: Rollenbilder im Museum. Was erzählen Museen über Frauen und Männer?. Schwalbach im Taunus  2010. ISBN 978-3-89974593-1

Hinterberger, Monika; Flecken-Büttner, Susanne; Kuhn, Annette (Hrsg.): "Da wir alle Bürgerinnen sind...". Frauen- und Geschlechtergeschichte in historischen Museen. Leverkusen  2008. ISBN 978-3-86649-129-8

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Irmgard Zündorf, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die beiden Bücher zum Thema Frauen- und Geschlechtergeschichte in historischen Museen kommen bei ihrer Analyse deutscher und österreichischer Institutionen zu ähnlichen Ergebnissen: In den untersuchten Dauerausstellungen werden Frauen als Teil der Geschichte kaum sichtbar. Mehr noch: Frauenrollen und Männerrollen werden insgesamt wenig thematisiert. Beide Studien konstatieren immerhin, dass es in der Behandlung dieser Themen im Verlauf der letzten 30 Jahre einen deutlichen Aufwärtstrend gegeben habe. Das Fazit, das die beiden Studien daraus ziehen, unterscheidet sich jedoch deutlich: Während Monika Hinterberger und ihre Kolleginnen für die Bildung eines eigenen „Hauses der FrauenGeschichte“ plädieren, sprechen sich Roswitha Muttenthaler und Regina Wonisch explizit dagegen aus. Sie befürchten eine Ausgrenzung der Frauengeschichte aus anderen Museen und schlagen stattdessen die Überarbeitung der vorhandenen Ausstellungen vor. Diese entgegengesetzten Standpunkte spiegeln sich in der Methode und Argumentation der Analysen wider.

Das von Monika Hinterberger, Susanne Flecken-Büttner und Annette Kuhn herausgegebene Buch besteht im Hauptteil aus einer gemeinsam durchgeführten Analyse der frauen- und geschlechtergeschichtlichen Präsentationsformen in historischen Museen. Diese „Spurensuche“ umfasst eine ausführliche Betrachtung von sechs Museen und die Auswertung von Fragebögen, die etwa 50 Museen beantwortet haben. Hinzu kommt ein Abschnitt von Annette Kuhn über „Wünschbarkeit und Realisierbarkeit eines Hauses der FrauenGeschichte“. Außerdem abgedruckt sind sowohl Grußworte verschiedener Politikerinnen als auch positive Gutachten zu der einleitenden Studie.

Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie stellt nach Angaben der Autorinnen nicht nur eine Analyse der vorhandenen Präsentationsformen dar, sondern darüber hinaus eine Machbarkeitsstudie für die Realisierung eines „Hauses der FrauenGeschichte“. Die Notwendigkeit eines solchen Hauses wurde also vor, während und nach der Untersuchung nicht in Frage gestellt. Vielmehr legen die Autorinnen den Schwerpunkt darauf, wie einzelne Objekte in den untersuchten Museen bisher dargestellt werden und wie sie im frauengeschichtlichen Kontext künftig präsentiert werden könnten. Das Problem der Objektausleihe für das potenzielle neue Museum wird umgangen, indem angenommen wird, dass Repliken und Multimedia-Stationen die Originale ersetzen könnten. Die klassischen Aufgaben der Museen im Bereich des Sammelns und Bewahrens sind hier somit weniger von Belang, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass bei dem Vorhaben von einem „Haus der FrauenGeschichte“ und nicht von einem „Frauenmuseum“ oder ähnlichem gesprochen wird.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Herangehensweise besser verstehen, mit der Monika Hinterberger die Präsentationsformen der sechs ausgewählten Museen beschreibt. (Es handelt sich um das Neanderthal-Museum in Mettmann, das Museum Schnütgen in Köln, das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden, das Jüdische Museum Berlin und die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt.) Nach einer knappen Darstellung der Struktur und Geschichte des jeweiligen Hauses greift die Autorin einzelne Objekte heraus, die sich gut für eine Konstruktion von Frauengeschichte eignen würden. Dies vertieft sie anhand ausführlicher Beschreibungen ausgewählter Objektgeschichten, die in den vorhandenen Ausstellungen nicht aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive thematisiert werden. Auf die Präsentationsformen in den verschiedenen Museen geht sie leider kaum ein, sondern konzentriert sich allein auf die Objektgeschichten. Dabei betont Hinterberger wiederholt die Möglichkeiten, anhand der Objekte die Geschichte „kluger und selbstbewusster Frauen“ zu zeigen, die bislang vernachlässigt werde. Die mehrmalige Wiederholung dieses Ziels lässt die Frage aufkommen, ob die Geschichte der weniger klugen und selbstbewussten Frauen denn weniger ausstellenswert sei. Die Autorin fordert zudem, dass die Ausstellungen der spezifischen Sicht von Frauen folgen und bestimmte Führungen den spezifischen Frauenwünschen entsprechen sollten. Dies greift Annette Kuhn in der Konzeption des „Hauses der FrauenGeschichte“ noch einmal auf: Eine solche Einrichtung solle eine Kontinuitätslinie zeichnen vom Matriachat und dem Göttinnenglauben bis zur Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts. Das mag eine interessante Perspektive auf die Menschheitsgeschichte bieten, erscheint als alleiniger Ansatz aber doch sehr verkürzt.

Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass in den verschiedenen Museen ausreichend Objekte vorhanden sind, mit denen Frauengeschichte präsentiert werden könnte, dass dies aber bislang kaum stattfinde. Allein in den Sonderausstellungen würden entsprechende Versuche unternommen. In den Dauerausstellungen seien solche Perspektivwechsel hingegen kaum festzustellen, da dies in den bestehenden Museen an immanente Grenzen stoße. Diese Grenzen werden in der Politik und den Erwartungen der Besucher gesehen. Abhilfe schaffen könne allein die Gründung eines neuen Hauses, das sich gezielt der Frauengeschichte zuwenden solle. Die Gefahr, dass ein „Haus der FrauenGeschichte“ möglicherweise alle anderen Museen von dem Bemühen freistellt, sich selbst mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen, wird leider nicht angesprochen.

Genau diesen Aspekt heben Roswitha Muttenthaler und Regina Wonisch in ihrem Buch hervor. Sie gehen in ihrer Analyse sogar noch weiter, indem sie feststellen, dass bereits mit so genannten Frauenecken in den verschiedenen Museen die Frauen aus der restlichen Geschichte verschwinden würden. Die Studie wählt im Übrigen aber einen komplett anderen Ansatz – sie schaut nicht allein auf die Repräsentation von Frauen im Museum, sondern ebenso auf diejenige von Männern. Denn nur so könne der Blick auf die Geschlechterverhältnisse und deren Bedeutung für die Geschichte als übergreifender Zusammenhang deutlich werden. Neben diesem Perspektivwechsel gehen Muttenthaler und Wonisch in ihrer Analyse der Museen zunächst auf die Sammlungsstrategien und anschließend auf die Ausstellungskonzepte ein. Dabei werden exemplarische Bereiche ausgewählt, um geschlechtsspezifische Aspekte zu verdeutlichen. Die Ausgangsthese lautet, dass „jede Präsentation Aussagen zur Geschlechterordnung produziert, ob dies nun intendiert ist oder nicht“ (S. 7). Die methodische Herangehensweise konzentriert sich zunächst auf eine detaillierte Schilderung der jeweiligen Ausstellungsbereiche. Damit möchten die Autorinnen gleichzeitig eine Art „Schule des Sehens und Wahrnehmens“ musealer Repräsentationen etablieren (S. 8).

In einer Übersicht zur Geschichte und Theorie des Sammelns skizziert Muttenthaler zuerst das private Sammeln und anschließend die musealen Sammlungsstrategien der letzten 200 Jahre. Darüber hinaus eruiert sie den Einfluss, den Frauenmuseen auf die Strategien anderer Museen haben können. Anschließend betrachtet sie die Sammlungsschwerpunkte ausgewählter Museen der heutigen Zeit, wie des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, des Museums der Arbeit in Hamburg oder des Technischen Museums Wien. Muttenthaler lehnt eine einfache Kategorisierung der Sammlungen nach Frauen- oder Männergeschichte ab; sie sieht in den einzelnen Objekten vielmehr immer auch die Möglichkeit, Aussagen zu beiden Geschlechtern zu machen. Sie fordert daher vor allem, die Sammlungen unter Geschlechteraspekten zu erforschen, und betont die „Sicherung des Objektkontextes“ (S. 32).

Diese Forderung findet sich in ihrer Ausstellungsanalyse wieder – die Autorin kritisiert, dass die vorhandenen Objekte vielfach entweder nur illustrierend verwendet oder aber eindimensional inszeniert würden. Das Potenzial, das in den einzelnen Objekten stecke, werde somit kaum ausgenutzt. Anhand verschiedener Beispiele aus dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin verdeutlicht Muttenthaler die Konstruktion einer männerdominierten Politikgeschichte, die den Häusern selbst nicht bewusst zu sein scheint. Ohne die ausführlichen Beschreibungen hier im Detail wiedergeben zu können, lassen sich die Rollenbilder etwas verkürzt wie folgt klassifizieren: Die Männlichkeitsbilder spiegeln Macht, Stärke, Kampf und Heldentum. Die Männer nehmen die Rollen der Protagonisten ein, während die Frauen in Nebenrollen oder nur als Publikum auftreten. Allein in so genannten Frauenecken mit Titeln wie „Frauen im Kaiserreich“ oder „Frauen stehen ihren Mann“ (für einen entsprechenden Raum zur DDR) erhalten sie die Hauptrolle. Männer werden in den Ausstellungen überhaupt nicht als geschlechtliche Wesen begriffen und daher auch nicht explizit als solche inszeniert.

Während sich dieser eher beschreibende Teil des Buchs an konkreten Beispielen verschiedener Museen orientiert und dabei immer wieder überraschende Erkenntnisse liefert, ist der letzte Abschnitt unter dem (etwas verwirrenden) Titel „Ausblicke“ der übergreifenden theoretischen Annäherung an Ausstellungen gewidmet. Unterschieden wird dabei zwischen der von Muttenthaler und Wonisch verfolgten Methode der „dichten Beschreibung“[1] sowie dem „semiotischen Zugang“ nach Jana Scholz[2]; auf dieser Basis wird für eine gemeinsame Anwendung beider Ansätze plädiert. Erst danach folgt der eigentliche Ausblick. Dort werden zum einen Ausstellungsprojekte vorgestellt, die einen selbstreflexiven Blick aufweisen. Zum anderen wird ein eigenes Projekt der Autorinnen erläutert. Darin haben sie sich die Dauerausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien vorgenommen und durch kleinere Veränderungen in der Inszenierung der vorhandenen Objekte die vermittelten Rollenbilder sowohl sichtbar gemacht als auch in Frage gestellt. Dieser letzte Abschnitt fasst somit die Erfahrungen der Ausstellungsanalyse zusammen und liefert einen Vorschlag, wie mit den vorhandenen Materialien ganz andere Geschichten erzählt werden können und wie damit die etablierte Perspektive auf die Geschichte insgesamt in Frage gestellt werden kann – eine sehr schöne Idee, deren Nachahmung auch für weitere Museen zu wünschen wäre.

Insgesamt zeigen Roswitha Muttenthaler und Regina Wonisch sowohl theoretisch als auch in ihrem Praxisvorschlag interessante und plausible neue Wege im Umgang mit Museen und ihren Ausstellungen. Der Sammelband von Monika Hinterberger, Susanne Flecken-Büttner und Annette Kuhn hingegen kann weder in den beschreibenden und analytischen Teilen noch in der politischen Forderung nach einem „Haus der FrauenGeschichte“ überzeugen.

Anmerkungen:
[1] Roswitha Muttenthaler / Regina Wonisch, Gesten des Zeigens. Zur Repräsentation von Gender und Race in Ausstellungen, Bielefeld 2007.
[2] Jana Scholz, Formen musealer Präsentation. Semiotische Ausstellungsanalysen, Berlin 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.02.2011
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