Politischer Extremismus in der Zwischenkriegszeit

: Weimar Radicals. Nazis and Communists Between Authenticity and Performance. New York  2009. ISBN 978-1-845-45564-4

: In Pursuit of the People. Political Culture in France, 1934-39. Houndmills  2009. ISBN 978-0-230-20277-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Häberlen, Department of History, University of Chicago

Völlig unabhängig voneinander haben Timothy S. Brown und Jessica Wardhaugh zwei bemerkenswert ähnliche Bücher vorgelegt. Beide Abhandlungen werfen aus interessanter Perspektive neues Licht auf die konfliktreichen Beziehungen zwischen Rechten (in Frankreich vor allem die Ligen, in Deutschland die Nationalsozialisten) und Linken (in Frankreich die Volksfront, in Deutschland die Kommunisten) in den späten 1920er- und 1930er-Jahren, indem sie sich dem Problem von einer kulturhistorischen Richtung aus nähern und Symboliken und Inszenierungen in den Mittelpunkt ihrer Analysen stellen. Vergleicht man die Entwicklungen in Frankreich und Deutschland auf der Grundlage dieser Bücher, so zeigen sich einerseits frappierende Ähnlichkeiten, aber noch wichtiger auch entscheidende Unterschiede.

Rechte und Linke wurden in der Historiographie, so Brown, lange in striktem Gegensatz zueinander dargestellt, und im Falle Frankreichs selten zusammen behandelt, so Wardhaugh. Die zentralen Konzepte der Linken: die internationale Arbeiterklasse, und der Rechten: die Volksgemeinschaft, standen sich zumindest theoretisch diametral gegenüber. Beide Autoren stellen dieses Bild gekonnt in Frage. In Deutschland wie in Frankreich versuchte die Rechte in die Reihen der Arbeiterbewegung einzubrechen; sie stellte sich als die wahre Vertreterin der Arbeiterklasse dar und versuchte so, diese in die Nation zu integrieren. Auf der anderen Seite spielten auch Linke die nationale Karte, indem sie etwa, wie im französischen Fall, die Marseillaise in ihr kulturelles Repertoire integrierten. Auf diese Weise versuchte die Linke, sich als „bessere“ Repräsentantin des Volkes beziehungsweise der Nation darzustellen. Beide Seiten interagierten damit in einer „semiotic community“ (Brown, S. 8; er übernimmt den Begriff von William Sewell), was ihnen erlaubte, auch im Lager der jeweiligen Gegner zu agitieren. Diesen wurde vorgeworfen, nur „fremde“ Interessen, seien es diejenigen des internationalen Finanzkapitals oder diejenigen des internationalen Bolschewismus, in jedem Fall aber jüdische, zu bedienen, nicht aber die wahren Interessen der Arbeiterschaft, des Volkes oder der Nation – wie es in Ernst Buschs „Der heimliche Aufmarsch“ heißt: Sie „schreien ‚Für Nation und Rasse’ / Das ist der Krieg der Herrscher der Welt / gegen die Arbeiterklasse.”

Empirisch sind diese Befunde nicht unbedingt überraschend, insbesondere was die Nähe von Rechten und Linken und ihre Auseinandersetzung um die Bedeutung von Ideen wie Nation oder Sozialismus anbelangt. Das Verdienst beider Studien ist es, diese Auseinandersetzungen, die vor allem im französischen Fall zu wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, in ein neues und erhellendes Licht zu rücken. Es wäre zu fragen, ob solche Konflikte, die immer auch ein Kampf um die Unterstützung der Arbeiterschaft waren, nicht ein gesamteuropäisches Phänomen der Zwischenkriegszeit darstellten. Hier würden sich sicherlich weitere vergleichende Studien lohnen. Aus vergleichender Perspektive sind aber vor allem die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich, die durch die Lektüre beider Bände deutlich werden, bedeutender. Während in Frankreich das „Volk“ den zentralen Referenzpunkt für Linke wie Rechte bildete, war es in Deutschland das Bild vom „Revolutionär“, auf das sich KPD und NSDAP positiv bezogen.

In Deutschland, so Brown, versuchten sowohl die KPD als auch die NSDAP dem anti-bürgerlichen Radikalismus ihrer Gefolgschaft eine Gestalt zu geben. In diesem Sinne repräsentierten beide Parteien „die da unten“ und ihr Ressentiment gegen „die da oben“ und die „Bonzen“, ein Schlüsselbergriff links wie rechts. Dem verweichlichten und verweiblichten Bürger stellten sie das Bild des revolutionären Soldaten entgegen, der Männlichkeit wie Jugendlichkeit verkörpern und durch die entschlossene Tat glänzen sollte. Dies war ein Bild des Revolutionärs, auf das sich Kommunisten wie Nationalsozialisten einigen konnten. Der „Inszenierung“ des Revolutionärs stand aber auch der Wunsch nach „Authentizität“ seitens der Anhänger gegenüber. Die Frage war gewissermaßen, wem es gelingen würde, diese populären Ideale des soldatischen Revolutionärs „authentischer“ zu verkörpern.

