Cover
Titel
Mobilizing Youth. Communists and Catholics in Interwar France


Autor(en)
Whitney, Susan B.
Erschienen
Anzahl Seiten
318 S.
Preis
€ 72,07
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Middendorf, Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg

Als die Vision gescheitert war, 100 000 jugendliche Athleten zur Weltausstellung von 1937 in Paris zu versammeln, erdachten französische Planer im Auftrag der Volksfrontregierung stattdessen ein Jugendbegegnungszentrum mit Hostel und Kunstausstellung. Die Anerkennung, die sie für diesen Bau von den Delegationen der Sowjetunion und der Hitlerjugend erhielten, wurde als Erfolg verbucht – auch wenn sie im Hinblick auf die tatsächliche Mobilisierung der Jugend weit hinter ihren Zielen zurückblieben. Erfolgreicher in diesem Bereich waren im Jahr der Weltausstellung andere: die französischen Kommunisten und Katholiken. Ersteren gelang es, 50 000 junge Leute nach Paris zu holen, um sie mit Motorradrennen und politischer Rede für die Sache der Partei zu begeistern. Der Kongress der christlichen Arbeiterjugend wiederum erreichte gar 80 000 Jugendliche, die sich für drei Tage zu Gebet und Gespräch in der Hauptstadt versammelten.

Die Entdeckung der Jugend als Gegenstand von Politik, als diskursives Konzept und soziale Realität, als Phänomen der Devianz und gesellschaftlicher Hoffnungsträger erfährt in den letzten Jahren verstärkte Aufmerksamkeit in der Forschung.[1] Die Zwischenkriegszeit in Frankreich stand dabei allerdings bisher weniger im Fokus. Dieses Desiderats nimmt sich nun die Studie von Susan B. Whitney an. Sie interpretiert die Jahre zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg als Phase der krisenhaften Konfrontation der politischen Strukturen des 19. mit den sozialen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Denn anders als in anderen Ländern habe der französische Staat nur eine minimale Rolle in der Mobilisierung und Formierung der Jugend gespielt. Erst die Volksfrontregierung habe sich des Themas Jugend angenommen, um in der internationalen Konkurrenz zu Bolschewismus, Faschismus und Nationalsozialismus die Effektivität einer demokratischen Organisation der Jugend zu demonstrieren. Ihre Erfolge aber blieben, wie gesehen, minimal.

Die Aufmerksamkeit für die Jugend in Frankreich war zu diesem Zeitpunkt gleichwohl ähnlich hoch wie in anderen Gesellschaften – doch die Charakteristik der französischen Jugendpolitik erschließt sich, so Whitneys Argumentation, erst, wenn man ihre Fragmentierung berücksichtigt. Die entscheidenden Impulse kamen von nicht-staatlichen Akteuren. Ein vielgestaltiges Feld politischer und konfessioneller Jugendbewegungen konkurrierte um die Jugend als gesellschaftliche Kraft der Gegenwart und als Versprechen auf die Zukunft. Whitney konzentriert sich in ihrer Studie auf zwei Organisationen von Kommunismus und Katholizismus, die um 1936 beide eine Mitgliederstärke von etwa 100 000 erreichten: die Jeunesse Communiste (J.C.) die Jeunesse Ouvrière Chrétienne (J.O.C.) mit ihren jeweiligen weiblichen Ablegern, der Union des Jeunes Filles de France (U.J.F.F.) einerseits sowie der Jeunesse Ouvrière Chrétienne Féminine (J.O.C.F.) andererseits.

