C. Goschler u.a.: Europäische Zeitgeschichte seit 1945

Cover
Titel
Europäische Zeitgeschichte seit 1945.


Autor(en)
Goschler, Constantin; Graf, Rüdiger
Reihe
Akademie Studienbücher Geschichte
Erschienen
Berlin 2010: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anne Kwaschik, Frankreich-Zentrum/Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Das vorliegende Studienbuch des Akademie-Verlags zur europäischen Zeitgeschichte nach 1945 ist ein verständlich geschriebenes, durchdacht und übersichtlich gegliedertes Einführungswerk, das nicht nur in Bachelorkursen und Überblicksvorlesungen gut einzusetzen ist, sondern sich darüber hinaus auch hervorragend für das studentische Selbststudium eignet. Dies ist in nicht geringem Maße der Leserorientierung des Bandes geschuldet. Die Reihe „Studienbuch Geschichte“ ist ausgesprochen orientierungsfreundlich konzipiert: Jedes Kapitel wird von einem Bild oder einer Grafik und einer entsprechenden Erklärung eröffnet, die interpretatorisch das Hauptthema der folgenden Abschnitte vorgibt. Grundlegende bibliographische Hinweise, mit einem knappen Kommentar versehen, und Vorschläge für Diskussionsfragen beschließen die Kapitel, die wiederum mit Randüberschriften in sich stark untergliedert sind. Ein so genannter, allerdings sehr knapp gehaltener Serviceteil beschließt den Band. Hier werden in aller Kürze weitere Einführungsbücher, Internetadressen und Datenbanken, Nachschlagewerke und Quellensammlungen aufgeführt, die eine erste Einarbeitung ermöglichen, allerdings für fortgeschrittene Studierende nicht mehr sehr hilfreich sein dürften.

Grundsätzlich überzeugend ist die problematisierende Ausrichtung dieses Einführungsbandes, der einleitend seinen Gegenstand hinterfragt. Denn was unter „europäischer Zeitgeschichte“ verstanden werden soll, ist durchaus erklärungsbedürftig. In Deutschland gibt es – von Jost Dülffers Band aus der Oldenbourg-Reihe „Grundriss der Geschichte“ abgesehen[1] – kaum eine Überblicksdarstellung mit einer solchen oder ähnlichen Schwerpunktsetzung; umso begrüßenswerter ist das vorliegende Buch. Einleitend werden die Begriffe „Europa“ und „Zeitgeschichte“ kritisch diskutiert. Dass es sich dabei nicht um feste Größen handelt, sondern dass verschiedene Definitionen gegeneinander abgewogen und diskutiert werden müssen, wird dem Leser einleuchtend vor Augen geführt, der schließlich insbesondere auf Hans Rothfels’ bekannte Definition verwiesen wird, Zeitgeschichte sei die „Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung“.[2]

Insgesamt entscheiden sich die beiden Bochumer Historiker für eine forschungspragmatische Herangehensweise, haben aber durch die einleitende Diskussion den Blick der wohl vor allem studentischen Leser auf nationale Kontextualisierungen und Spezifika des Gegenstands geweitet. Eine wichtige Bestimmung des eigenen Standorts nehmen die Autoren dadurch vor, dass sie vor allem eine Ausrichtung auf Westeuropa ankündigen. Ihre Darstellung orientiere sich zunächst an den Debatten der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft, um diese dann in europäischer Perspektive zu erweitern (S. 22).

Nach dem übergreifenden Einstieg zu Problemen und Grenzen einer europäischen Zeitgeschichte bietet der Band in zwölf thematisch gegliederten Kapiteln, die gleichwohl einer gewissen Chronologie folgen, einen umfassenden Überblick zur Geschichte Europas nach 1945. Das schwierige Unterfangen, auf circa 150 Seiten vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Frage nach der Entstehung europäischer Öffentlichkeiten zu gelangen und hierbei sowohl ein umfassendes Basiswissen als auch nützliche Einblicke in den neuesten Forschungsstand zu geben, gelingt zum einen durch die klare Gliederung – die Themenkreise indiziert, auch wenn diese nur kurz angerissen werden können –, zum anderen durch die stark problemorientierte Darstellung.

Der Akzent liegt hier eindeutig auf der Systematisierung, der Diskussion von Definitionen und Typologien – weniger auf einer umfassenden Darstellung der historischen Fakten. Auch wenn dabei nicht alle Vorschläge überzeugen mögen, sind diese doch immer anschlussfähig. So ist die vorgeschlagene „Typologie des Terrorismus“, nach der ein nationalistisch-separatistischer, ein sozialrevolutionärer und ein inter- bzw. transnational agierender Typus unterschieden werden, aufgrund der Heterogenität der Unterscheidungskriterien nicht völlig einleuchtend. Sie bietet aber einen guten Ausgangspunkt für die Diskussion der Frage nach alternativen Klassifikationen und damit nach der Definition von Terrorismus, seinen Ausdrucksformen und Entstehungskontexten. An dieser Stelle wäre auch eine begriffliche Sensibilisierung im Umgang mit dem Wortfeld „Terrorismus/Terrorist“ und dessen denunziatorischer Semantik didaktisch angebracht (S. 156f.).

