Cover
Titel
Umkämpfte Wälder. Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760-1860


Autor(en)
Hölzl, Richard
Reihe
Campus Historische Studien 51
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Campus Verlag
Anzahl Seiten
551 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karl-Peter Krauss, Leiter des Forschungsbereichs Demographie/Sozialgeographie, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen

Es würde sich rächen, wenn „mit den Staatsgeldern nicht gewissenhaft umgegangen werde“ und „vielleicht gerade der schwächste“ Teil der Menschen „alles tragen soll, während die bevorzugten Classen leer ausgehen“. Dieser Ausspruch ist nicht der aktuellen politischen Debatte entnommen, sondern bezieht sich auf eine Aussage des evangelischen Pfarrers, Dekans und Schulinspektors Johann Michael Maier in Unterfranken über die bedrückende Not der Bevölkerung in der Zeit des Pauperismus[1] und wird von Richard Hölzl zitiert (S. 427). Der Wald als Brennpunktraum und Indikator für tiefgreifende sozioökonomische Prozesse in einer Umbruchzeit? Richard Hölzl hat sich in „Umkämpfte Wälder. Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760-1860“ keiner einfachen Aufgabe gestellt. Die Jahre um 1800 gelten gemeinhin als Wende in die Moderne. Es geht um eine von außerordentlichen Brüchen gekennzeichnete „Sattelzeit“ (Reinhard Koselleck), den Übergang vom Ancien Régime in das Jahrhundert der Industrialisierung, des Bürgertums, der Nationalstaaten. Eine „dichte Beschreibung“ (ein Begriff des englischen Philosophen Gilbert Ryle (1900-1976), der von dem amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz (1926-2006) aufgegriffen wurde und auch in die Geschichtswissenschaft Eingang gefunden hat) verknüpft mehrere Abstraktionsebenen analytisch miteinander und interpretiert sie im kulturellen Kontext vor dem Hintergrund der das Handeln der Akteure bestimmenden Metanarrative. So wählt Hölzl einen Ansatz, der die Anregungen der historischen Anthropologie mit denen der Neueren Wissenschaftsgeschichte verbindet. Es ginge damit um „Praktiken und Bedingungen der Generierung von Wissen und Wahrheit“ und um die Frage nach den Praktiken und Formen der Organisation menschlichen Zusammenlebens (S. 26), zumal die Analyse einer „binäre[n] Codierung“ von Fortschritt und Zurückbleiben nur dem Diskurs der zeitgenössischen Gelehrten entspräche, die ein „lineares Geschichts- und Zukunftsbild zum handlungsleitenden Denkschema“ (S. 15) erhoben hätten. Damit greift das Buch das Spannungsfeld zwischen ländlicher Lebenswelt und den von den Gelehrten generierten Narrativen auf.

Demgemäß ändert Hölzl die Ebenen und Perspektiven sowie zugleich die Brennschärfe seiner Untersuchung (Makro- und Mikroebene). Das Werk ist in drei Hauptteile mit den Titeln „Die Erfindung des modernen Waldes“, „Forstreform und Landbevölkerung (1800-1860)“ sowie „Forstreform und Öffentlichkeit (1800-1860)“ gegliedert. Regional beschränkt es sich auf das Kurfürstentum und spätere Königreich Bayern. Im zentralen Fokus der mikrogeschichtlichen lokalen Untersuchungsebenen stehen zwei Gerichtsbezirke: Das altbayerische Viechtach im Bayerischen Wald sowie das Landgericht Rothenbuch im Spessart, eines der größten Laubwaldgebiete Deutschlands. Rothenbuch gehörte bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803 zum Erzbistum Mainz und fiel nach einem kurzen Intermezzo als Teil des neu gebildeten Fürstentums Aschaffenburg 1814 an das Königreich Bayern und wurde Sitz eines königlich-bayerischen Landgerichts. Während im Gerichtsbezirk Viechtach nur etwa ein Fünftel des Waldbesitzes unter staatlicher Aufsicht war, betrug dieser Wert im Spessart mehr als drei Viertel. Gleichzeitig dominierte in Viechtach eine bäuerliche Mittelschicht, im Spessart war es eine landarme kleinbäuerliche Bevölkerung, die mehrheitlich gezwungen war, einem Zusatzerwerb als ländliche Handwerker oder Tagelöhner nachzugehen. Mit der Wahl dieser beiden Gerichtsbezirke eröffnet sich ein breites Spektrum möglicher Szenarien in einem vielschichtigen Modernisierungsprozess.

