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Titel
Das Mittelalter. Geschichte und Kultur


Autor(en)
Fried, Johannes
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
606 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Isabel Blumenroth, Historisches Institut, RWTH Aachen

Als ein „Jahrtausend-Programm“ (S. 8) bezeichnet Johannes Fried zu Recht seinen Überblick über die Genese der abendländischen Gesellschaft und Kultur zwischen 500 und 1500 n.Chr. Er spannt einen historiografischen Bogen von Boethius bis Botticelli, der nicht nur in seiner zeitlichen und geografischen Breite, sondern auch in der Kombination von politischer Geschichte mit Kultur-, Kirchen-, Wirtschafts-, Technik- und Bildungsgeschichte neuartig ist.

In zwölf Kapiteln zeichnet Fried das Panorama einer mittelalterlichen Welt, die im 5. Jahrhundert den Auswirkungen und den Einflüssen antiker und germanischer Traditionen auf die frühmittelalterliche Wissenskultur entspringt. Die Formierung königlicher Herrschaft, die Sakralisierung des römischen Papsttums und seine Schismen sowie der Aufstieg der Rechtswissenschaft und die Wurzeln von Hochfinanzwesen und Globalisierung bilden weitere Schwerpunkte. Am Ende des Verfalls mittelalterlicher Ordnungsstrukturen steht die geistige Wiedergeburt der Renaissance, die Fried ebenso als Kulminationspunkt früherer geistiger Entwicklungen wie auch als Aufbruch in die Neuzeit interpretiert.

Fokussiert werden vier große thematische Leitkomplexe: die Ausweitung menschlicher Wissenskultur im Rahmengeflecht politischer Machtkonstellationen, Endzeiterwartungen, Internationalisierungs- und Globalisierungstendenzen der mittelalterlichen Welt sowie deren Säkularisierung und gesteigerte gesellschaftliche Komplexität. Obwohl vom Autor nicht expliziert formuliert, durchdringt die Darstellung eine deutliche Absicht, die auf Kant fußende und immer noch gängige Vorstellung des Mittelalters als einer Zeit geistigen Stillstands, einer Antithese zur modernen Lebenswelt, zu korrigieren. Der Epilog entkräftet daher explizit die Dichotomie der romantisch-verklärten und aufklärerisch-verzerrten populären Mittelalterbilder als empirisch unreflektiert. Im Mittelalter entdeckt Fried den Grundstein bis in die Moderne reichender Prozesse, etwa in der globalisierenden Wirkung der Öffnung Europas nach Osten infolge des Mongoleneinfalls im 13. Jahrhundert.

Wie Fuhrmanns "Einladung ins Mittelalter"[1] will auch Fried mediävistische Sachverhalte für den interessierten, geschichtswissenschaftlich unbelasteten Laien greifbar machen. Als Mittel zum Zweck verwendet er ins Deutsche übersetzte Quellenzitate sowie Bildtafeln zur Visualisierung des erläuterten Struktur- und zeitgenössischen Wahrnehmungswandels. Seiner historischen Memorik-Theorie folgend[2] entwickelt Fried eine dem menschlichen Kognitionsapparat geschuldete, nicht starr lineare Darstellungsform. Intertextuelle Rückblenden, zeitliche Vorgriffe, eingeschobene Exkurse und Querverweise veranschaulichen die Vernetzung simultan verlaufender Strukturentwicklungen, erschweren es dem Leser im letzten Drittel des Werkes jedoch mitunter, seine momentane Position in der chronologischen Matrix zu bestimmen. Frieds Ausführungen bewegen sich allzeit in einer perfekten Balance zwischen Darstellung und gebotener Verdichtung von Fakten. Ereignisgeschichtliche Details werden zu Überblicksparagrafen komprimiert – eine didaktische Reduktion des Stoffes, die wesentlich zur Lesbarkeit der Monografie beiträgt.