Neben der Tatsache, dass der Band bis in die unmittelbare Gegenwart führt, beeindruckt bei der Lektüre insbesondere die Vielzahl der vorgeschlagenen Perspektiven. Neben traditionelleren Themen wie der Geschichte des Kalten Kriegs, der wirtschaftlichen und politischen Integration Europas und des Wohlfahrtsstaats kommen auch neuere Perspektiven zum Tragen – wie „Energie und Umwelt“, „Veränderte Lebensweisen und Orientierungsmuster“, „Transport und Mobilität“. Dies ist aufgrund des Inventarcharakters eines solchen Einführungsbandes begrüßenswert, auch wenn in der Konsequenz der gerafften Darstellung der Text an einigen Stellen recht allgemein bleibt. Nicht alle Teile der Darstellung argumentieren gleich profund; immer aber wird eine außerordentlich große Menge an Stoff für die Diskussion und für das darüber hinausgehende eigene Nachdenken der Studierenden aufbereitet.

Das Buch schließt mit einem sehr allgemeinen Teil zur Praxis des historischen Arbeitens, der hier entbehrlich erscheint. Wer auf der Suche nach einem generellen Einführungsbuch für die Geschichtswissenschaft ist, wird sich wohl anderweitig informieren.[3] Empfehlenswert und eine wichtige Ergänzung hingegen wäre die Herausarbeitung von Spezifika in der Arbeit des Zeithistorikers gewesen. So vermisst die Rezensentin etwa Überlegungen zu den Quellen des Zeithistorikers oder auch zur besonderen Situation der Zeitgeschichte im Zeitalter der Medialisierung.[4] Schließlich sollte in einem solchen Band in den Abschnitten zu Zeitzeugenschaft und Quellen (S. 18f.) eine Erläuterung der Oral History nicht fehlen. Die Auseinandersetzung zwischen Geschichte und Gedächtnis und deren Bedeutung für die Rollen von Zeithistorikern bleibt ebenfalls eine Lücke. Hinweise auf erinnerungspolitische Kontroversen werden zu Gunsten einer knappen Passage zur Rolle der Erinnerung bei der europäischen Identitätskonstruktion an den Rand geschoben (S. 217ff.).

Dass in einem solchen Einführungsbuch nicht alle Themen der Zeitgeschichte behandelt werden können und auch nicht alle Perspektiven gleichberechtigt zu Wort kommen, ist selbstverständlich. Eine Leerstelle sei trotz des überzeugenden und anregenden Charakters dieses Einführungsbuchs abschließend noch benannt: Das Modell der Demokratie wäre als integraler Bestandteil der europäischen Zeitgeschichte nach 1945 und nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner aktuellen Krise ausführlicher zu behandeln und zu diskutieren.

Dessen ungeachtet bieten Constantin Goschler und Rüdiger Graf eine solide, gleichermaßen studentengerechte wie forschungsorientierte Basis für das vertiefende Studium einzelner Probleme der europäischen Zeitgeschichte. Im Gegensatz zu anderen Einführungsbüchern wird die schwierige Aufgabe in Angriff genommen, nicht nur einen Aspekt der Zeitgeschichte zu behandeln, sondern einen multiperspektivischen Überblick zu geben, der noch dazu darum bemüht ist, die osteuropäischen Länder nicht als Abweichung vom westeuropäischen Modell darzustellen. Dass der Band dennoch eine konsequente Internationalisierung der Perspektiven schuldig bleibt, ist für ein Einführungsbuch zur europäischen Zeitgeschichte – trotz der einleuchtenden Erklärung der Autoren – zu bedauern.

Anmerkungen:
[1] Jost Dülffer, Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1991, München 2004. Vgl. jetzt die konsequent nach europäischen Entwicklungstendenzen fragende Synthese von Hartmut Kaelble, Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945–1989, München 2011.
[2] Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 1-8, hier S. 2. Dazu jüngst Andreas Wirsching, „Epoche der Mitlebenden“ – Kritik der Epoche, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), S. 150-155, auch online unter <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Wirsching-1-2011> (11.5.2011).
[3] Siehe etwa aus derselben Reihe: Gunilla Budde / Dagmar Freist / Hilke Günther-Arndt (Hrsg.), Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf, Berlin 2008 (rezensiert von Winfried Schulze, 29.5.2009 in H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-150> [11.5.2011]).
[4] Thomas Lindenberger, Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1 (2004), S. 72-85, auch online unter <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Lindenberger-1-2004> (11.5.2011); Knut Hickethier, Zeitgeschichte in der Mediengesellschaft. Dimensionen und Forschungsperspektiven, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 6 (2009), S. 347-366, auch online unter <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Hickethier-3-2009> (11.5.2011).