Sammelrez: Sport und Körper in der jüdischen Geschichte

: Der veränderbare Körper. Jüdische Turner, Männlichkeit und das Wiedergewinnen von Geschichte in Deutschland um 1900. Tübingen 2009: Mohr Siebeck , ISBN 978-3-16-150094-7, V, 329 S. € 64,00.

Mendelsohn, Ezra (Hrsg.): Jews and the Sporting Life. . Oxford 2009: Oxford University Press , ISBN 978-0-19-538291-4, 304 S. € 44,69.

: Muscular Judaism. The Jewish Body and the Politics of Regeneration. New York 2007: Routledge , ISBN 978-0-415-77178-8, 280 S. € 88,99.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Bielefeld Graduate School in History and Sociology, Universität Bielefeld

Lange Zeit fristete der Sport in der Forschung zur jüdischen Geschichte ein Schattendasein. Dies dürfte zum einen daran gelegen haben, dass andere Themen relevanter erschienen, zum anderen an der weit verbreiteten Überzeugung, Juden seien weder sonderlich sportbegeistert, geschweige denn sportlich erfolgreich gewesen.[1] Dementsprechend stellt sich auch der israelische Historiker Ezra Mendelsohn im Vorwort zum Themenheft der „Studies in Contemporary Jewry“ die Frage: „Why Sports?“ (S. VII). Seine Antwort fällt hingegen eindeutig aus. Nicht nur sei Sport eminent bedeutsam für unser Verständnis moderner Gesellschaften, „[…] we find, as the articles in this volume demonstrate, that sports has occupied, and continues to occupy, an important place in the modern Jewish world“ (S. VIII). Die einzelnen Beiträge, welche an dieser Stelle nicht in Gänze vorgestellt werden können, spüren dieser bedeutsamen Rolle in der Geschichte Israels, Europas sowie der USA im 20. Jahrhundert nach. Sander Gilman beispielsweise erörtert die Rolle des Baseball in der literarischen Verhandlung jüdisch-amerikanischer Identität und als Vehikel einer gesellschaftlichen Integration der Einwanderer. Michael Alexander hingegen untersucht die Geschichte jüdischer Buchmacher in den USA und betrachtet sie vor dem Hintergrund eines strukturellen Wandels von der industriellen Produktion zur Dienstleitungsökonomie. In vergleichbarer Weise führt Edward Shapiro den quantitativen Rückgang jüdischer Spitzensportler in den USA bei einer gleichzeitig steigenden Anzahl unter den Vereins- und Verbandseignern auf den mehrheitlich geglückten sozialen Aufstieg zurück, den die jüdische Bevölkerung von der Arbeiterklasse in die Mittel- und Oberschicht im Verlauf des 20. Jahrhunderts durchlief.

Anat Helman geht der Funktion des Sports für die Formierung und Inszenierung einer kollektiven Identität in den ersten Jahren nach Gründung des Staates Israel nach. Demgegenüber betont Tamir Sorek die Ethnisierung und politische Fragmentierung der israelischen Gegenwartsgesellschaft. So überließ die Fußballmannschaft von Hapo’el Beit Shean dem Team von Betar Jerusalem, beides im rechten Spektrum beheimatete Vereine der Mizrachim (von arabischen Juden abstammende Israelis), im letzten Spiel der Saison 1998/1999 den Sieg. Dies verhalf Betar zum Gewinn der Meisterschaft vor Hapo’el Tel Aviv, einem links positionierten Club der Ashkenasim (von europäischen Juden abstammende Israelis). Sorek verdeutlicht, wie sich Sympathien und Antipathien im Sport entlang politischer, sozialer und ethnisch-religiöser Differenzen verteilen und vice versa. So interessant die einzelnen Beiträge für sich genommen auch sind, so mag das Schwerpunktheft insgesamt nur bedingt zu überzeugen. Entgegen der im Vorwort formulierten Absicht, Ziel sei nicht zu zeigen, auch Juden trieben Sport, geben sich einige Beiträge genau damit zufrieden. Ferner sind manche Texte zu deskriptiv ausgefallen. An manchen Stellen wäre eine stärkere Theoretisierung und Problematisierung des Geschriebenen wünschenswert gewesen. So verharren sie größtenteils auf der Ereignis-, Personen- und Organisationenebene. Die konkrete Praxis des Sports ebenso wie die Bedeutung der Körpergeschichte bleibt indes nahezu unbeachtet.

