H. v. Thiessen u.a. (Hrsg.): Außenbeziehungen

Cover
Titel
Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel


Herausgeber
von Thiessen, Hillard; Windler, Christian
Reihe
Externa. Geschichte der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven 1
Erschienen
Köln 2010: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
546 S.
Preis
€ 74,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Bühring, Institut für Historische Landesforschung, Georg-August-Universität Göttingen

Die Diplomatiegeschichtsschreibung hat, ebenso wie die Geschichte der internationalen Beziehungen allgemein, in den letzten beiden Jahrzehnten notwendige Neuerungen erfahren. Sie steht heute nicht mehr in der „theoriefernen Schmollecke“ (S. 1), wie die Herausgeber des vorliegenden Bandes pointiert formulieren. Hillard von Thiessen und Christian Windler leiteten bereits 2004 auf dem Kieler Historikertag eine Sektion, die sich ihrem Anliegen widmete[1], nämlich der „selbstverständliche[n] Einbettung der Erforschung der Geschichte der Außenbeziehungen in die Entwicklung und Vielfalt der historischen Forschung insgesamt“ (S. 11). „Akteure der Außenbeziehungen“ geht nun auf eine im März 2008 in Bern abgehaltene Tagung zurück[2] und vereinigt nicht weniger als 25 Aufsätze namhafter wie junger Historikerinnen und Historiker.

Unter der Überschrift „Verflechtung und personale Netzwerke“ sind sechs Beiträge zusammengefasst, die verdeutlichen, wie sehr die Akteure frühneuzeitlicher Außenbeziehungen nicht nur als Repräsentanten ihres Fürsten handelten, sondern in privaten wie diplomatischen Aktivitäten auf personale Netzwerke zurückgriffen. Wolfgang Reinhard plädiert mit zwei Fallbeispielen, die auf seinem Buch zu Papst Paul V. Borghese basieren[3], für ein Verständnis von Außenverflechtungen unter Zuhilfenahme eines Modells konzentrischer Kreise, um eine isolierte Betrachtung von Innen- oder Außenpolitik zu vermeiden, und zeigt auf, welches Handlungspotential eine mikropolitische Vernetzung haben konnte. Auf eben dieses Modell bezieht sich auch Andreas Würgler, da seiner Ansicht nach die Außenbeziehungen der Schweizer Eidgenossenschaft nicht ohne Berücksichtigung der inneren Konstituierungsbedingungen des Bundes analysiert werden können. Er macht deutlich, dass trotz multipler Kontrollverfahren von Schweizer Gesandten in der Frühen Neuzeit der Rückgriff auf persönliche Kontakte ein beinahe unumgänglicher Schritt jeder Schweizer Gesandtschaft war. Zwar lassen sich Würgler zufolge weder Netzwerke noch Kontrollmechanismen in ihrer Wirksamkeit messen, die Kontrollversuche hingegen gehören „zu den deutlichsten Belegen für die von den Zeitgenossen befürchtete Wirksamkeit personaler Verflechtungen“ (S. 93). Dem Sonderfall der Eidgenossenschaft widmet sich auch Daniel Schläppi. Er beschreibt am konkreten Beispiel des äußerst komplexen Verflechtungsnetzes der Zuger Familie Zurlauben die Akteure als Schnittstellen dynamischer Interaktion zwischen den aufgrund plebiszitärer Elemente teilweise unberechenbaren innerschweizerischen Strukturen und den Außenbeziehungen. Arne Karsten und Christian Kühner führen in ihren Beiträgen zu Kardinal Bernardino Spada bzw. dem Grand Condé vor, wie die persönlichen Interessen von Diplomaten deren außenpolitisches Handeln prägen konnten.

