T. Ertl u.a. (Hrsg.): Die Welt 1250-1500

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Titel
Die Welt 1250-1500.


Herausgeber
Ertl, Thomas; Limberger, Michael
Reihe
Globalgeschichte. Die Welt 1000-2000 2
Erschienen
Anzahl Seiten
412 S.
Preis
€ 28.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Wolfram Drews, Historisches Seminar, Universität zu Köln

Kann man globalgeschichtliche Ansätze auch in vormodernen Epochen gewinnbringend einsetzen? In jüngerer Zeit haben sich verstärkt Spezialisten aus den Bereichen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte zu Wort gemeldet und gezeigt, dass in der sogenannten Vormoderne neben dem komparativen Ansatz auch die Untersuchung von Transfers, Verflechtungen und Interaktionen zu neuen Ergebnissen führen kann, die hergebrachte Geschichtsbilder präzisieren und ergänzen können. Die Reihe „Globalgeschichte. Die Welt 1000-2000“ unternimmt vor diesem Hintergrund den ambitionierten Versuch, die Geschichte eines Jahrtausends in acht Bänden zu präsentieren. Für Frühe Neuzeit und Moderne sind dabei sechs Bände vorgesehen, das Mittelalter wird in zwei Bänden behandelt, mit einer Zäsur in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Gegen diesen Einschnitt könnten sicher Einwände vorgebracht werden, doch kann er – wie auch die ebenso artifiziellen Jahrhunderteinteilungen für die der Neuzeit gewidmeten Bände – aus pragmatischen Gründen gerechtfertigt werden. Überdies überschreiten die Beiträge des hier zu besprechenden Bandes erfreulicherweise häufig die gesetzten Epochengrenzen, so dass größere zeitliche Zusammenhänge deutlich werden.

Nach einer Einleitung der Herausgeber zum Thema vormoderner Verflechtungen behandeln die folgenden 13 Kapitel jeweils eine Region, von West-, Ost- und Mitteleuropa über Ostsee- und Mittelmeerraum, die westliche islamische Welt, das subsaharische Afrika, Südamerika, Süd-, Zentral- und Südostasien bis zu China und Japan. Jedes der Kapitel ist in sich geschlossen und nicht mit anderen verzahnt, doch berücksichtigen einige Beiträge ausdrücklich die Verflechtung mit anderen Weltgegenden. Somit ist der Band zwar additiv aufgebaut, doch entsteht auf dieser Grundlage das Bild einer pluralen „Welt“geschichte, die uneingestanden in der Tradition aufklärerischer Universalgeschichten steht, die mit enzyklopädischem Ansatz Material aus unterschiedlichen Weltgegenden aneinanderreihten, ohne einen teleologischen Ansatz zu verfolgen.[1]

Der additive Ansatz vermeidet zudem eine ausdrückliche Antwort auf die Frage, ob bereits im Spätmittelalter (wenn man die übliche westeuropäische Epochengliederung zugrunde legt) der „Aufstieg des Westens“ begann oder gar unvermeidlich wurde. Das Vermeiden geschichtsphilosophischer Spekulationen impliziert zwar den Verzicht auf prononcierte Thesen, doch geht es hier eben nicht um eine Synthese, die „die Geschichte der Welt“ vor dem Hintergrund vermeintlicher Bewegungsgesetze oder Theorieentwürfe erklärt, sondern erst einmal um eine Bestandsaufnahme, die die Geschichte der verschiedenen Weltgegenden formal gleichberechtigt zusammenführt. In Übereinstimmung mit modernen Ansätzen, die unter anderem von Exponenten der postkolonialen Geschichte entworfen wurden, präsentiert der Band keine Meistererzählung, sondern ein polyzentrisches Panorama vielfältiger Geschichten, die punktuell miteinander verflochten sind; die einzelnen Weltregionen werden somit gewissermaßen „provinzialisiert“.

Ein Leitkonzept dieses Bandes zur spätmittelalterlichen Globalgeschichte lautet Verflechtung; der Begriff taucht auf in Bezug auf Handel, Politik, Wissen, Kultur und Religion. Daneben geht es um Kontaktzonen (S. 159 [Nikolas Jaspert: Der Mittelmeerraum]), Vernetzung (etwa in den Anden: S. 253 [Jürgen Golte: Südamerika]), um connected histories (S. 285) und translokale Netzwerke (so im Hinblick auf islamische Sufis: S. 287 [Monica Juneja/Dietmar Rothermund: Südasien]). Wichtig für die europäische Geschichte ist die Beobachtung, dass „das Spätmittelalter sowohl für die südliche wie für die nördliche Hälfte des Mittelmeeres als eine Phase beschleunigter transkontinentaler Verflechtung angesehen werden“ kann (N. Jaspert: S. 142). Vereinzelt wird differenziert auf komplexere Prozesse der Verschränkung verwiesen, etwa bei der Analyse der iberischen Expansion um 1500 und des zeitgleichen Niedergangs im mamlukischen Ägypten (S. 193-196). Punktuell wird überdies ein Bezug zur Gegenwart hergestellt, etwa wenn die Möglichkeit einer „muslimischen Moderne“ bzw. einer „arabischen Renaissance“ erörtert wird (S. 196f. [Peter Feldbauer/Gottfried Liedl: Die westliche islamische Welt]). Dieser Beitrag nutzt auch das Instrumentarium des historischen Vergleichs, indem er ausdrücklich Homologien thematisiert (S. 204). Ein im globalen Vergleich herausragendes Phänomen ist die weitgehende politische und ökonomische Eigenständigkeit der großen Handelsstädte am nördlichen Ufer des Mittelmeeres (S. 165). Besonders fruchtbar ist der Vergleich im abschließenden Kapitel von Reinhard Zöllner, das Japan gewidmet ist. Hier wird die angebliche strukturelle Nähe des mittelalterlichen Japan zu einzelnen Gebieten West- und Mitteleuropas erörtert (S. 385f.; Stichworte: Feudalismus, Kriegerherrschaft), wobei sich der Nutzen ausgewählter systemtheoretischer Annahmen Niklas Luhmanns zeigt. Vereinzelt rekurrieren einige Beiträge auch auf die Weltsystemtheorie (S. 235 [Roman Loimeier: Das sub-saharische Afrika]; 394 [Reinhard Zöllner: Japan])

