L. A. Tritle: A New History of the Peloponnesian War

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Titel
A New History of the Peloponnesian War.


Autor(en)
Tritle, Lawrence A.
Erschienen
Oxford u.a. 2010: Wiley-Blackwell
Anzahl Seiten
XXVI, 287 S.
Preis
£ 26,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iris Samotta, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Wie es dem Titel des zu rezensierenden Buches zu entnehmen ist, hat sich Lawrence A. Tritle mit seiner aktuellen Monographie das Ziel gesetzt, eine neue Geschichte des Peloponnesischen Krieges zu schreiben. Vorläufer ist das von Tritle als Einführungslektüre konzipierte Werk „The Peloponnesian War“ aus dem Jahre 2004 (S. XIX).[1] Mit der vorliegenden Studie möchte Tritle seine Argumentation vertiefen und neben dem studentischen Leserkreis auch die Fachleute erreichen. Sein Anliegen ist es, nicht nur eine neue Gewichtung der Ereignisse durch eine kritische Lektüre des Thukydides zu erzielen, sondern auch die Schrecken des Krieges und seiner Folgen stärker als bislang üblich in den Fokus zu rücken.

Wie schon die umfangreiche Literaturauswahl (S. 263–274) erkennen lässt, bewegt sich Tritle, ein ausgewiesener Kenner der Materie [2], dabei nicht nur auf dem altertumswissenschaftlichen Terrain, sondern bezieht in hohem Maße auch die Erkenntnisse der modernen psychosozialen Erforschung kriegsbedingter Traumata mit ein.[3] Das führt ihn dazu, im Rahmen seiner Präsentation des Peloponnesischen Krieges eher sozialanthropologisch zu nennende Schwerpunkte zu setzen. Schon die Auswahl der Kapitelüberschriften, vornehmlich Zitate aus dem Werk des Thukydides, zeigt seine Vorgehensweise, sich zwar am chronologischen Ablauf der historiographischen Darstellungen des Thukydides und des Xenophon (für die Zeit ab 411 v.Chr.) zu orientieren, jedoch die Wirkung des Krieges auf die Akteure und ihr Umfeld intensiver als das Kriegsgeschehen selbst zu behandeln. Desgleichen wird dem Leser sehr schnell klar, dass es sich bei Tritles Sujet weniger um die von militärischen Auseinandersetzungen, aber auch von längeren Friedensphasen geprägte zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v.Chr. handelt, die wohl erst seit dem 4. Jahrhundert v.Chr. als ‚Peloponnesischer Krieg‘ bezeichnet wurde, sondern um die thukydideische Nachzeichnung und Deutung jener Ereignisse (S. 242). Die Konzentration auf Thukydides ist hierbei folgerichtig, wenn man beispielsweise dessen historiographische Behandlung der Ereignisse auf Melos, Mytilene, Korkyra oder Sizilien in Betracht zieht. Tritle erweist sich als kluger und auch mitfühlender Nachfolger in Bezug auf die moralische Sichtweise des Thukydides, wobei anzumerken ist, dass beide Autoren ohne den ‚erhobenen moralischen Zeigefinger‘ auskommen.

Gleichzeitig nutzt Tritle in jedem Kapitel einen Querschnitt der dramatischen Werke, die im genannten Zeitraum zur Aufführung kamen, um den ‚Zeitgeist‘ jener Jahre zu verdeutlichen. Seine Auswahl macht deutlich, inwieweit die Kriegsereignisse ihre Spuren im kulturellen Leben Athens hinterlassen haben: Insbesondere gilt sein Interesse den ‚zivilen‘ Opfern, also den Frauen bzw. Witwen und Kindern bzw. Waisen der siegreichen, aber auch geschlagenen Soldaten, den ‚militärischen‘ Opfern, den Gefallenen und den traumatisierten Kriegsheimkehrern, sowie der Verrohung der griechischen politischen Landschaft im Allgemeinen. Die Abbildungen in dem graphisch sehr ansprechend gestalteten Band lassen erkennen, dass der eigentliche Protagonist von Tritles Monographie der einfache Soldat mitsamt seiner Familie ist. Da historiographische Quellenzeugnisse für diesen kaum vorliegen, ist die Personenzeichnung der dramatischen Aufführungen jener Jahre (so etwa „Ödipus“, „Antigone“ oder „Lysistrata“), aber auch die der bildenden Kunst, wie etwa auf Grabdenkmälern oder der Vasenmalerei, zu Recht von vorrangiger Bedeutung. Durch kontinuierliche Vergleiche mit der modernen Untersuchung des psychosozialen Themenfeldes Krieg, vor allem in Bezug auf den Vietnam-Krieg, und dem militärischen Engagement der USA in Irak, erfährt der Peloponnesische Krieg in Tritles Behandlung eine neue Dimension jenseits der politisch-militärischen Betrachtungsweise.