Die Untersuchung beginnt in der von physiokratischen Ideen geprägten Zeit der Aufklärung, in der das Utilitätsprinzip eine tragende Rolle spielte. Rationalisierung, Regulierung mit dem Ziel einer Ertragsoptimierung und Sozialdisziplinierung stellen den Handlungsrahmen dar. Voraussetzung hierfür war nicht nur die kartographische Vermessung des Raums und damit auch des Waldes. Wie tief das Bedürfnis der Reformer nach einer Neujustierung und nach einer abstrahierten, gesellschaftlich-politischen Vermessung reichte, zeigt sich bezeichnenderweise schon im Titel eines Buches von Johann Heinrich Gottlob Justi, der den „Grundriß einer Guten Regierung“[2] anvisierte. Eine umfassende Bewertung und Vermessung der gesellschaftlichen Realitäten stand im Fadenkreuz der Erwartungen von Reformern und frühmodernem Staat. Für die Forstwissenschaft plädierte das Werk Heinrich Cottas mit dem bezeichnenden Titel „Grundriß der Forstwissenschaft“[3] in mehreren Auflagen dafür, dass der Wald „nachhaltig“ möglichst viel und brauchbares Holz liefern sollte. In einer Zeit, in der nach dem Entwurf eines vollkommen regulierten Dorfes gesucht wurde[4], fragte die Bayerische Akademie der Wissenschaften in einer Preisfrage von 1775, wie man das „Wachsthum des Holzes in Baiern“ optimieren könne (S. 125). Konsequenterweise fand der Forstreformdiskurs seinen administrativen Ausdruck in der Verdichtung der Forstverwaltung, wozu der flächendeckende Aufbau eines Netzes von Forstämtern gehörte, und einer zunehmenden Akademisierung des Forstpersonals (S. 140).

Schließlich forderten wirtschaftsliberale Reformer wie Joseph von Hazzi (1768-1845), bezeichnenderweise Mitbegründer des bayerischen Vermessungswesens, die Ablösung der Forstrechte, eine „Purifikation“ der Wälder und konnten dabei auf Legitimitätskonstrukten der Kameralisten aufbauen, die im Staat den „optimalen Herrn der Wälder“ sahen (S. 65). Hazzi entwickelte ein lineares Kulturstufenmodell, das in einer Intensivierung des Ertrags eine höhere Kulturstufe ausmachte (S. 46). Diese Vorstellungen prallten auf eine komplexe und differenzierte Wirklichkeit, die immer wieder angeführten „althergebrachten“ Waldnutzungs- und Forstrechte der bäuerlichen Untertanen, die bis weit in das 19. Jahrhundert reichten und auf alten Rechten und Ansprüchen fußten. Der Wald war eine wichtige Ressource innerhalb der vernetzten dörflichen Ökonomien, da er als Viehweide, als Lieferant von Laub- oder Heidestreu, Brennholz, Holz für das Kleinhandwerk, als Ausweichraum für Wald-Feldbau diente (S. 311). Eine Verbannung der Untertanen aus diesem Raum verringerte deren Fähigkeit, auf Missernten und Preissteigerungen elastisch zu reagieren, was besonders die bäuerlichen Unterschichten im Spessart existentiell bedrohte[5], und führte zu den mannigfach beschriebenen Forstfreveln und der Projektion des Unmuts der Untertanen auf das Forstpersonal. Es war die Konfrontation zweier Vorstellungswelten: Dem Ideal der Reformer, symbolisiert durch einen regulierten, auf (kurzfristige) Effizienz ausgelegten Nutzwald (Nadelwald), und den sich zäh an die hergebrachten Forstrechte klammernden bäuerlichen Schichten.

