K.C. Führer u.a. (Hrsg.): Revolution und Arbeiterbewegung in Deutschland

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Titel
Revolution und Arbeiterbewegung in Deutschland 1918–1920.


Autor(en)
Führer, Karl Christian; Mittag, Jürgen; Schildt, Axel; Tenfelde, Klaus
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe A: Darstellungen 44
Erschienen
Anzahl Seiten
466 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reiner Tosstorff, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Diskussion über die Revolution von 1918/19 konzentriert sich zumeist auf die politische Umwälzung. Dieser Blickwinkel ist natürlich nicht falsch, doch letztlich eine Momentaufnahme. Wenn die Revolution auch unmittelbar von den aufständischen Matrosen ausging, entwickelte sie sich vor allem in der Langzeitwirkung der immer wieder ausbrechenden Streiks in den Rüstungsbetrieben. Hauptauslöser dafür war zwar die katastrophale Versorgungslage in Deutschland, doch schon in den Friedenszeiten hatten sich an den Arbeitsplätzen lange Forderungslisten zu Missständen ergeben. Die Erfahrung hatte die Arbeiterschaft gelehrt, dass man von betrieblichen Entscheidungen angesichts des unternehmerischen „Herr-im-Haus“-Standpunkts gänzlich ausgeschlossen war.

Dies änderte sich mit der Novemberrevolution. Durch die Anerkennung der Gewerkschaften und parallel zu einer Explosion der Mitgliederzahlen, die Entstehung einer neuen Form der Arbeitervertretung in Gestalt der Betriebsräte und die Schaffung des entsprechenden gesetzlichen Rahmens etablierte sich ein System von Arbeitsbeziehungen, deren Folgewirkungen, vom Einschnitt 1933 bis 1945 natürlich abgesehen, bis heute reichen. Die damaligen Umbrüche gaben anlässlich des 80. Jahrestags der Revolution den Anstoß für zwei wissenschaftliche Tagungen in Hamburg im November 2008 und in Bochum im Januar 2009[1], die erste mit einem eher umfassenden Blick, die zweite, wenn auch nicht ausschließlich, stärker auf das Ruhrgebiet fokussiert. Die wichtigsten Beiträge liegen nun überarbeitet in einem Sammelband vor.

Dreh- und Angelpunkt ist das nach den Hauptunterzeichnern für die beiden Seiten benannte Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918, mit dem die Zentralarbeitsgemeinschaft zwischen den Unternehmerverbänden und der Gewerkschaftsbewegung begründet wurde. Damit war ein heute als Korporatismus bezeichneter Verbund konstituiert, dem in den folgenden Monaten und Jahren eine gesetzliche Form gegeben wurde, vor allem mit der Tarifvertragsverordnung vom Dezember 1918 und dem Betriebsrätegesetz vom Februar 1920, aber auch mit einer Reihe von Bestimmungen zum Streikrecht und zu Schlichtungen. Sie begründeten das System der „Sozialpartnerschaft“ in Deutschland, das auch das Auseinanderbrechen der Zentralarbeitsgemeinschaft Anfang 1924 überdauern sollte.

In insgesamt zwanzig Beiträgen, übersichtlich gegliedert in sieben Abschnitte, werden die verschiedensten Aspekte dieser Entwicklung nachgezeichnet. Nach einleitenden Grußworten durch die fördernden Stiftungen (Hans-Böckler- und Heinrich-Kaufmann-Stiftung) und einem Bericht zum Stand der Forschungsdiskussion um die Novemberrevolution von Jürgen Mittag stellt der Schwerpunkt eine Mischung aus einigen regionalgeschichtlichen Studien, in denen auch kulturelle Aspekte berücksichtigt werden, und überwiegend Beiträgen zur Gesamtentwicklung von Betriebsverfassung, Tarifvertragswesen, sonstigen arbeitsrechtlichen Bestimmungen und nicht zuletzt zur Gewerkschaftsbewegung in den Jahren unmittelbar nach 1918 dar. So diskutieren Thomas Welskopp, Klaus Schönhoven und Walter Müller-Jentsch die Situation und die Haltung der Gewerkschaftsbewegung im Kontext der Novemberrevolution, wobei sie vor allem die Entscheidungsebene im Blick haben. Die beiden folgenden Abschnitte rücken in Beiträgen von Wilfried Rudloff, Ottokar Luban, Willy Buschak, Knud Andresen, Jürgen Jeske, Klaus Weinhauer und Jürgen Mittag stärker die innere Entwicklung der Gewerkschaften aus dem Wechselverhältnis zu ihrer Basis in den Blickpunkt, was durch Michael Ruck und Rudolf Tschirbs mit Hinweisen auf den neuen gesetzlichen und institutionellen Rahmen für die Gewerkschaftsbewegung ergänzt wird. Dem folgen einige biographische Aspekte bei Akteuren der Arbeiterbewegung und auf Seiten des Unternehmerlagers durch Werner Plumpe, Kim Christian Priemel und Klaus Wisotzky. Den Abschluss bilden „Spiegelungen der deutschen Revolution“ im internationalen Maßstab sowie in der Historiographie (Joachim Schröder, Jan Schmidt und Bernd Faulenbach) und „Wahrnehmungen und Deutungen“ vor allem im Ruhrgebiet (Klaus Tenfelde und Gertrude Cepl-Kaufmann). Die Beiträge liefern eine Bestandsaufnahme der bisherigen Forschungen und diskutieren die im Laufe der Zeit geäußerten unterschiedlichen Rezeptionen und Bewertungen. Einige Autoren können dabei auch an eigene umfassende Monographien zu den jeweiligen Themen anknüpfen. Angesichts der großen Zahl der Beiträge können sie hier leider nicht alle einzeln diskutiert werden.

