Freimüller, Tobias (Hrsg.): Psychoanalyse und Protest. Alexander Mitscherlich und die „Achtundsechziger“. Göttingen  2008. ISBN 978-3-8353-0354-6

Brockhaus, Gudrun (Hrsg.): Ist „Die Unfähigkeit zu trauern“ noch aktuell?. Eine interdisziplinäre Diskussion. Giessen  2008. ISBN ISSN 0171-3434

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karolina Rakoczy, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der von Tobias Freimüller herausgegebene Sammelband „Psychoanalyse und Protest. Alexander Mitscherlich und die ‚Achtundsechziger‘“ geht auf eine Tagung im April 2008 am Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts zurück, anlässlich des 40. Jahrestags der Ereignisse von ‚1968‘ und des 100. Geburtstags von Alexander Mitscherlich. An diesen beiden Daten orientieren sich die Verknüpfungen in den Beiträgen, die in den vier Themenblöcken Massenpsychologie, Gegenwartsdiagnosen, NS-Vergangenheit und Generationenkonflikte zusammengefasst sind. Eine gute Entscheidung des Herausgebers war es, auch die Diskussionen zu den Themen in den Band aufzunehmen, so dass jeder der Themenblöcke auf diese Weise abgerundet wird, inklusive offener Fragen, zum Beispiel zu Mitscherlichs Erfahrungen und Handeln während der NS-Zeit.

Vorangestellt sind zwei einführende Aufsätze von Norbert Frei und Hans-Martin Lohmann. Beide haben Überblickscharakter (insbesondere zur Bedeutung Alexander Mitscherlichs für die Studentenbewegung), bieten aber zugleich vertiefende Differenzierungen, beispielsweise wenn Martin Dehli in seinem Beitrag nach den „Spuren des Konservativen in Mitscherlichs Sozialpsychologie“ (S. 32) fragt und Mitscherlichs Begegnungen mit Ernst Jünger oder Ernst Niekisch zum Anlass einer solchen Untersuchung nimmt. Auch Karola Brede folgt den Leitlinien wie Massenpsychologie, dem Deutungsschema ‚Vaterlosigkeit‘ und sozialwissenschaftlichen Überlegungen in Mitscherlichs Schriften und fahndet nach entsprechenden Spuren.

Wie im Titel angemerkt, liegt das Interesse der Beiträge bei der Verbindung von Psychoanalyse und Studentenbewegung um 1968. Mitscherlichs Rolle für die Anerkennung der Psychoanalyse in der Bundesrepublik oder die Schlüsselrolle psychoanalytischer Ansätze gerade für Positionen der 1968er werden in ihren Verbindungen, aber auch in den Abgrenzungen thematisiert. So ist Paul Noltes Beitrag den „neuen Leitwissenschaften“ (S. 70) gewidmet, der Soziologie und Psychologie. Wenn er Emotionalität bzw. Expressivität als Desiderata der Zeit und als wesentliche Schlagworte für die 1968er benennt, ergeben sich mögliche Anschlusspunkte für den ‚emotional turn‘ der Wissenschaften seit den 1990er-Jahren. Die Gründe für die große Bedeutung Mitscherlichs als „Leihvater“ für die 1968er, aber auch die Grenzen einer solchen Bezugnahme werden im Beitrag von Ulrike Jureit differenziert erörtert. Sie untersucht Mitscherlichs eigene Bezugnahmen auf ‚Generation‘, aber auch die Selbstdistanzierung der 1968er als „zweite Generation“, und problematisiert zugleich Generationenkonzepte als solche.

Mitscherlichs Entschiedenheit, zur Aufklärung von NS-Verbrechen im Bereich der Medizin beizutragen, stellt Tobias Freimüller in den Mittelpunkt seines Beitrags „Verdrängung und Bewältigung. Alexander Mitscherlich und die NS-Vergangenheit“. Ohne moralische Anmaßung macht Freimüller deutlich, wie wenig selbstverständlich die Thematisierung und Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit seinerzeit war. Die Würdigung dieser Leistung steht stets in Bezug zur zeitgeschichtlichen Situation mit ihren Widersprüchen. Dass die Debatten, zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht, in eine neue Etappe zu treten scheinen, dafür ist Christian Schneiders Beitrag exemplarisch, der – in leicht variierten Fassungen – in beiden Sammelbänden enthalten ist: Er nimmt seine Positionen von 1992 noch einmal kritisch unter die Lupe und veranschaulicht am Begriff der Trauerarbeit bzw. dessen Missverständlichkeit den Widerspruch aus Gedenken und Lösung, dem eigentlichen Sinn von Trauer. Schneider polemisiert gegen den Begriff ‚Trauerarbeit‘, wenn er schreibt: „Dass Trauerarbeit frei mache, ist eine bedenkenswerte Pointe für die deutsche Nachkriegsgeschichte.“ (S. 145) Er folgert, dass im Zuge „der fortschreitenden Historisierung des Nationalsozialismus […] um und nach ‚68‘“ es offensichtlich werde, „dass […] einander strikt ausschließende Verstehens- und Erklärungsoptionen heute ihre radikale Opposition zu verlieren scheinen“ (S. 145). Schneiders Idee einer Komplementarität wäre für den internationalen Dialog über Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg interessant: Eine solche Perspektive würde es erlauben, nach konstituierenden ‚Erinnerungstopoi‘ und deren Begrenzungen zu fragen. Komplementarität hieße dann folglich nicht, Widersprüche aufzulösen, sondern sie in einem weiter gefassten Kontext zu sehen.

