R. Schattkowsky u.a.: Kirche und Nation

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Titel
Kirche und Nation. Westpreußen, Galizien und die Bukowina zwischen Völkerfrühling und Erstem Weltkrieg


Autor(en)
Schattkowsky, Ralph; Osatschuk, Sergij; Wójtowicz-Huber, Bernadetta
Reihe
Studien zur Geschichtsforschung der Neuzeit 58
Erschienen
Anzahl Seiten
407 S.
Preis
€ 95,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Christian Maner, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die hier anzuzeigende Publikation geht aus einem von der Volkswagenstiftung geförderten und am Institut für Geschichte und Kultur der Deutschen in Nordosteuropa (Lüneburg) angesiedelten Projekt hervor. Sie ist ein Gemeinschaftsprodukt von drei Autoren und nimmt das Verhältnis von Kirche und Nation in Westpreußen (Ralph Schattkowsky), Galizien (Bernadetta Wójtowicz-Huber) und der Bukowina (Sergij Osatschuk) in den Blick. Ziel war es, ausgehend von gemeinsamen Fragestellungen zu verallgemeinerbaren Aussagen zu gelangen.

Das Verhältnis von Kirche und Religion zu Nation und nationalen Bewegungen stellt seit Jahren ein beliebtes und häufig bearbeitetes Forschungsthema dar, dem sich die Autoren stellen, indem sie Konfliktlinien „in ihrer Mehrschichtigkeit“ abzubilden versuchen, Mit den autorenschaftlich nicht näher gekennzeichneten ersten beiden Kapiteln wird in Theorie und Methode eingeführt, nachdem in der Einleitung die Relevanz des Verhältnisses von Religion und Nation herausgestrichen wurde. Dabei folgen die Autoren nicht der Gleichung, dass die Nation als die Religion der Moderne gelte. Die Nation sei nicht der Ersatz für den christlichen Glauben, sie trete vielmehr in Opposition zur Religion. Zentrale Elemente, die die Nation kennzeichnen und zugleich ausschlaggebend für die Beziehung Kirche-Nation erscheinen, wären die Moderne, die Massen und die Macht. Während im ersten Teil der Einleitung von Kirche und dem Verhältnis zur Nation gesprochen wird, wechselt im zweiten Teil die Begrifflichkeit zu Konfession und Nationalität ohne nähere Erläuterung, jedoch mit direktem Bezug zu den Untersuchungsregionen. Es wird deutlich, dass ein Augenmerk des Projekts auf der Phase der Nationalisierung lag. Besondere Aufmerksamkeit schenkt man der Gleichstellung von Nationalität und Konfession, der besonderen Berücksichtigung der ethnischen Zugehörigkeit bei der konfessionellen Bestimmung. Dies war insbesondere in Grenzregionen mit ethnischer Durchmischung von besonderer Bedeutung. Neben dem „äußeren“ national-konfessionellen Spannungsmoment verweist die Einleitung noch auf einen „inneren“ Konflikt zwischen Konfession und nationaler Bewegung.

Eine ausführliche Forschungsstandsanalyse durchleuchtet die wissenschaftliche Literatur zu den anvisierten Begriffen und Feldern. Sie reflektiert die Ergebnisse der neuen Nationalismusforschung, der Kirchen- und Religionsgeschichte im Kontext der neuen Sozialwissenschaften, betrachtet die Kirche in der säkularen Welt und namentlich das Verhältnis von Kirche und Nation. Einen besonderen Stellenwert nimmt in diesem Zusammenhang das „Forschungsfeld Ostmitteleuropa“ allgemein ein, bevor die drei Untersuchungsregionen gesondert betrachtet werden. Schließlich werden Zielsetzungen, Fragestellungen und methodische Ansätze als Aufgaben der Forschung skizziert, wobei die Überlegungen auf einer allgemeinen, übergeordneten Ebene bleiben. Selbst der letzte Absatz, in dem noch einmal auf zentrale Forschungsaspekte hingewiesen wird, kommt ohne direkten Bezug auf das konkrete Projekt aus. Folgende Schwerpunkte kristallisieren sich heraus: das Verhältnis von Kirche und Massen, die Frage der kirchlichen Kommunikation, das Verhältnis von kirchlichen und weltlichen Eliten, die Vergesellschaftung von Kirche und damit zusammenhängend die übergreifende Frage nach Identität.