Die zentrale These Hölzls, dass es sich bei der „Umweltgeschichte“ des Waldes nicht „primär [um] Prozess- oder Strukturgeschichte“ handele, sondern um eine komplexe Geschichte eines Austarierungsprozesses zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren, findet ihre deutliche Bestätigung in den lokalen Mikroebenen (S. 184). Zudem verliefen die „Frontlinien“ keineswegs linear und nur zwischen Staat und Untertanen, selbst zwischen dem Innenressort und der für die Forstbehörden zuständigen Finanzverwaltung ergaben sich Differenzen (S. 358), die erst wieder in den Revolutionsjahren zugunsten eines einheitlicheren Vorgehens zurückgingen und die jedenfalls von den Untertanen und den von ihnen beauftragten Juristen geschickt ausgenutzt wurden. Ein Ausblick in die Moderne bietet ein zweites legitimatorisches Argumentationskonstrukt des Staates für die Forstreform. Neben den beklagten Holzmangel trat das Argument der Schutzfunktion des Waldes für das Klima, den Wasserhaushalt, bevor noch romantisch-politische Argumente hinzukamen, die im Wald das Sinnbild für „ethisch-moralische Läuterung“ sahen (S. 474).

Gerade anhand der zahlreichen Beispiele auf der Mikroebene vermittelt Richard Hölzl ein komplexes und differenziertes Bild und zeigt anschaulich, dass der Kampf um Forstrechte ein Aushandlungsprozess war, in dem die Untertanen als Akteure eine wesentliche Rolle spielten. So besticht die Arbeit durch klare Argumentationslinien, einen logischen nachvollziehbaren Aufbau und eine gründliche, quellenbasierte Recherche, aber auch durch eine umfassende Heranziehung vergleichbarer jüngerer Arbeiten, wie etwa denjenigen von Joachim Allmann, Bettina Borgemeister und Christoph Ernst.[6] Wohltuend, vom Leser wohl regelrecht erwartet, ist ein kurzer Vergleich Bayerns mit Preußen (S. 374-377). Angesichts ähnlicher Prozesse in anderen deutschen Territorialstaaten und angrenzenden Staaten wäre dabei eine stärkere Kontextualisierung und Einbettung sicher hilfreich gewesen. Etwas konstruiert ist der Titel von der „ökologischen Reform“, lagen doch andere Motive als ökologische bei den Forstreformen zugrunde, zumal im Sinne einer modernen Auslegung der Ökologie, die den Umweltschutz und eine nicht nach wirtschaftlichen Interessen gerichtete Bewirtschaftung im Vordergrund sieht. Hilfreich wäre neben dem Sach- und Personenregister auch die Erstellung eines Ortsregisters gewesen. Das schmälert allerdings nicht das Verdienst einer gründlichen und „nachhaltigen“ Arbeit, die einen „dichten“ und tiefen Einblick in die Geschichte der „umkämpften Wälder“ gibt.

Anmerkungen:
[1] J[ohann] M[ichael] Maier, Die Noth der untersten Volksklassen und ihre Abhilfe, Erlangen 1849, S. 20f. Zu seiner Ernennung als Dekan vgl. Regierungsblatt für das Königreich Bayern, München 1838, S. 558.
[2] Johann Heinrich Gottlob Justi, Der Grundriß einer Guten Regierung, Frankfurth 1759.
[3] Heinrich Cotta, Grundriß der Forstwissenschaft, Dresden 1832.
[4] Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen unter der Aufsicht der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, 1786, drittes Buch, 196 (1786), 9. Dezember, S. 1963-1969.
[5] Dazu die in der Untersuchung benannte Veröffentlichung von: Rudolf Virchow, Die Noth im Spessart. Eine medicinisch-geographisch-historische Skizze, Würzburg 1852.
[6] Joachim Allmann, Der Wald in der frühen Neuzeit: Eine mentalitäts- und sozialgeschichtliche Untersuchung am Beispiel des Pfälzer Raumes 1500-1800, Berlin 1989; Bettina Borgemeister, Die Stadt und ihr Wald. Eine Untersuchung zur Waldgeschichte der Städte Göttingen und Hannover vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, Hannover 2005; Christoph Ernst, Den Wald entwickeln. Ein Politik- und Konfliktfeld in Hunsrück und Eifel im 18. Jahrhundert, München 2000.