W. Breul u.a. (Hrsg.): Der radikale Pietismus

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Titel
Der radikale Pietismus. Zwischenbilanz und Perspektiven der Forschung


Herausgeber
Breul, Wolfgang; Meier, Marcus; Vogel, Lothar
Reihe
Arbeiten Zur Geschichte Des Pietismus
Erschienen
Göttingen 2010: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
480 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Eißner, Leipzig

Hiermit liegt der schriftliche Ertrag der Tagung „Radikaler Pietismus – eine Zwischenbilanz der Forschung“ vor, die anlässlich der Emeritierung des Kirchenhistorikers und ausgewiesenen Pietismusforschers Hans Schneider im März 2007 in Marburg stattfand.[1] Damit zollten die Veranstalter, die auch als Herausgeber dieses Bandes verantwortlich zeichnen, nicht nur der wissenschaftlichen Leistung Schneiders Respekt; sie trugen auch dem Umstand Rechnung, dass vormals als Randerscheinungen des Pietismus wahrgenommene Phänomene wie mystische Spiritualisten, Neutäufer oder Laienpropheten zunehmend in den Fokus der Forschung geraten sind und inzwischen als genuine Bestandteile des Pietismus angesehen werden. Entsprechend breit ist auch das Spektrum der Themen, welches die 26 Beiträger in ihren Aufsätzen entfalten.

Den Auftakt machen Martin Brecht, Johannes Wallmann und Hartmut Lehmann. Während Ersterer in seiner Problemanzeige begriffliche Schwierigkeiten des Konzepts „radikaler Pietismus“ bestimmt und darauf verweist, dass dieses in Differenz zu seiner kirchlichen Entsprechung bestimmt sei (S. 11) und sich „Radikalismus“ als ungeeignet zur Binnendifferenzierung des Pietismus erweise, trifft Johannes Wallmann eine kirchengeschichtliche Grundunterscheidung zwischen kirchlichem und radikalem Pietismus und liefert einen Kurzabriss des Begriffsgebrauchs (S. 19f.).[2] Anders als Martin Brecht weigert sich der Autor, neue Substitute für „radikaler Pietismus“ vorzuschlagen und versucht sich statt dessen an der Beantwortung wesentlicher Fragen nach Defiziten der Erforschung des „radikalen Pietismus“, nach temporärer Priorität entweder des kirchlichen oder radikalen Pietismus und nach sinnvoller Unterscheidbarkeit zwischen beiden Konzepten im Rahmen eines erweiterten Pietismus-Begriffs. Hartmut Lehmann greift die Frage nach dem Fehlen religiösen Pluralismus’ in Deutschland auf und führt dies auf die Verfolgung radikaler Pietisten im 17. Jahrhundert zurück. Der Erhalt der Monopolstellung der Kirchen habe dann selbst um 1900 religiösem Pluralismus kaum eine Chance gelassen, wie die Diskriminierung der Freikirchen im Wilhelminischen Kaiserreich gezeigt habe. Die Vertreibung der Radikalen bedingte das Fehlen eines religiösen Marktes in Deutschland (S. 55). Die Rede vom „radikalen Pietismus“ hält auch er für problematisch, dennoch bestehe die Notwendigkeit der Beobachtung der so bezeichneten Phänomene in langfristiger, weltweiter Perspektive.