Whitney setzt sich zum Ziel, „die Bedeutung von Alter und Generation in der Politik der Zwischenkriegszeit“ (S. 5) zu ermitteln und zugleich eine „Sozialgeschichte der Jugend“ in dieser Phase (S. 11) vorzulegen. Ihre archivgestützte Analyse aber bietet vor allem eine genaue Darstellung der inneren Entwicklung der beiden Jugendbewegungen, deren Auswahl leider nicht näher begründet wird. Die kommunistische Jugendorganisation steht dabei im Zentrum und bildet unausgesprochen die Folie, vor der die Geschichte des katholischen Gegenübers geschrieben wird. In den sieben grob chronologisch organisierten Kapiteln verfolgt Whitney zunächst die Entstehungsgeschichte von J.C. und J.O.C., deren führende Mitglieder von der Erfahrung des Ersten Weltkrieges geprägt waren. Sie wirft dann einen genaueren Blick auf die geschlechterspezifische Politik der J.O.C. sowie auf die Bedeutung des Aufstiegs des Faschismus für die Intensivierung des kommunistischen Interesses an der Jugend. Schließlich wird die Volksfrontzeit als jener Moment untersucht, an dem die kommunistische Jugendorganisation eine breit angelegte Inklusionspolitik zu verfolgen begann, während sich die J.O.C. gegenüber der Volksfront eher zurückhaltend verhielt. Insbesondere für die Kommunisten bildete diese Phase den entscheidenden Übergang zur Massenpolitik: Sie widmeten den Bereichen von Freizeit, Sport, Kino, Medien oder Tourismus, die sie zuvor mit Skepsis oder unter einer eng gefassten pädagogischen Perspektive betrachtet hatten, erhöhte Aufmerksamkeit als Strategien der Mobilisierung der jugendlichen Massen. Die Studie endet schließlich relativ abrupt um das Jahr 1939, das Whitney nicht ganz überzeugend als Endpunkt der dynamischen Phase der Jugendorganisation in Frankreich bezeichnet.

Anschlussfähig ist Whitneys Studie insbesondere für die Ergebnisse neuerer Forschungen zur politischen Kultur in Frankreich, welche die Gemeinsamkeit wichtiger Deutungs- und Handlungsmuster bei politisch divergierenden Akteuren in der Zwischenkriegszeit betonen.[2] Der Blick auf die „Jugend“ verband beide Seiten, führte dazu, dass sich diese Idee eines spezifischen Lebensalters zu einer politischen Wirklichkeit verdichten konnte und brachte erstaunlich ähnliche Strategien auf beiden Seiten mit sich. Auf dieser Basis waren Verflechtungen und Konversionen möglich, die Whitney vor allem am Beispiel katholischer Aktivistinnen, deren Wege in den Kommunismus führten, aufzeigt. Um solche Überlagerungen, aber auch die Grenzen des jeweils im Hinblick auf die Jugend Sag- und Machbaren zu verstehen, wäre es allerdings sinnvoll gewesen, begriffsgeschichtliche Überlegungen einzubeziehen und das zeitgenössische Diskursfeld mitzudenken, in dem sich die jugendpolitischen Aktivisten von J.C. und J.O.C. bewegten.

Grundsätzlich ist ein Problem der Studie, dass sie sich im Hinblick auf ihren analytischen Ansatz nicht klar entscheidet. Der Vergleich zwischen den beiden Akteursfeldern wird weder systematisch angelegt noch ausgewertet. Die sich für diese komparative Perspektive anbietenden analytischen Konzepte von Generation, Geschlecht und Nation werden angerissen, aber nicht ernsthaft verfolgt. Am ehesten gelingen Whitney grundlegende Erkenntnisse dort, wo sie ein geschlechterhistorisches Narrativ verfolgt. Hier kann sie zeigen, dass die 1928 gegründete J.O.C.F. zwar von traditionellen Moralvorstellungen ausging, gleichzeitig aber den weiblichen Mitgliedern – im Unterschied zur J.C. – eine eigenständige soziale Rolle zuschrieb, die über die Unterstützung des männlich dominierten politischen Kampfes hinausreichte. Frauen wurden ermutigt, einen Charakter zu entwickeln und diesen politisch einzusetzen. Die Kommunisten hingegen entdeckten die Notwendigkeit einer genuinen Frauen- und Familienpolitik erst verspätet, im Rahmen ihrer Volksfrontstrategie.