Auch wenn die meisten Beiträge mögliche Forschungsdesiderata für die Gegenwart zumindest andeuten, liegt der eindeutige Schwerpunkt des Bandes vielmehr auf einer differenzierenden Retrospektive, und diese ist, mit ihrem Überblickscharakter, sehr informativ und gelungen. Ein weiteres wesentliches Verdienst des Bandes ist unbestritten: den Intellektuellen und Wissenschaftler Alexander Mitscherlich in seinen verschiedenen, auch widersprüchlichen Positionen fassbarer werden zu lassen, mithin ihn der Abstrahierung zu einer historisch prägenden Persönlichkeit der Bundesrepublik zu entheben.

Den grundsätzlichen Charakter teilt der Sammelband, „Ist ‚Die Unfähigkeit zu trauern‘ noch aktuell? Eine interdisziplinäre Diskussion“, den Gudrun Brockhaus im selben Jahr herausgegeben hat. Beide Bände sind interdisziplinär angelegt, allerdings bieten die Verknüpfungen hier besondere Anregungen für weitere Forschungsfragen. Die als Schwerpunktheft der Zeitschrift „psychosozial“ veröffentlichten Beiträge präsentieren zum Teil Ergebnisse einer Tagung zu Alexander und Margarete Mitscherlichs Buchessay „Die Unfähigkeit zu trauern“[1] von Ende 2007 aus Anlass von dessen 40. Jubiläum, zum Teil neue Beiträge, die die Rezeption des Buches oder einzelne Thesen der Mitscherlichs kritisch darstellen und reflektieren. Insgesamt spiegelt der Band den Anspruch, nicht nur die Thesen der Mitscherlichs aus heutiger Perspektive zu betrachten, sondern auch die (eigene) Rezeption und Auseinandersetzung mit ihren Thesen seit 1967 kritisch zu reflektieren. Fragen nach Tradierungszusammenhängen und ihren Bedingungen sowie die Schwierigkeit, diese Zusammenhänge aus der eigenen zeitlichen Bedingtheit her zu erfassen, gehören zu den spannendsten methodischen Fragen, die dieser Band für unterschiedliche Bereiche wie Zeitgeschichte, Rezeptionsgeschichte, Sozialpsychologie oder Medienwissenschaft vorstellt.

Zu den Beiträgen, die Genese, Rezeptionsgeschichte oder -hintergründe, auch die Widersprüchlichkeiten des Buches und seiner Thesen vorstellen oder thematisieren, gehören die Beiträge von Hans Mommsen, Timo Hoyer, Tobias Freimüller, Alexander von Plato, Thomas Leithäuser und Gudrun Brockhaus. Explizit oder implizit kommt in diesen Beiträgen die Aktualität der Mitscherlichs zur Sprache, zum Beispiel wenn Brockhaus auf die Problematik der Emotionalität im Umgang mit dem Nationalsozialismus gerade angesichts der verstörenden Beobachtung hinweist, „dass der Zivilisationsbruch mit ruhigem Gewissen vollzogen werden konnte“ (S. 33). Ein Beispiel für Selbstreflexion bietet Alexander von Plato, der demonstriert, wie der (damalige) Rezipient inzwischen selbst zum Forschungsgegenstand werden kann.

Aleida Assmann geht auf Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“[2] ein, es handelt sich dabei eine Fortführung von Überlegungen aus ihrem 2007 erschienenen Buch „Geschichte im Gedächtnis“.[3] Dem gegenüber sei an dieser Stelle auf den sehr prägnanten Aufsatz von Tim Schanetzky im von Freimüller herausgegebenen Band verwiesen, in dem er auch Mitscherlichs Beraterrolle in der Städteplanung thematisiert und die Problematik konkreter fasst. Helmut König arbeitet zunächst nicht offensichtliche Berührungspunkte zwischen zwei Sichtweisen heraus, wenn er die vorrangig psychoanalytische Herangehensweise Mitscherlichs parallel zu Hannah Arendts vorrangig politischer Perspektive liest. Die komplementäre Perspektive, bei Schneider als Möglichkeit formuliert, kommt hier zur Geltung: König parallelisiert die psychoanalytische Zielsetzung Mitscherlichs, ‚Heilung‘, zu Arendts Desiderat nach politischem Handeln als einem Handeln ‚zwischen den Menschen‘.

