J. Kusber u.a. (Hrsg.): Empire Speaks Out

Cover
Titel
Empire Speaks Out. Languages of Rationalization and Self-Description in the Russian Empire


Herausgeber
Kusber, Jan; Gerasimov, Ilya; Semyonov, Alexander
Reihe
Russian History and Culture
Erschienen
Anzahl Seiten
280 S.
Preis
€ 118,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Stadelmann, Institut für Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Der Band, angeregt von einer Tagung (Kasan 2007) im Rahmen des in Mainz angesiedelten Forschungsprojekts „Sprachen der Selbstbeschreibung und Selbstrepräsentation im imperialen Russland“, versteht sich als Beitrag zur „New Imperial History“, die sich einer methodisch progressiven, thematisch multiperspektivischen Erforschung von historischen Imperien jenseits traditioneller herrschaftsgeschichtlicher Linearität verschrieben hat. Dabei geht es den Herausgebern des Sammelbandes, der Untertitel verrät es schon, um die Aufdeckung von sprachlichen Formationen, welche Imperialität konstruieren: „Instead of discussing what empire is, we invite our readers to contemplate what makes certain tropes and discourses imperial“ (S. 23). Den Schlüssel zu dieser Dekonstruktion imperialer Diskurse erblickt man im Modell der „imperialen Situation“, die sich durch „Spannungen, Unvereinbarkeit und Unvergleichbarkeit“ (S. 23) der Sprachen der Selbstbeschreibung auszeichne.[1] Mit anderen Worten: Historisch gewachsene, vielschichtige Heterogenität ist das definierende Merkmal der „imperialen Situation“ und damit auch der Imperien. Diversitäten, Ungleichheiten, Widersprüchlichkeiten, Dysfunktionen und Missverhältnisse – solche Kategorien, darauf legt die gemeinschaftlich verfasste Einführung „New Imperial History and the Challenges of Empire“ großen Wert, machen imperiale Geschichten aus, und nicht eine von der Geschichtswissenschaft versuchte schematische Klassifizierung anhand unifizierender Kategorien wie Herrschaft, Ethnie, Nation, Region, Peripherie etc.

Dass die Beiträger neue Wege beschreiten wollen, wird im einführenden Kapitel sehr prononciert; dass die bisherige, kurz vorgestellte Historiographie zum Russischen Kaiserreich – trotz ansatzweiser Neubewertungen – rasch an selbstbeschränkende Grenzen gestoßen sei, ebenfalls. Diese Grenzen der Historiographie sieht das auktoriale Kollektiv insbesondere dann erreicht, wenn sich „Imperiumsrealismus“ (S. 18) Bahn bricht, also die (Irr-)Vorstellung, bei einem Reich handele es sich um eine „wirkliche und fortdauernde historische Struktur“. Stattdessen schlägt die Konzeption der hier versammelten neuen Imperiumshistoriker vor, dass ein Imperium „sichtbar wird“ in den erwähnten „imperialen Situationen“. Diese „resultieren aus Widersprüchen, die aus der unebenen und unsystematischen Heterogenität“ eines Imperiums hervorgehen (S. 25).[2] Das Postulat einer nicht klassifizierbaren Diversität als Grundmerkmal von Imperien und gleichzeitig als analytischer Zugang zu ihrer Geschichte wird nicht nur im einführenden Kapitel und der ergänzenden Gedankensammlung der Anthropologin Ann Laura Stoler („Considerations on Imperial Comparisons“) ausführlich dargelegt, sondern ist auch in den einzelnen thematischen Beiträgen immer wieder greifbar.