Diesen grundsätzlichen Überlegungen folgend widmet sich eine Gruppe einzelner Beiträge der Frage nach den Grenzen/Übergängen zwischen kirchlichem und radikalem Pietismus. Veronika Albrecht-Birkner und Udo Sträter kontextualisieren die radikale Phase August Hermann Franckes seit Herbst 1691 in dessen weiterer Entwicklung (S. 57-84). Sie verfolgen die Auswirkungen perfektionistischer Ansichten und die Entwicklung personeller Netzwerke, denn diese führten zur Anfechtung Einzelner und hatten „ekklesiologische Konsequenzen“ (S. 65). In Reaktion auf die eigene seelische Not im Umgang mit der Absolution verschärften Pfarrer die Kirchenzucht und schlossen in Form eines „umgekehrten Separatismus“ alle aus der Gemeinde aus, die ihren Ansprüchen nicht entsprachen. Die Autoren machen eine „subtile Radikalität“ Franckes und seiner Anhänger aus (S. 71), weisen aber auch auf das Fehlen einer Zukunft für Separatisten in Halle hin. Bei aller anfänglichen Begeisterung Franckes für die Enthusiasten des späten 17. Jahrhunderts hat dieser bei der personellen Rekrutierung für seine Anstalten keine Radikalpietisten berücksichtigt.

Jürgen Büchsel widmet sich der radikalen Phase Gottfried Arnolds respektive dessen Verteidigung seiner „Unpartheiischen Kirchen- und Ketzergeschichte“ im Briefwechsel mit dem Gothaer Orthodoxen Tobias Pfanner zwischen 1700 und 1702 (S. 85-104). Dabei weist der Autor auf die überragende Rolle der orthodoxen Gegner sowohl bei der Beurteilung der Bekenntnisschrift Arnolds als theologischer Begründung des Separatismus als auch als Anstoß zur Separation hin (S. 90f.).

Die Herrnhuter Brüdergemeine bietet sich besonders für eine Bestimmung des Verhältnisses der zwei „Pietismen“ an, wie die Beiträge Dietrich Meyers und Thilo Daniels zeigen: Ersterer wertet zwar die Beziehung zwischen Zinzendorf und den radikalen Pietisten als letztendlich gescheitert, dennoch lohne sich die Beschäftigung zur Klärung der konfessionellen Position, zumal die Wurzeln des Zinzendorfschen Kirchenverständnisses im radikalen Pietismus zu verorten seien (S. 147-158). Unzweifelhaft hatte die Herrnhuter Brüdergemeine eine gewisse Anziehungskraft auf Separatisten, auch wenn kaum bekanntere „Radikalpietisten“ den Weg in die Gemeine fanden. Trotz Unterschieden einte Brüdergemeine und Separatisten „ihre kritische Einstellung gegenüber einem bloß äußerlichen, überkommenen Volkskirchentum, ihr intensives religiöses Leben, ihre überkonfessionelle philadelphische Einstellung“ (S. 155). Thilo Daniel bestimmt (S. 159-170) das Verhältnis zwischen Brüdergemeine und den „randkirchlichen und außerkirchlichen Gruppen“ des 18. Jahrhunderts (S. 159). Dazu werden die Lebensläufe dreier Frauen (Anhängerinnen Johann Georg Gichtels und Johann Wilhelm Überfelds) aus dem Umfeld Zinzendorfs in den Blick genommen und gefragt, was es mit den Gichtelianern eigentlich auf sich hatte. Dabei kommt die Rede auch auf den „Ehestreik“ der berühmtesten Anhängerin Gichtels und Überfelds, Anna Magdalena Francke, 1714/15 in Halle.

Das spannungsreiche Verhältnis zwischen radikalem Pietismus und staatlicher Ordnung bestimmt eine weitere Gruppe von Beiträgen. Der preußische Beamte Dodo II. von Innhausen und Knyphausen steht im Fokus des Aufsatzes von Markus Matthias (S. 189-210). Es geht um dessen Rolle als Finanzier und Sympathisant radikalen Pietismus’, aber auch um Knyphausens „radikalpietistische Privatreligion“, das heißt eklektische Rezeption nonkonformistisch-radikalpietistischer Religiosität zum Privatgebrauch bei öffentlicher Orthopraxie und Bekenntnis zum kirchlichen Pietismus (S. 193). Neben Kontakten zur Visionärin Antoinette de Bourignon und Philipp Jakob Spener hatte Knyphausen ein enges Verhältnis zum Ehepaar Petersen, als dessen großzügiger Gönner er ab 1692 auftrat, sowie ein reges Interesse an Alchimie, Spiritismus und böhmistischer Religiosität. Letzteres begründet auch Knyphausens finanzielle Unterstützung Jane Leads und seine Verdienste um deren Rezeption seitens der Petersens (S. 200).

