Titel
Know Your Enemy. The Rise and Fall of America's Soviet Experts


Autor(en)
Engerman, David C.
Erschienen
Anzahl Seiten
480 S.
Preis
$ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim B. Müller, Hamburger Institut für Sozialforschung

Die Verwissenschaftlichung des Politischen und die politische Mobilisierung von Wissen erreichten im Kalten Krieg einen Höhepunkt. Doch dem jüngst noch dominierenden Versuch, von einer Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften umfassenden „cold war science“ zu sprechen[1] und dabei die Frage nach dem Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Politik im Kalten Krieg in den Mittelpunkt der Deutung zu stellen, wird zunehmend vorgehalten, die wissenschaftsgeschichtliche Komplexität unangemessen zu reduzieren. Die Kritik konzentriert sich auf die Vernachlässigung von theoretischen, konzeptionellen und forschungstechnisch-empirischen Aspekten von Wissenschaft. Wurden in den letzten Jahren vornehmlich biografische Hintergründe, institutionelle Zusammenhänge und die ubiquitären „Netzwerke“ erhellt, steht nun der Schritt zu einer Wissenschaftsgeschichte an, die einerseits die Institutionen der Wissensproduktion sowie die Strukturen der politischen Zusammenarbeit und der Wissenschaftsfinanzierung analysiert und die sich andererseits zugleich auf die epistemische Logik und den intellektuellen Gehalt der Wissenschaften einlässt.[2]

Dass es möglich ist, ein so integratives wissenschaftsgeschichtliches Programm nicht nur zu entwerfen, sondern auch weitgehend überzeugend in einer Monografie umzusetzen, zeigt David C. Engerman mit seiner Untersuchung der amerikanischen Forschung über Russland und die Sowjetunion im Kalten Krieg. Engerman, der an der Brandeis University amerikanische Geschichte lehrt, ist mit zahlreichen Arbeiten zu einer sich als Wissenschaftsgeschichte verstehenden „intellectual history“ hervorgetreten, in deren Zentrum Probleme der Modernisierung stehen.[3] Mit „Know Your Enemy“ legt er einen Maßstäbe setzenden Forschungsbeitrag vor, dessen Titel seine Pointe verschleiert – die amerikanische „Gegnerforschung“ des Kalten Krieges schlechthin, das disziplinäre Konglomerat der „Soviet Studies“, ging keineswegs in der politischen Funktion der Feindaufklärung auf. Im Gegenteil, die mit großen Summen von staatlichen Stellen und privaten Stiftungen finanzierte, aber vorwiegend an Universitäten durchgeführte Erforschung der Sowjetunion löste von Anfang an das Feindbild eher auf und war in jedem Fall in ihren Deutungen der Sowjetunion viel differenzierter und moderater als die öffentliche Debatte über den Gegner im Kalten Krieg. Von wenigen konservativen Ausnahmen abgesehen, neigten die „Gegnerforscher“, soweit sie die politischen Implikationen ihrer Forschungen thematisierten, zu einer Politik der Entspannung. Die zweite zentrale Erkenntnis lautet, dass es nicht politische Motive waren, die in erster Linie die amerikanischen Sowjetunion-Forscher antrieben, noch politische Zwänge ihre wissenschaftlichen Spielräume so stark einschränkten, wie Historiker in den 1990er-Jahren glaubten.[4] Disziplinäre Eigendynamiken und wissenschaftliche Traditionen rückten den politischen Auftrag in den Hintergrund. Die Russlandforscher hatten weitgehend freie Hand und verfolgten die unterschiedlichsten Ansätze. Vom politischen Kontext und den finanziellen Strukturen kann keinesfalls auf das wissenschaftliche Resultat geschlossen werden – in nicht wenigen Fällen wären Linearität, Uniformität und Konventionalität der Forschung den Intentionen der Geldgeber sogar zuwidergelaufen.[5]

Neben den politisch-institutionellen Bedingungen waren jedoch auch – ein drittes Grundmotiv bei Engerman – die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs entscheidend für die Polarisierung und den Bedeutungsverlust der Russlandforschung. Dabei differenzierten sich zwei Sphären der Sowjetologie aus, politische Beratung fand vermehrt durch Think Tanks und Geheimdienste statt, die akademische Wissenschaft begab sich in wachsende Distanz zum Staat und schlug insgesamt einen „left turn“ (S. 286) ein. Ein vierter entscheidender Aspekt bei Engerman ist die Beharrungskraft disziplinärer Eigenlogiken, die schließlich auch zum Zerfall der interdisziplinär gedachten „Soviet Studies“ führten. Aus politisch-strategischen Problemstellungen des Zweiten Weltkrieges geboren, stellte die Sowjetforschung das Modell der „area studies“ überhaupt dar. Nach diesem Vorbild wurden alle anderen regionalwissenschaftlichen Programme gebildet. Doch die Gewinner dieser Phase der amerikanischen Wissenschaftsgeschichte waren am Ende stets die Sowjetexperten, die den Boom und die Forschungsförderung nutzten, um langfristig ihr Profil in der eigenen Disziplin zu schärfen.

