C. M. Richardson: Reclaiming Rome. Cardinals in the Fifteenth Century

Titel
Reclaiming Rome. Cardinals in the Fifteenth Century


Autor(en)
Richardson, Carol M.
Reihe
Brill’s Studies in Intellectual History 173
Erschienen
Anzahl Seiten
XXIV, 520 S.
Preis
€ 105,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Völkel, Historisches Institut, Universität Rostock

Studien, die das Kardinalskollegium als Ganzes ins Visier nehmen, wie die von Barbara McClung Hallman oder Christoph Weber, sind selten und werden wohl auch selten bleiben.[1] Nicht dass die Kardinäle der Sancta Ecclesia Romana nicht weiterhin ein beständiges Objekt – auch populärer – Historiographie wären; das Kollegium selbst und seine Rolle in den verschiedenen Epochen seiner nun gut 1000-jährigen Geschichte lassen noch viele – rein dokumentarische – Fragen offen, geschweige denn, dass alle neueren Forschungsansätze schon an ihm erprobt worden wären. Die Studie von Carol M. Richardson ist somit einer dieser seltenen Versuche, das Kollegium als Einheit zu behandeln, allerdings in einer sehr speziellen Perspektive. Das Stichwort, nach dem sie sich sehr strikt entwickelt, heißt ‚Reclaiming Rome‘, auf Deutsch: „Wie man Rom wiedergewinnt.“ Thema ist die Wiederansiedlung der notdürftig aus drei Kardinalskollegien zusammengeflickten, postkonziliaren Kurie nach 1417 in Rom. In welcher Rolle, mit welchem kollektiven Status, welchen Universal- wie Lokalbezügen fassten die Kardinäle in der verlassenen Arche Petri wieder Fuß? Natürlich ist das ein paradoxer Titel, denn ‚Ubi Papa, ibi Roma‘, und seit den liturgischen Forschungen von Bernhard Schimmelpfennig ist erwiesen, dass sich weder das Papsttum noch das Kardinalskollegium gänzlich von ihrer avignonesischen Prägung haben lösen können. Worum es in ‚Reclaiming Rome‘ somit eigentlich geht, ist die Rücksiedlung der Kurie aus ihrem imaginären Exil-Rom an der Rhone in das tatsächliche, materielle Rom am Tiber. Dies geschieht in drei Abschnitten: 1. Ein institutionengeschichtlicher Teil, der beim gordischen Knoten von Konstanz anhebt, die Fusion der Collegia von Rom, Pisa und Avignon erläutert und dann, sehr sinnvoll, bevor die Kurie nach Rom aufbricht, sich mit dem „tragbaren“, das heißt anziehbaren römischen Charakter der Kardinäle, das heißt ihrem mit Symbolik überfrachteten Ornat zuwendet. Teil 2 beobachtet die mit römischen Benefizien neu ausgestatteten Kardinäle bei ihrer kirchlich-urbanen Wiederaufrichtung der verödeten Stadt. Im Mittelpunkt stehen dabei die Titelkirchen und erstmals auch deren Annexe samt Immobilien, Gerechtsamen und Benefizien. Teil 3 wandert über den Tiber und konzentriert sich auf Alt Sankt-Peter, und zwar sowohl als – semper renovanda – Begräbnisstätte der Päpste des 15. Jahrhunderts wie auch auf die aus den Vorgängerpäpsten bestehende ungefüge Masse von ‚funeraler Memoria‘, die zwischen den Stationskirchen, Titelkirchen und der konstantinischen Basilika hin- und hergeschoben wird.

Das 15. Jahrhundert ist in der stadtrömischen wie in der Papstgeschichte ein kritisches Jahrhundert. Der Sacco di Roma wie auch die napoleonische Archivverlagerung haben große Aktenverluste erzeugt; in Rom selbst wurde die frühe Renaissance im 16. und 17. Jahrhundert oft unbarmherzig überschrieben; Alt Sankt-Peter existiert nicht mehr, es sei denn als Rekonstruktionsaufgabe für Kunsthistoriker. Konsequenterweise wählt Richardson für ihre Studie einen sowohl historischen wie kunsthistorischen Ansatz. Der kirchen- wie kuriengeschichtliche Kontext wird sehr dicht gewebt, die zahlreichen Beschreibungen der Grabmäler bedienen sich einer klaren kunsthistorischen Terminologie und sind mit 124 Schwarz-Weiß-Abbildungen unterlegt.