Douglas H. Shantz betrachtet die Wanderungen Johann Wilhelm Petersens und Johann Friedrich Rocks sowie ihr Verhältnis zur Obrigkeit, wobei Gemeinsamkeiten, aber mehr noch Unterschiede zwischen beiden deutlich werden. Obwohl es gelingt, das erhebliche Potential einer Verbindung von Bewegungsanalyse und obrigkeitlicher Resonanz aufscheinen zu lassen, geschieht dies unter Rückgriff auf gedruckte autobiographische Lebenserzählungen der radikalpietistischen Protagonisten. Damit ermangelt die Darstellung aber der Flankierung durch vorhandene Forschungsliteratur, was den Ertrag des Beitrags erheblich schmälert.[3] Der Befund, wonach ein Hauptgrund der differenten Behandlung im unterschiedlichen sozialen Stand (hier Theologe, da Handwerker) gesehen werden muss, fällt daher etwas dürftig aus.

Konstanze Grutschnig-Kieser betrachtet die religiöse Atmosphäre des Landgrafenhofes Hessen-Homburg, wo viele Separatisten vor allem als Ärzte Anstellung fanden (S. 237-248). Dazu gehörte Christoph Schütz, der als geistlicher Seelenführer der Landgräfin einen gewissen Einfluss am Hof genoss. Weitere separatistische Spuren macht die Autorin im Homburger Gesangbuch von 1734 und in der „Schützischen Stiftung“ aus und verweist darauf, dass für die am Hofe herrschende Ausweitung der religiösen Toleranz auf religiöse Separatisten und Radikalpietisten auch handfeste wirtschaftliche und politische Erwägungen eine Rolle gespielt hätten: „Durch die Anstellung an den Hof waren die religiösen Separatisten in die staatliche Ordnung eingebunden und haben die landgräfliche Herrschaft gestützt“ (S. 247).

Die Beziehung zwischen Pietismus und Täufertum bestimmt die Beiträge Marcus Meiers und Jeff Bachs. Ersterer widmet sich (S. 129-146) dem graduellen Ausdifferenzierungsprozess des radikalen Pietismus nach 1700, der sich aufgrund konfessioneller Herkunft der Protagonisten sowie der „schmerzlichen Erfahrung ausbleibender Parusie bei gleichzeitig voranschreitender Etablierung der radikalpietistischen Bewegung in der Welt“ vollzogen habe (S. 134). Interessant sei dabei die Verschiebung der strittigen Punkte: War es zunächst primär die Kritik an Beichte und Abendmahl, konzentrierte sich die Hauptkritik auf die Taufpraxis. Nicht zuletzt dieser Umstand lässt den Autor auf die noch unterbelichtete Verbindung zwischen Pietismus und Täufertum hinweisen. Auch Jeff Bach fragt, inwieweit das Täufertum nachhaltig auf den radikalen Pietismus gewirkt habe, und versucht, die „ideengeschichtliche Verwurzelung des neutäuferischen Pazifismus zu klären“ (S. 229). Demzufolge hatte die pazifistische Grundhaltung der Schwarzenauer Neutäufer ihre Wurzeln sowohl in pietistischen als auch täuferischen Anschauungen, wie anhand der Schriften der Neutäufer Johann Lobach aus Solingen sowie Michael Frantz aus Basel demonstriert wird.

