C. Stachelbeck: Militärische Effektivität im Ersten Weltkrieg

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Titel
Militärische Effektivität im Ersten Weltkrieg. Die 11. Bayerische Infanteriedivision 1915 bis 1918


Autor(en)
Stachelbeck, Christian
Reihe
Zeitalter der Weltkriege 6
Erschienen
Paderborn 2010: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
X, 428 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Olaf Jessen, Freiburg im Breisgau

Wozu Operationsgeschichte? Welchen Nutzen hat das im Doppelsinn blutleere Rechnen mit Divisionen, Marschwegen und Geländeprofil? Verstellt es nicht das Antlitz des Krieges hinter einem Schachspiel mit menschlichen Figuren? Sollten Historiker nicht den Krieg, wenn überhaupt, besser von unten her erforschen, aus der Sicht des „kleinen Mannes“? Die Generalstabsoffiziere des älteren Moltke hofften, durch das Studium vergangener Kriege für künftige Operationen lernen zu können. Nicht wissenschaftliche Erkenntnis, militärische Nutzanwendung stand im Vordergrund. Kein Wunder, dass die „Neue Militärgeschichte“ in den 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts ihre blutige Wiege verleugnet hat. Von der Zunft nur halbherzig wieder in Gnaden aufgenommen, galt eine Beschäftigung mit operativen Fragen als überflüssig, wenn nicht sogar als moralisch anstößig. Doch nach der Jahrtausendwende hielten immer mehr Forscher eine entmilitarisierte Militärgeschichte nicht länger für der Weisheit letzten Schluss. Und so begann, schüchtern noch und gleichsam tastend, das Nachdenken über theoretische Grundlagen einer „Neuen Operationsgeschichte“.[1] Inzwischen scheint klar, dass die Operationsgeschichte ihr klassisches Instrumentarium künftig je nach Fragestellung mit anderen Teildisziplinen verknüpfen sollte, mit der Kultur-, Geistes- oder Sozialgeschichte zum Beispiel. Doch aufwändig versuchen mochte das bisher niemand.

Diese Pionierarbeit hat nun der Berufsoffizier Christian Stachelbeck geleistet. Seine Dissertation, entstanden am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, darf wohl als erster Großversuch im Sinne einer „Neuen Operationsgeschichte“ gelten. Stachelbeck möchte klären, was deutsche Truppen im Ersten Weltkrieg „trotz ihrer personellen und materiellen Unterlegenheit dazu befähigt hatte, auf taktischer Ebene lange Zeit erfolgreich zu agieren […]“ (S. 2). Seine Schlüsselwendung von der „militärischen Effektivität“ definiert er folgendermaßen: „Militärische Truppenkörper sind im Krieg […] dann effektiv, wenn sie in der Lage sind, zur erfolgreichen Auftragserfüllung mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ein hohes Maß an Kampfkraft zu entwickeln bzw. zu entfalten und zu halten.“ (S. 8) Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die 11. Bayerische Infanteriedivision unter Generalmajor Paul Ritter von Kneußl. Stachelbeck nutzt Material aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München und dem Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, vor allem Kneußls persönliche Tagebücher, Kriegsstammrollen der Division sowie Unterlagen der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt, die dem Bombardement der Heeresarchive 1945 entgingen, aber auch Kriegstagebücher und Feldpostbriefe eines Stabsoffiziers aus der Umgebung Kneußls, die privatem Besitz entstammen. Quellennähe ist eine große Stärke dieser Studie.

Der erste Hauptabschnitt „Kriegführung und taktische Innovation“ (S. 49ff.) verbindet klassische Operationsgeschichte mit neuen Fragestellungen. Stachelbeck beleuchtet, wie sich die Divisionsführung auf das moderne Schlachtfeld einzustellen versuchte. Bei Kriegsbeginn lief das taktische Verfahren auf Divisionsebene auf eine eher zentrale Gefechtsführung hinaus. Doch infanteristische Massenangriffe ohne ausreichende Feuerkraft, dem Kult der Offensive geschuldet, das Nebeneinander von Infanterie und Artillerie sowie Mängel im Fernmeldewesen führten zu unerhörten Verlusten, teilweise auch durch „friendly fire“. So erzwang der Krieg taktische Lernprozesse: Stoßtruppverfahren, Sturmbataillone, zahlreichere MG-Verbände, Flammenwerfer, Verbesserungen im Fernmeldewesen, eine elastische, schachbrettartige Tiefenverteidigung, Einführung des „Vorfeldverfahrens“, vor allem aber das möglichst dezentrale Gefecht der verbundenen Waffen, also das enge, sozusagen subsidiäre Zusammenwirken von Infanterie und Artillerie – alle diese Neuerungen sollten eigene Verluste begrenzen und die „militärische Effektivität“ erhöhen.