Eine dezidiert körpergeschichtliche Perspektive nehmen dagegen zwei aktuelle Publikationen zur jüdischen Turnbewegung im deutschen Kaiserreich und der frühen Weimarer Republik ein. Als deren Geburtsstunde gilt die Gründung des Berliner Turnvereins Bar Kochba am 22. Oktober 1898. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entstanden weitere, explizit jüdische Turnvereine im Kaiserreich, aber auch in Österreich-Ungarn, in Russland sowie im Gebiet des Osmanischen Reichs und schlossen sich in der Jüdischen Turnerschaft zusammen. Programmatisch bezogen sie sich auf die berühmte Rede Max Nordaus, gehalten auf dem Zweiten Zionistenkongress 1898 in Basel, in der er dazu aufrief, das während der fast zweitausendjährigen Diaspora verloren gegangene „Muskeljudentum“ zurück zu gewinnen. Insbesondere diese emblematische Figur des „Muskeljuden“ und ihre Beziehung zu antisemitischen Diskursen über den jüdischen Körper haben in letzter Zeit das Interesse von Historikerinnen und Historikern geweckt.[2] Obwohl beide Studien Gegenstand und Perspektive gemein zu haben scheinen, gehen sie dennoch ganz unterschiedlich vor.

Daniel Wildmanns Arbeit „Der veränderbare Körper“ basiert auf seiner 2008 an der Universität Basel abgeschlossenen und von Heiko Haumann und Saul Friedländer betreuten Dissertation. Sie bietet eine sehr detailreiche und äußerst gründliche historische Untersuchung der Jüdischen Turnerschaft von ihren Anfängen im Fin de Siècle bis zur ideologischen Neuorientierung und der Gründung des offen zionistischen Makkabi-Weltverbandes Anfang der 1920er-Jahre. Wildmanns Erkenntnisinteresse ist gleichwohl nicht auf die Jüdische Turnerschaft beschränkt. Im Zentrum seiner Arbeit steht vielmehr die Frage, wie am Körper der Turner Fragen der Identität und Zugehörigkeit verhandelt und praktiziert wurden und was man über das wilhelminische Deutschland und die Stellung der jüdischen Minderheit erfahren kann. Denn, so Wildmann, „Macht materialisiert sich entsprechend der hegemonialen Vorstellung einer Gesellschaft von sich selbst auch darin, wie ein Körper zu sein hat“ (S. 1).

Die Untersuchung ist in drei Teile gegliedert, welche den zentralen Themenkreisen entsprechen: Politik, Medizin und Geschlecht. Nach organisations- und ereignisgeschichtlichen Aspekten gilt das Hauptaugenmerk im ersten Teil den Auseinandersetzungen über die Programmatik des Nationaljudentums, sowohl innerhalb der deutsch-jüdischen Öffentlichkeit als auch in der restlichen Gesellschaft. Das Konzept des Nationaljudentums entstammte innerjüdischen Debatten des 19. Jahrhunderts und bezeichnete einerseits eine jüdische Zusammengehörigkeit über die gemeinsame Konfession hinaus, andererseits grenzte es sich vom entstehenden Zionismus darin ab, keinen eigenen Staat zu proklamieren, sondern Juden als integralen Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu sehen. Ebenso benutzten die jüdischen Turner auch einen Begriff wie „Stamm“, der eine ethnisch-kulturelle Differenz sowie die Zugehörigkeit zu einem deutschen Kollektiv terminologisch vereinen sollte.