Grundlegendes Konzeptionsmerkmal der Publikation ist ein auf historische Individuen zentrierter Ansatz zur Vorbeugung einer abstrahierenden Auflistung von Trends und Strukturen. Exemplarisch für größere Entwicklungen kommen diese historischen Persönlichkeiten mit den religiösen, naturbedingten, kulturellen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Wirkungskräften der mittelalterlichen Welt in Berührung. Die interdisziplinäre Dichte und eine wiederkehrende geografische Aufsplitterung der Erläuterungen erweisen sich als guter Weg, dem Anspruch einer vielschichtigen Darstellung von Wechselwirkungen und Zusammenhängen gerecht zu werden. Dabei dienen die thematischen Leitkomplexe als roter Faden und erlauben es, trotz der Komplexität des Werkes dessen Fragestellung stets im Auge zu behalten. Erfreulicherweise erschöpft sich der Fokus des Buches keinesfalls in der Betrachtung west- und zentraleuropäischer Entwicklungen und der Verbindungen zum Byzantinischen Reich und zum Vorderen Orient, sondern bezieht auch weniger beachtete Aspekte wie die skandinavische Geschichte, Fernost und das orientalische Mongolenreich mit ein.

Frieds inhaltliche Aussagen stützen sich auf eine facettenreiche Materialbasis, die vom gelehrten Traktat, Objektquellen und Selbstzeugnissen bis zur Bildquelle reicht, deren jeweiliger historischer Erkenntniswert umrissen wird. Umsichtig gewählte Zitate und Exempel verleihen der Analyse Substanz und Klarheit, so dass bis zur Pointierung im Epilog folgerichtig die Bestätigung der – bedauerlicherweise nicht in der Einleitung konstatierten – zentralen These Frieds erwächst: Die Sicht der mittelalterlichen Epoche als einer im 11. und 12. Jahrhundert wurzelnden Wissensgesellschaft und Vernunftkultur mit formativem Einfluss auf spätere historische und tagesaktuelle Entwicklungen. Frieds Argumentation ist schlüssig. Dennoch entsteht der Eindruck, dass durch die Betonung der Vernunftfrage dem Einbezug distinkt mittelalterlicher Denkweisen und Logiken kaum genug Raum zugestanden wird, um ein perfekt differenziertes Bild der Epoche zu zeichnen.

In den ersten Kapiteln entfaltet der personenzentrierte Ansatz durch die Kopplung eines Titelhelden mit einem bedeutenden Charakteristikum seines Zeitalters starke Wirkung. Er spiegelt klar die Gesamtausrichtung der Publikation wider: Als Symbolfigur der Vermittlung des rationalen Erbes der antiken Philosophie und Wissenschaft an das lateinische Mittelalter eröffnet Boethius den intellektuellen Aufbruch in das Vernunftzeitalter. Papst Gregor I. und die Renovatio-Idee Karls des Großen komplettieren die drei Säulen der wissenschaftlichen, religiösen und politischen Grundsteinlegung des mittelalterlichen Abendlandes. Aufgrund des graduellen Bedeutungsgewinns eines mehr strukturellen als personenbezogenen Wandels (Mobilität, Aufstieg von Wissenschaftskultur und politischem Denken, Hochfinanz etc.) im Verlauf des Werkes wird der Ansatz bedauerlicherweise nicht mehr aufrechterhalten. Das nimmt der Struktur des Werkes einen Teil ihrer Symmetrie und schwächt ihre konzeptionelle Kohärenz.

In einer Überzeugungsschrift gegen das verzerrte Bild eines finsteren Mittelalters könnte man zudem einen stärkeren Schwerpunkt auf der Dekonstruktion populärer Klischeevorstellungen (Hexenwahn, Verklärung des Rittertums und ähnliches) erwarten. Erste Ansätze einer solchen zeigen sich in der Widerlegung der mittelalterlichen Sicht der Erde als Scheibe oder des Stereotyps vom irrationalen Zeitalter bar jeder dogmenkritischen Energien. Zudem ist Frieds Konzentration auf thematische Bereiche, in denen er Expertenwissen einbringen kann (Formierung Europas oder mittelalterliche Endzeiterwartung) auffällig. Im gleichen Maße, in dem die Darstellung dieser Passagen gewinnt, werden andere (zum Beispiel die Zeit des Interregnum) stark vereinfacht oder wichtige Aspekte wie die Geschichte der Hanse nur gestreift.