Engerman nimmt zuerst die Formierung der Institutionen in den Blick, dann die Entwicklung der unter dem Dach der Sowjetologie versammelten wissenschaftlichen Disziplinen – Wirtschafts-, Literatur- und Politikwissenschaften, Geschichte und Soziologie. Im dritten Teil geht er der Krise der „Soviet Studies“ und ihrem Zerfall in Zeiten der Perestrojka nach. Durch die unvermeidlichen Überschneidungen ergeben sich einige Wiederholungen, die der Leser in Kauf nimmt, zumal Engerman es versteht, elegant und zugleich präzise zu formulieren. Die unmittelbare Fortsetzung der Wissensmobilisierung im Zweiten Weltkrieg fand am 1946 gegründeten „Russian Institute“ der Columbia University statt. Hier wurde auch erstmals die spezifische Konstellation sichtbar, der die „Soviet Studies“ ihren rasanten Aufstieg zu verdanken hatten: Zur intellektuellen Mobilmachung traten der Ausbau der Universitäten und das Anwachsen der Studierendenzahlen nach dem Kriegsende. Angewiesen waren das Wachstum der akademischen Institutionen und die Formierung eines politisch-wissenschaftlichen Komplexes auf die Freisetzung erheblicher Forschungsmittel. Eine entscheidende Funktion kam dabei in den ersten Jahren des Kalten Krieges den privaten Stiftungen zu, später stieg auch die staatliche Wissenschaftsförderung stark an.[6] Die enge Verzahnung von Regierung, Philanthropie und Universität war der Ausgangspunkt. Doch schon diese Gründungskonstellation lässt sich nicht eindimensional beschreiben – das Ziel einer Internationalisierung, einer „Kosmopolitisierung“ von Kultur und Bildung in Amerika, getragen von einer Mischung aus liberalen Leitideen und der Absicht einer nachhaltigen Eindämmung isolationistischer Tendenzen, gehörte ebenfalls zur Motivlage.

Anders als das „Russian Institute“ legte das 1948 aus derselben Konstellation hervorgegangene „Russian Research Center“ der Harvard University, die zweite paradigmatische Institution der „Soviet Studies“, seinen Schwerpunkt auf die Forschung. Noch unmittelbarer in die Strukturen des nationalen Sicherheitsstaats eingebunden – die amerikanische Luftwaffe steuerte einen großen Teil der Mittel bei – zeigte sich dort von Anfang an die wissenschaftliche Offenheit, der auch militärische Auftragsforschung folgen konnte und die sich nicht nur in der Rekrutierung zahlreicher Sozialwissenschaftler mit linker Vergangenheit widerspiegelte. Talcott Parsons’ strukturfunktionalistische Theorie der Moderne lieferte den Orientierungsrahmen, Parsons selbst war mit dem Center verbunden. Soziologen wie Barrington Moore zeigten auf der Grundlage des für Air Force-Projekte bearbeiteten Materials, dass die Sowjetunion eine moderne, industrialisierte, funktional differenzierte, von politischen Spannungen durchzogene und zugleich stabile Gesellschaft war, deren ökonomische und gesellschaftliche Strukturen eine bürokratisch durchgeführte Reformpolitik erwarten ließen – der Osten war dem liberal-technokratisch gesteuerten Westen dieser Lesart zufolge, die später in ihren unterschiedlichen Variationen als Konvergenztheorie bezeichnet wurde, gar nicht so unähnlich. Schon hier macht Engerman deutlich, dass Modernisierungstheorien, die als intellektuelle Grundlage für den Vietnamkrieg und andere Interventionen in der Dritten Welt in Verruf geraten sind[7], trotz ihrer diskursiven Gemeinsamkeit viele Gesichter hatten und ihnen im Hinblick auf den Ost-West-Konflikt entspannungspolitische Implikationen innewohnten, die von den Sowjetforschern auch in die politische Diskussion eingebracht wurden. Die korrespondierenden Kapitel zur soziologischen Deutung der Sowjetunion als moderne Gesellschaft und zu den Debatten darüber, ob es sich bei der Sowjetunion um ein totalitäres System handelte, vertiefen diesen zentralen Punkt.