Radikaler Pietismus in seiner Stellung zur Mystik bildet das Metathema der nächsten Gruppe von Beiträgen: Gustav Adolf Benrath beleuchtet „Tersteegens Begriff der Mystik und der mystischen Theologie“ (S. 303-326) vor dem Hintergrund der „vierfachen Lebensleistung als Dichter, Schriftsteller, Prediger und Seelsorger“ (S. 305). Der Autor resümiert, dass Tersteegen besonders das innere mystische Leben betont habe und der theoretischen Seite der mystischen Theologie stets kritisch gegenüberstand.

Lothar Vogel macht den Versuch genauerer Bestimmung der Position der Sophienmystik Gottfried Arnolds innerhalb der böhmistischen Strömung (S. 271-292). Arnold habe in seiner Sophienschrift die Möglichkeit der geistigen Vervollkommnung schon im bestehenden Leben vorausgesetzt, was ihn als „Pietisten“ erkennbar werden ließ, und außerdem die ontologischen Vorstellungen Jane Leads mit der exklusiven Soteriologie Johann Georg Gichtels verbunden (S. 287).

Letzterer bietet den Ausgangspunkt für weitere Aufsätze: Anhand der Korrespondenz zwischen Gichtel und Johanna Eleonora Petersen bestimmt Ruth Albrecht deren Stellung zu Jane Lead und den von ihr vertretenen theologischen Positionen (S. 327-360). Die unbestreitbaren inhaltlichen Differenzen in den pietistischen Netzwerken der Zeit hatten durchaus Bedeutung, die Rezeptionsgeschichte habe in ihrer Darstellung des radikalen Pietismus die Protagonisten stets vereint (S. 359).

Aira Võsa (S. 361-368) betont den Stellenwert der Geschlechtlichkeit in Gichtels Leben und Werk und bestimmt diesen als „Radikalpietisten“ (S. 361). Dessen Misogynie rührte gleichsam aus persönlichen Erfahrungen und der Lektüre Jakob Böhmes her; letzterer betonte die Androgynität Adams, aus welcher Gichtel die Begründung für sein Ideal zölibatärer und monastischer Lebensweise zog. Trotz alledem habe er Frauen als Korrespondentinnen geachtet und ein eher geschlechtsneutrales Frömmigkeitsideal vertreten (S. 368).[4]

Anthropologische Aspekte und Genderfragen einen drei weitere Aufsätze des Bandes. Ryoko Mori fragt in ihrer Fallstudie zur „zweiten Welle des Pietismus“ nach der Entwicklung des individuellen Bewusstseins der Pietisten (S. 369-384). Dabei betont sie das pietistische „Interesse am Subjekt des eigenen Gefühls“ (S. 372) und zeichnet die Radikalisierung der Selbstbehauptung einzelner Exponenten im ekstatischen Phänomen der „begeisterten Mägde“ zu Beginn der 1690er-Jahre nach. Obrigkeitliche Gegenmaßnahmen erzeugten pietistische „Ich-Entdeckung unter Zwang“: Das Berufungsverbot auf unmittelbare göttliche Eingaben habe dazu geführt, dass sich unter anderem Hochmann von Hohenau nun auf das eigene Gewissen als innere Triebfeder berief. Gleichwohl sei der Prozess individueller Bewusstseinsfindung im Pietismus nicht vollendet, sondern im Rahmen der in Halle betriebenen Schematisierung begrenzt und domestiziert worden (S. 383f.).

Anschließend beschreibt Lucinda Martin die anonyme Spendentätigkeit adliger Frauen und leistet damit einen instruktiven Beitrag zur Frage der Finanzierung des frühen Pietismus (S. 385-402). Die Autorin zeigt, dass die herrschende Unklarheit über weibliche Aktivität im Pietismus größer ist, als gemeinhin angenommen, was zuförderst der Zurechnung der Pietistinnen zu den „Radikalen“ geschuldet sei (S. 401).

