Cover
Title
Italy and 1968. Youthful Unrest and Democratic Culture


Author(s)
Hilwig, Stuart J.
Published
Basingstoke 2009: Palgrave Macmillan
Extent
185 S.
Price
€ 58,87
Reviewed for H-Soz-Kult by
Mirjam Neusius, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Betrachtet man die aktuellen Diskussionen um die geplante Bildungsreform in Italien und erinnert sich an die Straßenschlachten, die sich Studenten und Polizeikräfte im Dezember vergangenen Jahres lieferten[1], so kann man der Studie von Stuart J. Hilwig „Italy and 1968. Youthful Unrest and Democratic Culture“ eine gewisse Aktualität bescheinigen. Denn ähnlich wie Hilwig für die Studentenproteste 1968 nachweist, dass sich die Kritik an den universitären Missständen schnell zu einer generellen Kritik an der italienischen Politik erweiterte, die nationale und internationale Themen mit auf die Protestagenda nahm (S. 12ff.), verbindet sich auch der derzeitige Protest gegen die Bildungsreform von Ministerin Gelmini meist mit einer generellen Kritik an den politischen Verhältnissen im Land, insbesondere aber mit der Empörung über Ministerpräsident Berlusconi.[2]

Im Mittelpunkt der Studie, die aus der Dissertation Hilwigs hervorgegangen ist, steht jedoch in erster Linie die Frage, wie das italienische Sessantotto nicht von den Protagonisten selbst oder von den sie unterstützenden Gruppen (Linksintellektuelle, Gewerkschaften, Linksradikale) gesehen und wahrgenommen wurde, sondern von den von Hilwig unter „Establishment“ zusammengefassten Gruppen. Hierzu zählt er die Universitätsleitungen, die Polizei, aber auch die Eltern der Studierenden sowie die nicht an den Protesten teilnehmenden Studenten und Teile der Arbeiterschaft (S. IX). Bei seiner Untersuchung verknüpft er einen lokalgeschichtlichen Ansatz mit der Methode der Oral History: Seine Studie behandelt als Fallbeispiel die Universität Turin [3]; ein Großteil seines Quellenmaterials sind Interviews, die er mit Vertretern des Turiner „Establishments“ geführt hat.

In der Einführung beschreibt Hilwig die verschiedenen Erklärungsansätze, die man in den vergangenen Jahrzehnten zu dem Phänomen 1968 entwickelt hat und diskutiert deren jeweiliges Erkenntnisinteresse. Für die späten 1980er-Jahren macht Hilwig einen Paradigmenwechsel in der Forschung zur 1968er-Bewegung aus, der nicht zuletzt darin bestand, dass sich nun zunehmend auch die historische Forschung des Themas annahm (S. 6). Durch die Untersuchung und Befragung maßgeblicher gesellschaftlicher und politischer Akteure der Jahre 1968/69 strebt Hilwig eine komplexere Darstellung der Ereignisse an, als er sie dem Großteil der sich mit diesem Thema auseinandersetzenden Literatur attestiert.[4] Zu seinen Quellen gehören neben den Interviews, die er in den Jahren 1997 bis 2002 geführt hat, auch die Protokolle des Akademischen Senats der Universität Turin und die Akten der Turiner Präfektur. Dazu kommen relevante Unterlagen und Debattenbeiträge des italienischen Parlaments zur Universitätsreform. Darüber hinaus wird die Berichterstattung verschiedener Tageszeitungen analysiert.

Das erste Kapitel der Studie des in Alamosa, Colorado, lehrenden Historikers führt zunächst allgemein in den historischen Zusammenhang ein. Hilwig beschreibt die Vorgeschichte des Protestes und erläutert die wichtigsten Ereignisse der italienischen Studentenbewegung von 1967 bis 1968.

Im zweiten Kapitel zeichnet er die Ereignisse von Februar 1967 bis zum Sommer 1968 anhand einer detaillierten Analyse der Protokolle des Akademischen Senats der Universität Turin nach und arbeitet so die unterschiedlichen Positionen innerhalb der Professorenschaft heraus.