Will man die Studie in ihrem Ansatz charakterisieren, so bietet sie sich weitgehend als Syntheseversuch der Bautätigkeit und Kunstpatronage der Kardinäle in Rom nach dem Schisma bis Pius III. dar, wobei der Bezug zum Papsttum als Normgeber dieser Tätigkeit stets intensiv aufrechterhalten wird. Dabei kann man nun nicht sagen, dass die Autorin nach einer „großen These“ sucht. ‚Groß‘ hieße, eine neue Romvorstellung, entscheidende, aber bislang übersehene Züge im Selbstverständnis der kardinalizischen Funktion, übersehene Grabmalstypik oder bislang unbekannte päpstliche Steuerungsmaßnahmen. Die Kernthese ist im Gegenteil schon länger bekannt: Nach Konstanz und Basel mussten es die Kardinäle hinnehmen, die Definitionsmacht über ihr Kollegium dem Pontifex zu überlassen, der sie in seine zentralistisch-petrinische Ekklesiologie einbaute und sie, ihrer Äquivalenzfunktion entkleidet, als nützliche ‚administrative, liturgische und urbanistische Gehilfen‘ einsetzte. Diese Epoche sah also einen entscheidenden Machtverlust des Kollegiums (fühlbar vorwiegend bei Finanzen und Benefizien), von dem man nicht sagen kann, dass er durch die detaillierte Ein- und Rückbindung des Kardinäle in die stadtrömischen, kirchlichen wie profanen Traditionen wirklich kompensiert worden wäre. Deutlich aber wird, dass mehr oder minder alle Kardinäle sich diesem Programm unterwarfen und dabei ihre familiären, nationalen und liturgischen Ressourcen einbrachten. Nach mehr als einem Jahrhundert wurde in Rom auf allen diesen Ebenen wieder kräftig investiert; das zeigt dieses Buch. Und umgekehrt, jeder Kardinal musste sich von nun an in standardisierter Weise um seinen stadtrömischen „Spielplatz“ kümmern, Zuwiderhandeln wäre karrierefeindlich gewesen.

Was die Institutionengeschichte angeht, so bedient sich Richardson in gründlicher Weise der bisherigen Forschung. Die profanen Baumaßnahmen erwähnt sie zwar, doch legt sie den Akzent auf die Titelkirchen (und ihre Residenzfunktion) und hier wiederum auf die Begräbniskultur von Papst und Kardinalskollegium. In gewisser Weise versucht die Autorin für das 15. Jahrhundert im Alleingang, was das Berliner Projekt „Requiem. Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler in der Frühen Neuzeit“ als datenbankgestütztes Kollektivvorhaben anstrebt. Vor dem Hintergrund dieses noch laufenden Projektes (das keine Erwähnung findet) und der großen Anzahl von a) Kirchenführern wie b) Spezialstudien zur römischen Grabmalskultur stellt sich dann doch die Frage nach der Tragfähigkeit, dass heißt dem Zuschnitt der Studie. Wie kann sie ihren Fokus rechtfertigen? Angesichts des überwältigend großen, auf diesen „Nebensektoren“ bereitliegenden Wissens müsste es darum gehen, das spezifisch kardinalizische Moment bei der Wiedergewinnung der verlassenen ‚Braut Christi‘ herauszustellen. Angesichts der immensen Beschlagenheit in den Details und einer klaren Vorstellung von Genese, Funktion und Ausstattung des Kollegiums, wie sie sich im 15. Jahrhundert abzeichnet, wartet man einigermaßen ungeduldig auf dieses Schlusswort: Schlägt sich die institutionell fortgeschriebene, liturgisch mit dem Papst integrierte, ekklesiologisch temperierte Rolle der Purpurträger in einer Art von „rotem Faden“ bei diesen tausenden von Einzelmaßnahmen nieder? Richardson stößt nicht zu dieser Synthese vor, auf die ihr Ansatz unmittelbar hinzielt, sondern endet mit einer Antiklimax, dass heißt mit einem Rückblick auf die seit langem stagnierende Diskussion über die Rolle Albertis in Rom unter Nikolaus V. Man hätte aber auch fragen können, ob und wie die lokalen Anstrengungen von drei Generationen von Päpsten und Kardinälen eigentlich ein „Erfolg“ waren und ob sie die einzigen Spieler von Bedeutung auf dieser römischen Bühne waren. Kann man die Ereignisgeschichte des 15. Jahrhunderts so stark ausklammern? So aber läuft der gewaltige Aufwand an klugen Einzelbeobachtungen und Kontextbildungen teilweise ins Leere. Zu empfehlen ist das Buch deshalb vor allem all denjenigen, die sich konzentriert über die Aktion des Kardinalskollegiums in seinen Titelkirchen und deren Umfeld im 15. Jahrhundert unterrichten wollen und die dabei den Zusammenhang mit den Kunstströmungen der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts suchen, in dem die Informationsbasis ausgedünnt und zerstreut ist. Die lokalen Voraussetzungen für diese Aktion hat Richardson penibel dokumentiert. Schärfe und Kontrast der Abbildungen leiden am Fehlen von Kunstdruckpapier und nicht selten zu kleinen Maßstäben. Eine Trennung des Orts- vom Personenindex und eine tiefere Ausstattung mit Lemmata hätten den Informationswert dieses gründlich recherchierten Buches ebenso wie eine gegliederte Bibliographie noch weiter gesteigert.

Anmerkung:
[1] Barbara McClung Hallman, Italian Cardinals. Reform and the Church as Property, 1492–1563, Berkeley u.a. 1985; Christoph Weber, Senatus Divinus. Verborgene Strukturen im Kardinalskollegium der frühen Neuzeit (1500–1800), Frankfurt am Main u.a. 1996.