Wie bei einem Sammelband auf Tagungsgrundlage unvermeidbar, kann er keine umfassende thematische Abdeckung bieten, wie dies bei einer Monographie zu erwarten wäre. Vielmehr spiegelt er in seiner thematischen Spannbreite auch die Zufälligkeiten der eingereichten Beiträge wider. Während allerdings die zentralen Strukturen und Formen der neuen Arbeitsbeziehungen durch die Mehrzahl der Beiträge umfassend dargestellt sind, macht sich dies bei den biographischen Beiträgen (der Chemieunternehmer Carl Duisberg und zwei Protagonisten der Auseinandersetzungen in Essen, der später als Ökonom bekannt gewordene Fritz Baade sowie der Zeitungsverleger Theodor Reismann-Grone) und bei denen zur internationalen Dimension bemerkbar. Dafür werden mit den – im Einzelnen zwar durchaus interessanten – Beiträgen zu den französischen Sozialisten und der öffentlichen Meinung in Japan für die seinerzeitige Situation doch eher beschränkt einflussreiche Akteure dargestellt, vor allem hinsichtlich der Rückwirkungen auf die politische Lage in Deutschland. Hier hätte ein Blick auf die Rezeption der Arbeiterbewegung nach 1918 bei den Siegermächten und deren Folgen für die Formulierung einer Politik gegenüber dem besiegten Gegner doch vielleicht ein größeres Gewicht für das Thema des Sammelbandes gehabt.

Vor allem aber ist der Begriff des Arbeiters hier doch klassisch mit dem männlichen Industriearbeiter gleichgesetzt, wobei durchaus zugegeben sei, dass dieser die Organisationen und Bewegungen dominierte. Die Berücksichtigung der Frauen hätte aber, angesichts der Bedeutung der Frauenarbeit im Krieg wie auch der rapide angewachsenen weiblichen Gewerkschaftsmitgliedschaft, mit Blick auf die Folgen für die Zeit nach 1918 ein wichtiges Element für das Gesamtbild beigesteuert. In ähnlicher Weise gilt das auch für diejenigen, die als damals so genannte „Fremdarbeiter“ während des Kriegs massenhaft angeworben oder direkt zwangsverpflichtet waren. Sie sind in einem Beitrag zum Deutschen Metallarbeiterverband immerhin kurz erwähnt. Doch während etwa die Belgier nach Kriegsende umgehend zurückkehren konnten, galt das nicht für die „Ostjuden“ aus dem ehemaligen Russischen Reich.

Ohne alle Autoren über einen Kamm scheren zu wollen, bleibt festzustellen, dass sie weitestgehend den durch das Stinnes-Legien-Abkommen gesetzten Rahmen als nicht überschreitbar akzeptieren. Dies geschieht freilich mit durchaus unterschiedlicher Akzentsetzung, was die Frage nach den konkreten Spielräumen und den vorhandenen Kräfteverhältnissen anbelangt. Waren sie nicht größer, als sie seinerzeit bewusst oder unbewusst wahrgenommen wurden? Schon oft ist darauf hingewiesen worden, dass sich vor dem Hintergrund der revolutionären Situation sowohl Gewerkschaftsführungen wie Unternehmer mit ihrem Zusammengehen gegenseitig unterstützten, um weitergehende Forderungen – zum Beispiel nach einer Vorherrschaft der Räte oder einer Durchführung der Sozialisierung – abzuwehren. Allerdings mussten die Gewerkschaften schon bald zur Kenntnis nehmen, wie sich ab Anfang 1919 das Kräfteverhältnis zu ihren Ungunsten verschlechterte, was sich sofort in den verschiedenen arbeitsgesetzlichen Bestimmungen auf dem Weg von den Entwürfen zu den verabschiedeten Fassungen widerspiegelte, selbst wenn die Gewerkschaften sie dann als „kleineres Übel“ gegenüber der Situation im Kaiserreich und aus Rücksicht auf die Koalitionspolitik der SPD akzeptierten. Somit ist nach der Lektüre weiterhin die Frage aufgeworfen, inwieweit 1918 Wege offen waren, die von den dominierenden Kräften der Arbeiterbewegung nicht beschritten wurden, während es auf der Unternehmerseite ein solches Zögern angesichts des sich schnell zu ihren Gunsten entwickelnden Kräfteverhältnisses nicht gab.

Insgesamt also ein Band, der entsprechend seinem akademischen und forschungsorientierten Anspruch vor allem durch Materialfülle besticht. Durch seine umfassende Einführung in die Thematik wie die Literatur zur Arbeiterbewegung und zu den Arbeitsbeziehungen stellt er einen nützlichen Beitrag zu jeder Lehrveranstaltung über die Novemberrevolution und die Anfangszeit der Weimarer Republik dar.

Anmerkung:
[1] Vgl. die zwei Tagungsberichte: Konflikt und Kooperation: Das „Stinnes-Legien-Abkommen“ vom November 1918 als Wendepunkt in den Beziehungen der deutschen Gewerkschaften und Arbeitgeber. 21.11.2008–22.11.2008, Hamburg, in: H-Soz-u-Kult, 07.02.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2513>; <Revolution und Arbeiterbewegung 1918–1920. in: AHF-Information. 2009, Nr.052 <http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2009/052-09.pdf> (29.09.2013).

Redaktion
Veröffentlicht am
14.11.2013
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