Gerade von jüdischer Seite wurde der Turnerschaft die Separierung von Juden und Nicht-Juden vorgeworfen. Zur Diskussion stand hier nicht weniger als die Frage, ob und wie ein gemeinsames Zusammenleben möglich war. Nicht zuletzt mit Blick auf die zeitgenössischen Pogrome im russischen Zarenreich, aber auch den zunehmenden Antisemitismus in der Deutschen Turnerschaft, standen die jüdischen Turner der Hoffnung auf eine vollständige Emanzipation skeptischer gegenüber als die Mehrheit des deutschen Judentums. Aber auch von nicht-jüdischer Seite stieß ihr Ansinnen, rein-jüdische Vereine zu gründen, mitunter auf scharfe Kritik. Exemplarisch belegt dies die Reaktion der „Kölnischen Zeitung“ auf die Ausrichtung des ersten Jüdischen Turntags in der Domstadt, was als „Jüdische Abschließung“ (S. 69) gegeißelt wurde. Mit ihrem Insistieren auf Differenz und Autonomie stellten sie demzufolge eine potentielle Bedrohung für die Einheit des deutschen Volkes dar, ebenso wie Sozialdemokraten und Katholiken, Dänen und Polen.

Im zweiten Teil untersucht Wildmann die Funktion des Degenerationsdiskurses für die Konstruktion des jüdischen Körpers. Dabei unterstreicht er die aktive Rolle jüdischer Wissenschaftler und den Nachhall eben jener Debatten im Verbandsorgan, der „Jüdischen Turnzeitung“. Entgegen antisemitischer Fremdzuschreibungen wurde zwischen einem grundsätzlich gesunden Kern und einem den prekären Lebensbedingungen geschuldeten schlechten Augenblickszustand des jüdischen Körpers unterschieden. Letzteres wurde vor allem an den so genannten Ostjuden festgemacht, die in einem westlichen, hierarchischen Blickregime sowohl das authentische Judentum vor der Assimilation als auch dessen Bedrohung durch Degeneration verkörperten. Omnipräsent in Reihen der Jüdischen Turnerschaft war die Vorstellung, das Turnen als Heilmittel nutzen zu können, um eine „Körperliche Renaissance der Juden“ [3] herbeizuführen. Zu Recht betont Wildmann, wie dergestalt die Existenz eines jüdischen Kollektivs postuliert wurde und dessen mögliche Veränderbarkeit durch Arbeit am Körper.

Im dritten und letzten Teil analysiert Wildmann die Vorstellungen von Geschlecht in der Jüdischen Turnerschaft. Zwar stand man dem Frauenturnen aufgeschlossener gegenüber als in den Vereinen der Deutschen Turnerschaft. Dennoch achtete man streng darauf, gewisse Grenzen nicht zu verwischen und einer Vermännlichung entgegenzuwirken, indem man die Übungen einem als weiblich konstruierten, differenten Körper der Turnerinnen anzupassen suchte. Fragen von Sittlichkeit verloren dagegen sukzessive an Bedeutung. In den Vordergrund rückten mehr und mehr die positiven Effekte für die Gesundheit, vor allem die Gebärfähigkeit, der Frau. Das Nordausche Ideal des „Muskeljuden“ war von Anbeginn männlich konnotiert und schloss an das hegemoniale Konzept militärischer Männlichkeit an. Damit reagierte es auch auf den weit verbreiteten Vorwurf der Verweiblichung und Verweichlichung der Juden, woraus eine mangelnde Bereitschaft und fehlende Tauglichkeit zum Militärdienst abgeleitet wurde. Die Besonderheit des Turnens für die Juden lag, so Wildmann, darin, in konkreten körperlichen Praktiken sich selbst und anderen der Männlichkeit und Wehrfähigkeit versichern zu können.