Stachelbeck rekonstruiert drei Angriffs- und zwei Verteidigungsoperationen der Division: die Durchbruchsschlacht bei Tarnów-Gorlice in Galizien (Mai 1915), die Offensive am linken Maasufer vor Verdun (März 1916), den Angriff bei Cutry-Coeuvres im Zuge der „Operation Hammerschlag“ (Juni 1918), die Verteidigung von Paschendaele in Flandern (Oktober 1917) und die Abwehrschlacht bei Soissons (Juli 1918). Die Führung der Division, so Stachelbecks Fazit, habe bei Ausbildung und Gefechtsführung einen Mittelweg zwischen Alt und Neu gewählt. Dieser Mittelweg habe „zur Effektivität des Truppenkörpers […] entscheidend“ (S. 248) beigetragen. Bei Soissons, wird man einwenden dürfen, wurde die Division regelrecht überrannt und vor Verdun brach ihr Großangriff unter hohen Verlusten zusammen. Beides entsprach wohl kaum einer „erfolgreichen Auftragserfüllung“ im Sinne der Definition „militärischer Effektivität“.

Im zweiten Hauptteil „Kriegführung und Soldat“ (S. 249ff.) stehen Kneußls „Mobilisierungsstrategie“ und die Kampfmotivation seiner Division im Mittelpunkt. Landsmannschaftliche Spannungen zwischen Bayern und Preußen trübten einerseits die Stimmung, schweißten andererseits die bayerische Division zusammen. An der Ostfront wähnte sie sich sowohl den Russen als auch dem österreichischen Verbündeten überlegen; an der Westfront hingegen überwog der Eindruck, als Juniorpartner der Preußen zu kämpfen (S. 292). Vor allem das „Korsettstangenprinzip“, die Mischung aus kriegsgewöhntem Stammpersonal und unerfahrenen Soldaten, habe den Zusammenbruch der Moral verzögert. Stachelbeck hat aus Kneußls Tagebuch eindrucksvolle Zitate erschlossen. Die Kämpfe in Flandern etwa belasteten die Soldaten offenbar schwerer als die Schlacht um Verdun. So fühlte Kneußl sich an „Massenmord“ und an einen „gefühllosen Fabrikbetrieb [wie] bei einem Hochofen“ (S. 223) erinnert. Zu den lesenswertesten Abschnitten gehören jene Passagen, in denen Stachelbeck die Feldpostbriefe des Reservisten Josef Compère auswertet. Compère schildert seiner Geliebten die Brutalität der Gefechte mit verblüffender Offenheit (S. 256).

Operationskarten im Anhang erleichtern dem Leser die Orientierung. Tabellen mit Angaben zum Ersatzwesen und zu den Verlusten der Division erläutert Stachelbeck präzise. Gelegentlich macht sich das Fehlen eines Glossars bemerkbar. Wohl nicht jeder Leser ist vertraut mit Begriffen wie „Brisanzmunition“ (S. 55), „Gewehrgranaten“ (S. 99), oder „i. k.“- und „a. k.-Bekämpfungsgruppen“ (S. 150). Stilblüten erschweren den Lesefluss. Beispiel: „Die immensen Verluste des Jahres 1914 im Vergleich zu den anderen Kriegsjahren in Relation zur Ist-Stärke des Heeres (‚Ausfall an Kampfkraft‘) – die höchsten im gesamten Kriegsverlauf – resultierten aus einer mangelnden Übereinstimmung der Moral, deren Überbetonung mit den durch die Technisierung der Rüstung aufgetretenen Problemen korrelierte, mit der Waffentechnik angepassten zeitgemäßen waffentechnischen Verfahren.“ (S. 51) Offenbar führten „heroische“ Angriffe von Infanteriemassen auf MG-Stellungen zu hohen Verlusten. „Erfolgsgewohnte Erfahrungswerte“ (S. 120) liest man ebenso ungern wie „verlustreiche Erfahrungsbausteine“ (S. 110) oder „problembehaftete“ Absprachen (S. 118). Warum nur hatte Kneußl sich im Hauptquartier „zu melden gehabt“? (S. 111) Zuweilen ist von „Fachexperten“ (S. 164) die Rede, wo Experten genügt hätten; und ein „diskursiver Erfahrungsaustausch“ (S. 164) muss wohl nicht zwingend den Erfahrungsaustausch ersetzen.