Engermans Geschichte der amerikanischen „Soviet Studies“ dürfte sich neben Arbeiten wie denen von Stuart Leslie, Rebecca Lowen, Nils Gilman oder Howard Brick als eine der maßgeblichen Studien zur Geschichte der amerikanischen (Human-)Wissenschaften im Kalten Krieg etablieren.[8] Zu ihren vielen Verdiensten gehört es, die wichtige Stellung der oft zugunsten der Sozialwissenschaften vernachlässigten Geisteswissenschaften hervorzuheben. Die Verbindung der institutionellen und intellektuellen Ebenen ist durchweg gelungen, auch wenn man sich manchmal mehr epistemologische Reflexion erhofft hätte – die Diskussion der epistemischen Möglichkeitsbedingungen von Forschungen zur Sowjetunion oder die Analyse des hochmodern-technokratischen wissenschaftlichen Habitus’ der Forscher und dessen Konvergenz mit dem politischen Erwartungshorizont ihrer Geldgeber fallen mitunter unscharf aus. Hingegen hätte man auf die eine oder andere ausführliche Erzählung verzichten können, etwa der vielen Wendungen des dennoch wichtigen, weil wahrnehmungsverändernden Wissenschaftsaustauschs mit der Sowjetunion seit den späten 1950er-Jahren, oder auf die Paraphrasen der insgesamt doch immer wieder ähnlich gearteten politischen Interventionen von Sowjetforschern. Doch das sind äußerst kleine Mängel eines überaus wichtigen Buchs, das nicht nur für Wissenschaftshistoriker/innen und Historiker/innen des Kalten Krieges von großem Interesse ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Corinna Unger, Cold War Science. Wissenschaft, Politik und Ideologie im Kalten Krieg, in: Neue Politische Literatur 51 (2006), S. 49-68.
[2] Vgl. etwa den Schwerpunkt „New Perspectives on Science in the Cold War“ in: Isis 101 (2010), S. 362-411; David C. Engerman, Social Science in the Cold War, in: ebd., S. 393-400; Joel Isaac, The Human Sciences in Cold War America, in: Historical Journal 50 (2007), S. 725-746; über den Kalten Krieg hinaus: Ulrike Jureit, Wissenschaft und Politik. Der lange Weg zu einer Wissenschaftsgeschichte der „Ostforschung“, in: Neue Politische Literatur 55 (2010), S. 71-88.
[3] Vgl. u.a. David C. Engerman, Modernization from the Other Shore. American Intellectuals and the Romance of Russian Development, Cambridge 2003; ders., Rethinking Cold War Universities. Some Recent Histories, in: Journal of Cold War Studies 5 (2003), S. 80-95; ders. u.a. (Hrsg.), Staging Growth. Modernization, Development, and the Global Cold War, Amherst 2003; ders., The Romance of Economic Development and New Histories of the Cold War, in: Diplomatic History 28 (2004), S. 23-54; ders., American Knowledge and Global Power, in: Diplomatic History 31 (2007), S. 599-622; ders., Ideology and the Origins of the Cold War, 1917-1962, in: Melvyn Leffler / Odd Arne Westad (Hrsg.), Cambridge History of the Cold War, 3 Bde., Cambridge 2010, Bd. 1, S. 20-42.
[4] So etwa Ellen Schrecker, No Ivory Tower. McCarthyism and the Universities, New York 1986; Sigmund Diamond, Compromised Campus. The Collaboration of Universities with the Intelligence Community, 1945-1955, New York 1992; Noam Chomsky u.a., The Cold War and the University. Toward an Intellectual History of the Postwar Years, New York 1997; Christopher Simpson (Hrsg.), Universities and Empire. Money and Politics in the Social Sciences During the Cold War, New York 1998; Jessica Wang, American Science in an Age of Anxiety. Scientists, Anticommunism, and the Cold War, Chapel Hill 1999.
[5] Darin besteht auch ein wesentlicher Unterschied zur nationalsozialistischen „Gegnerforschung“; vgl. dazu Lutz Raphael, Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitärer Herrschaft. Weltanschauungseliten und Humanwissenschaftler im NS-Regime, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 5-40.
[6] Zu den Phasen der Forschungsfinanzierung in den Sozialwissenschaften vgl. Hunter Heyck, Patrons of the Revolution. Ideals and Institutions in Postwar Behavioral Science, in: Isis 97 (2006), S. 420-446.
[7] Vgl. vor allem Nils Gilman, Mandarins of the Future. Modernization Theory in Cold War America, Baltimore 2003; zur soziologischen Theoriebildung Wolfgang Knöbl, Spielräume der Modernisierung. Das Ende der Eindeutigkeit, Weilerswist 2001; zur Diskussion in der US-Regierung Michael Latham, Modernization as Ideology. American Social Science and „Nation Building“ in the Kennedy Era, Durham 2000; zur außenpolitischen Anwendung Bradley R. Simpson, Economists with Guns. Authoritarian Development and U.S.-Indonesian Relations, 1960-1968, Stanford 2008.
[8] Stuart W. Leslie, The Cold War and American Science. The Military-Industrial-Academic Complex at MIT and Stanford, New York 1993; Rebecca S. Lowen, Creating the Cold War University. The Transformation of Stanford, Berkeley 1997; Gilman, Mandarins of the Future; Howard Brick, Transcending Capitalism. Visions of a New Society in Modern American Thought, Ithaca 2006.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.09.2010
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag