O. Auge u.a. (Hrsg.): Formen fürstlicher Selbstdarstellung

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Titel
Fürsten an der Zeitenwende zwischen Gruppenbild und Individualität. Formen fürstlicher Selbstdarstellung und ihre Rezeption (1450-1550)


Herausgeber
Auge, Oliver; Werlich, Ralf-Gunnar; Zeilinger, Gabriel
Reihe
Residenzenforschung 22
Erschienen
Ostfildern 2009: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
424 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilman Moritz, Historisches Institut, Universität Paderborn

Der Sinnspruch von den großen Männern, die Geschichte schreiben, ist oft wiederholt und mindestens ebenso häufig kritisiert worden. Dennoch scheint das Interesse an der Biographie, verstanden als Kulminationspunkt oder sogar Ursprung von Strukturen und deren Entwicklung, ungebrochen. Das gilt vor allem, aber eben nicht nur für die populärwissenschaftliche Vermittlung von Geschichte. Unter dem Eindruck soziologischer Fallstudien konstatierte Jacques Le Goff bereits vor mehr als zwanzig Jahren die Rückkehr der biographischen Perspektive in die Geschichtswissenschaft.[1] Die Voraussetzungen wie Konsequenzen dieser Integrationsleistung, die inzwischen als biographical turn charakterisiert wird, waren und sind allerdings noch immer nicht unumstritten.[2] Sich unter diesen Vorzeichen wieder den vermeintlich ‚Großen’ zuzuwenden, ist ein heikles, aber gerade deshalb achtbares Unterfangen. Die Herausgeber und Beiträger des hier zu besprechenden Bandes, der Referate und Ergebnisse einer gleichnamigen Tagung des Jahres 2008 versammelt,[3] haben sich dieser Aufgabe gestellt: Ihr Blick gilt der Riege jener Herrscherpersönlichkeiten, die das Jahrhundert zwischen 1450 und 1550, zumindest für das Reichsgebiet, gleichsam als ‚Zeitalter der Fürsten’ erscheinen lassen. Allerdings lautet die zentrale Prämisse, dass die exzeptionelle Bedeutung jener Fürsten, das heißt ihre „vormals postulierte ‚Größe’ deutlich zu hinterfragen“ sei (S. 9).

Folgerichtig setzt sich Stephan Selzer im Eröffnungsbeitrag mit dem problematischen Maßstab ‚historischer Größe’ selbst auseinander. Im Sinne des Tagungsthemas verortet Selzer den angemessenen Umgang mit den ‚großen Fürsten’ im Spannungsfeld von „Gruppenbild“ und „Individualität“: Er entwickelt hier den Begriff des „Durchschnittshandelns“ (S. 19), das die Folie für eine darüber hinaus reichende ‚individuelle’ Profilierung – sei es durch aktives Ruhmstreben oder passive Zuschreibung – abgeben müsse. Zugleich sind damit die Leitfragen des Bandes formuliert: zum einen nach generellen Tendenzen oder Wandlungsvorgängen in der fürstlichen – medialen wie habituellen – Selbstdarstellung; zum anderen nach Möglichkeiten, Art und Umfang der Einflussnahme einzelner Fürsten auf ihre Repräsentation. Entsprechend ließen sich die Antwortversuche der Beiträger in Strukturanalysen und biographische Fallstudien gliedern. Die von den Herausgebern vorgenommene Trennung in Beiträge zu „Medien und Strategien fürstlicher Repräsentation“ beziehungsweise „Konzeptionen und Rezeptionen fürstlicher Herrschaft“ wirkt dagegen künstlich, ist die Selbstdarstellung doch längst als integraler Bestandteil der Herrschaftspraxis erkannt.

Das unterstreichen vor allem die Untersuchungen des ersten Abschnitts. An überwiegend prominenten Beispielen der schriftlichen, bildlichen und symbolischen Repräsentation werden bestimmte Tendenzen der ‚Zeitenwende’ ablesbar, vor allem der verstärkt funktionalisierte Gebrauch der Medien sowie die Professionalisierung der Produzenten. So bescheinigt Birgit Studt den zunehmend humanistisch gebildeten und vernetzten Hofhistoriographen eine gegenüber ihren Vorgängern „größere literarische Virtuosität, Geschichtskonstruktionen von unangreifbarer Legitimität zu schaffen“ (S. 48). Von echten Neuerungen ist hier wie in den meisten anderen Beiträgen kaum die Rede. Es dominiert die – durchaus quellennahe – Herleitung aus der Tradition, die sich zuspitzt, aber nicht gebrochen wird. Das wird vornehmlich an vermeintlichen Ungleichzeitigkeiten demonstriert. Dazu zählt beispielsweise das Festhalten an der bewährten Form handschriftlicher Urkunden gegenüber fälschungsanfälligeren Drucken (Harm von Seggern) oder die Selbstinszenierung des Fürsten – hier Kaiser Maximilians I. – als vornehmster, vielleicht einzig wahrer Ritter (Heinz Krieg), in anderen Fällen antikisierend als ‚Vater des Vaterlandes’ in der Verschmelzung von Region und Herrschaftsbereich (Oliver Auge). Ähnliches gilt für die bewusste Konventionalität der Porträtmalerei (Matthias Müller), die sich im lutherisch beeinflussten Zeichensystem eines Lucas Cranach zur regelrechten „Trademark im Dienste kursächsischer corporate identity“ (S. 126) entwickeln konnte. Diese Aspekte scheinen dafür zu sprechen, Ausdifferenzierung der Mittel, Professionalisierung und Spezialisierung vornehmlich als Erfüllung eines Bedarfs zu begreifen – und nur sehr bedingt als gezielte, steuerbare Entwicklung. Die fallweise Neuorientierung und die obligatorische Aushandlung können denn auch als die eigentlichen, stabilisierenden Faktoren fürstlicher Herrschaft benannt werden, wie Reinhard Butz mit seiner Beschreibung des Fürstenhofs als System im Luhmannschen Sinne herausarbeitet. Darauf, dass bei entsprechenden Entscheidungen Zweckrationalität hinter anderen ‚Sachzwängen’ zurückstand, weist noch einmal Matthias Steinbrink am Beispiel fürstlicher Hofhaltungen hin: Der ökonomisch unsinnige „demonstrative Konsum […] generierte Prestige und soziales Kapital“ (S. 253).

Auf diese Weise beschnitten, scheinen die Spielräume der Fürsten für ‚individuelles’ Handeln verschwindend gering gewesen zu sein. Wahrscheinlich deshalb fallen die Bewertungen in den biographischen Skizzen des zweiten Teils überwiegend vorsichtig aus. Schillernde Verhaltensweisen einzelner Fürsten werden auf die allgemein schwebenden Zustände der Kräfte im Reich zurückgeführt – zwischen Kaiser und Fürsten im Fall des Pfalzgrafen Friedrich ‚des Siegreichen’ (Jörg Schwarz), ergänzt um den „Konfessionskonflikt“ für Philipp ‚den Großmütigen’ von Hessen (Andreas Rüther). Den linien- beziehungsweise kaisertreuen Albrecht ‚Achilles’ von Brandenburg stellt Gabriel Zeilinger dagegen als „Mannschaftsspieler – obschon in der Rolle des Spielführers“ (S. 296) vor. Unter selbst gesuchten wie späteren Zuschreibungen entdeckt Stefan Lang bei Eberhard ‚im Bart’ von Württemberg immerhin „dynastisches Bewußtsein, Interesse an praxisnaher Bildung, hohe persönliche Arbeitsmoral, starke Willenskraft und Durchsetzungsfähigkeit“ (S. 332). Außerhalb gewohnter Bahnen bewegte sich freilich die Calenberger Regentin Elisabeth von Brandenburg, die nach der Darstellung von Eva Schlotheuber ihre Rolle schreibend reflektierte und so Selbstverständigung darüber suchte. Beeindruckend ist schließlich Harriet Rudolphs Untersuchung des Bau- und Bildprogramms, das Moritz von Sachsen in seiner Dresdner Residenz umsetzte. Ausgehend vom konkreten Beispiel entwickelt Rudolph nicht nur ein schlüssiges Repräsentationskonzept des neu gewonnenen Rangs, sondern wagt auf dieser Basis auch Thesen zu den über die Kurwürde hinausführenden Ambitionen der Wettiner.

