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Titel
Wer sind die Moldawier?. Rumänismus versus Moldowanismus in Historiographie und Schulbüchern der Republik Moldova, 1991-2006


Autor(en)
Ihrig, Stefan
Reihe
Soviet and Post-Soviet Politics and Society 76
Erschienen
Stuttgart 2008: Ibidem Verlag
Anzahl Seiten
344 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar Müller, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Universität Leipzig

Die Republik Moldova stellt in staatsrechtlicher Hinsicht eine Besonderheit in Ostmitteleuropa dahingehend dar, dass sie das einzige Gebiet ist, das als Spätfolge der territorialen Teilungsabsprachen im Hitler-Stalin-Pakt 1939 im Moment des Zerfalls der Sowjetunion 1991 zu einem unabhängigen Staat wurde. Die von Stefan Ihrig analysierten Schwierigkeiten der post-kommunistischen Eliten des Landes, einen Konsens über dessen Geschichte und die kulturelle Identität herzustellen, können als Folge dieses Sonderweges gelesen werden. So entpuppt sich der Haupttitel des Buches „Wer sind die Moldawier?“, der bei der ersten Lektüre wie eine Frage aus dem satirischen Buch „Molwanîen“ [1] anmutet, als hervorragender Schlüssel zum Verständnis der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien. Der Autor legt letztlich eine Studie zur Identitätskrise der moldauischen Gesellschaft und Politik vor, deren Gepräge aus Debatten um die „wahre“ Kultur/Sprache und Geschichte des Landes besteht. Wie diese von den Akteuren geführt wurden, wie sie ihre Thesen in politische Handlungsanleitungen verwandelten und wie diese schließlich umgesetzt wurden, das charakterisiert die Eliten nicht nur als post-kommunistisch, sondern auch als post-sowjetisch.

Im Zentrum des Buches stehen historische Meistererzählungen in der allgemeinen Historiographie und in den Schulbüchern zweier sich gegenüberstehender Lager, der Rumänisten und der Moldowanisten. Die darin vorgebrachten Postulate werden von Ihrig mit den Mitteln der neueren Nationalismus- und Schulbuchforschung analysiert. Er liest das Material in Bezug auf die klassischen Fragen der Ethnogenese, der „goldenen“ und der dunklen Zeitalter sowie in Bezug auf die der Identitätskonstruktionen (wer sind wir und wer die anderen?) als Ethnie, Volk und Nation. Das zentrale Ergebnis der Studie ist der Befund, dass bei allen Unterschieden im Inhalt der konkurrierenden Meistererzählungen deren Bausteine und Bauweise erstaunlich ähnlich sind.

Die Rumänisten wie die Moldowanisten können als politische Lager charakterisiert werden, die ihre Interessen unter anderem mit kulturpolitischen Mitteln durchzusetzen versuchen. Ihrig arbeitet überzeugend ein Paradox heraus, wonach die Republik Moldova seit 1994 bis 2009 von Moldowanisten regiert wurde, während das rumänistische Lager die Universitäten und den kulturellen Raum im Allgemeinen dominierten. Sie verstehen die rumänischsprachige Bevölkerung als Teil der rumänischen Kulturnation und fordern in politischer Hinsicht eine Wiedervereinigung mit Rumänien, mindestens aber eine enge Anlehnung an das Mutterland. Die Moldowanisten propagieren einen eigenständigen Nationalstaat auf der Basis einer eigenständigen moldauischen Nation, die nicht identisch mit der rumänischen sei. Während in politischer Hinsicht die Entscheidung für einen eigenständigen Nationalstaat als durchgesetzt gelten kann, ist dies in kultureller Hinsicht bis auf den heutigen Tag nicht der Fall.

Die historischen Meistererzählungen der beiden Lager unterscheiden sich grundsätzlich in der Darstellung der Fakten, insbesondere aber in deren Wertung. Während die Moldowanisten von der Ethnogenese, über die „goldenen“ und dunklen Zeitalter der Landesgeschichte bis hin zu staatlichen Vorläufern der heutigen Republik Moldova sowie der eigentlichen Staatsgründung jeweils den positiven russischen Einfluss hervorheben, so ist dies bei den Rumänisten geradezu spiegelverkehrt. Nach ihrer Lesart ist der russisch-sowjetische Einfluss verantwortlich für sämtliche Negativa, während die Zugehörigkeit zu rumänischen Staatsgebilden und der rumänische kulturelle Einfluss als ausschließlich positiv gedeutet werden.

Ihrigs Analyse dieser Erzählungen in der Historiographie und den Schulbüchern ergibt, dass sie einer gemeinsamen Logik folgen und zu strukturell gleichen Ergebnissen führen. Beide Erzählungen geben vor, die Wahrheit über den Ursprung und die Essenz der Nation gefunden zu haben. Wiederum in beiden Erzählungen wird die Ethnie mit der Nation gleichgesetzt, so dass die Minderheiten – in Abwesenheit eines politischen Nationsbegriffs – strukturell nicht Teil der Nation sein können. Ihre Rolle in der Geschichte des Landes und des Nationsbildungsprozesses wird additiv dargestellt, wobei die Minderheiten bei den Rumänisten insbesondere als Agenten der Russifizierung/Bolschewisierung auftreten.

Zu den Stärken des Buches gehört auch die Widerlegung der Annahme, das moldowanistische Lager sei nach 2000 auf ein politisches Nationsverständnis umgeschwenkt. Dafür stünde der Ansatz der sogenannten „integrierten Geschichte“ in den Lehrbüchern, der maßgeblich von Vasile Stati [2] und Victor Stepaniuc [3] verfolgt wurde. Diese modernisierte Fassung der staatlichen Identitätserzählung beruht auf den drei Säulen der Staatlichkeit, des „Demokratismus“ sowie auf einer positiv konnotierten Multiethnizität. Wie Ihrig aber insbesondere in der Minderheitenfrage überzeugend herausarbeitet, ist dies keineswegs als ein politisches Nationsverständnis zu verstehen, denn nach wie vor werden die Minderheiten im nationalkommunistischen Duktus als „mitwohnende Nationalitäten“ bezeichnet, die ihre Rechte der Gnade der Titularnation verdanken.

Stefan Ihrig hat auf breiter Quellengrundlage eine eindrückliche Studie zur Geschichtsschreibung und Geschichtspolitik in der Republik Moldova vorgelegt. Das Buch ermöglicht tiefe Einsichten in die Unfähigkeit und den Unwillen der politischen und kulturellen Eliten des Landes, einen Modus der Verständigung über Geschichte und kulturelle Identität der Moldova, geschweige denn eine konsensfähige Lesart darüber zu entwickeln. Er charakterisiert dies zu Recht als „failed historiography“, die nicht unwesentlich zu der Anmutung der Moldova als „failed state“ beigetragen haben dürfte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Santo Cilauro u.a., Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns, München 2006.
[2] Vasile Stati, Istoria Moldovei [Geschichte der Moldau], Chişinău 2002; ders., Ştefan cel Mare. Voievodul Moldovei [Stefan der Große. Vojevode der Moldau], Chişinău 2004.
[3] Victor Stepaniuc, Statalitatea poporului moldovenesc. Aspecte istorice, polito-juridice [Die Staatlichkeit des moldauischen Volkes. Historische und politisch-rechtliche Aspekte], Chişinău 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.06.2010
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