Stachelbecks Schlussfazit: Eine Mischung aus taktischer Modernisierung im Gefecht der verbundenen Waffen einerseits und der Mobilisierung soldatischer Kampfmotivation durch die Divisionsführung andererseits hätten der Truppe zu einer „erhöhten Effektivität im Gefechtseinsatz“ (S. 354) verholfen.

Im Ungefähren bleibt, wieso der Leser auf rund 400 Seiten den Ursachen „militärischer Effektivität“ eigentlich nachspüren soll, warum er wissen muss, weshalb die deutschen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg lange durchhielten. Kurzum: Nur zu erahnen ist, wie die Studie helfen könnte, das Werden unserer Gegenwart zu deuten. „Menschenführung in den Streitkräften“, so der Chef des Forschungsamtes in seinem Vorwort, „spielt auch heute – vor allem unter extremen Einsatzbedingungen – eine wichtige Rolle. Sowohl bundeswehrintern als auch international ist das Thema daher Gegenstand zahlreicher Diskussionen.“ Lernen für Afghanistan? Der Amtschef rückt die Studie, wohl unbewusst, in die Nähe von Moltkes Kriegsgeschichtlicher Abteilung. Stachelbeck kann dafür wenig. Hätte er allerdings seine Ergebnisse klarer im historischen Prozess verortet, wären solche Deutungen wohl schwieriger geworden.

Die angeblich hohe Effektivität deutscher Streitkräfte leitet nicht nur Stachelbeck aus zwei Umständen her: Erstens erwehrten sich die Deutschen jahrelang eines personell wie materiell überlegenen Gegners; zweitens erlitten die Alliierten durchweg höhere Verluste. Könnten beide Phänomene aber nicht schlicht darin gründen, dass die Deutschen nach dem Scheitern des Schlieffenplans fast ständig in der Defensive kämpften? Schließlich begünstigte das moderne Schlachtfeld, allen Verbesserungen der Gefechtsführung mit verbundenen Waffen zum Trotz, im Kern stets den Verteidiger. Stachelbeck kann keinen Maßstab für die Bewertung „militärischer Effektivität“ entwickeln, weil seine Definition den Gegner außer Acht lässt. Die Leistung jeder Truppe aber hat vor allem mit der Kampfkraft ihres Gegenübers zu tun. „Militärische Effektivität“ kann wohl nur eine vergleichende, keine selbstreferentielle Bedeutung besitzen. Um es, der Klarheit halber, ins Saloppe zu wenden: Die Stärke einer Fußballmannschaft kann jeder Beobachter nur im Vergleich mit anderen Teams bewerten, nicht allein durch die Analyse der Beziehungen zwischen Übungsleiter und Mannschaft oder durch eine Untersuchung der Trainingsmethoden. Für Stachelbecks Fragestellung hätte sich der historische Vergleich angeboten, durch die Gegenüberstellung der 11. BID mit einer französischen oder englischen Division zum Beispiel.

Solche Einwände mindern den Wert vieler Schlussfolgerungen erheblich. Doch es bleibt das Verdienst dieser Studie, Möglichkeiten und Grenzen einer Neuen Operationsgeschichte erstmals auch praktisch ausgelotet zu haben.

Anmerkung:
[1] Vgl. etwa Stig Förster, Operationsgeschichte heute. Eine Einführung, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 61/2 (2002), S. 309-313.