Wolfgang Breul (S. 403-418) illustriert pietistische Einstellungen gegenüber Frauen anhand der Eheauffassungen Gottfried Arnolds und Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs. Der Autor attestiert beiden Protagonisten trotz inhaltlicher Unterschiede eine „gemeinsame Erschütterung der lutherischen Auffassung von Ehe“ (S. 403). Kern ist hier die „Ehereligion“ Zinzendorfs, deren umfängliche Darstellung bislang als „Desiderat der Forschung“ anzusehen sei.

Diesen thematischen Blöcken stehen Beiträge bei, deren Augenmerk auf Einzelpersonen und -aspekten liegt. Dietrich Blaufuß gelingt durch die Konzentration auf die Pfarrersfrau und spätere Separatistin Rosina Dorothea Ruckteschel-Schilling ein instruktiver Beitrag zum Tagungsthema (S. 105-128). Sie stand maßgeblich unter dem Einfluss ihres Mannes Johann Schilling, aber auch unter dem gegenläufigen Johann Georg Gichtels und bewegte sich folglich am Rande der Kirche. Nach dem Tod beider habe die Ruckteschelin die Grenzen des Kirchentums überschritten und sich zur entschiedenen Separatistin gewandelt (S. 122).

Rudolf Dellsperger illustriert kenntnisreich den radikalpietistischen Austausch zwischen der Schweiz und Deutschland (S. 171-188) und zeigt anhand der Briefe des Berner Dekans Samuel Bachmann an den Züricher Pfarrer Hans Jakob Ulrich zwischen 1697 und 1703 die Sicht eines zeitgenössischen Pietistenfeindes. Niklaus von Rodt steht exemplarisch für jene schweizerischen Pietisten, die in Folge pietistisch-separatistischen Besuchs aus Deutschland 1699 ausgewiesen wurden und aus dem deutschen Exil Kontakt in die Heimat hielten.

Jonathan Strom beleuchtet die Debatte um Visionen und neue Offenbarungen (S. 249-270). Dabei verweist er auf die langwährende Nachwirkung einer Schrift des Stettiner Superintendenten Jacob Fabricius, die einen wesentlichen Ausgangspunkt besagter Debatte darstellt und auf welche sich nachfolgend zahlreiche Befürworter der Visionen beriefen.[5] Der Autor beleuchtet die Umstände der Entstehung der „Probatio Visionum“ und betont die Rolle des lutherischen Dissidenten Friedrich Breckling, der Visionen als wirksames Mittel zur Artikulation von Differenzpunkten gegenüber kirchlicher Lehre schätzte, Fabricius’ Werk lobte und mit zahlreichen Visionären in Kontakt stand. Gleichzeitig habe er jedoch neue Propheten abgelehnt und ihre Offenbarungen zurückgewiesen (S. 265).

Das im Pietismus wesentliche Engagement von Laien betont der Aufsatz von Uwe Buß über den „radikalen Schuster“ Theodor Krahl (S. 293-302). Dieser fromme Handwerker, der wie zahlreiche weitere über die Praxis der Collegia pietatis und vor allem vom Priestertum aller Gläubigen zum Pietismus kam (S. 294), wurde Teilnehmer einer publizistischen Auseinandersetzung mit dem Frankfurter Pfarrer Johann Friedrich Stark, die sich zuförderst an differenten Auffassungen hinsichtlich Kirche, Gottesdienst und Gebrauch der Sakramente festmachte. Krahl erscheint darin als Exempel für die Individualisierung des Glaubens und Exponent gestiegenen Selbstvertrauens der Laien, der mit dem (Un-)Vermögen der Geistlichkeit, mit den Emanzipationsregungen von Teilen des Kirchenvolks umzugehen, konfrontiert wurde (S. 300).

Hans-Jürgen Schraders kundiger Blick richtet sich in „Werd’ ein Kind!“ (S. 419-450) auf pietistische Mitgiften an die Romantik, denen er in „Des Knaben Wunderhorn“ (1805/06) nachspürt. Darin identifiziert der Autor das Pietismus und Romantik verbindende Element der „Kindheit“, welches von den Zeitgenossen als Form „irdischer Wiedergeburt“ (S. 434) aufgefasst wurde, und weist überzeugend den romantischen „Kindheitskult“ (S. 443) schon bei Zinzendorf und Tersteegen nach.