Thema des dritten Kapitels sind die Reaktionen von drei spezifischen Gruppen auf die Turiner Studentenbewegung. Obwohl außerhalb der Universität angesiedelt, hatten – so Hilwigs Argumentation – sowohl die örtliche Polizei und die Carabinieri, die FIAT-Arbeiterschaft, aber auch die Kirche und deren örtliche Vertreter intensive Kontakte zu den demonstrierenden Studenten. Allen genannten Gruppen attestiert Hilwig jedoch ein gespaltenes Verhältnis zu den Protesten. Sowohl für die Mehrheit der Polizei, die sich größtenteils aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung rekrutierte, als auch für die Arbeiter von FIAT galten die Studenten in erster Linie als Kinder aus gutem Hause (figli di papà), deren Lebens- und Vorstellungswelten nicht mit den eigenen in Übereinstimmung gebracht werden konnte. Unter den Vertretern der Kirche machten sich reformerische Geistliche durchaus für die Ziele der Studenten stark; demgegenüber standen jedoch konservative Kräfte, die strikt gegen die studentischen Forderungen argumentierten.

Im vierten Kapitel analysiert Hilwig die Berichterstattung über die Studentenunruhen in der Tagespresse. Als Vertreter der konservativen, gegen die Studenten gerichteten Presse untersucht Hilwig die Turiner Zeitung La Stampa, den Corriere della sera aus Mailand sowie die Vatikan-Zeitung Osservatore Romano. Die aus Protest gegen die Berichterstattung von La Stampa von den Studenten ins Leben gerufene L’Antistampa sowie die Unità, die Zeitung der kommunistischen Partei, werden als Befürworter der Forderungen der Studenten untersucht. Hilwig kommt zu dem Ergebnis, dass die Presse einerseits maßgeblich daran beteiligt war, aus lokalen Begebenheiten eine nationale Bewegung zu formen, dass andererseits aber gerade die konservative Presse in hohem Maße an der Stigmatisierung der Studentenbewegung beteiligt war.

Im fünften Kapitel untersucht Hilwig schließlich die Reaktion der italienischen Politik auf die Studentenproteste. Hier erinnert er zunächst an die seit Beginn der 1960er-Jahre immer wieder gescheiterten Versuche einer Universitätsreform, die erst mit den zunehmenden Unruhen im Herbst 1967 tatsächlich an die Spitze der politischen Agenda gelangte. Zwei Visionen eines künftigen Bildungssystems wurden in den Parlamentsdebatten diskutiert: Christdemokraten, Sozialisten und Neofaschisten favorisierten ein Modell, bei dem die traditionelle Elite-Universität erhalten bleiben und die Zugangsvoraussetzungen weiterhin stark reglementiert werden sollten. Das von Kommunisten, Liberalen und einer Minderheit der Sozialisten favorisierte Modell sah dagegen eine Demokratisierung der Universität vor, durch die Angehörigen aller sozialer Schichten der Zugang zur Universität ermöglicht werden sollte.

Mit dem fortschreitenden und sich radikalisierenden Protest der Studenten zu Beginn des Jahres 1968 wurden auch die Debatten im Parlament emotionaler. Während das Regierungslager auf eine schnelle Verabschiedung der seit 1965 diskutierten Gesetzesvorlage des Erziehungsministers Luigi Gui drängte, echauffierten sich Kommunisten und Sozialisten über die zunehmend gewaltsamen Polizeieinsätze und verlangten Aufklärung von der Regierung. Das endgültige Aus für das Gui-Gesetz stellten die heftigen Ausschreitungen in der Valle Giulia in Rom am 1. März 1968 dar. Die Koalition aus Christdemokraten und Sozialisten entzweite sich in der Beurteilung des Polizeieinsatzes, eine Mehrheit für die Verabschiedung des Gesetzes konnte nicht mehr gefunden werden. Mit der Abwahl der Regierung Moro im Mai 1968 wurde somit auch das Gui-Gesetz zu Grabe getragen. Erst anderthalb Jahre später, im Dezember 1969, wurde schließlich eine Hochschulreform verabschiedet. In ihr wurde unter anderem die formelle Öffnung der Universitäten für alle sozialen Schichten vorgeschrieben, ebenso wurde der Zugang auch jenen Studenten ermöglicht, die zuvor nicht den klassischen Bildungsweg durch das liceo classico durchlaufen hatten. Mit diesen Reformen schuf man jedoch zugleich die Voraussetzungen für die Probleme, mit denen die italienischen Universitäten bis heute zu kämpfen haben: Wie die eingangs erwähnten, gegenwärtigen Demonstrationen zeigen, geht es auch heute noch um eine bessere Finanzierung der Universitäten, um mehr Lehrpersonal und um die Gewährleistung des Zugangs zu höherer Bildung auch für Kinder aus sozial schwachen Familien.