Demgegenüber bleibt seine Darstellung der politischen Situation im Konventionellen verhaftet: In Auseinandersetzung mit der im anglo-amerikanischen Forschungsbereich immer noch stark rezipierten These von De Ste Croix [4], die den Spartanern die Hauptschuld am Kriegsausbruch zuspricht, da sie in ihrem politischen Spielraum durch die andauernde Helotengefahr eingeschränkt waren und somit stärker auf die militärischen Forderungen ihrer Bündnispartner eingehen mussten, betont auch Tritle meines Erachtens die Helotenproblematik zu sehr (z.B. S. 4, 10, 13, 86f. u. 95–97), wobei er allerdings gegen De Ste Croix argumentiert (S. 25–43) und den Athenern und ihrem „enthusiasm for war“ (S. 38) die Schuld zuspricht, eine militärische Auseinandersetzung billigend in Kauf genommen zu haben. Neben der von beiden Kontrahenten abgelehnten Möglichkeit eines Schiedsspruches (S. 29–35: „arbitration“) führt laut Tritle die latente Kriegsbegeisterung insbesondere der jüngeren Generation (S. 37: „war hysteria“), die er mit der europäischen Euphorie beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges vergleichen möchte, zu einer Akzeptanz der perikleischen „grand strategy“ (S. 36). Auffallend ist, dass Tritle hier die Rolle des Perikles überbewertet (z.B. S. 8–57), wie er auch das ‚Phantom‘ eines „imperial Athens“ (z.B. S. 8, 11, 15, 59, 70 u. 132) in jenen Jahren als ‚Erfolgsgeschichte‘ nach den Perserkriegen überdimensioniert (S. 11: „Sparta remained an old-fashioned tribal community […] Athens, however, was becoming increasingly a ‚modern‘ state“).

Man merkt dem im besten wissenschaftlichen Sinne unterhaltsam geschriebenen Buch die Absicht des Autors deutlich an, auch einen weniger informierten Leserkreis für sein Sujet zu begeistern. Neben einer wohlgestalteten tabellarischen Chronologie (S. XIII–XVIII) und ausführlichen Appendices zur Quellenlage (S. 243–247), den handelnden Personen (S. 248–257) und Termini Technici (S. 258–262) fällt eine Fülle von modernen Analogien auf, die dem nicht beschlagenen Rezipienten die antike Lebenswelt plastisch vor Augen führen soll. Manches ist außerordentlich treffend (z.B. S. 17, 103, 127f., 159f. u. 241), anderes wirkt überenthusiastisch aktualisiert (S. 32, 36f., 51 u. 93), manches (unfreiwillig) komisch (S. 136: „The Summer Olympics, 416“). Die Diversität seines Zielpublikums führt Tritle allerdings auch an manchen Stellen zu gewissen Widersprüchen, so etwa bei der Behandlung der Aspasia (S.14 u. 249). Positiv zu würdigen sind die lebensnahen Übersetzungen der antiken Quellentexte (z.B. S. 206 u. 220), die den akademischen Anfängern das Verständnis erleichtern, aber – ebenso wie Tritles pointiert-lakonischer Schreibstil – dem Fachpublikum keine Leichtigkeit des Autors im Umgang mit der Materie suggerieren sollten. Sein Engagement ist nicht zuletzt auf seine eigenen Kriegserfahrungen zurückzuführen, die ihn laut eigener Aussage sensibler für das Leben und auch das Überleben in Kriegssituationen machen; doch sollte er seine Fachkollegen ohne diese Erfahrung nicht geringer schätzen (S. XXII).

Insgesamt gesehen hat Tritle keine ‚neue‘ Geschichte des Peloponnesischen Krieges verfasst, doch sicherlich eine ‚andere‘ Geschichte, beeinflusst durch die moderne Sicht auf die zivile und militärische Ressource ‚Mensch‘ im Kriegseinsatz. Es ist das große Verdienst des Buches, in Anknüpfung an die kritische Betrachtung der Kriegsführung des 20. und 21. Jahrhunderts die Leidenden dieses antiken ‚Weltkrieges‘ erstmals umfassend und allgemein gültig in den Vordergrund gerückt zu haben. Es ist eine äußerst empathische Studie, die niemals sentimental wirkt, gleichzeitig ein höchst aktueller Beitrag, der den Krieg und seine Auswirkungen von den Schlachtfeldern holt und ihn in die Häuser, auf die Agora und ins Theater transportiert. Folgerichtig lässt Tritle seine Darstellung nicht mit der athenischen Niederlage 404 enden, sondern mit dem Tod des Sokrates 399 (S. 233 u. 241), für ihn das letzte große Opfer des Krieges.

Anmerkungen:
[1] Lawrence A. Tritle, The Peloponnesian War, Santa Barbara 2004.
[2] Vgl. auch Lawrence A. Tritle, From Melos to My Lai. War and Survival, London 2000.
[3] Beispielhaft seien auf zwei Werke verwiesen, die laut Tritle seine eigenen Forschungen anregten (S. XIX): Jonathan Shay, Achilles in Vietnam. Combat Trauma and the Undoing of Charakter, New York 1995; ders., Odysseus in America. Combat Trauma and the Trials of Homecoming, New York 2003.
[4] Geoffrey E. M. De Ste Croix, The Origins of the Peloponnesian War, London 1972.

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Veröffentlicht am
26.07.2010
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