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Titel
Flick. Der Konzern, die Familie, die Macht


Autor(en)
Frei, Norbert; Ahrens, Ralf; Osterloh, Jörg; Schanetzky, Tim
Erschienen
Anzahl Seiten
912 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kurt Schilde, Universitätsarchiv, Universität Siegen

Der früher reichste Mann Deutschlands - so überliefert es 1968 ein enger Mitarbeiter - könne sich "nicht vorstellen, vor einem Buchladen zu stehen und plötzlich eine Abhandlung über Friedrich Flick in der Auslage zu finden" (S. 723). Vier Jahrzehnte später sind heute in einer gut sortierten Buchhandlung gleich mehrere aktuelle Publikationen zu finden: Es gibt eine 2007 veröffentlichte Konzerngeschichte von Kim Christian Priemel über die Zeit vom Kaiserreich zur Bundesrepublik und eine im Jahr darauf publizierte Studie von Johannes Bähr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto, Harald Wixforth und erneut Priemel über den Flick-Konzern im "Dritten Reich" – entstanden im Zuge der Auseinandersetzungen um die "Flick Collection" – sowie eine Familiengeschichte.[1] Mit der aktuellen zeithistorischen Untersuchung – finanziert von der Flick-Enkelin Dagmar Ottmann – über Flicks Konzern, Familie und Macht handelt es sich wohl um das am besten erforschte Thema der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte Deutschlands.

Die neue Studie ist am Lehrstuhl von Norbert Frei an der Universität Jena entstanden. Unter seiner Federführung haben Ralf Ahrens, Jörg Osterloh und Tim Schanetzky in dreijähriger Arbeit die Karrieren von Friedrich Flick untersucht. Die Entstehung des Flick-Konzerns (Tim Schanetzky) beginnt im Siegerland, wo er 1883 in Ernsdorf bei Kreuztal auf die Welt kommt. Er besucht in Siegen die Schule, geht in eine kaufmännische Lehre und wird 1907 an der Handelshochschule Köln zum Diplomkaufmann graduiert. 1925 unterstützt er die Kölner Universität mit 100.000 Mark: "Die Spende war ein Mittel zum Zweck und diente dem Erwerb der Ehrendoktorwürde" (S. 17). Schon früh setzt Flick Spenden zielgerichtet und bald auch für politische Kontakte ein – diese "Tradition" wird auch nach dem Tod des Siegerländers 1972 bis zum Flick-Skandal 1976 und darüber hinaus eingehalten.

Unterstützt von der Familie und dem "Rückhalt des regionalen Milieus" (S. 16) gelangt Flick am Beginn des 20. Jahrhunderts schnell in das Establishment des Siegerlandes. Innerhalb von nur drei Jahren steigt er vom weisungsgebundenen Vorstandsmitglied der Aktiengesellschaft Charlottenhütte zum Hauptaktionär auf. Er nutzt die sich ihm bietenden Chancen – nicht nur zum Vorteil des Unternehmens, sondern auch und nicht zuletzt für sich selbst. Solche Geschäfte am Rande – und auch jenseits – der Legalität begleiten die Geschichte des Unternehmers bis zum Ende des Flick-Konzerns 1985/86: Feindliche Übernahmen werden durch Schulden finanziert, störende Aktionäre verdrängt und Gewinne am Fiskus vorbeigeleitet. Flick entwickelt ein "bemerkenswertes taktisches Geschick im Umgang mit Aktionären, Konkurrenten und Politikern" (S. 9).

Der von Flick gebildete Konzern ist eine verschachtelte Holdingkonstruktion, in die er und seine engsten Mitarbeiter nicht gern Einblick gewähren. So ist es wenig verwunderlich, wenn in den 1930er-Jahren Ministerialbeamte in Berlin offen aussprachen, "dass sie sich in den Details nicht mehr zurechtfanden" (S. 82). 1931 befindet sich Flick auf einem Höhepunkt seiner Macht, und 1932 steht im sozialdemokratischen "Vorwärts" zum ersten Mal etwas von einem "Flick-Skandal" (S. 110): Die "Gelsenberg-Affäre" steht für eine Finanzpolitik, die dem bankrotten – inzwischen in der Reichshauptstadt Berlin residierenden – Unternehmer mit staatlichem Geld wieder zu Kapital verhilft. Wieder erfolgen Spenden, und im Sommer 1932 ist der öffentliche Skandal vergessen.

