicher Waldnutzung in der Frühen Neuzeit sich zu einem vitalen umwelthistorischen Forschungsfeld mit vielfältigen Anschlussmöglichkeiten – etwa an die Alltagsgeschichte und die historische Konfliktforschung – entwickelt, keine quantité négligable.[6]

Wichtiger als diese Detailkritik ist aber die Gesamtbilanz. Und hinsichtlich dieser ist den Herausgeberinnen für einen Band zu danken, der die Erforschung des Verhältnisses von Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit an der Schnittstelle von Umwelt- und Kulturgeschichte mit wertvollen Impulsen versieht.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Paul Münch / Rainer Walz (Hrsg.), Tiere und Menschen. Geschichte und Aktualität eines prekären Verhältnisses, 2. Aufl., Paderborn [u.a.] 1999.
[2] Eva Schumann, „Tiere sind keine Sachen“. Zur Personifizierung von Tieren im mittelalterlichen Recht, in: Lars Kreye / Carsten Stühring / Tanja Zwingelberg (Hrsg.), Natur als Grenzerfahrung. Europäische Perspektiven der Mensch-Natur-Beziehung in Mittelalter und Neuzeit: Ressourcennutzung, Entdeckungen, Naturkatastrophen, Göttingen 2009, S. 23–49, hier v.a. S. 30-40.
[3] Vgl. Theodore R. Schatzki, Nature and technology in history, in: History and Theory - Theme Issue 42 (2003), S. 82–93.
[4] Vgl. Thomas Leinkauf / Karin Hartbecke (Hrsg.), Der Naturbegriff in der Frühen Neuzeit. Semantische Perspektiven zwischen 1500 und 1700 (Frühe Neuzeit 110), Tübingen 2005.
[5] Vgl. Clarence J. Glacken, Traces on the Rhodian Shore. Nature and Culture in Western Thought from Ancient Times to the End of the Eighteenth Century, Berkeley u.a. 1967; John F. Richards, The Unending Frontier. An Environmental History of the Early Modern World, Berkeley 2003.
[6] Vgl. etwa Joachim Allmann, Der Wald in der frühen Neuzeit. Eine mentalitäts- und sozialgeschichtliche Untersuchung am Beispiel des Pfälzer Raumes 1500 - 1800 (Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 36), Berlin 1989; Christoph Ernst, Den Wald entwickeln. Ein Politik- und Konfliktfeld in Hunsrück und Eifel im 18. Jahrhundert (Ancien Régime Aufklärung und Revolution 32), München 2000; Paul Warde, Ecology, Economy and State Formation in Early Modern Germany (Cambridge studies in population economy and society in past time 41), Cambridge 2006.

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Veröffentlicht am
19.07.2010
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