J. Thurn u.a. (Hrsg.): Malalas, Weltchronik

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Titel
Johannes Malalas, Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier. Mit einer Einleitung von Claudia Drosihn, Mischa Meier und Stefan Priwitzer und Erläuterungen von Claudia Drosihn, Katharina Enderle, Mischa Meier und Stefan Priwitzer


Herausgeber
Thurn, Johannes; Meier, Mischa
Reihe
Bibliothek der griechischen Literatur 69
Erschienen
Stuttgart 2009: Anton Hiersemann
Anzahl Seiten
VI, 566 S.
Preis
€ 238,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Stickler, Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Der spätantike Chronist Johannes Malalas ist über lange Zeit ein Stiefkind der Forschung gewesen. Kein geringerer als Theodor Mommsen hat ihn in einem seiner typischen Verdikte als „ebenso rohen wie gewissenlosen Syrer“ bezeichnet.[1] Die Beschäftigung mit der komplizierten Überlieferungslage dieses Autors erschien ihm „unerfreulich“ [2], und er glaubte betonen zu müssen, „dass nicht freie Wahl, sondern der Zufall und die in dem Zufall liegende Verpflichtung mich zur Herausgabe dieser Stücke berufen haben.“[3] Erst durch die Forschungen der jüngeren Zeit ist deutlich geworden, dass die Chronik des Malalas ihren eigenen, anzuerkennenden Gesetzmäßigkeiten folgt und dass die Beschäftigung mit ihr – bei all ihren auf den ersten Blick ins Auge stechenden Unzulänglichkeiten – lohnend ist, wenn es darum geht, das Bild der frühen Byzantiner über ihre Vergangenheit zu rekonstruieren und verstehen zu lernen.[4]

Insofern kann man es nur begrüßen, dass die gesamte Chronik des Malalas nun in deutscher Sprache vorliegt.[5] Der Text, der der von einem Tübinger Forscherteam betreuten Übertragung zugrunde liegt, beruht auf der kritischen Ausgabe und weiteren Vorarbeiten des leider früh verstorbenen klassischen Philologen Johannes (eigentlich Hans) Thurn.[6] An den Beginn haben die Herausgeber eine Einleitung gesetzt, die die Chronik des Malalas in ihren gattungsgeschichtlichen Kontext einbettet („Pagane und christliche Chronistik – der gattungsgeschichtliche Hintergrund der Malalas-Chronik“, S. 1–5). Es folgen Bemerkungen zur komplizierten Überlieferungsgeschichte des Werkes, zu seinem inneren Aufbau und zu den inhaltlichen Schwerpunkten, die der spätantike Autor gesetzt hat („Die Weltchronik des Johannes Malalas“, S. 6–19). Den Abschluss der Einleitung bilden Informationen zur Person des Chronisten (S. 19–25) und zur Forschungsgeschichte (S. 25–28). Eine Auswahlbibliographie zu Malalas schließt sich an (S. 29–37). Den Hauptteil des Buches nimmt die Übersetzung der 19 Bücher umfassenden Malalas-Chronik ein (S. 41–535). Sie beruht auf dem Übersetzungsentwurf, den Thurn hinterlassen hat, und ist überdies mit Anmerkungen versehen worden, die dem interessierten Leser erste Hinweise zum Verständnis des Textes bieten. Ein abschließendes, nach Namen, geographischen Begriffen und Sachen geordnetes Register (S. 537–566) erleichtert dem Benutzer des Buches die Orientierung.

Die nun in deutscher Übersetzung vorliegende Chronik des Malalas eröffnet eine zusätzliche Chance, einen Autor, der viel zu lange als tumber, ungebildeter Schreiberling galt [7], mehr ins Zentrum des Interesses zu rücken. Seit ersten Ansätzen durch eine australische Forschergruppe während der 1980er-Jahre sind die Studien zu Malalas und seiner Weltchronik vielfach intensiviert worden.[8] Seither sind die Bemühungen nicht abgerissen, einem Autor, der in der Spätantike und im byzantinischen Mittelalter hochgeschätzt war und viel gelesen wurde, die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Die vorliegende Übersetzung, an deren Seite bald der erste Band eines umfassenden, an der Universität Tübingen erstellten historisch-philologischen Kommentars treten soll, fügt sich darin bestens ein.

Anmerkungen:
[1] Theodor Mommsen, Bruchstücke des Johannes von Antiochia und des Johannes Malalas, in: Hermes 6 (1872), S. 323–383, hier S. 367.
[2] Mommsen, Bruchstücke, S. 367.
[3] Mommsen, Bruchstücke, S. 326.
[4] Vgl. hierzu exemplarisch aus jüngster Zeit Mischa Meier, Naturkatastrophen in der christlichen Chronistik. Das Beispiel Johannes Malalas (6. Jh.), in: Gymnasium 114 (2007), S. 559–586, mit dem Resumee: „Die ‚Weltchronik‘ des Johannes Malalas bietet mehr als eine konfuse Darstellung der Vergangenheit und eine uninspirierte Wiedergabe zeitgeschichtlicher Ereignisse: Sie gibt einen durchaus selbständigen Kommentar zur Wahrnehmung der eigenen Gegenwart und emanzipiert sich dabei von zentralen Vorbildern wie der Chronik des Eusebios.“
[5] Bisher existierte nur eine englische Übersetzung von Elizabeth Jeffreys u.a. (Hrsg.), The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne 1986.
[6] Vgl. Hans Thurn (Hrsg.), Ioannis Malalae Chronographia (= Corpus Fontium Historiae Byzantinae 35), Berlin 2000.
[7] Vgl. noch Herbert Hunger, Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner, Bd. 1: Philosophie – Rhetorik – Epistolographie – Geschichtsschreibung – Geographie, München 1978, S. 319–326.
[8] Vgl. etwa die Sammelbände von Elizabeth Jeffreys u.a. (Hrsg.), Studies in John Malalas, Sydney 1990; Joëlle Beaucamp u.a. (Hrsg.), Recherches sur la Chronique de Jean Malalas, Bd. 1, Paris 2004; Sandrine Agusta-Boularot u.a. (Hrsg.), Recherches sur la Chronique de Jean Malalas, Bd. 2, Paris 2006. Vgl. auch Maciej Kokoszko, Descriptions of personal appearance in John Malalas’ chronicle, Łódź 1998.

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Veröffentlicht am
06.04.2010
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