P. H. Wilson: A History of the Thirty Years War

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Titel
Europe's Tragedy. A History of the Thirty Years War


Autor(en)
Wilson, Peter H.
Erschienen
London 2009: Allen Lane
Anzahl Seiten
1040 S.
Preis
£ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Rohrschneider, Universität zu Köln

Der Dreißigjährige Krieg zählt ohne Zweifel zu denjenigen Bereichen der Frühneuzeitforschung, die in jüngerer Zeit besonders starke Beachtung gefunden haben. Allein die seit dem Jubiläumsjahr des Westfälischen Friedens 1998 erschienene Literatur ist so umfangreich, dass sie selbst für den Spezialisten nur noch mit Mühe überschaubar ist. Schon allein vor diesem Hintergrund gebührt Peter H. Wilson großer Respekt dafür, dass er das Wagnis eingegangen ist, eine umfangreiche Gesamtdarstellung des Großen Krieges zu erarbeiten, die auch und gerade den Ansprüchen der jüngsten Forschung Rechnung trägt. Erst im letzten Jahr hat Christoph Kampmann eine gelungene Überblicksdarstellung vorgelegt, die sich erklärtermaßen auch an ein größeres Publikum richtet und in der in konziser Weise einige neue Akzente gesetzt werden, zum Beispiel im Hinblick auf die traditionelle Phaseneinteilung des Krieges.[1] Nun liegt mit dem über 1000 Seiten starken Opus magnum Wilsons eine neuerliche Gesamtdarstellung vor, von der zu hoffen ist, dass sie nicht nur auf dem englischsprachigen Markt stark rezipiert werden wird.

Der Aufbau des Werkes ist vergleichsweise konventionell: Teil 1 „Beginnings“ beinhaltet die komplexe Vorgeschichte des Krieges und ein nahezu europaweites Panorama der strukturellen Gegebenheiten des sich herausbildenden Staatensystems, wobei allein der Umfang dieses ersten Teils größer ist als so manche bisherige Gesamtdarstellung des Krieges. Teil 2 „Conflict“ ist im Wesentlichen eine chronologische Schilderung des Kriegsgeschehens; dieser Teil bildet den eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit. Teil 3 „Aftermath“ blickt über die Zäsur von 1648 hinaus und befasst sich mit den konkreten Auswirkungen des Krieges und dem gerade in der jüngeren Forschung stark beachteten Themenfeld der zeitgenössischen Kriegserfahrungen.

Was die Gesamtkonzeption des Werkes angeht, so ist auffällig, dass Wilson auf eine pointierte neue Thesenbildung, etwa im Stile von Johannes Burkhardts Staatsbildungskriegstheorie, verzichtet. Wer also eine umwälzende Neuinterpretation des Krieges erwartet, wird hier nicht fündig werden. Vielmehr liefert Wilson eine gediegene, auf dem neuesten Forschungsstand stehende, differenzierte und inhaltsdichte Gesamtdarstellung des Krieges, die den Vergleich mit den einschlägigen großen Vorgängern, nicht zuletzt der englischsprachigen Forschung (insbesondere Cicely Veronica Wedgwood und Geoffrey Parker), nicht scheuen braucht.

Der monumentale Umfang der Darstellung hat einen offensichtlichen Vorteil: Er erlaubt es dem Autor, in aller Ausführlichkeit die aus dem Großen Krieg resultierende Tragödie Europas, wie es im Titel treffend heißt, zu schildern. So greift Wilson im ersten Teil seiner Arbeit weit ins 16. Jahrhundert zurück, um die Entstehung des Krieges zu erklären, und widmet sich dabei auch einigen Bereichen, die in den bisherigen Gesamtdarstellungen eher marginalen Charakter hatten, etwa dem Osmanischen Reich, der „superpower of the early modern world“ (S. 76). Gerade für Leser, denen die spezifische Komplexität des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation nicht vertraut ist, liefert der erste Teil wichtige Verständnishilfen. Wilson, der durch seine Publikationen als vorzüglicher Kenner der frühneuzeitlichen deutschen Geschichte ausgewiesen ist, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in die politischen Strukturen des Alten Reiches ein. Teile seiner Darstellung lesen sich wie eine Einführung in die frühneuzeitliche Reichsgeschichte, was sicherlich besonders im Hinblick auf die Bedürfnisse der englischsprachigen Leserschaft so konzipiert worden ist.