Mitunter hat man dabei den Eindruck, dass die selbsterklärte „Neue Imperiumsgeschichte“ eine Entwicklung nachholt, die auf anderen Feldern der osteuropäischen Geschichte bereits seit geraumer Zeit im Gange ist – die bewusste Dekonstruktion herrschender Geschichtsbilder, welche monolithisch gedachte Selbststilisierungen als substantielle Ausgangspunkte hatten. Vielleicht liegt es hieran, dass jemandem, der die Historiographie der letzten Jahre etwa zur Stalin-Zeit oder zur Russischen Revolution aufmerksam verfolgt hat, manche der konzeptionellen Prämissen der „Neuen Imperiengeschichte“ nicht ganz so unerhört vorkommen, wie es der Sammelband an manchen Stellen präsentiert. Eine Grundskepsis gegenüber allzu homogenen Vorstellungen von historischen Abläufen und Konstellationen gehört schließlich längst zu den Selbstverständlichkeiten einer kritisch-informierten Geschichtswissenschaft. Dass wir es beim Russischen Reich nicht mit einem einheitlichen Block zu tun haben, der sich nach den Wünschen und Konzepten Petersburger Kabinettstische realisierte, wird sicherlich auf breiteste Zustimmung in der heutigen historischen Zunft stoßen. Vielleicht hängt es wiederum mit diesem doch grundlegenden Konsens über die Heterogenität von Großreichen zusammen, dass manche der Autoren umso leidenschaftlicher bestrebt sind, auf die Singularität ihres konzeptionellen Nenners hinzuweisen. Um erst gar keine Zweifel hieran entstehen zu lassen, werden die Ausführungen bisweilen in eine hochkomplexe Diktion gekleidet, deren Abstraktionsniveau eindrucksvoll suggeriert, dass bisherige Historiographen die imperiale Vergangenheit Russlands nur unzureichend erfasst haben können. Womöglich gerät dann doch einiges in der Theorie zu komplex, nicht zuletzt in dem Sinne, dass die Erkenntnisse der konkreten Themen gewidmeten Beiträge die hochgeschraubten konzeptionellen Singularitätsansprüche des Bandes nicht recht erfüllen können – und, wie es dem Rezensenten scheint, auch gar nicht müssen.

Das heißt nicht, dass die Aufsätze von geringer Qualität wären, ganz im Gegenteil – führen einige von ihnen doch besser als jede aufgetürmte Abstraktion vor, auf welchen Gleisen sich eine ertragreiche russländische Imperiumsforschung bewegen kann. So zeigt etwa Jan Kusbers instruktiver Beitrag „Governance, Education and the Problems of Empire in the Age of Catherine II“ souverän und materialreich, wie die Kaiserin versuchte, auf die heterogenen Realitäten ihres Reiches einzugehen. Kusber fragt nach dem „Dialog“, auf den sich Katharina II. mit unterschiedlichen Gruppen ihrer Untertanen einließ, wobei die Bildungsproblematik – und hier insbesondere die Frage nach dem Stellenwert des Individuums im bildungspolitischen Diskurs – den Fokus der Analyse bildet. Einleuchtend kann Kusber darlegen, dass die katharinäische Bildungspolitik ein Beispiel war für das aufgeklärt-herrscherliche Anliegen, in einem Reich mit unterschiedlichsten Voraussetzungen Modernisierungsabsicht und Bedürfnisse der Bevölkerung zusammenzubringen.

Hans-Christian Petersen interpretiert in „„Us“ and „Them“? Polish Self-Descriptions and Perceptions of the Russian Empire between Homogeneity and Diversity (1815-1863)“ Texte aus polnischer Feder zu Vorstellungen über das Verhältnis von Russen und Polen. Seine Quellen führen vor, dass die gerne gepflegte „Schwarz-Weiß-Malerei“ eines unversöhnlichen polnisch-russischen Antagonismus nur einen ausgewählten Aspekt der gegenseitigen diskursiven Beziehungen ausmacht. Tatsächlich sind die Vorstellungen und publizistischen Verarbeitungen des polnisch-russischen Verhältnisses komplexer und – hier der Anknüpfungspunkt an das konzeptionelle Motto des Bandes – heterogener, als immer wieder referiert. Je nach Zeit und je nach sozialem Milieu sind die polnischen Wahrnehmungsweisen des russischen Imperiums wandelbar, wobei Tendenzen zu einer negativen Homogenität zwar zu differenzieren, gleichzeitig aber auch nicht zu eliminieren sind. Interessant ist in jedem Fall die Einbeziehung eigener polnisch-imperialer Attitüden gegenüber der ostslawischen Bevölkerung in den für ein erwünschtes unabhängiges Polen reklamierten östlichen Gebieten.

In seinem Beitrag „Siberian Middle Ground. Languages of Rule and Accomodation on the Siberian Frontier“ will Sergey Glebov einen Kontrapunkt zur traditionellen Darstellung der sibirischen Geschichte als Kolonisierungsgeschichte setzen. Anstelle einer vom imperialen Zentrum ausgehenden Konzentration auf Verwaltung, Eliten und Wirtschaftspolitik in Sibirien fragt Glebov, wie sich die Begegnung von imperialem Staat, entferntem Territorium und heterogener Bevölkerung gestaltete. Dabei greift er zurück auf das Modell des „middle ground“ aus der amerikanischen Besiedlungs- bzw. Migrationsgeschichte, welches beschreibt, wie europäische Einwanderer und amerikanische Ureinwohner Schnittmengen fanden, die zu gegenseitiger Befruchtung und Prägung führten. Die Geschichte der imperialen Erfahrung Sibiriens sollte daher nicht als Einbahnstraße geschrieben werden, nicht als Realisierung Petersburger Vorstellungen, sondern als Prozess gegenseitigen Aufgreifens und beidseitiger Anpassungsstrategien.