Todd Samuel Presner hat in seiner Studie zum „Muscular Judaism“, die auf einer 2003 an der Universität Berkeley abgeschlossenen Promotion in Kunstgeschichte basiert, einen anderen Weg eingeschlagen. Ausgangspunkt sind zwei Photographien, die zu Ikonen des jungen Staates Israel wurden und Soldaten im Moment des Triumphes festhielten; nach dem Unabhängigkeitskrieg 1949 und dem Sechs-Tage-Krieg 1967. Für Presner repräsentieren sie das Körperideal des „Muskeljuden“, das in Israel sowie im US-amerikanischen Judentum verbreitet ist. Presners Erkenntnisinteresse gilt der Genealogie des Konzepts, dessen Anfänge er im europäischen Fin de Siècle ausmacht. Er versteht diese jüdisch-zionistische „Politik der Regeneration“ als ein (bio-)politisches und ästhetisches Projekt, in dem eine alternative Moderne artikuliert wurde, wie in so vielen Reformbewegungen der Zeit um 1900. Damit grenzt er sich im ersten, einleitenden Kapitel explizit von der Sonderwegsthese sowie der Modernisierungstheorie ab. Die nachstehenden fünf Kapitel behandeln jeweils eine „axis of Jewish regeneration“ (S. 20) und folgen im Aufbau demselben Muster: Nach einer allgemeinen Erörterung und Kontextualisierung des Themas konzentriert sich Presner zumeist auf zwei Aspekte, die er mittels Detailstudien analysiert.

Im zweiten Kapitel vergleicht er Max Nordaus Opus Magnum „Entartung“ (1892) mit dem Bestseller der deutschen Kulturkritik, Julius Langbehns „Rembrandt als Erzieher“ (1890). In beiden Werken wurde die Moderne einer radikalen Kritik unterzogen. Während Langbehn eine Rückkehr zum Kunstverständnis Rembrandts propagierte, um den krankhaften Auswüchsen der modernen Zivilisation zu entkommen, focht Nordau für den Sieg von Wissenschaft und Rationalität über die degenerierte Kunst seiner Epoche. Presner betont, dass kein Bruch im Denken Nordaus zwischen seinen kulturkritischen und seinen zionistischen Schriften bestünde. Vielmehr habe er das Konzept der Degeneration in den Zionismus eingebracht. Dies zeige sich etwa an den identischen positiven Eigenschaften, die für Nordau sowohl den „wahren Modernen“ in „Entartung“ als auch den „Muskeljuden“ charakterisierten. Hier und im Verlauf der Arbeit bringt Presner ein zentrales Argument vor: Der Diskurs über den jüdischen Körper und die „Politik der Regeneration“ waren Bestandteil einer diskursiven Formation, deren Ambivalenzen und zum Teil höchst problematischen Aspekte von den jüdischen Turnern übernommen wurden.

Das dritte Kapitel widmet sich der Ästhetik und der Rolle der Kunst für den Zionismus. Der Fokus liegt zunächst auf dem ästhetischen Konzept Martin Bubers. In Auseinandersetzung mit dem biblischen Bilderverbot habe Buber ein neuartiges Verständnis von jüdischer Kunst entwickelt, das sich zugleich von antisemitischen Zuschreibungen der jüdischen Kunstlosigkeit, prominent durch Richard Wagner, abgrenzte. Ferner habe er das ästhetische Erziehungskonzept Friedrich Schillers kulturzionistisch gewendet und für die Schaffung eines zukünftigen Judenstaates in Dienst genommen. Darüber hinaus akzentuiert Presner die Besonderheit im Schaffen des Malers Ephraim Moses Lilien. Im Unterschied zu anderen zionistischen Künstlern habe er sich nicht der modernen Ästhetik verschlossen und sie stattdessen für das Projekt einer jüdischen Wiedergeburt verwandt. Mit seiner Nähe zum Jugendstil und der Ikonographie der Décadence habe er hybride Formen geschaffen, welche biblische Topoi, historische Motive des osteuropäischen Judentums und zionistische Zukunftsprojektionen miteinander verbanden.

