V. Barnett u.a. (Hrsg.): Economics in Russia

Titel
Economics in Russia. Studies in Intellectual History


Herausgeber
Barnett, Vincent; Zweynert, Joachim
Reihe
Modern Economic & Social History
Erschienen
Farnham, Surrey 2008: Ashgate
Anzahl Seiten
XVIII, 198 S.
Preis
£ 52,25
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katja Bruisch, DFG-Graduiertenkolleg „Generationengeschichte“, Georg-August-Universität Göttingen

Die Geschichte des russischen ökonomischen Denkens war lange ein blinder Fleck der Historiographie. Während die großen gesellschaftspolitischen Kontroversen des 19. Jahrhunderts, die Auseinandersetzungen zwischen Westlern und Slawophilen oder Marxisten und Narodniki, wiederholt das Interesse von Historikern weckten, fand die Geschichte der russischen Wirtschaftswissenschaft wenig Beachtung. Ausgenommen waren davon lediglich Phasen der sowjetischen Geschichte, in denen vermeintlich „bourgeoise” Wirtschaftswissenschaftler Opfer des Terrors wurden oder sowjetische Ökonomen Debatten über eine Reform des Sozialismus führten.

Seit einigen Jahren bemüht sich eine Gruppe internationaler Forscher um dieses Desiderat. Nach einer Reihe von Publikationen zur Geschichte der russischen Wirtschaftslehre [1] markiert nun ein Sammelband von Vincent Barnett und Joachim Zweynert die Etablierung des Forschungsfeldes. In 11 Beiträgen, von denen hier nur eine Auswahl vorgestellt werden kann, bietet er einen facettenreichen Einblick in die Geschichte des russischen ökonomischen Denkens vom 16. bis in das späte 20. Jahrhundert.

Im 16. und 17. Jahrhundert, so Danila Raskov, seien ökonomische Vorstellungen lediglich als impliziter Bestandteil religiöser oder gesetzgeberischer Texte aufgetreten. Das Nachdenken über Wirtschaft sei demnach entscheidend durch außerökonomische Anliegen geprägt worden. Während in Westeuropa bereits merkantilistische Wirtschaftskonzepte dominierten, seien vergleichbare Vorstellungen, wie etwa die Befürwortung von Einfuhrzöllen, eines staatlichen Handelsmonopols oder Maßnahmen zur Förderung von Händlern, in Russland viel stärker von ethisch-religiösen Erwägungen bestimmt worden. Die moskowitische Wirtschaftslehre habe daher „zwischen Merkantilismus und Mittelalter“ (S. 19) geschwankt.

Leonid Shirokorad analysiert, wie das russische Wirtschaftsdenken mit den Reformen Peters I. und Katharinas II. einen zunehmend säkularen Charakter erhielt. Im Zentrum wirtschaftspolitischer und -theoretischer Überlegungen habe nun der Erfolg des Staates gestanden. Unter dem Einfluss aufklärerischen Gedankenguts sei auch der Wohlfahrt der Bevölkerung stärkere Aufmerksamkeit gewidmet geworden. Wirtschaftliche Reformvorschläge hätten bei den Monarchen jedoch nur so lange Gehör gefunden, wie sie die bestehende Gesellschaftsordnung nicht in Frage stellten. Iwan Pososchkow und Aleksandr Radischtschew etwa seien mit Freiheitsentzug bestraft worden, weil sich ihre Reformideen nicht mit der Realität des absolutistischen Russlands vereinbaren ließen.

Nach Auffassung Joachim Zweynerts schwankte die russische Wirtschaftslehre im 19. Jahrhundert „zwischen Vernunft und Historizität“ (S. 57). Ihre Vertreter hätten nie einseitig einen der beiden Pole bedient. So bemühten sich etwa die ursprünglich aus Deutschland stammenden Gelehrten Christian von Schlözer und Heinrich von Storch sowie die russischen Ökonomen Iwan Bapst oder Iwan Bunge, die Besonderheiten der russischen Wirtschaftsentwicklung zu erklären, ohne die Vorstellung von der Existenz allgemein gültiger ökonomischer Gesetze aufzugeben.