Die ersten drei Beiträge zu Theorie und Praxis der Diplomatie widmen sich den Veränderungen innerhalb des Gesandtschaftswesens in der Frühen Neuzeit. Jean-Claude Waquet beschreibt anhand von Traktatliteratur und Korrespondenzeditionen eine Wandlung in den Ansprüchen an Diplomaten: vom mittelalterlichen orator zum négociateur und um 1800 zum Diplomaten; von der öffentlichen Rede über die face-to-face-Interaktion hin zu einem Begriff, der auf die Wissenschaft der Verträge verweist. Diese zweite Übergangsphase leuchten Christine Lebeau anhand der Staatswissenschaften in Frankreich und der österreichischen Monarchie 1750-1820 und Sven Externbrink in Überlegungen zur Beziehung von Humanismus, Gelehrtenrepublik und Diplomatie genauer aus. Sie zeigen die Mechanismen und Auswirkungen der allmählichen Trennung von frühneuzeitlichem Gesandten und späterem Fachdiplomaten. Markus Mößlang ergänzt für den Zeitraum 1815 bis 1914 Erkenntnisse zur Ausgestaltung des lokalen Kommunikationsraumes durch britische Gesandte in den deutschen Einzelstaaten, wobei er sich an einer Kulturgeschichte der Diplomatie orientiert. Deutlich programmatischer sind die grundsätzlichen und präzise ausgeführten Überlegungen Johannes Paulmanns zum Internationalismus im 19. Jahrhundert. Er zieht ihn aufgrund seiner „Quellen- und Akteursnähe“ (S. 197) Analysekonzepten wie der Globalisierung vor und stellt sechs Thesen zu Grundlagen und Rahmenbedingungen auf. Aus seiner damit verbundenen Kritik am Verflechtungskonzept nimmt er personale Netzwerke, wie sie den ersten Teil des Sammelbandes dominieren, explizit aus. Stattdessen plädiert er für eine akteurszentrierte Arbeit, die sich am Ansatz der Gouvernance-Forschung orientiert.

Gewissermaßen als Auftakt für die Beiträge zum Thema „Gender“ macht Katrin Keller deutlich, dass die Diplomatiegeschichte sich erst spät mit Frauen als eigenständigen Akteurinnen auseinanderzusetzen begann und nach wie vor die Beschäftigung mit Ausnahmeerscheinungen vorherrscht. Sie plädiert stattdessen dafür, dies als strukturelles, in der rechtlichen und sozialen Stellung von Frauen in einer höfischen Gesellschaft verankertes Phänomen zu untersuchen. Sie schränkt jedoch ein, dass sie den Aspekt der Strukturalität nicht überstrapazieren möchte, und weist darauf hin, dass potentielle Handlungsmöglichkeiten nicht unbedingt genutzt wurden. Und so sind es in den Beiträgen von Corina Bastian zur Princesse des Ursin am Hof Philipps V. von Spanien und von Eva Kathrin Dade zur Rolle der Madame de Pompadour beim renversement des alliances doch wieder Ausnahmeerscheinungen, die ins Blickfeld gerückt werden. Gleichwohl gelingt es Bastian, die strukturellen Bedingungen im höfischen Kontext zu beleuchten und damit über den Sonderfall hinaus Erkenntnisse zu gewinnen. Der Themenkomplex schließt mit Malte Prietzels Aufsatz über burgundische Herzoginnen im Spätmittelalter, der die Voraussetzungen für ihren wesentlichen Beitrag zur Entstehung des politischen Gebildes Burgund aufzeigt.