Im Anschluss daran steht das Turnen als Praxis der Regeneration im Mittelpunkt. Diese gilt es in den Augen Presners in die Geschichte der Körperkultur zu integrieren. Das Programm der körperlichen Regeneration führt er auf die diskursive Verbindung von Körper und Nation Anfang der 19. Jahrhunderts bei Fichte und „Turnvater“ Jahn zurück. Die Zionisten hätten dieses Konzept schlichtweg übernommen und für ihre Zwecke zu nutzen gesucht. Anhand des jüdischen Teils der Dresdner Internationalen Hygieneausstellung von 1911 und des zeitgleich erschienenen bevölkerungspolitischen Skandalbuches „Der Untergang der deutschen Juden“, aus der Feder des Zionisten und Turners Felix Theilhaber, stellt Presner heraus, dass die „körperliche Renaissance“ auch den Beginn einer modernen jüdischen Bio-Politik markierte. Diese fußte auf der Diagnose eines Rückgangs der jüdischen Bevölkerung auf Grund von Degenerationserscheinungen, zu denen die jüdischen Turner sowie die Zionisten auch die Assimilation und so genannte Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden zählten.

Im fünften Kapitel wird erörtert, ob und inwiefern der Zionismus Produkt des europäischen Kolonialismus und dessen Phantasien gewesen sei. Presner untersucht zunächst den Topos der Seefahrt im Kolonial-Diskurs. Juden seien hiervon ausgeschlossen worden, indem sie als ein Nomadenstamm imaginiert wurden, wozu man sich der mittelalterlichen Legende von Ahasverus, dem wandernden bzw. ewigen Juden, bediente. Mit Rekurs auf diese antisemitische Figur sprachen beispielsweise Hegel und Herder dem Judentum eine weltgeschichtliche Rolle ab. Presner sieht im zionistischen Siedlungsprojekt den Versuch, sich als Vorposten der europäischen Zivilisation in Palästina zu repräsentieren und wieder in den Kolonial-Diskurs einzuschreiben. Konkret führt er die kolonialen Phantasien am populären Fotoband „Bilder aus Palästina“ aus. Zionismus und europäischer Imperialismus waren nicht dasselbe, so sein Resümee, grenzten gleichwohl epistemologisch, historisch und politisch aneinander an.

Vermutlich kein Vorurteil über den jüdischen Körper sei laut Presner dermaßen verbreitet gewesen, wie das des feigen und unsoldatischen Juden. Der Figur des „Muskeljuden“ war folglich ebenso ein soldatischer Körper zueigen. Gerade in der Zwischenkriegszeit und im Gefolge der „Judenzählung“ sowie der späteren Dolchstoßlegende habe beispielsweise der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten in seiner Zeitung „Der Schild“ eine Rhetorik der Stählung und Abhärtung propagiert. Mit Bezug auf die klassischen Studien George L. Mosses und Klaus Theweleits weist Presner darauf hin, dass diese Strategie keineswegs auf den faschistischen Männerkörper oder die Schriften Ernst Jüngers beschränkt gewesen sei. Eine, auch visuelle, Inszenierung des soldatisch jüdischen Körpers stellte der ebenfalls von Felix Theilhaber herausgegebene Erinnerungsband „Jüdische Flieger im Ersten Weltkrieg“ dar. In der Erfahrung des Krieges habe man einen verlorenen jüdischen Militarismus wieder zu finden gehofft, so Presner, dessen spätere Ikonen den Ausgangspunkt seiner Studie bilden. „It is here – squarely in the middle of European high modernism – that we can locate the cultural origins of the steeled Jewish body.“ (S. 216)