Während kleinere wissenschaftliche Trugschlüsse im Licht der modernen Forschung gerade gerückt werden, bleibt in einigen Fällen Forschungskonsens unbeachtet. So geschehen in der rein politischen Deutung des Thronbildes Kaiser Ottos III. im Aachener Liuthar-Evangeliar, dessen Bedeutung zur Vermittlung sakraler Herrschaftsvorstellung Hagen Keller vor zwei Jahrzehnten aufzeigen konnte.[3] Dies ist umso beachtlicher, da Fried selbst einen Auszug aus dem Krönungsordo des Pontificale Romano-Germanicum zur Illustration der fortschreitenden Sakralisierung ottonisch-salischer Königswürde heranzieht. Bisweilen ist es daher schwierig, zwischen wissenschaftlicher Fiktion und abgesicherten historischen Erkenntnissen zu unterscheiden.

Ungeachtet vereinzelter manieristischer Blüten zeichnet die farbige, flüssige Textur von Frieds preisgekrönter Wissenschaftsprosa auch dieses Werk aus. Kurzweilige, narrative Versatzstücke und die Darstellungsform, die einen mühelosen Wiedereinstieg in das Werk ermöglicht, machen die Monografie zusätzlich attraktiv. Ein gewisses Maß historischer Vorbildung ist allerdings notwendig, um den Ausführungen zu folgen, da diese nicht auf Fachtermini und -konzepte verzichten. Ein solches Grundwissen sollte jedoch auch von interessierten Laien zu erwarten sein.

Auch wenn der Anspruch, Quellen in deutscher Übersetzung zu zitieren, unter anderem im Falle italienischer Dichtung nicht gewahrt wird, werden wichtige Zitate zweisprachig abgedruckt, was Übersetzungsfreiheiten verdeutlicht und die Anschaulichkeit der Originalzitate erhöht. Die Bildtafeln sind zwar teils nicht an entsprechender Stelle in den Kontext eingebettet, stellen jedoch bereichernde Visualisierungen dar und sind wie die auf jüngere Überblicksliteratur beschränkte Bibliografie auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten.

Insgesamt handelt es sich um eine umfassende, methodisch durchdachte und gut strukturierte, in ihrer Komplexität jedoch nicht zu unterschätzende Überblicksdarstellung der Hauptentwicklungslinien der kulturellen, bis in die Gegenwart wirkenden Evolution des europäischen Abendlandes. Fried beleuchtet das Mittelalter mit einem neuen, vom Vernunftgedanken gespeisten Licht und eröffnet somit eine frische Sichtweise auf ein missverstandenes Jahrtausend, die durchaus zur Dekonstruktion ausgewählter Stereotypen der Mittelalterrezeption beitragen kann. Durch die Verknüpfung der Erkenntnisse verschiedenster historischer Teildisziplinen entsteht ein hochkomplexes, interkulturell geprägtes Epochenbild, das durch Freude an der Lektüre besticht. Als ein solches sei es dem interessierten, vorgebildeten Laien empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Horst Fuhrmann, Einladung ins Mittelalter, 2. Aufl. München 2002 (1. Aufl. 1987), S. 9f.
[2] Johannes Fried, Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik, Darmstadt 2004. Vgl. dazu die beiden Rezensionen von Volker Depkat in: H-Soz-u-Kult, 11.02.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-113> und von Marcel Müllerburg in: H-Soz-u-Kult, 16.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-194> .
[3] Hagen Keller, Herrscherbild und Herrschaftslegitimation. Zur Deutung der ottonischen Denkmäler, in: Frühmittelalterliche Studien 19 (1985), S. 290–311.

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Veröffentlicht am
25.08.2009
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