Mit seiner Studie liefert Hilwig einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierteren Sicht auf die italienische Studentenbewegung. Seine Untersuchung des „Establishments“ zeigt, dass sich Unterstützer der studentischen Forderungen auch bei jenen fanden, die gemeinhin als Gegner stilisiert wurden. Gleichzeitig gelang es den Studenten nicht immer, vermeintlich Gleichgesinnte von den eigenen Forderungen zu überzeugen.

Abschließend seien nur zwei Kritikpunkte erwähnt, die im Wesentlichen formalen Charakter haben: Die im Band abgedruckten Foto-Reproduktionen sind von einer teilweise sehr schlechten Qualität. Dies ist umso bedauerlicher, als gerade in der Analyse der Tagespresse immer wieder auf die Pressefotos Bezug genommen wird, um die selektive Berichterstattung und die Stigmatisierung der Studenten zu belegen. Hier wäre eine sorgfältigere Reproduktion wünschenswert gewesen. Außerdem hätte eine separate Auflistung der Interviews am Ende des Bandes den Vorteil gehabt, sich über diesen Teil des Quellenmaterials schneller informieren und seine Relevanz besser einordnen zu können. Die Einordnung der einzelnen Interviews in die abschließende Gesamtbibliographie wirkt irritierend und unübersichtlich.

Dies schmälert jedoch den Wert der Studie nicht: Hilwigs Monographie ist eine gut lesbare Einführung in die Geschichte des Studentenprotestes an der Universität Turin in den Jahren 1967 bis 1969, die einmal nicht aus der Perspektive der studentischen Helden geschrieben ist, sondern vor allem die Reaktionen der Gegenseite untersucht. Sie kann als eine interessante lokalgeschichtliche Ergänzung zu den existierenden Standardarbeiten zum Sessantotto gelesen werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zu dem abgelehnten Misstrauensvotum und den anschließenden Protesten: <http://www.faz.net/artikel/C31325/misstrauensvotum-mit-tumulten-berlusconi-bleibt-im-amt-ein-erkaufter-sieg-30321828.html> (13.07.2011).
[2] Als Beispiel hierfür können die Demonstrationen vom 12. März 2011 gelten. Hier vermischten sich der generelle Protest gegen die Regierung mit dem konkreten Protest gegen die Reformpläne im Bildungssystem, vgl. <http://www.repubblica.it/politica/2011/03/12/news/un_milione_di_italiani_in_piazza_per_difendere_costituzione_e_scuola-13524024/?ref=HREC1-2> (13.07.2011).
[3] Anders als in Frankreich, wo Paris die leitende Rolle in der Studentenbewegung einnahm, lag das Herz der italienischen Studentenbewegung in den norditalienischen Industriestädten und hier hatte Turin die stärkste industrielle, aber auch antifaschistische Tradition, vgl. S. 58f.
[4] Der Überblick über die Forschungsliteratur umfasst die maßgeblichen englischsprachigen, italienischen sowie auch deutschen Studien zum Thema, vgl. S. 6-11.

Editors Information
Published on
28.07.2011
Contributor
Classification
Temporal Classification
Regional Classification
Additional Informations
Language Publication
Language Contribution