Hans Schneider beschließt mit „Rückblick und Ausblick“ den Sammelband (S. 451-467). Dabei wird klar, dass trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren noch immer erhebliche Desiderate im Forschungsfeld „radikaler Pietismus“ bestehen, so zum Beispiel in der Frage der radikalpietistischen Literaturproduktion, der Erschließung neuer Quellen sowie wissenschaftlicher Edition radikalpietistischer Texte. Zum Abschluss formuliert der Autor einige weitere Aufgaben der Pietismusforschung, wobei insbesondere die internationale Vernetzung der Protagonisten verstärkte Aufmerksamkeit erfahren müsse (S. 465).

Diese materialreiche und überaus lesenswerte Publikation kann als Meilenstein der Pietismusforschung und neue Standardreferenz für die Beschäftigung mit dem „radikalen Pietismus“ angesehen werden. Dem Leser wird nahezu die ganze Vielfalt rand- und außerkirchlicher Phänomene kaleidoskopartig vor Augen geführt. Gleichzeitig werden Ergebnisse der Forschung umfänglich präsentiert und bestehende Desiderata benannt. Der Verzicht auf inhaltliche Gruppierung und formale Kongruenz der Beiträge fällt vor diesem Hintergrund nicht negativ ins Gewicht; vielmehr verhindert das nahezu impressionistisch zu nennende Arrangement, vorschnell einem festen Begriff des Phänomens zu erliegen. Damit präsentiert sich das Forschungsgebiet als work-in-progress, was es auch Nachwuchswissenschaftlern ermöglicht, sich mit eigenen Forschungen zu beteiligen.

Anmerkungen:
[1] Die Tagung versammelte mehrheitlich Kirchenhistoriker, weswegen im vorliegenden Sammelband die kirchengeschichtlichen Beiträge dominieren. Dies spiegelt jedoch kaum die in den letzten Jahren vollzogene Öffnung des Forschungsfeldes „Pietismus“ und den Beitrag anderer Disziplinen wider.
[2] Dieser Beitrag war zwar nicht Teil des Tagungsprogramms, fügt sich jedoch hier bereichernd ein.
[3] So ließe sich unter Hinzuziehung älterer Darstellungen zumindest ein Eindruck von Aufnahme und Wirkung des Handwerkerpropheten Rock erhalten. Verwiesen sei auf Thomas Meister, Separatisten in Bayreuth (1723), in: Beiträge zur bayerischen Kirchengeschichte, 10 (1904), S. 211-217, Hermann Clauß, Die Beziehungen Johann Friedrich Rocks zu den Separatisten in Schwaben und Franken, in: Beiträge zur bayerischen Kirchengeschichte 18/19 (1912/1913), S. 49-81, sowie auf Karl Schornbaum: „Zum Aufenthalte J.Fr. Rocks in Regensburg“, in: Beiträge zur bayerischen Kirchengeschichte 18/19 (1912/1913), S. 120-124.
[4] Dazu Claus Bernet, „Das Innerste meines Hertzens mittheilen“ Die Korrespondenz Johann Georg Gichtels an die Fürstäbtissin zu Herford, in: Herforder Jahrbuch 16 (2009), S. 203-220.
[5] Unklar bleibt, warum der Autor Fabricius´ „Probatio visionum“ von 1642 als rare Druckschrift handelt. Neben den vom Autor erwähnten Exemplaren in Rostock, Wolfenbüttel, Dresden und Nürnberg lassen sich über den elektronischen Gesamtkatalog KVK weitere u.a. in der UB Leipzig, der UB Augsburg und der WLB Stuttgart nachweisen.

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12.07.2011
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