Wolfgang Kaiser widmet sich in seinem Aufsatz zur Interkulturalität dem Miteinander von Christen und Muslimen im Mittelmeerraum der Frühen Neuzeit. Er stellt die Frage, ob Konzepte wie Hybridität oder middle ground auf die zahlreichen als „Virtuosi“ (S. 309) bezeichneten Akteure dieses Raumes anwendbar sind. Dass dies aufgrund des Mangels an hybridem Neuem nicht der Fall ist, wird klar herausgearbeitet; sein Vorschlag, von „multiplen Identitäten“ (S. 313) zu sprechen, bleibt aber unscharf. Marie-Karine Schaub referiert die verschiedenen Phasen der Wahrnehmungen und Diplomatiepraktiken im französisch-russischen Verhältnis zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert und die zentrale Rolle, die Gesandten und ihre Berichten für die allgemeine Wahrnehmung Russlands in Frankreich zukam. Anhand der Beziehungen zwischen der Hanse und Spanien im 16. und 17. Jahrhundert macht Thomas Weller mit explizitem Bezug auf die von den Herausgebern geforderte Einbeziehung der Akteursebene erneut deutlich, dass frühneuzeitliche Außenbeziehungen nicht als Staatenbeziehungen betrachtet werden können. Aus dem kolonialen Kontext stammt Alexander Keeses Fallbeispiel der vermittelnden Rolle britischer Gesandter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Sierra Leone. Er arbeitet heraus, dass die Briten als interessegeleitete und gerade dadurch effektive Vermittler agieren konnten. Ist auch der Vergleich mit heutigen Unternehmensberatungen wohl zu weit gegriffen, so ergibt der Gedanke einer „performative[n] Diplomatie im interkulturellen Rahmen“ (S. 372) durchaus Sinn. Bei ihrer Analyse des Berliner Kongresses 1878 kommt Susanne Schattenberg zu dem Ergebnis, dass der Umgang der europäischen Vertreter mit den Delegierten des Osmanischen Reiches von nationalen Klischees und religiösen Vorurteilen bestimmt wurde – allen diplomatisch-protokollarischen Gepflogenheiten zum Trotz.

Den letzten Block bilden Texte zu Periodisierungsfragen der Diplomatiegeschichte. Heinz Duchhardt erneuert seine berechtigte Kritik am Begriff des Westfälischen Systems. Marc Belissa und Matthias Köhler analysieren die Einflüsse der amerikanischen bzw. französischen Revolution auf die diplomatische Praxis. Während es den amerikanischen Diplomaten noch gelang, „zeremonielle Praxis mit der Darstellung republikanischer Werte“ (S. 441f.) zu vereinigen, argumentiert Belissa, dass zumindest die zeitgenössischen französischen Akteure einen klaren Bruch nicht nur in der politischen Ordnung, sondern auch in Funktion und Praxis der Außenbeziehungen sahen. Christian Windler fragt nach den Auswirkungen in der diplomatischen Praxis nach 1800 auf das Verhältnis zu den osmanischen Regentschaften im Maghreb. Er beobachtet eine Diskrepanz zwischen dem Anliegen einer Zivilisierungsmission in der Theorie und der Vermeidung eines Bruches mit den Regentschaften vor Ort in der Praxis.

Den Abschluss des Sammelbandes bildet ein längerer Aufsatz Hillard von Thiessens, der – auch auf der Grundlage der vorangegangenen Beiträge – den Versuch unternimmt, die Rahmenbedingungen und Wesensmerkmale frühneuzeitlicher Diplomatie zu skizzieren – einer Diplomatie „vom type ancien“ (S. 477). Er ist sich dabei der „Holzschnittartigkeit“ (S. 494) seines Modells bewusst und begegnet sogleich mehreren möglichen Kritikpunkten. Zukünftige Arbeiten zur frühneuzeitlichen Diplomatiegeschichte werden sich zu von Thiessens Modell positionieren müssen.

„Akteure der Außenbeziehungen“ führt in einem eindrucksvollen Kaleidoskop methodisch moderne Diplomatiegeschichtsschreibung vor Augen. Dass einzelne Aufsätze nur bedingt neue Erkenntnisse zum konkreten Gegenstand beitragen, wird durch die konzeptionellen Beiträge aufgewogen. Ein Personenverzeichnis und eine Auswahlbibliographie erleichtern die Benutzung und runden den Band ab.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Sammelband Hillard von Thiessen / Christian Windler (Hrsg.), Nähe in der Ferne. Personale Verflechtung in den Außenbeziehungen der Frühen Neuzeit, Berlin 2005.
[2] Vgl. Andreas Affolter u.a., Tagungsbericht zu: Außenbeziehungen in akteurszentrierter Perspektive: Verflechtung – Gender – Interkulturalität, Bern 13.-16.03.2008. In: H-Soz-u-Kult, 31.05.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2096> (04.10.2010).
[3] Wolfgang Reinhard, Paul V. Borghese (1605-1621). Mikropolitische Papstgeschichte, Stuttgart 2009.