Der Nutzen des Bandes liegt in der differenzierten Darstellung von Interaktionen innerhalb der jeweiligen Weltregion, wobei vereinzelt, insbesondere im Hinblick auf den Mittelmeerraum und das mongolische Weltreich, auch Interaktionen zwischen den einzelnen Weltgegenden in den Blick genommen werden; gerade das Mediterraneum bildete im Spätmittelalter einen „kommunikativen Verdichtungsraum erster Ordnung“ (N. Jaspert: S. 157). Dabei wird deutlich, wie sich in unterschiedlichen historischen Situationen unter jeweils spezifischen sozialen und kulturellen Bedingungen Identitäten in Abgrenzung und Austausch herausbildeten. Dass Abgrenzungen in jedem Fall schwierig und willkürlich sind, wird anhand der Thematisierung hybrider Kulturen deutlich (S. 397ff.; zu synkretistischen Praktiken auch 288). Die Präsentation eines Panoramas spätmittelalterlicher Geschichte im globalen Maßstab ist im vorliegenden Band gut gelungen; er regt sowohl zum Nachdenken als auch zu weiteren global- und weltgeschichtlich inspirierten Studien an (hierzu dienen auch die jedem Kapitel nachgestellten Literaturhinweise).

Vereinzelte Fehler in der Einleitung im Hinblick auf die islamische Geschichte sollten korrigiert werden: So war gerade für das über 500 Jahre bestehende abbasidische Kalifat der Bezug auf die genealogische Abstammung von Bedeutung (S. 21); die Verwandtschaft mit dem Propheten des Islams stellte für die Kalifen das wichtigste symbolische Kapital dar, und wohl nur dies war der Grund, warum ihre zumindest nominelle Herrschaft so lange Zeit Bestand hatte. Für die Sultane hingegen war der genealogische Faktor weniger bedeutsam, da ihre Herrschaft jeweils vom Kalifen legitimiert wurde. Gerade aus diesem Grund setzten die Mamluken in Kairo erneut einen abbasidischen Schattenkalifen ein. Die politische Einheit des Islams zerbrach schon lange vor dem 13. Jahrhundert: Schon im 10. Jahrhundert entstand zunächst das ismailitische Gegenkalifat der Fatimiden, was wiederum den Anstoß zur Ausrufung des umayyadischen Kalifats von Córdoba bildete. Der Untergang des abbasidischen (nicht: ayyubidischen) Kalifats von Bagdad im Jahr 1258 bildete somit im Hinblick auf die politische Geschichte der islamischen Welt keinen Einschnitt.

Faszinierend ist der Schluss des letzten Beitrags, wo vom Mythos einer als rein japanischer Angelegenheit verstandenen Weltgeschichte die Rede ist (S. 400). Grundlage hierfür war die Fiktion kultureller Autonomie, der von den tatsächlich zu konstatierenden Verflechtungen und Interdependenzen aus politischen Gründen abstrahierte. Es wäre interessant zu erfahren, ob und unter welchen Bedingungen sich derartige Mythen auch in anderen Weltregionen entwickeln konnten. Weltgeschichte besteht, das wird hier deutlich, nicht nur aus realhistorisch verifizierbaren Prozessen der Interaktion, sondern auch aus mentalen Prädispositionen und Haltungen, die sich in Selbst- und Fremdbildern manifestieren, wobei das „Eigene“ im Kontext einer wie auch immer konzeptualisierten „Welt“ verortet wird. Gegenstand der Globalgeschichte ist somit nicht nur der Prozess der Globalisierung (bzw. transregionaler Verflechtung), sondern auch die Geschichte grenz- und epochenüberschreitender Wahrnehmungsprozesse.

Anmerkungen
[1] Vgl. Muhlack, Ulrich, Geschichtswissenschaft im Humanismus und in der Aufklärung. Die Vorgeschichte des Historismus, München 1991, S. 98: In der Zeit der Aufklärung entstand „eine neue Form der Weltgeschichte [...] das Konzept einer Universalgeschichte, die Einzelgeschichten arrangiert oder koordiniert.“ Zum Programm einer ökumenischen Weltgeschichte, das Hans Helmolt Anfang des 20. Jahrhunderts unter Berufung auf die aufklärerische Tradition, aber bezeichnenderweise gegen Hegel konzipierte, Matthias Middell, Weltgeschichtsschreibung im Zeitalter der Verfachlichung und Professionalisierung. Das Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte 1890-1990 (Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur im 20. Jahrhundert 6), Leipzig 2005, Bd. 2, S. 594.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.05.2010
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/