Am Beispiel Michail Tugan-Baranowskis und Sergej Bulgakows zeigt Natalia Makashewa, dass die russische Wirtschaftslehre an der Schwelle zum 20. Jahrhundert stark von ethischen und religiösen Erwägungen geprägt wurde. Wie der sozialdemokratische Revisionismus seien Tugan-Baranowskis „kooperativer“ (S. 82) und Bulgakows „christlicher Sozialismus“ (S. 86) Beispiele für Theorien jenseits der neoklassischen Wirtschaftslehre gewesen, deren Vertreter zeitgleich einen hegemonialen Deutungsanspruch formulierten.

Zwei Autoren widmen sich dem intellektuellen Erbe emigrierter russischer Ökonomen. So zeigt Vincent Barnett, dass mit den russischen Wirtschaftswissenschaftlern in den 1920er-Jahren auch spezifische ökonomische Denkmuster nach Nordamerika wanderten. Jacob Marschak, Simon Kuznets oder Wasily Leontieff wurden zwar als Vertreter der amerikanischen Mainstream-Ökonomie berühmt. Ihre Auseinandersetzung mit Problemen der Konjunktur, der ökonomischen Planung oder der Kalkulation des Volkseinkommens wurzelte jedoch im russischen Wirtschaftsdiskurs des frühen 20. Jahrhunderts. Elemente russischen Wirtschaftsdenkens hätten demnach ausgerechnet in der nordamerikanischen Wirtschaftswissenschaft überlebt. In einer vergleichenden Studie zu Boris Brutzkus und Nikolai Prokopowitsch fragt Shuichi Kojima nach der Bedeutung russischer Emigranten für die internationale Wahrnehmung der Sowjetunion. Mit ihren Analysen des sowjetischen Wirtschaftsgeschehens hätten beide Positionen formuliert, die westliche Sowjetologen dann während des Kalten Krieges vertraten. Während Brutzkus mit seiner pessimistischen Sicht auf die sowjetische Wirtschaft eine gängige Auffassung amerikanischer Sowjetologen vorweg genommen habe, sei Prokopowitschs Glaube an die Entwicklungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft später von revisionistischen Sowjetunionexperten geteilt worden.

Zwei Beiträge weisen überzeugend nach, dass die sowjetische Wirtschaftslehre trotz ihrer dogmatischen Bindung an den Marxismus-Leninismus nie frei von Kontroversen war. Anhand der Debatte über die Frage, ob sich der Wert eines Gutes auch in einer sozialistischen Wirtschaftsordnung monetär bestimmen lasse, zeigt Michael Kaser, dass die Frage nach der Existenz allgemein gültiger wirtschaftlicher Gesetze auch die sowjetische Wirtschaftswissenschaft dominierte. Pekka Suttela verfolgt, wie der Glaube an die Reformierbarkeit des Sozialismus zur Integration marktwirtschaftlicher Konzepte in den sowjetischen Wirtschaftsdiskurs führte.

Mit diesen Beiträgen positioniert sich der Sammelband jenseits der bisher dominierenden Auffassungen, russisches Wirtschaftsdenken sei entweder ein intellektueller Import aus dem Westen oder Ausdruck eines nationalen Denk- und Wirtschaftsstils gewesen. Die russische Wirtschaftslehre, so das abschließende Urteil der Herausgeber, habe zwar immer die Besonderheiten der russischen Wirtschaftsentwicklung reflektiert, sich aber nicht unabhängig von intellektuellen Einflüssen aus Westeuropa entwickelt. Die russischen Wirtschaftswissenschaften hätten demnach eine eigene Wissenschaftstradition ausgebildet. Von einem nationalen ökonomischen Denkstil könne jedoch keine Rede sein.