Wie fällt ein Vergleich zwischen den beiden Untersuchungen aus? Daniel Wildmanns Studie besticht allen voran mit der Gründlichkeit und Detailliertheit in der Analyse der „Jüdischen Turnzeitung“, welche seine primäre Quellenbasis ist. Darüber hinaus werden verschiedene Aspekte thematisiert, die aus körpergeschichtlicher Perspektive elementar sind für das Verständnis der Jüdischen Turnerschaft, wie die Bedeutung medizinisch-wissenschaftlicher Diskurse und die Gender-Dimension, aber bisher nur selten ausführlich behandelt wurden. Zugleich resultiert aus der Konzentration auf die jüdische Turnbewegung nahezu zwangsläufig eine Vernachlässigung des breiteren Kontextes, wodurch die Arbeit der Kontingenz und Emergenz des Phänomens nicht immer gerecht wird. Das Erkenntnisinteresse Wildmanns gilt letztlich Debatten über Fragen der Zugehörigkeit und Loyalität zur deutschen Gesellschaft in Kaiserreich und Weimarer Republik und der Stellung der Juden. So nachvollziehbar und relevant dies auch ist, führt es in körpergeschichtlicher Perspektive zur Ausblendung wichtiger Aspekte. Eine poststrukturalistisch verfahrende Diskursanalyse würde unter anderem danach fragen, wann und warum „Jüdischsein“ überhaupt eine Rolle spielte und wann nicht. Und: wie wurde das Turnen zu einer subjektivierenden Körper-Praxis des „jüdisch Werdens“?

In gewisser Weise ist die Studie Todd Presners komplementär zu der Wildmanns. Sehr eindrücklich wird die Genealogie des „Muskeljuden“ im Kontext des Fin de Siècle analysiert und die Polyvalenz des Diskurses der jüdischen Regeneration veranschaulicht. Des Weiteren ist der Fokus auf die Resignifikation hegemonialer und partiell antisemitischer Diskurse hervorzuheben. Während Wildmann auf die Agency der Akteure abhebt, problematisiert Presner immer wieder mit Nachdruck die Widersprüche und Ambivalenzen einer jüdischen Bio-Politik. Aus diskursgeschichtlicher Sichtweise ist an der Studie Presners allerdings die fehlende Serialität der analysierten Aussagen und das dementsprechend schmale Quellenkorpus zu bemängeln. Zumindest rufen die ansonsten überzeugenden Fallstudien den Eindruck hervor, die Arbeit wandele streckenweise auf dem berüchtigten Höhenkamm. Schade ist zudem, dass der Autor einen Gutteil der relevanten deutschsprachigen Literatur wohl nicht zur Kenntnis genommen hat, wie die wichtige Studie Maren Möhrings zur Körperkultur.[4] Dessen ungeachtet wird wohl niemand, der sich zukünftig für die Rolle des Sports respektive des Körpers in der jüdischen Geschichte der Neuzeit interessiert, an diesen beiden überzeugenden Werken vorbei kommen.

Anmerkungen:
[1] In jüngster Zeit ist ein Wandel in der jüdischen Geschichtsschreibung zu konstatieren. Vgl. u.a. das DFG-Projekt „Sport, Körper und Subjekt: Sportgeschichte als Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Moderne“ (<http://www.sport-koerper-subjekt.de/>, 23.05.2011), welches ein entsprechendes Teilprojekt aufweist.
[2] Vgl. u.a. Michael Brenner / Gideon Reuveni (Hrsg.), Emanzipation durch Muskelkraft. Juden und Sport in Europa, Göttingen 2006. Jens Elberfeld, „Lasst uns unsere Körper weihen zum Tempel jüdischer Schönheit“. Normalisierung des Selbst im Diskurs der „Jüdischen Turnerschaft“, in: Ders. / Marcus Otto (Hrsg.), Das schöne Selbst. Zur Genealogie des modernen Subjekts zwischen Ethik und Ästhetik, Bielefeld 2009, S. 169-207.
[3] So der Titel einer Festschrift. Vgl. Ausschuss der Jüdischen Turnerschaft (Hrsg.), Körperliche Renaissance der Juden. Festschrift anlässlich des IV. Turntages der Jüdischen Turnerschaft und der Feier des zehnjährigen Bestehens des Jüdischen Turnvereins Bar Kochba-Berlin, Berlin 1909.
[4] Vgl. Maren Möhring, Marmorleiber. Körperbildung in der deutschen Nacktkultur (1890-1930), Köln 2004.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.06.2011
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