Dieser Interpretationsrahmen von „authentischer“ und „inszenierter“ Revolte erlaubt es Brown, Konflikte innerhalb der nationalsozialistischen wie auch kommunistischen Bewegungen zu interpretieren. In beiden Lagern stellten sich einfache Mitglieder gegen ihre Parteiführungen, wenn diese nicht dem Bild des Revolutionärs entsprachen. Hier bot sich auch ein Ansatz für Agitation im gegnerischen Lager: Beide Seiten versuchten den Anhängern der jeweils anderen Partei zu verdeutlichen, dass der Gegner nur vorgab, revolutionär zu sein, in Wahrheit aber, anders als man selbst, verbonzt und verbürgerlicht sei. Schließlich erlaubte diese Gemeinsamkeit einzelnen Kommunisten und Nationalsozialisten mit relativer Leichtigkeit die Lager zu wechseln, gerade nach der Machtübernahme der NSDAP 1933. Hitler schien nun schlicht der erfolgreichere Revolutionär zu sein.

Die Machtübernahme setzte sowohl bei der SA als auch bei der KPD revolutionäre Hoffnungen frei. Einerseits lässt sich hiermit die massive Gewalt zu Beginn des Regimes erfassen. In der Stimmung, jetzt die lang ersehnte Revolution durchführen zu können, folterten und mordeten die SA-Männer ohne Hemmungen. Auf der anderen Seite glaubte die KPD, dass sich die revolutionäre Stimmung, gerade innerhalb der SA, bald gegen Hitler richten würde, wenn deren Mitglieder nur merken würden, dass Hitler nicht für die Revolution stand, auf die sie hofften. Und in der Tat, Hitler stand für eine andere Revolution. Im gewissen Sinne hatten, so Brown, Kommunisten wie auch „linke“ Nationalsozialisten ähnliche Hoffnungen. Aber diese wurden von Hitler und der NSDAP zerschlagen, denen es letztendlich gelang, die Bedeutung der Revolution zu definieren. „The revolution was not to be socioeconomic but cultural, biological, and above all racial“ (S. 133). Auf diese Weise bietet der Fokus auf die Inszenierung der Figur des Revolutionärs einen Rahmen, in dem Brown die Geschichte radikaler Politik in Weimar gekonnt neu interpretieren kann.

Der zentrale Bezugspunkt des französischen Diskurses zwischen Linken und Rechten war das „Volk“, so Wardhaugh. Die Februar-Ereignisse – zunächst die Demonstration der radikalen Rechten am 6. Februar 1934, die mit Ausschreitungen und 15 Toten endete, dann die Protestdemonstrationen der Kommunisten am 9. Februar, bei denen es ebenfalls Tote zu beklagen gab, sowie die großen und friedlichen Demonstration der Linken, Kommunisten wie Sozialisten am 12. Februar, begleitet von einem Generalstreik – bieten einen Ausgangspunkt, um diesen „Pursuit of the People“ nachzuzeichnen. Sowohl die rechte als auch linke Presse porträtierte die jeweiligen Demonstrationen als Ausdruck eines Volkswillens, der sich auf den Straßen Paris’ manifestiert hatte. Während die Rechte in der Demonstration am 6. Februar einen Aufstand des „ehrlichen“ Volkes gegen ein „korruptes“ parlamentarisches System sah, hatte aus Sicht der Linken das antifaschistische Volk am 12. Februar gesprochen. Beide Lager proklamierten damit das Volk für sich, was vielleicht wenig überraschend ist. Entscheidend ist, dass damit die repräsentative Funktion des Parlaments, das eigentlich für das Volk sprechen sollte, in Frage gestellt wurde, weshalb Wardhaugh von einer Krise der Repräsentation spricht. Gegen diese „Established Disorder“ wurde somit von beiden politischen Lagern mobilisiert.