Die zweite Karriere hat Ralf Ahrens untersucht. Die NS-Zeit bedeutet für Flick keinen sonderlich tiefen Einschnitt. Einer seiner engen Mitarbeiter tritt schnell in die NSDAP ein und Flick wird spendendes Mitglied des "Freundeskreises Reichsführer SS". Das Unternehmen profitiert von der Aufrüstung und von "Arisierungen": "Hier lag der wichtigste Antrieb für das schnelle Wachstum des Konzerns ab 1937" (S. 206). Die Friedensjahre sind eine "Phase enormer geschäftlicher Erfolge" (S. 252). Im Zweiten Weltkrieg boomt das Unternehmen weiter, nicht zuletzt durch die Ausbeutung von zivilen Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Konzentrationslagerhäftlingen. An seinem 60. Geburtstag im Jahr 1943 feiert die Presse Friedrich Flick als das "nationalsozialistische Unternehmerideal" (S. 369). Sein Konzern hat den Höhepunkt seiner Ausdehnung erreicht, dem am Ende des "Dritten Reiches" ein – zwischenzeitlicher – Niedergang folgt.

"Nichts hat Friedrich Flicks Bild in der Öffentlichkeit mehr geprägt als seine Verurteilung im ersten der drei Nürnberger Industriellenprozesse" (S. 401). Detailliert wird herausgearbeitet, wie der Prozess zustande kam und durchgeführt wurde. 1947 erfolgt der Urteilsspruch: Friedrich Flick erhält sieben und zwei seiner Mitarbeiter erhalten fünf bzw. zweieinhalb Jahre Haftstrafe. Drei weitere "ausführende Organe Flicks" (S. 428) werden freigesprochen. Es folgen Revisionen und Gnadengesuche, bis er nach einer pauschalen Strafminderung wegen guter Führung nach zwei Dritteln der Haftzeit das Gefängnis wieder verlassen kann. Das Wort „Führung“ ist hier doppeldeutig zu verstehen und beinhaltet auch die Weiterführung seines Unternehmens aus dem Gefängnis heraus.

Die Verurteilung haben Flick und seine Umgebung nie akzeptiert. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1950 gelingt dem bereits im Rentenalter befindlichen Flick die von Jörg Osterloh dargestellte dritte Karriere. Die in der Sowjetischen Besatzungszone gelegenen Unternehmen gehen verloren und Flick scheint vor dem Nichts zu stehen. Es gelingt ihm, den in den Westzonen gelegenen Rest seines Konzerns zu erhalten und sogar entnazifiziert zu werden. Dem von den Alliierten im Zuge der geforderten Entflechtung erfolgten Abschied von der Steinkohle folgt der Kauf von Daimler-Benz-Aktien. Und wie so häufig ist seine Strategie erfolgreich: Der Einstieg in ein Unternehmen – sei es der Automobil- oder der Chemieindustrie – wird so lange wie möglich geheim gehalten. Flick, der nicht einmal einen Führerschein besitzt, bestimmt über den am Ende der 1950er-Jahre größten Autokonzern Europas. Nach dem erneuten Einstieg in den Militärflugzeugbau produziert der Flick-Konzern die berüchtigten Starfighter der Bundesluftwaffe.[2] Als letzter Höhepunkt seiner Karriere ist ein unternehmerischer "Gemischtwarenladen" (S. 586) entstanden, aber kein – der gepflegten Legende widersprechend – mit einem schlüssigen Konzept geschaffenes Familienunternehmen. "Es waren die finanziellen Zahlenströme, die den neuen Flick-Konzern zusammenhielten" (S. 586). Die Schatten der NS-Vergangenheit – "Arisierungen" und Ausbeutung von Zwangsarbeit – verfolgen Friedrich Flick, der als "ideeller Monopolkapitalist" und Ausbeuter dauerhaft im Visier der DDR-Propaganda steht.