Bezogen auf die Untersuchungsregionen Westpreußen, Galizien und Bukowina werden unter Berücksichtigung einer chronologischen Entwicklungslinie die konfessionellen und nationalen Verhältnisse, das Verhältnis Kirche und Moderne, die Verschränkung nationaler und religiöser Identität sowie die äußeren und inneren Konflikte dargestellt, wobei das Phasenmodell der Nationsbildung von Miroslav Hroch zum Tragen kommt. Auf nur wenige Seiten umfassende handbuchartige Auflistungen der konfessionellen und nationalen Verhältnisse folgen Ausführungen über die Stellung der Kirche zur Nation. Bis zum „Völkerfrühling“ - die dem Begriff durchaus innewohnende Problemhaftigkeit hätte schon verdeutlicht werden müssen – zeichneten sich alle drei Regionen durch fehlende Eindeutigkeit, durch gemischt-ethnische und -konfessionelle Bevölkerungen aus. Mit den Revolutionen von 1848 kam es dazu, dass sich die Kirche zunehmend als nationale Instanz identifizierte und so in die Konflikte involviert wurde: in Westpreußen Protestanten und Deutsche versus Katholiken und Polen, in Galizien Katholiken und Polen versus Unierte und Ukrainer in der Bukowina unter anderen griechisch-orthodoxe Ukrainer und Rumänen. In allen drei Fallbeispielen wird auch immer wieder auf die Juden hingewiesen, doch stehen diese, bedingt durch das Thema „Kirche und Nation“ natürlich nicht im Mittelpunkt. Der Prozess der Nationalisierung der Kirche wird für die jeweiligen Regionen Schritt für Schritt und differenziert betrachtet, so die Suche nach Eindeutigkeit, die komplexen Prozesse der Verschränkung von nationaler und religiöser Identität. Wesentlich zum Verständnis von Kirche und Nation ist die Darlegung des äußeren Konflikts, einmal zwischen polnischer Nation und Reichspolitik in Westpreußen, dann zwischen Polen und Ukrainern in Galizien und schließlich zwischen Rumänen und Ukrainern in der Bukowina. Zeitlich beendet der innere Konflikt die jeweilige Darstellung. In allen drei Fällen werden die inneren Auseinandersetzungen zwischen den weltlichen und religiös-konfessionellen Gruppierungen aufgezeigt.

Eine Sammlung von Dokumenten aus den verschiedenen Untersuchungsgebieten beschließt den Band. Neben Briefen, amtlichen Schreiben, Zeitungsberichten ab den 1860er-Jahren aus Berliner Archiven für Westpreußen finden sich amtliche und Zeitungsberichte ab 1845 aus den Archiven in Warschau, Lemberg und Wien für Galizien sowie Zeitungsartikel und verschiedene Berichte ab 1888 aus dem Czernowitzer Archiv. Es wäre durchaus sinnvoll und leserfreundlich gewesen, wenn die Autoren einleitend kurz darauf hingewiesen hätten, warum sie diese Quellen für die Publikation ausgesucht und welche Bedeutung sie im Zusammenhang des behandelten Themas haben.

Die Kombination der einzelnen Fallstudien stellt insgesamt eine dichte, literaturgesättigte und gute Projektpräsentation dar. Zu einem guten Buch fehlen jedoch noch einige grundlegende Bausteine: zunächst eine Schlussbetrachtung, die die Ergebnisse zusammenfasst und die Mehrwertfrage reflektiert. Des Weiteren ist es einfach schade, dass die beeindruckenden Mengen an Literatur, aus denen sich die Anmerkungen speisen, nicht noch einmal gesondert bibliographisch zusammengetragen worden sind. Dieses Manko wird eine weitere Arbeit mit dem Buch erschweren. Ebenso bedauernswert ist das Fehlen eines Registers. Schließlich sei es erlaubt, ein Wort zum Preis des Buches zu äußern, denn der entscheidet neben dem Inhalt nicht unwesentlich über dessen Verbreitung. 95,00 EUR für eine Paperbackausgabe ohne besondere Aufmachung erscheinen arg überteuert.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.05.2010
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