Den Band beschließt Jan Hirschbiegel mit einer pointierten Zusammenfassung der Beiträge und auf der Tagung geführten Diskussionen. Noch einmal wird auf die Zielsetzung hingewiesen, „die Bedeutung fürstlicher Individuen in ihren Gruppenbezügen zu erfassen“ und „auch ein gutes Stück zur Entzauberung jener ‚großen Fürsten’“ (S. 427) beizutragen. Beides leistet der Band. Daher ist er als Anregung und Grundlage für weitere Forschungen sehr verdienstvoll. Vor allem die biographischen Skizzen stellen eine wichtige erste Aktualisierung des Forschungsstands zu einzelnen Fürsten dar. Auch die anderen Beiträge fußen auf sorgfältig recherchierter, reichhaltiger Materialbasis. Erschwert wird die Benutzung leider durch eine eigenwillige Zitierweise sowie die Verteilung der Quellen- und Literaturverzeichnisse auf die Einzelbeiträge, trotz der erkennbaren Abstimmung aufeinander. Natürlich mögen diese Monita dem Wunsch nach rascher Veröffentlichung und damit Anschlussfähigkeit geschuldet sein.

Inhaltlich aber bleibt es zu oft bei der Dekonstruktion, das heißt bei der Auflösung von Verhaltens- beziehungsweise Handlungsoptionen des Einzelnen in normativ vorgegebenen Reaktionsmustern. Worauf jedoch die Fürsten – als Individuen wie als Gruppe – eigentlich reagierten, welchen konkreten Veränderungen sie sich gegenübergestellt sahen und wie daraus auch neue Strategien des Umgangs mit dem Wandel entwickelt wurden, bleibt diffus. So werden der Glaube beziehungsweise seine reformatorische Brechung, trotz ihrer Bedeutung für Selbstverständnis und Selbstdarstellung der Fürsten, allenfalls am Rande mit verhandelt. Dies korrespondiert auch mit dem zugleich eklatantesten Mangel des Bandes, nämlich der völligen Ausklammerung geistlicher Fürsten. Zumindest ein Textbeitrag wäre als Kompensation für die entfallenen Tagungsreferate wünschenswert gewesen. Alles in allem hätte vielleicht eine stärkere Konzentration auf die biographische Perspektive gegenüber den größtenteils repetitiven Strukturanalysen ein differenzierteres Gesamtbild ergeben.

Anmerkungen:
[1] Jacques Le Goff, Vorwort 1988, in: ders. / Roger Chartier / Jacques Revel (Hrsg.), Die Rückeroberung des historischen Denkens. Grundlagen der Neuen Geschichtswissenschaft, Frankfurt am Main 1990, S. 7-9, hier S. 9.
[2] Vgl. jüngst die vom German Historical Institute Washington, DC ausgerichtete Tagung: Simone Lässig, Toward a biographical turn? Biography in Modern History – Modern Historiography in Biography, in: GHI Bulletin 35 (2004), S. 147-155, online unter: <www.ghi-dc.org/publications/ghipubs/bu/035/35.147.pdf> (01.06.2010).
[3] Vgl. den Tagungsbericht von Immo Warntjes in: H-Soz-u-Kult, 21.05.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2108> (30.4.2010).

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15.06.2010
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