Ein gewichtiger Vorteil des Werkes ist die Tatsache, dass Wilson, anders als die ältere Forschung, die Kriegsphase nach 1635 nicht summarisch abhandelt, sondern sie ebenso umfangreich und sorgfältig wie die ersten Kriegsphasen schildert. Dies ist sicherlich unter anderem dadurch bedingt, dass die jüngere Forschung, etwa aus dem Umfeld der Acta Pacis Westphalicae, große Fortschritte in dem Bemühen erzielt hat, die militärischen Voraussetzungen der jahrelangen Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück zu ergründen. Wilson kann in diesem Punkt somit auf eine wesentlich bessere Forschungslage zurückgreifen, als dies noch vor zwei oder drei Jahrzehnten möglich gewesen wäre.

Das besondere Augenmerk Wilsons gilt den militärischen Ereignisabläufen und den Details der Kriegführung. So finden sich ausführliche Darstellungen der zahlreichen Feldzüge und Schlachten des Krieges, zumeist veranschaulicht durch Schlachtpläne und konkretes Zahlenmaterial (zum Beispiel Armeestärke, Verlustzahlen etc.). Leser, die nicht vorrangig an den Einzelheiten der militärischen Ereignisse interessiert sind, mögen dies als langatmig kritisieren; Wilson verliert sich jedoch, bildlich gesprochen, nie im Nebel des Schlachtgetümmels, sondern er vermag es stets, wesentliche strukturelle Gegebenheiten des Kriegsverlaufs in seine ereignisgeschichtliche Darstellung mit einfließen zu lassen.

Auch kann dem Autor nicht vorgeworfen werden, er fokussiere seine Darstellung auf die Taten der politischen und militärischen Protagonisten. Charakterisierungen von Richelieu, Wallenstein oder Gustav Adolf, um hier nur einige prominente Beispiele zu nennen, dürfen natürlich nicht fehlen. Aber Wilson verharrt nicht auf der Ebene der großen Gestalter, sondern ihn interessieren auch das Schicksal und die Lebensrealitäten der gewöhnlichen Soldaten und Zivilisten. Vor allem der dritte Abschnitt seines Werkes liefert in dieser Hinsicht reichhaltiges Anschauungsmaterial.

Ein weiterer Vorzug des Werkes muss auf jeden Fall erwähnt werden. Wilson hat sich nämlich in erkennbarer Weise viel Mühe mit dem abschließenden, immerhin rund siebzig Seiten umfassenden Index gemacht. Hier finden sich nicht nur die erwähnten Personen (mit Lebensdaten) und Orte, sondern auch zentrale Sachbegriffe, wie zum Beispiel „amnesty“, „reputación“ oder „witchcraft“. Mit 40 Abbildungen, 27 Karten und Schlachtplänen sowie 8 Tabellen ist das Buch zudem vorzüglich ausgestattet.

Allerdings ist doch zu monieren, dass kein Quellen- und Literaturverzeichnis erstellt wurde, was angesichts der Fülle des von Wilson herangezogenen Materials ausgesprochen hilfreich gewesen wäre. Auch eine Zeittafel hätte man sich gewünscht, vielleicht auch zur Veranschaulichung das eine oder andere Zitat mehr aus den reichhaltig vorliegenden Quellen.

Insgesamt gesehen hat Wilson ein breites Panorama des Dreißigjährigen Krieges, seiner Vorgeschichte, seines konkreten Verlaufs und seiner Auswirkungen herausgearbeitet, das dem einen oder anderen Kritiker hinsichtlich der Gesamtkonzeption und der Darstellungsweise vielleicht zu konventionell erscheinen mag, das jedoch den unbestreitbaren Vorteil besitzt, eine gewaltige Materialmasse gebündelt zu haben, und das aufs Ganze gesehen eine bemerkenswerte Syntheseleistung darstellt. Der Krieg war in der Tat eine europäische Tragödie, und Wilson ist uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er sein Werk resümierend mit den folgenden Worten ausklingen lässt: „[...] the voices from the seventeenth century still speak to us from the innumerable texts and images we are fortunate to possess. They offer a warning of the dangers of entrusting power to those who feel summoned by God to war, or feel that their sense of justice and order is the only one valid.“ (S. 851)

Anmerkung:
[1] Christoph Kampmann, Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg. Geschichte eines europäischen Konflikts, Stuttgart 2008.

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Veröffentlicht am
02.10.2009
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