Der Fokus der „Generation“, den Whitney eingangs recht ausführlich einführt, bleibt demgegenüber in seiner analytischen Bedeutung blass. Dies ist umso bedauerlicher, als die generationelle Identität als Strategie der Selbstvergewisserung und Selbstinszenierung (in Abgrenzung, aber möglicherweise auch in Überlappung zur Vorstellung von der „Jugend“) gerade in der Zwischenkriegszeit eine hervorgehobene Bedeutung erlangte, und dies nicht nur in Frankreich. Die Forschungen zu den französischen Nonkonformisten und Personalisten[3], haben gezeigt, dass nicht die feste weltanschauliche oder politische Bindung an eine bestehende Institution wie den PCF oder die Katholische Kirche, sondern gerade die Freiheit von solchen Zugehörigkeiten für viele junge Aktivisten anziehend war. Für diese bildete das Deutungsmuster der Generation einen Ersatz bzw. eine alternative Selbstbeschreibung, die eine mobilisierende Wirkung jenseits institutioneller Strukturen entfalten – und in der Vichy-Zeit zu uneindeutigen politischen Biographien führen konnte. Die dem zugrunde liegende Weltanschauung wurde von jungen Intellektuellen entwickelt und von der bei Whitney im Fokus stehenden Arbeiterjugend rezipiert (S. 211) - insofern hätte eine genauere Reflexion des Verhältnisses zwischen diesen unterschiedlichen Exponenten der französischen Jugend dazu beigetragen, die Befunde der Studie in einen breiteren Forschungszusammenhang einzuordnen.

Die nationale Spezifik der französischen Mobilisierung der Jugend schließlich wird nur dort deutlich, wo Whitney die unmittelbare Interaktion mit internationalen Akteuren, etwa mit der Komintern, untersucht. Hier zeigen sich Konfliktlinien, die aus den besonderen politischen und sozialen Konstellationen in Frankreich rührten. Die Vielfalt der Initiativen, die Whitney eingangs als genuines Charakteristikum der französischen Jugendpolitik ausmacht, bildet sich hingegen in ihrer Studie nicht ab. Die faschistischen Jugendorganisationen oder die christlichen Sozialisten etwa erwähnt sie nur dort, wo sich ihre Protagonisten gegenüber diesen Strömungen abgrenzten. Laizistische Verbände, Jugendherbergsbewegungen, Pfadfinderschaft oder lebensreformerische Bünde kommen als eigenständige Akteure im Feld der Jugend gar nicht vor. Insofern bleibt am Ende offen, welche Eigenheiten der demokratisch ausgerichtete Umgang mit der Jugend in Frankreich im Vergleich zu seinen diktatorischen Antipoden besaß.

Die Studie von Susan B. Whitney stellt eine solide Forschungsleistung dar und macht deutlich, wie sich im Prisma der Jugend die großen Themen der Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts brachen. Dass die „Jugend“ im 20. Jahrhundert aber zu einer sozialen Konstruktion wurde, deren langfristige Wirkmacht sich erst aus dem vielschichtigen Zusammenspiel wissenschaftlicher, pädagogischer, medialer und politischer Interventionen ergab und deren historische Bedeutung sich nur begrenzt über die Nahsicht auf milieuspezifische Mobilisierungsversuche erschließt, wird zu wenig berücksichtigt. Hier ist auf weitere Forschungen zu hoffen, um die Erkenntnisse Whitneys mit den vorhandenen Forschungsergebnissen zur Jugendpolitik und Jugendkultur im 20. Jahrhundert in Beziehung setzen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Richard Ivan Jobs, Riding the New Wave. Youth and the Rejuvenation of France after the Second World War, Stanford 2007; Jaimey Fisher, Discipling Germany. Youth, Reeducation, and Reconstruction after the Second World War, Detroit 2007; Jon Savage, Teenage. The Creation of Youth Culture, New York 2007; Anne-Marie Sohn, Âge tendre et tête de bois. Histoire des jeunes des années 1960, Paris 2001; Anne E. Gorsuch, Youth in Revolutionary Russia. Enthusiasts, Bohemians, Delinquents, Bloomington 2000; Agnès Thiercé, Histoire de l’adolescence, 1850-1914, Paris 1999.
[2] Jessica Wardhaugh, In Pursuit of the People. Political Culture in France, 1934-1939, Basingstoke 2009.
[3] Vgl. Thomas Keller, Deutsch-französische Dritte-Weg-Diskurse. Politische Intellektuellendebatten der Zwischenkriegszeit, München 2001.

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Veröffentlicht am
18.10.2011
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