Zu den luzidesten und interessantesten Beiträgen des Schwerpunktthemas gehört Ilka Quindeaus „Umgeschriebene Erinnerungen. Psychoanalytische Anmerkungen zu den Erregungen der Erinnerungskultur“. Ausgehend vom Begriff der Trauer bei Alexander und Margarete Mitscherlich und dem Begriff der Trauerarbeit in der psychoanalytischen Praxis betrachtet Quindeau die Debatten um Goldhagens Thesen und die Wehrmachtausstellung, um problematische Übertragungen zu verdeutlichen. Angesichts scheinbar rituell wiederkehrender Erregung beim Thema Nationalsozialismus stellt Quindeau die provozierende Frage, ob „Erinnern per se gut sei“ (S. 80). Individualpsychologisch sei Erinnern als psychische Arbeit zu verstehen, als Verarbeitung, nicht Abbildung von Ereignissen, Erinnerungen seien deshalb stets Kompromissbildungen. Diesen Vorgang bezeichnet Quindeau als eine Umschrift.[4] Ihre Schlussfolgerungen, inklusive klar erläuterter Begriffe aus der Praxis, bezieht Quindeau auf die gegenwärtige deutsche Gesellschaft. Sie betont dabei zwei unterschiedliche Aspekte von Erinnerung und stellt sie in Zusammenhang: Erinnerung im Sinne des kritischen Gedenkens einerseits, Erinnerung im psychotherapeutischen/-analytischen Sinne andererseits. Hier nun wird die Frage, ob Erinnern per se gut sei, produktiv: Denn das Gedenken des Holocaust entzieht sich der Erinnerung, Dan Diners Konzept der Gegenrationalität verdeutliche dies. So plädiert Quindeau für eine reflexive Erinnerungsarbeit, die Widersprüche auch in der kollektiven Erinnerung aufzeigen könne: Starke Resonanz einerseits, Mangel an Anerkennung für Menschen, die im Widerstand aktiv waren oder jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen gerettet haben, andererseits. Die Anschlussmöglichkeiten zum weiter oben vorgestellten Plädoyer von Christian Schneider liegen auf der Hand.

Auf kollektive erinnerungskulturelle Phänomene gehen Martin Sabrow, Evelyn Finger und Boris Schafgans genauer ein. Während Sabrow ‚Erinnerung‘ und ‚Aufarbeitung‘ als zwei deutsche Leitbegriffe genauer untersucht, problematisieren Finger wie Schafgans die Vermittlung von Geschichtsbildern im Fernsehen. Schwierigkeiten der transgenerationalen Tradierung stellt J. Utz Palußek-Spanl vor: Sein sehr spannender Beitrag veranschaulicht Schwierigkeiten der Untersuchung des Nationalsozialismus am Beispiel der eigenen Auseinandersetzung mit dem NS-Hintergrund seines Vaters. Damit formuliert er, implizit und vorrangig als Fragen, methodische Anregungen wie Herausforderungen in der Untersuchung transgenerationaler Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe. Diese Problematik erweitert der abschließende Beitrag von Angela Kühner und Phil C. Langer, der einen Einblick in die Generierung von Geschichtsbildern im Schulunterricht und bei Gedenkstättenbesuchen gibt.

Ein Tenor der Aufsätze, die sich explizit mit Mitscherlichs Thesen auseinandersetzen, ist die Würdigung des wesentlichen Beitrags der Mitscherlichs parallel zur deutlichen Kritik an ihren methodisch kaum haltbaren Verallgemeinerungen. Die übergeordnete Fragestellung nach der Aktualität ihrer Thesen erweist sich als großes Plus des Bandes. Sie erlaubt interessante Querverbindungen herzustellen, zum Beispiel für die Beiträge von Finger, Schafgans und Quindeau: Das Medium Fernsehen bedient offenbar Erinnerungsbedürfnisse, die seitens der öffentlichen Gedenkkultur nicht genügend gewürdigt werden. Gerade im Anschluss an Quindeaus Plädoyer für eine reflexive Erinnerungsarbeit und Schneiders Plädoyer für eine komplementäre Sicht ließe sich hier die Frage aufnehmen, wie diese Gegensätze innerhalb des öffentlichen Erinnerungsdiskurses aufgenommen werden könnten. Das Bedürfnis nach Glättung widerspricht den gesellschaftlichen Anforderungen dabei offensichtlich ebenso wie ein „Entweder-Oder“.

Anmerkungen:
[1] Alexander Mitscherlich / Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.
[2] Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main 1965.
[3] Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007; vgl. die Rezension von Achim Saupe: Rezension zu: Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München 2007, in: H-Soz-u-Kult, 11.04.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-033>.
[4] Ilka Quindeau, Spur und Umschrift. Die konstitutive Bedeutung von Erinnerung in der Psychoanalyse, München 2004.

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24.11.2009
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