Dieser Unordnung stellten Linke wie Rechte das Volk gegenüber, das Einheit und Ordnung schaffen sollte. Hierzu mussten die Massen zum „Volk“ geformt werden. Aus Sicht der Rechten waren die Massen ohne Führung instinktgeleitet, kriminell und gefährlich. Nur durch starke Führung konnten diese Instinkte in Heroismus überführt werden. Aus Sicht der Linken hingegen handelten die Massen rational und friedlich, dem Vorbild der Französischen Revolution von 1789 folgend. Der historische Bezugspunkt der Rechten war die Union Sacrée und die Kriegsopfer, durch die die Einheit der Nation hergestellt wurde. Innerhalb der Linken veränderte vor allem die Parti Communiste Français (PCF) ihren Bezugsrahmen: Anstelle eines kämpfenden Proletariats, das die kapitalistische Republik zerstören sollte, trat ein friedliches (und weiter gefasstes) Volk, was sich etwa darin niederschlug, dass junge Kommunistinnen auch Kochkurse anbieten sollten um sich dort mit ihren „nicht-kommunistischen Schwestern“ (S. 61) zu verbrüdern. Während beide Lager auf diese Weise Ordnungsvorstellungen entwarfen, stellten sie ihre Gegner jeweils als eine Gefahr für die Ordnung, als Boten des Chaos, als das Volk spaltend und vor allem als ausländische Agenten dar, die nichts als die Zerstörung Frankreichs im Sinn hatten.

Der Linken gelang es zunächst, ein attraktiveres Bild der Nation zu entwerfen, in der auf verschiedenen Ebenen Einheit erreicht werden sollte – zwischen Arbeitern und den „middle classes“, zwischen Stadt und Land, zwischen dem Hexagon und den Kolonien. Seinen Höhepunkt fand dieses Bild der im Antifaschismus vereinten Nation in den Festlichkeiten am 14. Juli 1936, als am französischen Nationalfeiertag der Sieg der Volksfront sowohl mit Roter Fahne als auch mit Trikolore gefeiert wurde. Proletariat und Nation waren scheinbar vereint.

Gleichwohl war der im Antifaschismus vereinten Nation kein langer Erfolg beschieden. Spannungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern flammten bereits kurz nach den Sommerstreiks 1936 erneut auf, und auch die Rechte formierte sich wieder, was zu erneuten gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Straßen Frankreichs führte. Diese fanden einen Kulminationspunkt in den Ausschreitungen von Clichy im März 1937. Dort führte eine Versammlung der Parti Social Français (PSF), die aus den Croix de Feu hervorgegangen war, zu blutigen Ausschreitungen mit linken Gegendemonstranten. In der linken Presse wurde die Veranstaltung im Vorfeld als eine Invasion der Rechten interpretiert. In Wahrheit aber hatten sich lokale Anhänger der PSF versammelt, und im Verlaufe der Ausschreitungen wurden die Geschäfte lokaler Gegner der Volksfront demoliert – es handelte sich gleichsam um eine Familienangelegenheit. Damit entsprachen die Massen nicht dem Bild, das die Linke von ihnen gezeichnet hatte. Vielmehr konnte sich die Rechte in ihrer Vorstellung von gefährlichen und gewalttätigen Massen bestätigt fühlen, die einer starken Führung bedurften. In dieser Situation, aber auch im Angesicht der fortgesetzten wirtschaftlichen Krise sowie der zunehmenden internationalen Spannungen der Jahre 1937/38, wurde der Ruf nach einer starken Führung, unter der die Nation vereint werden könnte, attraktiver, während die selbst agierenden Massen an Bedeutung verloren. Die linke Konzeption einer „neuen Ordnung“ war gescheitert. Stattdessen wurde unter Édouard Daladier, der im April 1938 sein Amt antrat, eine zunehmend autoritäre Version der „nationalen Gemeinschaft“ verwirklicht.

Beide Bände sind für sich gelesen spannend und lehrreich, bieten aber auch viel Bekanntes; gemeinsam gelesen regen sie zu weiteren Fragen in vergleichender Perspektive an. In einem stringenten Vergleich müsste zunächst gefragt werden, ob sich der hier dargestellte Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich wirklich so halten ließe. In Frankreich spielte das Bild des Revolutionärs sicherlich keine positive Rolle wie in Deutschland; wohl aber scheint es durchaus plausibel, dass in Deutschland die Suche nach einer neuen Ordnung eine zentrale Rolle spielte. Hier müsste genauer nach Unterschieden in den jeweiligen Konstellationen gefragt werden. Ebenso wären Ursachen wie Konsequenzen dieser Unterschiede zu erklären. Waren sie vielleicht ein Grund dafür, dass die Dynamik der Auseinandersetzungen in Deutschland um ein so vielfaches explosiver verlief? Zusammen genommen deuten beide Bände an, welches Potential vergleichende Geschichtsschreibung haben könnte.

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07.05.2010
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