Begleitet wird der Aufstieg von zunehmenden Konflikten mit seinen Söhnen, die so gar nicht Flicks Bild als Nachfolger entsprechen. Zur "Inszenierung" als Familienkonzern gehört die 1937 erfolgte Beteiligung zunächst seines Ältesten Otto-Ernst Flick – in Wahrheit ist es nur eine "symbolische Beteiligung" (S. 171) – und 1961 die Bestellung des jüngeren Bruders Friedrich Karl Flick zum persönlich haftenden Gesellschafter. Auch die Einbindung der Kinder von Otto-Ernst Flick in den Gesellschaftsvertrag hat wenig praktische Relevanz. Tatsächlich erfolgt die Leitung des Konzerns nach den paternalistischen Prinzipien des alten Flick, gegen den ein Sohn sogar vor ein Gericht zieht. Statt mit seinen Kindern und Enkeln – die Enkeltochter wird nicht einmal symbolisch an der Unternehmensführung beteiligt – arbeitet der Patriarch am liebsten mit seinem Vetter Konrad Kaletsch und dem Neffen Bernhard Weiss zusammen. Die beiden Verwandten sind mit dem übrigen Führungspersonal gemeinsam alt geworden und nicht mehr zu innovativen Lösungen in der Lage. So reagiert der Flick-Konzern auf den Strukturwandel der Wirtschaft nur rein finanziell, bis er - nach dem Tod seines Gründers 1972 - 1985/86 am Ende ist.[3]

Abschließend und zusammenfassend reflektiert Norbert Frei das Leben von Friedrich Flick als eine "deutsche Karriere". Der "anfangs Namenlose aus dem Siegerland" wird als "im Grunde" bäuerischer Mann (S. 710) beschrieben. Frei destruiert das "Bild des politischen Totalabstinenzlers, das Friedrich Flick mit Hilfe seiner Getreuen noch vor Kriegsende von sich zu entwickeln begann", welches im "Widerspruch zu seiner realen unternehmerischen Vorgehens- und Arbeitsweise" (S. 716) steht. Er zerstört den Mythos vom einsamen Spaziergänger aus dem Siegerland und fragt nach den Gründen, weshalb sich die öffentliche Wahrnehmung so sehr auf Flick konzentrierte: Frei sieht sie in dessen Persönlichkeit begründet – kalter Durchsetzungswille, Intelligenz, egozentrische Energie, Fleiß, skrupelloses Geschick, Nervenstärke und Härte. Mit dieser Kombination ist es Flick gelungen, im Kaiserreich wie der Weimarer Republik und über die NS-Zeit hinaus bis zur Bundesrepublik erfolgreich und systemübergreifend erfolgreich zu agieren. Wie sollten sich seine Söhne und Enkel im Flick-Konzern bewähren, "dessen Führungsstruktur und Loyalitätsverhältnisse von jeher ganz und gar auf dessen Gründer zugeschnitten waren" (S. 751)? Sie konnten nur scheitern. Es wird noch Jahrzehnte nach dem Tod von Friedrich Flick über die sich um ihn und sein Unternehmen rankenden Mythen und Legenden diskutiert. So ist auch dieses Buch "nur Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über die nationalsozialistische Vergangenheit […] die nicht abgeschlossen werden kann" (S. 770).

Das im Zuge der Arbeit entstandene "Forschungsarchiv Flick" steht künftig im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung. Diese voluminöse Studie ist ein sinnvolles und die davor veröffentlichten Untersuchungen von Priemel, Bähr, Drecoll, Gotto und Wixforth sinnvoll ergänzendes Werk. Frei, Ahrens, Osterloh und Schanetzky ist es endgültig gelungen, die Mythen und Legenden um Friedrich Flick, seinen Konzern und sein Personal vollständig zu entzaubern.

Anmerkungen:
[1] Kim Christian Priemel, Flick. Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2007; Johannes Bähr u.a.: Der Flick-Konzern im Dritten Reich, München 2008; Peter Kessen, Von der Kunst des Erbens. Die "Flick-Collection" und die Berliner Republik, Berlin 2004; Thomas Ramge, Die Flicks. Eine deutsche Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik, Frankfurt am Main 2004. Vgl. auch meine Sammelrezension in: Siegener Beiträge. Jahrbuch für regionale Geschichte 13 (2008-09), Siegen 2009, S. 282-295.
[2] Vgl. u.a. Bernt Engelmann, Schützenpanzer HS 30, Starfighter F - 104 G oder wie man unseren Staat zugrunde richtet, München 1967.
[3] Vgl. u.a. Hans Werner Kilz; Joachim Preuss, Flick. Die gekaufte Republik, Reinbek 1983.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.11.2009
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