Methodisch bleibt der Band hinter dem Anspruch der Herausgeber zurück. Während die Einleitung eine Historisierung russischen ökonomischen Denkens verspricht, belassen es die meisten Autoren bei einigen schablonenhaften Sätzen über die politische oder ökonomische Struktur des Landes im jeweils untersuchten Zeitraum. Hinweise auf Geschichte und Kultur, von den Herausgebern explizit als Einflussfaktoren für die Entwicklung ökonomischen Denkens hervorgehoben, liefern den Darstellungen zwar einen Rahmen, als Erklärung oder Argument werden sie jedoch kaum herangezogen.

Irritierend wirkt auch der unkritische Vergleich der russischen mit der westeuropäischen Theorieentwicklung. So urteilt Leonid Shirokorad, die russische Wirtschaftslehre der Aufklärung habe im Bereich der „reinen Theorie“ (S. 37) nicht mit der westeuropäischen konkurrieren können. Bei Vincent Barnett wirkt die Erkenntnis, Teile des russischen Wirtschaftsdenkens hätten in der amerikanischen Mainstream-Ökonomie fortgelebt, fast wie eine Rechtfertigung für die Beschäftigung mit der Geschichte der russischen Wirtschaftslehre überhaupt. Alla Sheptuns Beitrag folgt wiederum dem Gedanken, die Reformer Speranski, Mordwinow und Bunge seien auf dem richtigen Weg gewesen. Zwar ist der Vergleich mit der westlichen Wirtschaftslehre schon allein deswegen angemessen, weil der Westen traditionell die wichtigste Vergleichsfolie für die russischen Eliten darstellte. Die vielen Beiträgen inhärente Frage nach der Fortschrittlichkeit der russischen Wirtschaftslehre zeugt allerdings von einem essentialistischen Wissenschaftsverständnis.

Dieses grundlegende Problem des Bandes deutet bereits eine eher beiläufige Bemerkung in der Einleitung an: Aufgrund des besonderen intellektuellen Klimas würden Geschichte und Kultur als Bestimmungsfaktoren ökonomischen Denkens besonders in den Beiträgen über die frühen Perioden der russischen Geschichte berücksichtigt. Der implizite Umkehrschluss, wirtschaftliches Denken entziehe sich nach der Etablierung der Wirtschaftswissenschaft als eigenständiger Disziplin der historischen Analyse, erscheint allerdings sehr problematisch; die Frage nach der Historizität und dem kulturellen, vielleicht sogar ideologischen Gehalt abstrakter Theoreme und Modelle ist mindestens genauso berechtigt wie die Analyse der politischen und religiösen Dimension frühneuzeitlicher Wirtschaftsvorstellungen.

Enttäuschend ist auch der Umstand, dass die meisten Beiträge kaum über die theoriefixierten Darstellungen der klassischen Dogmengeschichte hinausgehen. Die Erörterung der ökonomischen Konzepte erfolgt vielfach als internalistische Theorieanalyse. Damit erschließen die Beiträge der ökonomischen Theoriegeschichte zwar einen bisher weitgehend vernachlässigten historischen Raum. Sie tragen jedoch wenig dazu bei, die russische Wirtschaftswissenschaft als historisches und kulturelles Phänomen begreifbar zu machen. Abgesehen von biographischen Rahmendaten werden leider auch die Ökonomen selbst, ihre Wertbilder, politischen Auffassungen sowie ihre publizistischen Äußerungen zu wenig thematisiert. Als intellectual history ohne intellectuals hinterlässt das Buch daher einen eher blassen Gesamteindruck.

Anmerkung:
[1] Joachim Zweynert, Eine Geschichte des ökonomischen Denkens in Rußland. 1805-1905, Marburg 2002; Vincent Barnett, The revolutionary Russian economy, 1890-1940. Ideas, debates, alternatives, London 2004; ders., A history of Russian economic thought, London 2005; Heinz Rieter / Leonid D. Širokoroad / Joachim Zweynert (Hrsg.), Deutsche und russische Ökonomen im Dialog. Wissenstransfer in historischer Perspektive, Marburg 2005.

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Veröffentlicht am
14.04.2010
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