Auch die weiteren drei Aufsätze fragen nach dem Umgang mit den heterogenen Konstellationen des Russischen Reiches. Marina Mogilners Beitrag „Russian Physical Anthropology of the Nineteenth-Early Twentieth-Centuries. Imperial Race, Colonial Other, Degenerate Types, and the Russian Racial Body“ behandelt unter anderem Diskurse über Sinn und Anwendbarkeit einer Rassenbegrifflichkeit, bezogen auf die Bevölkerung des russischen Staatsgebietes. Alexander Semyonov („„The Real and Live Ethnographic Map of Russia“. The Russian Empire in the Mirror of the State Duma“) widmet sich der imperialen Diversität am Beispiel der ersten Duma, und zwar nicht hinsichtlich ihrer – bekanntermaßen heterogenen – Zusammensetzung (denn eine solche Betrachtungsweise könnte in der Auffassungswelt der „New Imperial History“ eine nicht gerechtfertigte sozio-ethnische Stabilität des Imperiums suggerieren), sondern auf sprachlicher, gedanklicher und artikulatorischer Ebene: „What made the State Duma a microcosm of empire was not its diversity in the space of national or ethno-confessional distinctions as has been [...] uncritically stated by historians of the State Duma, but its uneven or multidimensional heterogeneity. The unevenness of imperial heterogeneity included the alternating references to territorial, national, and confessional markers or combinations of them in group identification and articulation of political allegiance. […] both group identifications and articulations of political allegiance did not correlate, but were asymmetrical, overlapping, and sometimes contradictory“ (S. 212). Das Credo solch völliger Diversität ist sicherlich spektakulär, kann jedoch auch nur artikuliert werden, indem es sich der vom Autor beanstandeten Schematisierungsversuche bedient. Anders ausgedrückt: Das Konzept einer sich permanent überlappenden imperialen Heterogenität lebt gerade auch auf Kosten der stets kritisierten historiographischen Ordnungsversuche, da es sich erst in der Absetzung von letzteren entfalten kann.

Ilya Gerasimovs abschließender Beitrag „Redefining Empire. Social Engineering in Late Imperial Russia“ wirkt geradezu erfrischend bodenständig. Er verfolgt in einer nachvollziehbaren, argumentativ dichten Studie das Aufgreifen der in den USA entstandenen Vorstellung vom „social engineering“ in Russland durch Sprache und Konzept von „obschtschestwennost“, oft und völlig unzureichend als „Öffentlichkeit“ oder „Allgemeinheit“ übersetzt. Auch Gerasimov weist auf Versäumnisse der Historikerkollegen hin, die in einengender Selbstbeschränkung unter „obschtschestwennost“ nur öffentliche Institutionen einer Zivilgesellschaft gesehen hätten. Dabei umfasste der Begriff doch auch eine „soziale und politische Agenda“ (S. 244), zu der auch die Vorstellung einer bürgerlichen Gleichberechtigung im weitesten Sinne gehörte. Gerasimov thematisiert Aspekte des Konzepts, Vorstellungen von – diesem Konzept entsprechenden – „sozialen Aktivisten“ (S. 249), geht auf konkrete Maßnahmen (beispielsweise Vorträge auf dem Dorf) ein und zeigt Querverbindungen nach Westeuropa auf. Wie einflussreich die Idee des „social engineering“ war, wird an ihrer versuchten Integration in die staatliche Politik – Subatowscher „Polizeisozialismus“, Stolypinsche Reformen und andere staatsinitiierte Aktivitäten – deutlich. Dass nicht nur jene womöglich berechnenden Versuche, sich ein vielversprechendes Konzept zunutze zu machen, scheiterten, sondern auch die „demokratische, öffentlichkeitsorientierte Version“ (S. 272), führt Gerasimov in dialektischer Pointierung auf deren Erfolg zurück: Der imperiale Staat sei als Rahmen einer mobilisierten Gesellschaft völlig überfordert gewesen, weshalb – so die nicht ausgesprochene, vom Leser zu ergänzende gedankliche Konsequenz – mit dem Sowjetsozialismus ein anderer soziopolitischer Rahmen entstehen musste, in dem dann aber auch kein Platz für eine „demokratische Version“ von „obschtschestwennost“ zu sein schien.

Anmerkungen:
[1] Im Original: „tensions, incongruity, and incommensurability“.
[2] Im Original: „empire-realism“, „real and enduring historical structure“, „empire becomes visible […] as a result of contradictions emerging from its uneven and unsystematic heterogeneity“.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.10.2010
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